Die Limburger Pestmoderne

Wo liegt Limburg? Limburg liegt an der Lahn! Da liegt auch die Wirtin, und deren etwa hunderttausend zotigen Verse sind so ziemlich das einzige, was die Stadt jemals bekannt gemacht hat. Aber ist das so? Da stelle mer uns mal janz dumm un sache: Nööö! Denn Anfang der achtziger Jahre tobte dort der Bär: Während anderswo in Deutschlands Provinzen die Provinzenrolle rückwärts geprobt wurde und unzählige Schülerbands an wenig originellen Punkakkorden herumdroschen, gab es hier einige Musiker, die wirklich Ansehnliches auf die Beine stellten. Zwar war es nur die Gruppe The Wirtschaftswunder, der es so einigermaßen gelang, in den von zahlreichen schrundigen Leichen gesäumten NDW-Kreis vorzustoßen (oder zumindest mal kurz da reinzulugen, woll!), aber auch die anderen Gruppen verdienen unbedingt Erwähnung. Denn nicht nur Käse kommt aus Limburg!

Eine wichtige Gestalt ist der wuchtige Tscheche Tom Dokoupil, der bei fast allen Projekten dieser Region irgendwo seine Finger mit im Spiel hatte. Wie das mit wichtigen Gestalten so ist, weiß ich praktisch überhaupt nichts über den Mann. Vielleicht liest er diese Zeilen irgendwann mal und kann mir mehr erzählen... Auf jeden Fall scheint er einer der konzeptuellen Köpfe hinter dem "Non Dom"-Kassettensampler gewesen zu sein, dem ersten Lebenszeichen von Limburgs Musikszene, oder der "Limburger Pest", wie sie sich damals nannte... Auf ihm finden sich Aufnahmen von den Gruppen The Wirtschaftswunder, Siluetes 61 und Die Radierer. Für Fans ist der Sampler unbedingt interessant, da sich neben zahlreichen frühen Alternativversionen auch einige unveröffentlichte Sachen befinden.

Um nicht völlig in der Tapeszene zu versumpfen - der einzigen Möglichkeit für Provinzbands, ihre Erzeugnisse publik zu machen -, brachten The Wirtschaftswunder die Stücke von diesem Sampler (minus dem Stück "Massenpreise") als Single im Eigenvertrieb heraus, die die Aufmerksamkeit der Leute von "Ata Tak" fand. Die Single wurde dort flugs noch einmal veröffentlicht und erreichte zahlreiche geneigte Ohren. Und recht so, denn die damals noch sehr schrägen New-Wave-Elaborate der Gruppe um Dokoupil zeugen von Humor und Einfallsreichtum, und was der Sänger Angelo Galizia mit der deutschen Sprache anstellt (und nicht nur mit der!), macht einfach Spaß.

Das mag sich auch Alfred Hilsberg gesagt haben, denn auf seinem Label "ZickZack" erschien 1981 die nächste Wirtschaftswunder-Single, "Der Kommissar", die zum ersten (na ja) Smash-Hit der Gruppe wurde und zu einem der dicksten Erfolge des Hamburger Labels überhaupt. Begleitet von Dialogeinsprengseln aus der "Kommissar"-Folge "Tod eines Hippiemädchens" ist eine ungemein tanzbare Synthetik-Version des Titelthemas der Serie zu hören, mit Sänger Angelo als verzweifeltem Verdächtigen. Das Cover der Single zeigt auf der Rückseite den beliebten Schauspieler Erik Ode bei der Ausübung seiner sinnvollen Tätigkeit. Ein Klassiker der NDW. Auf der B-Seite knurpselt Signore Galizia an seinem "Television" herum.

Diesen Klassikerstatus unterstrichen The Wirtschaftswunder mit ihrer ersten LP, "Salmobray", die von meinem vertrauenswürdigen Freund Hagen zur vielleicht besten NDW-Platte überhaupt gekürt wurde. Die Scheibe platzt fast vor tollen Ideen, und während es immer wieder gefällige Ansätze zu bewundern gibt, so werden diese gnadenlos vom subversiven Humor der Schöpfer zu etwas ganz anderem umgebogen. Mein privates Lieblingsstück ist immer noch das harmlos-freundliche "Eis", das auf dem "ZickZack"-Sampler "Lieber zuviel als zuwenig" auch in einer aggressiven Liveversion zu bewundern ist. "Salmobray" (auch "ZickZack") ist eine unbedingte Pflichtanschaffung, und da die LP später auch noch auf CD wiederveröffentlicht wurde, sollte das kein großes Problem darstellen.

Danach erfolgte der Börsengang von The Wirtschaftswunder: Auf "Polydor" kam 1982 ihre nächste LP heraus, die zwar titellos ist, aber meist als "Der große Mafioso" bezeichnet wird, da dies der kleine Hit war, den sie mit dieser Platte verzeichnen konnten. Die Platte enthält weitgehend spaßige NDW-Musik mit recht schrägen Arrangements (Bläsersätze des Todes!) und dem wie üblich hochunterhaltsamen Angelo Galizia, der sich mit südländischem Charme durch die Lieder hindurchschmachtet und -schreit. (Definitiv der größte Latin Lover - Rinaldo Talamonti, eat Pizza!) Wahrscheinlich eine der bizarreren Überraschungen, die damals auf einem Major-Label landeten, aber qualitativ nicht mit der "Salamibrei" zu vergleichen. Ebenfalls auf "Polydor" kam der Soundtrack zu Gabor Altorjays Film "Tscherwonez" heraus, der weitgehend aus recht hübschen Instrumentals und einigen Songs besteht.  Ich kann mich daran erinnern, den Film mal im ZDF bewundert zu haben, als ich noch gewindelt wurde. Ich meine, daß es in dem Film einen Koitus zu besichtigen gab (Penetration total!), was im ZDF immerhin recht selten vorkommt und mein unschuldiges Gemüt dauerhaft vernarbte.

Über die nachmaligen Veröffentlichungen von The Wirtschaftswunder fehlt mir leider der Überblick. Sicher ist, daß es eine "Best Of"-CD gibt, die ich mir sicher auch noch mal zulegen werde...

Kommen wir nun zu Siluetes 61, mehr oder weniger ein Soloprojekt von Dokoupil. Auf "Non Dom" findet man bereits einige Stücke, die später auf der ersten LP wieder auftauchen sollten, sowie eine schnarrende Coverversion von The Wirtschaftswunders "Stop Talking" von der "Salmobray". Die erste LP kam 1980 auf "ZickZack" heraus und ist ein ziemlicher Hit! Hier zeigt sich Dokoupil von einer enorm experimentellen Seite und fummelt bizarre Miniaturen zusammen, die dem freundlichen NDW-Fan von nebenan das Fischstäbchen im Mundwinkel erstarren lassen mußten. Absoluter Überkracher ist natürlich das geschmacksunsichere "XY-Schlümpfe", bei dem horribles Gitarrengedrönse mit einem Auszug aus der beliebten Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" versetzt wird, in dem von den Aktivitäten eines Sexualverbrechers berichtet wird, der Schlümpfe auf seinem Armaturenbrett kleben hat. Im Hintergrund greinen derweil Mainzel-Stimmchen: "Wir sind die Schlümpfe, wir haben´s gesehen..." Auf "Alle Gurken sind gleich" versucht jemand minutenlang den Titel aufzusagen, während er dabei mit großem Appetit etwas verschlingt. (Eine Gurke?) Im selben Modus steuert die Platte den Zuhörer mühelos durch ihre 40 Minuten. Von einem ähnlichen Einfallsreichtum war auch die zweite Siluetes-LP, "Ich hasse jeden, der mich nicht mag", die auf irgendeinem Winzlabel herauskam. Noch zu erwähnen ist die Flexi-Disc "Wo ist der Dom?", die einem "ZickZack"-Limburg-Singleset beilag. Wer keinen Dom hat, muß ihn halt suchen - das leuchtet ein.

So etwas wie Limburgs Punkband Numero Uno waren Die Radierer, die mit Klaus der Maus sogar einen kommerziellen Sympathieträger mit im Aufgebot hatten. (Bei einem Millionenerfolg hätte man Klaus wunderbar als Kuscheltier vermarkten können - tja, Chance vertan!) Auf "Non Dom" gaben sie eine frühe Version von "Angriff aufs Schlaraffenland" zum besten, sowie das ansonsten unveröffentlichte "Inzucht". (Frei nach den Ramones: "Wir sind eine glückliche Familie...") "Angriff" markierte auch die erste Single-Veröffentlichung der Gruppe ("ZickZack"), bei der der fröhliche Kriegsgesang ("Gummibärchen für die Heimat...") nicht nur von drei schmissigen Nummern, sondern auch von einem liebevoll gezeichneten Cover begleitet wurde, auf dem Klaus die Kriegsgreuel bezeugt. Auf dem "Lieber zuviel"-Sampler tauchte auch die Pogoversion des Seemannsliedes "Madagaskar" auch, die bereits auf "Non Dom" Heiterkeit verbreitete. Die erste LP, "Eisbären + Zitronen" ("ZickZack", 1981), ist nach wie vor mein gar nicht mal so stiller Favorit der Gruppe, auch wenn die Punkansätze hier schon ziemlich zugunsten eines eher poporientierten Ansatzes fallengelassen worden sind. Doch die Popsongs, die können sich hören lassen: In flotter Folge passiert die Platte Themen wie Moral ("Ich bin ein Charakterschwein"), Drogen ("Drogentod") und Pubertät ("Pubertät"). Die unkomplizierte Haltung, mit der die Songs präsentiert werden, überträgt sich auf den Zuhörer, der sich schon bald im trauten Kreise von Klaus und seinen Freunden wähnt, die das Cover zieren. Deutlicher Pluspunkt ist der idiosynkratische Gesang von Christian Bodenstein ("C.B."), dessen Kiekser auch beim deutlich härteren Korpus-Kristi-Projekt hervorstachen. Ich habe gehört, er sei mittlerweile zur Schauspielerei übergewechselt, was ich mir gut vorstellen kann, denn Theatralik ist hier kein Fremdwort. Es erübrigt sich, zu erwähnen, daß Tom Dokoupil auch hier wieder seine Finger mit im Spiel hatte.

Neben einem Stück auf dem "ZickZack"-Sampler "Wunder gibt es immer wieder" (auf dem auch Christoph Schlingensief mit seiner Band Die Vier Kaiserlein zu hören ist!) bastelten Die Radierer noch zwei weitere LPs, "In Hollywood" und "Gott und die Welt" (die letztere als Picture-Disc), aber obwohl der schräge Humor immer noch vorhanden ist, fallen die Platten gegenüber "Eisbären" deutlich ab.

Von Korpus Kristi, die eine sehr exaltierte Bühnenshow besessen haben sollen, existiert im wesentlichen eine LP, die auf dem "Tausend Augen"-Label erschien. Sehr viel aggressiver als bei den Radierern kreischt Herr Bodenstein sich durch 10 überaus laute Songs, die man am besten als Punkrock mit surrealem Einschlag bezeichnen könnte. Nachdem der Heiland bereits im Titelsong ans Kreuz genagelt wird, gibt es Songs zu bewundern wie das feine "Boycot Communication" oder den "Rattentanz". Am berühmtesten war mit Sicherheit die "Stadt der blauen Eier", der in einer Live-Version auch eine "ZickZack"-Veröffentlichung als Single beschieden war: "Wer bezahlt mein Ticket nach L.A.?" Tja, Christian, das frage ich mich auch schon seit langem... Und ja, auch hier war Tom Dokoupil wieder mit dabei!

Jetzt ist es wieder ganz ruhig in Limburg. Hier und da rollt ein Käse durch die Straßen, begleitet vom heimeligen Zirpen der Zikaden. Aber sonst ist da nichts. Hier möchte ich alt werden..

Klaus die Maus hat Angst! Eingelinkt: Die offizielle Homepage der Radierer.

Es ist ein Kreuz mit C.B.! (Link zu Gaygorilla)

Tom D. (+ Homepage)

Angelo G.

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