DER LINKE HUND DES GESETZES

STADT IN PANIK dürfte den Lesern meiner Polizeifilmartikel bestens bekannt sein - nicht nur als feiner Maurizio-Merli-Kracher, sondern auch als vermutlich asozialster "Poliziottesco" unter der Sonne! Der Regisseur jenes Filmes, Giuseppe Rosati, hat aber noch ein anderes Werk desselben Genres auf dem Kerbholz. Grund genug, mit hohen Erwartungen in den Sulkey zu hüpfen...

LA POLIZIA INTERVIENE: ORDINE DI UCCIDERE (DIE LINKE HAND DES GESETZES, 1975) beginnt vielversprechend: Der feiste Fabrikant Lombardi (Ennio Balbo) wird von einigen Gangstern, die sich als Polizisten verkleidet haben, entführt. (Hätte er genau hingesehen, wäre ihm bestimmt aufgefallen, daß einer der Polizisten von Stuntprofi Fredy Unger gespielt wird, und da wäre ihm sicher ein Licht aufgegangen!) Bei der Aktion werden zwei Polizisten in ihrem Wagen zersiebt, und diese Polizisten waren persönliche Freunde von...

...Kommissar Murri! Und Kommissar Murri (Leonard Mann) ist ein hundertprozentiger Bulle, der von Idealen getrieben wird: Er will dem kriminösen Milzbrand in Rom das Handwerk legen - wenn´s sein muß, im Alleingang! Das führt dazu, daß er gelegentlich ungesunde Symptome an den Tag legt, denn der Wahnsinn des neuen Italiens hat ihn erfaßt. Als er und seine Freundin von Ganoven überfallen werden und er die Lichter aus den Gesellen raushaut, meint sie nur entsetzt: "Du hast Spaß daran gehabt..."

Spaß ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn Murri schaut den ganzen Film über so aus, als habe ihm sein Zahnarzt eben mit dem Spritzbesteck einen Einlauf verpaßt, aber so korrupt, wie sich Roma Eterna seinen Augen darbietet, haben es seine Ideale wahrlich schwer. Denn die Hemmschwellen seiner Arbeit befinden sich auch unter den Vorgesetzten: Senator Leandri (James Mason) hat augenscheinlich kein Gehör für die paranoiden Ideen Murris, der die Entführung in Zusammenhang setzt mit einer terroristisch strukturierten Vereinigung, die den italienischen Staat stürzen will. Leandri (der offensichtlich selber seine Finger mit im Mustopf hat) grinst ihn feist an und plant bereits seine "Beförderung" in ein Provinzkaff, wo er unmöglich gefährlich werden kann für das reibungslose Miteinander von Politik, Wirtschaft und Verbrechen.

Lombardi wird wieder freigesetzt, weigert sich aber, die Polizei zu unterstützen. Als Murri, völlig desillusioniert, seine Kündigung einreicht, überzeugt ihn der Innenminister persönlich (Enrico Maria Salerno), seinen Dienst fortzusetzen. Das hat leider nur eine Folge: Murris süße Verlobte Laura (Antonella Murgia) fängt Kugeln ein, die für ihn gedacht waren. Für Murri ist das Maß damit voll: Er läuft Amok! Und er macht keine halben Sachen: Mason liefert er an die Justiz aus und kümmert sich auch um den ihm in mehr als nur einer Hinsicht verbundenen Stephen Boyd. Dabei streift er nicht nur, sondern überschreitet genüßlich die Grenzen des Rechtstaates. Aber er ist offensichtlich zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich gaga, und was ihm einst Liebe, Freundschaft und Ideale gegolten haben, so gibt es für ihn nur noch die eine Überzeugung: Das System besteht aus Schweinen!

Nein, dieser Film hat kein wirkliches Happy-End! Leonard Mann hat, wie bereits erwähnt, ohnehin schon einen permanent nachgrübelnden und unzufriedenen Ausdruck im Gesicht. Die Arbeit für sein Ideal Gerechtigkeit hat ihn krank gemacht, und diese Krankheit macht ihn auch letztlich liebes- und beziehungsfähig. Das muß nicht nur Laura erfahren, sondern auch die schöne Hure Gloria (Janet Agren - lechz!), die ihm solange hilfreich zur Seite steht, bis sie nicht mehr kann. Wie meint doch Salerno, ihm auf die Schulter klopfend: "Ich würde sagen, wir sind alle ein wenig krank!" Ja, wer ein Feuerwerk aus goldenen Wasserfällen und duftenden Butterblümchen erwartet, bekommt hier die volle Film-Noir-Packung: Alle sind kaputt, und das Ideal dräut höchstens falb im Halbdunkel, damit man nicht gegen die Wände läuft... Anders als im Nihilo-Sleazer STADT IN PANIK, gibt es hier die durchaus schmerzhafte Ahnung von unwiderbringlich verlorenen Werten. Leonard Mann hatte seinen besten Filmauftritt in dem rabenschwarzen, nach der Tragödie "Elektra" gestalteten Italowestern SEINE KUGELN PFEIFEN DAS TODESLIED von Ferdinando Baldi, wo er am Schluß nur noch als leibhaftige Schmerzmaske herumläuft, da seine familiären Wurzeln vollständig aus dem Erdreich gezogen sind und er orientierungslos im Nirgendwo strampelt. Leonard Mann heißt übrigens Leonardo Manzella, und neben seinen Auftritten in Italo-Filmen spielte er auch den Helden in Ken Hughes´ kopflosem Slasher TERROR EYES und neben Harvey Keitel und Johnny Rotten in Roberto Faenzas Psychodrama COPKILLER. Mittlerweile hat er die Schauspielerei an den Nagel gehängt und kümmert sich um straffällig gewordene Jugendliche in Kalifornien, für die er per Schauspieltraining eine Anti-Aggressions-Therapie betreibt, was ich ziemlich genial finde. Mal schauen, ob ich ihn für ein Interview gewinnen kann...

James Mason spielt (wie auch in STADT IN PANIK) unbeschreiblich und überchargiert, daß er fast davonfliegt. Tatsächlich ist sein Senator sogar angeschwult und unterhält Beziehungen fern der diplomatischen Immunität zu Stephen Boyd. Superrolle für die beiden Hollywoodrecken! Eine schöne Rolle hat der gute Schauspieler Fausto Tozzi, der Leonards väterlichen Kollegen Costello spielt, der leider mehr im Dreck drinsteckt als zunächst vermutet... Die Musik klingt stark stelviociprianesk, mit hämmernden Cembalotriolen als Untermalung für eine grauenhafte Wirklichkeit, in der ich nicht drinstecken möchte. (Ätsch, zu spät!) (Ein Hammerstück ist übrigens auf der "Easy Tempo Vol. 8" enthalten...)

STADT IN PANIK ist vielleicht der unterhaltsamere Film, aber die LINKE HAND ist der eindeutig bessere. Uffa, ist der gut gemacht!

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