Marilyn Manson

MMMMMMMMMMMMMMMMM
 
 

Marilyn Manson ist jemand, den ich lange Zeit sträflich vernachlässigt habe. Abgeschreckt von dem schrillen Act, dachte ich bei mir: "Noch so ein Zappelheini in Strampelhosen - au nein! Und dann das böse Satansgetue - Hörner, Jungs, Hörner! Och, utzi..." So dachte ich in meiner Unwissenheit. Dann hörte ich seine erste Platte und stellte fest, daß Mr. Manson mitnichten der Suppenkasper war, für den ich ihn vormals gehalten habe. Stattdessen entdeckte ich einen der intelligentesten amerikanischen Musik- und Performancekünstler, die mir seit einigen Jahren untergekommen sind! Na, und jetzt schreibe ich diesen Text, um dem Meister etwas Abbitte zu leisten...

Das Debütalbum, "Portrait of an American Family", kam im Jahre 1994 raus und hat auf dem Cover das Knetgummi-Zerrbild einer typischen amerikanischen Arbeiterfamilie. Sediert sitzen die Eltern mit Zigarette und Bier auf der Couch und warten auf den Tod. Zwei Kinder mit mißgestalteten Gesichtern sitzen zu ihren Füßen und spielen. Man hat das Gefühl, daß einem der "American Dream" verleidet werden soll, und so ist es denn auch: Unter den Credits befindet sich eine an die Eltern des Landes gerichtete Grußbotschaft, die letztendlich aussagt, daß der Same für die zunehmend haßerfüllter werdende Menschheit in der Lieblosigkeit liegt, mit der das christliche Amerika seine Kinder zu liebesunfähigen Krüppeln werden läßt. "This is your world in which we grow, and we will grow to hate you." Eine Weiterführung des Zappa-Gedankens, daß Mama und Papa froh sein können, wenn die Kinder sie nicht im Schlaf erdrosseln... Humm! Wie sieht die Umsetzung dieses Gedankens in den Songs aus? "Cake and Sodomy" handelt von einer Gesellschaft, in der Sex immer mehr zur reinen Ware verkommt und von heuchlerischen Moralaposteln verdammt wird, die es insgeheim selber nach den verbotenen Früchten gelüstet. Dieser nicht neue Grundsatz wird von Manson in Form von schrillen Wortbildern zu stampfendem Industrial-Punk (wohl eine Leihgabe des Produzenten Trent Reznor) in die Gemüter der Hörer hineingedroschen. In "Organ Grinder" geht es um die Haßliebe der Eltern zu ihren Kindern. "He wants to be me and that scares him", sagt der Sohn über den Vater, den er so nur mit Verachtung bedenken kann. Die Rebellion, die dadurch erzeugt wird, wird vom Refrain kommentiert: "I wear this fucking mask because you can´t handle me" - die "Perversion" des Sohnes entsteht also nur, weil sein Erzeuger zu liebesunfähig oder zu dumm ist, sich dem Kind zu nähern. Das beste Stück, "Wrapped in Plastic", handelt von einem sterilen Haushalt, in dem alles in Zellophan eingeschlossen ist, nicht frisch sondern nur noch nicht verfault. Über diesen Ekel vor der Feigheit seiner Umgebung hat sich auch Manson in eine Wolke von Drogen gehüllt, die seinen Nihilismus (der zumindest auf den ersten drei LPs grassiert) vorübergehend betäubt. In "Dope Hat" thematisiert er dies in Gestalt eines Drogen-Zauberers, der sein staunendes Publikum in den Bann zieht, das nicht in der Lage ist, die Finsternis und Verzweiflung zu erkennen, die in der Vorstellung eingeschlossen ist - der Drogenzylinder, den er aufhat, trägt in Wirklichkeit ihn. "Get Your Gunn" widmet sich den hohlen Pseudo-Werten, wie sie von "talkshows for the weak" in das Volk getrieben werden. Ein Zitat von Chuck Manson wird auch noch eingefügt. Insgesamt ist die Richtung des Manson-Bootes schon klar vorgegeben, wenn auch ohne großes Kalkül, und gerade diese Fehlerhaftigkeit und Wut, mit der die LP aufwartet, macht sie nach wie vor zu meiner Lieblingsplatte, auch wenn insbesondere "Mechanical Animals" qualitativ sicherlich ungleich hochwertiger ist. "Portrait" erinnert mich sehr stark an den Wutschwall in Fernando Arrabals schwer erträglichem "Viva la muerte", der die Verhältnisse im faschistischen Spanien unter Franco zu einem surrealen Bilderinferno formt. Ob Manson Arrabal kennt, weiß ich nicht, aber zuzutrauen wäre es ihm, denn seinen Nietzsche kennt er, und spanische Surrealisten sind ihm auch kein Fremdwort: Bunuels späte Filme verehrt er, und den neuesten Film von Alejandro Jodorowsky will er sogar mitproduzieren.

Die zahlreichen Ausfälle auf diesem Debüt (die bei anderen kalkulierte Skandalvorstellung gewesen wären, bei Manson aber komplett überzeugt und überzeugend wirken) forderten natürlich den vehementen Widerspruch der echten amerikanischen Eltern heraus. Die eingestreuten Charles-Manson-Zitate und Verwendung von satanischen Motiven waren da Wasser auf die Mühle und riefen schon früh die Sittenwächter auf den Plan. Manson wurden zahlreiche Sachen von seinen Gegnern angedichtet (mein Liebling ist das Video, das ihn beim Verkehr mit einem Esel zeigen soll - hat bestimmt jemand selbst gefilmt, hihi!), und ein Medien-Butzemann war geboren. Manson selbst konnte das recht sein, denn mit dem Haß von Menschen, die er verachtete, konnte er prima umgehen, und natürlich lieferten ihm die frommen Pilger alle Werbung, die er sich wünschen konnte. (In seiner lesenswerten Autobiographie sind schöne Beispiele der ihm zugedachten Haßtiraden aufgelistet.)

Hierbei wurde Manson unterstellt, er sei ein Satanist. Das ist sogar nicht ganz verkehrt. Jedoch sind das, was sich die regenbogenpresseverschlingende Masse unter Satanisten vorstellt (und sich insgeheim an dieser Vorstellung aufgeilt) und der tatsächliche Satanist nach dem Vorbild Aleister Crowleys zwei grundverschiedene Dinge. Crowley (dessen Anhänger ich nicht bin und der wenig glorreich geendet hat) entwarf seine Philosophie auf dem Grundprinzip der absoluten Loslösung von herkömmlichen moralischen Werten und der ausschließlichen Verherrlichung des Selbst und der von den Christen unterdrückten sinnlichen Komponente des Lebens. Eine Anbetung des Teufels als einer Art invertiertem Gott strebte Crowley nicht an, auch wenn er - und hier mein Einwand - dabei selbstverständlich genauso eigenen asozialen Impulsen und Neurosen folgte wie das auch die Teenies tun, die begeistert das "Goldene Blatt"-Klischee vom Satanisten bedienen und sich in schwarzen Kutten auf Friedhöfen herumtreiben und schwaaarze Messen abhalten - da schuddert der Spießer! (Übrigens sind die meisten Goths - oder Grufties oder wie auch immer - , die ich getroffen habe, weitgehend sensible Ästheten, denen solcher Mummenschanz fernliegen würde! Die andauernde Diffamierung dieser Gruppe ist das Werk einer sensationsgeilen Presse, und wenn es auch hier zahlreiche Idioten und Suppenkasper gibt - wundert es Euch? Setzt lieber Beispiele, die überzeugen...) Manson besuchte auch Satanistenhäuptling Anton LaVey und baute seine Ideen (die übrigens nicht unwesentlich mit einer Parodie des US-Kapitalismus´ zusammenhängen!) in seine insgesamt ätzend ironischen Werke ein.

Jetzt muß ich doch einmal auf Mansons Autobiographie zu sprechen kommen, "The Long Hard Way Out Of Hell": Anstelle des üblichen dullen Geschwafels, das Musiker häufig in ähnlichen Machwerken absondern, liefert Manson die sehr akkurat und sensibel wirkende Betrachtung und nachträgliche Bewertung seiner Jugend und seines Werdegangs als Musiker. Ihm steht ständig ein klein wenig seine eigene Intelligenz im Wege, die er im Drogenkonsum zu betäuben hoffte, aber man hat es hier weiß Gott nicht mit dem Teufelsanbeter zu tun, als den ihn seine Feinde immer darstellen. Wie eigentlich alle Leute, die ich verehre, handelt es sich um einen Moralisten, der eine sehr genaue Vorstellung davon hat, wie die Welt eigentlich sein sollte, und der sehr daran gelitten hat, daß sie eben nicht so ist. Daß seine Unfähigkeit, sich dem allgemeinen Schwindel anzupassen, zu dem Riesenerfolg geführt hat, sieht er wahrscheinlich selber als letzte Ironie...

"Smells Like Children" (1995) war eine Art Zwischenalbum und enthält neben diversen neuen Mixen tolle Coverversionen von "Sweet Dreams", Screaming Jay Hawkins´ "I Put A Spell On You" und Patti Smiths "Rock´n´Roll Nigger". Doch die Botschaft ging erst weiter mit der neuen LP...

...und das war nun mal "Antichrist Superstar" von 1996, auf dem der Antichrist Gas gibt, bis der Erlöser kommt! Die Bühnenshow war spektakulär, um es mal vorsichtig auszudrücken, und präsentierte mit bestem Showbusiness ein groteskes Zerrbild sowohl vom Künstler als auch seines Amerika.  Als ich "The Crow" im Kino gesehen habe, gab es diese Szene, wo Brandon Lee von einem Mädchen gefragt wird: "Bist du ein Clown?" Da habe ich laut ausgerufen: "Ja-ha-ha..." Während bei dem schreiend humorlosen "Crow" der Anwurf sicherlich beleidigend ist, so gehört er bei Manson zur Methode: Er setzt die Groteske (inklusive greller Gesichtsbemalung) bewußt ein, um den Wahnsinn der Menschheit nach außen zu tragen. Er nimmt sich selbst bei der pessimistischen Betrachtung nicht aus, und da zeigt sich für mich der humorbegabte Mensch, der so tragisch abwesend ist bei vielen öffentlichen Zurschaustellungen groben Spaßes. Manson gibt uns den paradoxen Wahnsinn, und er fängt auch gleich damit an in der "Irresponsible Hate Anthem", in der es u.a. heißt: "Everybody´s someone else´s nigger/ I know you are, so am I..." Auf dieser Platte zeichnet er sich als echter gefallener Engel, der das Christusbild invertiert ins vermeintlich Böse, wobei er die Menschenschar, die ihm hinterherläuft, mit derselben Verachtung überzieht wie seine Feinde, denn sie gehorchen nur den von der verkehrten Welt pervertierten Bedürfnissen ihrer Natur. Oh ja, es geht um Denaturierung, volle Kajüte, und bei dem Totentanz, der da entbrennt, ernennt sich Manson zum Zeremonienmeister... Auch wird das Bild des Wurmes, der seinem Kokon entschlüpft, von Manson stark strapaziert und entspricht auch seinem eigenen Werdegang als Mensch, der sich in den LPs auf ungewöhnlich persönliche Weise niederschlägt. In dem Stück "1996" negiert er alles, was um ihn herum stattfindet, Satan, Faschismus und schließlich sich selbst. Daß hinter diesem Nihilismus eine Sehnsucht nach mehr steckt, glaube hoffentlich nicht nur ich... In "The Reflecting God" trifft er schließlich auf Gott (=sich selbst). Was die Rufe nach Vergebung am Schluß des Stückes zu bedeuten haben, muß man wohl David Lynch fragen, der ihn auch in seinem "Lost Highway" einsetzte, den ich für einen der großartigsten Filme des Regisseurs halte. (Genießt ihn in thematischem Zusammenhang mit dem Folgefilm "The Straight Story", und wir haben, denke ich, einen Schlüssel sowohl zu Lynchs als auch zu Mansons Universum!)

Dann lernte Manson die Schauspielerin Rose McGowan kennen und lieben. (Vorsichtig, Brian - Schauspielerinnen sind seeehr gefährlich...) Inwieweit dieses Erlebnis Einwirkungen auf "Mechanical Animals" (1998) gehabt hat, kann man nur vermuten, aber sicherlich war die Trennung von Trent Reznor ausschlaggebend für die Bereicherung des musikalischen Horizontes, der sich hier bot. "Animals" ist ein unglaublich gut produziertes Album, das auch neue Einflüsse gestattet. Inhaltlich entfernt sich das Werk vom früher vorherrschenden Nihilo-Gestus, ohne daß es darum notwendigerweise ein optimistischeres Album wäre. Seine Persona auf dieser Platte ist die eines androgynen Aliens, das auf der Erde gestrandet ist und mit den bizarren Umständen fertigwerden muß, die es da vorfindet. Die denaturierte Menschheit erscheint auf jeden Fall eher als Monster denn ihr Rezensent. Herr Manson artikuliert seine Faszination mit amerikanischen Heroen (JFK!), die auch auf dem Folgealbum eine große Rolle spielen sollte. Der Alien-Status seiner Gefühle findet auch Ausdruck in den Reminiszenzen an die Drogen, die sowohl die Booklet-Bilder als auch Songs wie "I Don´t Like the Drugs (But the Drugs Like Me)" ausdrücken, in dem er singt: "There´s a hole in our soul that we fill with dope and we´re feeling fine." Die Drogen sind die notwendige Abschottung vor der angepaßten Wirklichkeit, und obwohl die "stitches itch", geben sie ihm die Möglichkeit, die Schmerzen auszublenden. Die ganze Welt wird zu einer "Great Big White World", und diese "comawhiteness" ist, frei nach Kant, der Ausgang des Menschen in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Daß die Platte netter wirkt als die Vorläufer, ist somit trügerisch. Musikalisch finden sich zahlreiche Anspielungen auf die von Manson geliebten 70er (u.a. Bowie). Hier war Manson freilich bereits ein arrivierter Künstler, der eine (gutgemachte) Dokumentation auf ARTE bekam, in der auch Ausschnitte seiner exzellent gemachten Videos zu sehen waren. Ob ihn dieser Umstand zu einem glücklicheren Menschen gemacht haben, steht zur Frage. Ich fürchte, ich muß Manson wünschen, eher ein glücklicherer Mensch zu werden als ein besserer Künstler, denn er ist mir mittlerweile schon richtig ans Herz gewachsen.

Da ich die neue Platte von Mr. Manson, "Holy Wood", erst vor kurzem reinbekommen habe, hülle ich über sie erst mal den Mantel des Schweigens und werde den Sermon zu gegebener Zeit nachreichen. Suffice it to say, daß ich Manson für einen ungewöhnlich interessanten, weil immens persönlichen Künstler halte. Die Presse ist in ihrer Gunst erst seit "Animals" zu ihm umgeschwenkt, aber ich halte auch seine früheren Erzeugnisse für unbedingt lohnend, besonders wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Für mich eine faszinierende Figur, die einen Sonderfall in einem immer mehr dem kommerziellen Kalkül folgenden Geschäft darstellt, die aus dem eigenen Leben und der selbstgewählten Rolle einen kraftvollen Kommentar zur postmodernen (bei Manson: "posthuman") Welt schafft. Weitere Entwicklungen werden mit Spannung und Andacht erwartet.

Unten eingelinkt ist die offizielle Manson-Page, woll!

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