DICHTER GNADENLOSDie meisten der exzellenten Kriminalreißer, in denen Umberto Lenzi der zerrissenen Wirklichkeit des Italiens der Mittsiebziger Rechnung trug, sind ja dankenswerterweise fast alle von der Firma VPS in vorbildlicher Form herausgebracht worden. Es fehlen eigentlich nur zwei - der Gangsterfilm MILANO ROVENTE und der Selbstjustizthriller L´UOMO DELLA STRADA FA GIUSTIZIA (1974), den ich hier mit leuchtenden Augen besprechen möchte!
Henry Silva ist ein Mann, dessen Gesicht Bände spricht. Es sind dies nicht immer Bände voller gepreßter Rosenblätter und sonniger Segenswünsche - in den Filmen ist sein Auftreten meist beherzt und hinterläßt geschmolzenes Metall und brennende Büsche... In MANHUNT IN THE CITY (wie der Exporttitel des Filmes lautet) spielt er den unbescholtenen Bürger David Vannucchi, dessen liberale Gesinnung auf einen Schlag in den Mahlstrom des Verbrechens gerissen wird: Seine kleine Tochter Clara kommt bei einem abgefeimten Banküberfall (einer, wie ihn nur Lenzi inszenieren kann!) ums Leben. Alles, was das Mädchen noch hervorstoßen kann, ist das Wort "Skorpion". Seine Frau (Luciana Paluzzi) ist untröstlich und weint bitterlich in dem nunmehr verwaisten Kinderzimmer, das von einem Poster mit einer sehr aggressiven Mickymaus verziert wird...
Vannucchi stellt fest, daß auf die Polizei heute leider kein Verlaß ist. Selbst der integre Inspektor Bertoni (Raymond Pellegrin) kann nur bedauernde Gemeinplätze hervorbringen. Als Vannucchi dann noch hört, daß der Sicherheitsbeamte, dem eigentlich die Absicherung der Bank oblag, kurz vor dem Überfall zu einem wichtigen Auftrag abgeordert worden war (er sollte die Frau eines Offiziers zum Friseur bringen!), platzt dem vormals friedlichen Mann der Kragen. Als einige Vertreter einer Bürgerselbsthilfegruppe bei ihm hereinschneien (Claudio Gora und Mitproduzent Luciano Catenacci), wirft er sie zwar noch mit Schmackes heraus. Er hat allerdings bereits beschlossen, auf eigene Faust nach den Mördern seiner Tochter zu suchen, denn das Gefühl der Ungerechtigkeit ist etwas, mit dem er nicht weiter leben mag.
Mit Hilfe eines schleimigen Detektivs (Claudio Nicastro) findet er eine Spur. Als Nicastro aber auf viehische Weise totgeprügelt wird, ist klar, daß Mailands Verbrecher keine Einmischung in ihre düsteren Händel dulden. Aber Vannucchi läßt sich nicht abschrecken: Mit Hilfe eines Transvestiten verfolgt er den Zuhälter, der scheinbar hinter dem "Skorpion" steckt. Alles läuft auf ein Finale hinaus, bei dem Vannucchi die Verbrecher in einem einsamen Farmhaus stellt. Noch nicht ganz auf den antidemokratischen Hund gekommen, ruft er zuerst Bertoni an, um die Polizei den Sauhaufen ausnehmen zu lassen. Doch bevor das Gesetz erscheinen kann, begegnet Vannucchi einem kleinen Mädchen. Es erinnert ihn an seine Tochter...
Ich erspare Euch jetzt mal eine detaillierte Schilderung des folgenden Gemetzels. Kleine Teilchen schweben anmutig zu Boden... Trotz der zugrundeliegenden Selbstjustizthematik läßt Lenzi einige relativierende Elemente mit in die Handlung einfließen. Die Gruppe von Selbsthilfeleuten um Theaterroß Gora etwa kommt nicht wirklich gut weg. Silva/Vannucchi entschließt sich sogar dazu, eine "Strafaktion" mitzumachen. Diese ist aber von dermaßen widerwärtiger Brutalität (den Ganoven werden mit einem Schmiedehammer die Pfoten zerkloppt), daß er schaudernd von dannen zieht. (So nebenbei wird noch enthüllt, daß Chef Gora ein überführter Kinderficker ist - hihi, da schweigt das gesunde Volksempfinden!)
Tatsächlich erscheint Butzemann Silva hier eher als irregeleiteter Psychopath, den u.a. sein Ausspruch kennzeichnet, er müsse sich verteidigen, und zwar "from everyone else"! Als Vergleich bekommt man seinen Freund, den liberalen Zeitungsverleger Silvano Tranquilli, der aber auch die Katastrophe nicht mehr verhindern kann. Und, oh ja, das Ende ist trügerisch, denn es gibt einen Twist, der sich gewaschen hat. Nein, die Suche nach Gerechtigkeit ist nicht ganz so einfach.
Der Film ist ein echter Kracher, und es ist eine Affenschande, daß er so selten ist. Ich selber habe eine qualitativ lausige venezuelanische Kopie gesichtet, die aber dennoch durchblicken ließ, daß hier der Bär steppt, und der heißt Silva! Die Musik liefert hier ausnahmsweise einmal Bruno Nicolai, dessen diverse Shakes bisher noch nicht den Weg auf Vinyl oder CD gefunden haben, aber was nicht ist, kann ja noch werden...
Und wie heißt Claudio Goras pädophiler Bürger-Meister? Ludovico Miele heißt er, Ludwig Honig... Lenzi, wir lieben Dich!!!
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