Drei beine sind besser als zwei

Die Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy

Blockheads

Der Schriftsteller Kurt Vonnegut jr. schrieb einmal sinngemäß, der große Charme des Komikergespanns Laurel und Hardy habe seinen Ursprung in dem Umstand, daß sie im Angesicht widriger Umstände ihr Bestes tun. Der fromme Vorsatz geht natürlich meistens klangvoll in die Hose, aber das liegt nicht an ihnen, sondern an der Welt, in der sie und ihr Publikum leben.

Als ich noch ein kleiner Bub war, liebte ich die beiden von ganzem Herzen. Slapstickkomödien aus Stummfilmtagen waren eh meine Leib- und Magenspeise. Ich verschlang Sendungen wie "Väter der Klamotte" oder "Männer ohne Nerven", in denen die hektischen Kapriolen kleiner Männer im Vordergrund standen, deren sehr alltägliche Belange in Zerstörungen mündeten, die im Buch der Offenbarungen gut aufgehoben gewesen wären. Es ist ja kein Geheimnis, daß Komödien häufig von Dingen handeln, die im wirklichen Leben ausgesprochen unerfreulich wären. Ist eine Ehe glücklich, hat man einen Liebesfilm. Ist eine Ehe unglücklich, ein Drama oder eben - eine Komödie! Ängste, die vom Horrorkino auf die Spitze getrieben werden, um zu einem mehr oder weniger befreienden Ende zu gelangen, erfahren in der Komödie ihre Entlarvung als grundsätzlich absurd. Wie wenig lustig Themen wie Arbeitslosigkeit, entschwundene Liebe und anderer Engpässe jedweder Art uns auch erscheinen mögen, so bilden sie doch das Grundgerüst für all das, was uns zum Lachen bringt.

Charlie Chaplin war mir, als ich noch klein war, immer etwas suspekt. Ich konnte seinen "Tramp"-Charakter nie ganz schlucken, da er für mich immer irgendwie verkleidet wirkte. Auch fand ich die Tendenz zum Sentiment natürlich ganz schrecklich.Wie hoch ich spätere Langfilme wie "Moderne Zeiten" oder "Der große Diktator" auch schätze, aber der Zugang zu seinen Clownereien blieb mir immer verschlossen. Möglicherweise gibt es ja einen speziellen Typus von Chaplin-Fan. Micky Maus fand ich auch immer abscheulich, während Donald Duck und Konsorten mir fest ans Herz geschweißt waren. Wo die Liebe hinfällt...

Tatsächlich stammten Chaplin und Stan Laurel aus demselben Stall, nämlich der Burlesk-Talentschmiede des Briten Fred Karno. Karnos Kunst war ein perfektes Beispiel für die körperbetonte und nicht selten gemeingefährliche Natur des Slapstick-Humors, denn was er und seine Künstler auf die Bühne brachten, führte nicht selten zu Knochenbrüchen und Schäden anderer Art. Als netter Mann galt Karno nicht gerade, eher als ein perfektionistischer und gänzlich unsentimentaler Antreiber, der genau wußte, was er wollte, und beim Erreichen seines Ziels nicht zimperlich mit seinen Schützlingen umsprang. Live-Slapstick war harte Arbeit. Als seine filmische Entsprechung im jungen Hollywood in ihrer Entstehung begriffen war, siedelten viele britische Komiker über und versuchten ihr Glück in der Neuen Welt. Chaplin und Laurel waren zwei davon. Während Chaplin bei Pionier Mack Sennett unterkam (Schöpfer der berühmten "Keystone Kops"), war es in Laurels Fall der Produzent und Regisseur Hal Roach, der ab 1914 Scherzfilme drehte und mit Harold Lloyd einen der ersten richtigen Solostars im Genre schuf. Laurel wirkte ab 1917 in den Klamotten mit. Daß er seinem späteren Partner Oliver Hardy ( der damals noch als "Babe Hardy" firmierte und meistens Bösewichter spielte) hier und da über den Weg lief, war eher Zufall. Stan Laurels frühe Soloauftritte zeigen ihn als einen gutaussehenden, kindlich-naiven Springinsfeld, der sich mit zahlreichen Bösewichten herumschlagen muß, darunter der großartige James Finlayson, das Finlayson-Lookalike Mark Jones und das bizarre Schielauge George Rowe. Laurels Frühwerke werden die meisten aus der "Dick & Doof"-Fernsehserie kennen, wo sie zusammengestutzt und von Hanns Dieter Hüsch launig kommentiert als "Appetizer" für die längeren Tonfilme liefen. Für sich gesehen wirken Laurels frühe Arbeiten sehr antiquiert und sind nicht wirklich geeignet für Betrachter, die ihn aus seinen Zusammenarbeiten mit Hardy schätzen. Es gibt in dem Frühwerk einige amüsante Parodien (z.B. DR. PYCKLE & MR. PRYDE, der sich direkt auf die Barrymore-Version von Stevensons Horrorgeschichte bezieht), und wer Laurels Komödienstil studieren will, findet hier schon viele Charakterzüge, die er in seinem "Stan"-Charakter ausgearbeitet hat, aber es war eben doch noch ein ganz annern Schnack.

Um 1927 muß man sich gesagt haben, daß Laurel und Hardy miteinander trefflich harmonieren würden. Ihre frühen Zusammenarbeiten aus dieser Zeit präsentieren sie noch in Rollen, die weit von ihrem späteren Duo entfernt sind, aber im Laufe ihrer gemeinsamen Stummfilmaktivitäten mendelte sich ihr "Act" zunehmend heraus: Oliver Hardy als der etwas popanzige, sich selbst beständig überschätzende, aber dabei trotzdem liebenswert bleibende "Anführer", Stan Laurel als der tumbe, kindliche Bestandteil, dessen bestechendstes Merkmal seine nicht versiegen wollende Liebenswürdigkeit ist. Beide sind Kumpels und ziehen gemeinsam durch die Welt, haben dabei viel Spaß, kollidieren aber auch immer wieder prächtig miteinander, nicht selten wegen Laurels Unverständnis von den Dingen. Diesen Kollisionen haftet etwas Rituelles, etwas geradezu schicksalshaft Unabänderliches an: Eine Sache führt zum Streit, eine Demütigung wird vollzogen (Krawatteabschneiden, Augenstechen o.ä.), Vergeltung wird geübt. Dabei ist bemerkenswert, daß das jeweilige "Opfer" nicht etwa eingreift, sondern dem Aggressionsakt mit geradezu respektvoller Andacht beiwohnt. Dann dauert es einen kurzen Moment, in dem alles eingefroren scheint - der sogenannte "Slow Burn"-Effekt -, bis die explosive Reaktion folgt. Das resultiert manchmal in einer "Tit For Tat"-Routine, einem Hin und Her der gegenseitigen Entwürdigung. Manchmal verbünden sich die beiden auch und ziehen das dann mit einem ihrer Gegner - häufig Edgar Kennedy oder Charlie Hall - durch, bis nur noch Moos über ist.

Die späteren Langfilme der beiden haben mir niemals so zugesagt wie die ca. 20-minütigen Zweiakter. Besonders schlimm und fast komplett unlustig finde ich ihre Filme aus den vierziger Jahren, die sie dann nicht mehr für Hal Roach drehten, sondern für die Fox und MGM. Bei den großen Studios positionierte man sie lieblos in irgendwelchen willkürlichen Rahmenhandlungen (z.B. Agentenklimbim), die überhaupt nichts mehr mit der speziellen Komik von Laurel und Hardy zu tun hatten. Statt ihrer hätte man sich auch jedes andere Komikergespann der Zeit vorstellen können, etwa Abbott & Costello oder Bob Hope und Bing Crosby. Einzelne der Roach-Langfilme (besonders der brillante ZWEI RITTEN NACH TEXAS!) funktionieren prima, da sie die Komödie der beiden nicht mit unpassendem Fremdmaterial überfrachten. (Wobei die Operetteneinlagen schon in den Roach-Filmen eine harte Bewährungsprobe darstellten. Aber selbst ein in dieser Hinsicht fast völlig vergurkter Film wie SWISS MISS enthält die exzellente Affen-Hängebrücke-Szene!) Laurel & Hardys Kurzfilme funktionierten so prächtig, da sie sich ihre eigene Realität erschufen. Das war eine sehr reduzierte Realität, aber der Zuschauer akzeptierte das alles automatisch. In einer Fremdrealität wie jener der Agentenkomödien funktionierte die Komik nicht mehr und wirkte so häufig nur noch albern und lustlos. Zudem zwang das Alter die Hauptdarsteller dazu, die physischen Bestandteile ihrer Nummern deutlich zurückzuschrauben. An den letzten Film der beiden, ATOLL K, habe ich mich noch gar nicht herangetraut, da sie dort wohl schon richtig krank gewesen sein müssen.

Lieber die Glanzzeit! Sucht man nach einem Leitmotiv, das sich durch alle ihre Filme zieht, so besteht es sicherlich in dem Bestreben der beiden, sich an eine überaus blöde Gesellschaft anzupassen und dort ein heimeliges Nest zu finden. Das klappt nur nicht so ganz, ob sie sich einen Job suchen, Frieden im Ehehafen finden wollen oder das Chaos im Rahmen der militärischen Disziplin vergessen. Die Niederlage kündigt sich dem Zuschauer immer schon früh an - man weiß halt, daß etwas schief gehen wird. Sehr beliebt ist die Tücke des Objektes: Maschinen, die nicht funktionieren, wie sie sollen; Autos, die ja auch nur so verläßlich sind wie der, der sie steuert; oder unser guter alter Freund, die Schwerkraft, die den beiden ein Schnippchen schlägt. Bei ihren Versuchen, mit den Fährnissen des Geschicks auf möglichst würdevolle Weise fertigzuwerden, verstricken sich die beiden in hochkomplizierte Gemengsel aus Menschen und Gegenständen, unentwirrbare Geflechte von Ursache und Wirkung, und die Zumutung Mitmensch ist immer voll mit dabei. Selbstredend kommen die Autoritäten, wie Vertreter der Staatsgewalt, gelehrte Professoren oder Vorgesetzte, ganz schlecht dabei weg. Um die Funktionsweise dieser Filme zu illustrieren, werde ich einfach mal ein paar meiner Lieblinge ansprechen!

Putting Pants

- PUTTING PANTS ON PHILIP (1927)

In diesem Film spielt Laurel einen schottischen Neffen, auf den Hardy im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten achtgeben soll. Hardy hat darauf überhaupt keinen Bock, fügt sich aber ins Unausweichliche. Und es kommt noch schlimmer als erwartet: Laurel trägt schottische Nationaltracht, komplett mit Kilt und Puschelmütze, und erregt an jeder Straßenecke Aufsehen. Außerdem hat er eine Schwäche für das andere Geschlecht und rennt jedem Damenrock hinterher. Sicherlich einer der wenigen Fälle, in denen Laurel als spitz wie Nachbars Lumpi gekennzeichnet wird. Seine ausgesprochene Begeisterung für die Damenwelt wird allerdings als völlig unanzüglich und unschuldig dargestellt. Sehr funny, vor allen Dingen Laurels große Spagathüpfer, wann immer er auf eine Schönheit aufmerksam wird. Das Komikerduo hatte hier noch nicht seine typischen Rollen herausgearbeitet, und so konnte man sich noch gewisse Freiheiten erlauben. Ein ausgesprochenes Highlight ist das eigentliche Hosenanpassen, bei dem sich Stan sehr bockig anstellt, denn ein fremder Mann soll ihn nicht anpacken. Ollie übernimmt schließlich die Aufgabe und erledigt das mit sanfter Gewalt. Der gedemütigte Stan büxt aber aus, sorgt für die Erregung öffentlichen Ärgernisses und fühlt sich erneut wohl wie ein Fisch im Wasser. In späteren Filmen gab es immer einzelne Momente, wo man Laurel mal "out of character" erleben konnte, etwa in EARLY TO BED (1928), in dem Stan auf Ollies demütigende Späße irgendwann geradezu tollwütig reagiert, mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend läuft und sinnlos Zerstörung anrichtet - gebt dem Mann keine Axt!

- THE FINISHING TOUCH (1928)

Eine der ersten Geschichten, die die beiden bei der Verrichtung einer geregelten Tätigkeit zeigt. Hier geht es darum, daß sie ein Haus zu einem gefixten Termin fertigstellen sollen. Das Grundstück befindet sich direkt neben einem Krankenhaus, und eine besonders giftige Krankenschwester sorgt für schweren Seegang. Merke: Frauen tritt man nicht, aber hier sind die gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt. Laurel & Hardy tun ihr Bestes, aber man weiß einfach, daß alles zu Bruch gehen muß, und gebannt wird man Zeuge des Unausweichlichen. Die Woge der Zerstörung schwappt auch über einen unglücklichen Polizisten, der sich erst dicke tun will, sich dann aber hilflos dem Strudel beugen muß. Spätere Komödien im selben Modus sind etwa die Sägewerkstory BUSY BODIES (1933), die Antennengeschichte HOG WILD (1930) und die Schornsteinsaga DIRTY WORK (1933). Man tut sein Bestes, aber es fruchtet alles nichts. Man kennt das ja.

- YOU´RE DARN TOOTIN´ (1928)

Wie bei den meisten Zweiaktern teilt sich der Film in zwei Episoden. Episode 1 schildert das Zerstörungswerk, das Laurel & Hardy am Nervenkostüm eines popanzigen und schwer überlasteten Orchesterleiters leisten. Die wirklich großartige Partie des Filmes ist aber die zweite Hälfte, die fast vollständig aus einer glorreichen "Tit For Tat"-Routine besteht. Die beiden verdingen sich als Straßenmusiker und bauen Mist. Eine Rangelei führt dazu, daß Mr. Hardys Waldhorn von einer Dampfwalze geplättet wird. Die folgende Unterredung mit Mr. Laurel führt dann zu einem hektischen Augengesteche und Schienbeingekicke, in das auch Außenstehende mit einbezogen werden. Getreu der Vorgehensweise dieser Filme erwischen die Schläge etc. immer den falschen, der dann wiederum jemand anderes erwischt. Schließlich hat man es mit einer ganzen Horde von tretenden und vor Schmerz hüpfenden Menschen zu tun, die einen wüsten Tanz aufführen. Diese Ausgelassenheit fällt auch einem Gesetzeshüter auf, der großzügig in den Reigen eingemeindet wird. Die Leute ziehen sich dann alle auch noch gegenseitig die Hosen aus. Für gewöhnlich kennzeichnet diese Demütigungsrituale, daß dem Akt der Aggression intensive Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mr. Hardy schaut dann leidend in die Kamera und setzt in der Folge beherzt zum Gegenschlag aus. Hier herrscht aber die reine Anarchie - die Situation verselbstständigt sich und reißt jeden mit hohem Tempo einfach mit. Ein Klassiker, sehr vergleichbar mit dem noch erhaltenen Akt von THE BATTLE OF THE CENTURY (1927), der eine der tollsten Tortenschlachten der Filmgeschichte zeigt. Eine Stadt versackt in Sahne.

- TWO TARS (1928)

Mein Favorit unter den Stummfilmen des Duos. Laurel und Hardy spielen zwei Vertreter der heldenhaften Marine, die auf Landurlaub mit zwei Stadtschönen anbandeln wollen. Ollie will den beiden imponieren, zerstört einen Kaugummiautomaten und legt sich mit Ladenbesitzer Charlie Hall an. Zu viert versucht man eine Lustpartie mit dem Töfftöff und landet in einem Stau. Der Verkehrsstau wird dann aber rasch zu einem Testosteronstau, denn Männlichkeit ist keine Männlichkeit, wenn sie nicht angemessen zur Schau gestellt werden darf. Im folgenden machen sich viele Teilnehmer herzhaft zur Wurst und sorgen für die nachhaltige Entsorgung von verschiedenen Kraftfahrzeugen. Die Schrottproduktion findet natürlich wieder statt als ausgedehnter "Tit For Tat", auf Schlag folgt Gegenschlag. Das auslösende Moment ist totaler Pillefatz, das Resultat eine Orgie der Verwüstung. Genau das also, was mir der Arzt verschrieben hat!

- BIG BUSINESS (1929)

Mehr "Tit For Tat", diesmal auf dem Sektor der freien Marktwirtschaft! Laurel und Hardy wollen Weihnachtsbäume verkaufen. Daß sie sich dafür den Frühling ausgesucht haben, erscheint ihnen als ganz normal. Mit ihren Verkaufspraktiken stoßen sie auf taube Ohren, aber als sie an den spießigen Besitzbürger James Finlayson geraten, entfaltet sich ein Panorama gegenseitiger Aufmerksamkeiten, das von der ganzen Nachbarschaft andächtig verfolgt wird. Schön zu beobachten ist hier der offensichtliche Respekt, der jedem Gegenschlag gezollt wird. Den Aggressionen wohnt eine besondere Schönheit inne, die selbst den Betroffenen nicht verborgen bleibt, und wenn es auch das Eigenheim kostet. Hier wird Kreativität noch angemessen gewürdigt! Selbst Polizist Tiny Sandford schreitet nicht sofort ein, sondern beäugt mit kritischer Zurückhaltung das exotische Verhalten seiner Mitbürger. Als er dann schließlich Recht & Ordnung einkehren lassen will, ist er freilich hilflos im Angesicht der Ereignisse. Am Schluß weinen alle, und Versöhnung kündigt sich an. Doch dies ist nur ein Trugschluß - das Chaos war ihr Schicksal!

- PERFECT DAY (1929)

Auch dieser frühe Tonfilm entführt den Betrachter in das Milieu kleinbürgerlicher Behaglichkeit. Laurel & Hardy sind in vielen ihrer Filme verheiratet. Hier sind ihre Frauen mal ausnahmsweise keine Xanthippen, sondern vergleichsweise nett. Onkel Edgar Kennedy hat ein Gipsbein, und sofort weiß man, daß ihm und seinem Gebrechen übel mitgespielt werden wird. Und was soll ich sagen, genau so kommt es auch! Die Familie will einen Tag im Grünen verbringen. Da ist aber das Auto vor, das im entscheidenden Moment den Geist aufgibt. Fachmann Oliver Hardy schickt sich an, das Problem zu beseitigen, doch er wird unterstützt von Stan Laurel, was nicht nur dem Bein des unglücklichen Kennedy einigen Schaden zufügt. Besonders nett fand ich die Szene, in der Stan die Kupplung rausnehmen soll ("Throw out the gear!"), und er schmeißt sie dann auch wirklich aus dem Fenster... Hübsch verhohnepipelt wird nachbarliche Freundlichkeit, da sich die Familie bei jedem Abfahrversuch endlos von allen Gartensitzern verabschiedet. Die ersten Male sind auch alle noch recht herzlich, aber irgendwann setzt das große Zähneknirschen ein. ("Nun haut schon endlich ab!") Am Schluß sind sie alle naß.

- NIGHT OWLS (1930)

Ein weniger populärer, aber mir sehr ans Herz gewachsener Film. Edgar Kennedy spielt hier einen erfolglosen Polizisten, der die Einbrecher dingfest machen möchte, die seit einiger Zeit die Umgebung unsicher machen. Mit sanfter Gewalt bewegt er die Vagabunden Laurel & Hardy dazu, einen Bruch zu machen. Damit macht er freilich den Bock zum Gärtner, denn bei ihrem Bemühen, ruhig und unauffällig zu bleiben, ebnen die beiden die halbe Umgebung ein. Allein ihre Versuche, durch ein offenes Fenster in das Haus zu gelangen, haben mich fast gekillt. Die Grundsituation habe ich in zahllosen anderen Komödien gesehen, aber selten lustiger als hier.

- HELPMATES (1932)

Hier wird das arglose Zerstörungswerk gepaart mit der Gesellschaftskomödie, die immer wieder bei L & H aufblitzt. Oliver Hardy ist nämlich verheiratet und hat einen richtigen Dragoner zur Frau. Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse, und Hardy hat eine derbe Party geschmissen. Am Morgen spricht er mit sich im Spiegel und macht sich moralische Vorhaltungen. Hilft aber nix, denn ein Telegramm kommt und verkündet, daß die Gattin früher nach Hause kommt. Im Haus sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa - was tun, um der verdienten Bestrafung zu entgehen? Ollie tut das Falscheste und ruft Stan Laurel an. Von da an verläuft alles in den zu erwartenden Bahnen und ist völlig großartig. Am Schluß hat Hardy eine Generalsuniform an, aber einen verknickten Säbel. Stan wollte nur helfen und ein Feuerchen machen. Ein Wunder, daß nicht die ganze Nachbarschaft dran glauben muß, aber das Ergebnis ist ehrfurchtgebietend!

- THE MUSIC BOX (1932)

Tja, everybody´s favorite! Und THE MUSIC BOX ist auch ziemlich klasse. Die Grundsituation ist wieder einmal äußerst simpel: Laurel & Hardy sollen ein mechanisches Klavier in ein Haus bringen, das am anderen Ende einer sehr hohen Treppe liegt. Dabei werden sie drangsaliert von einem großkotzigen Doktor, einem fiesen Kindermädchen und einem Polizisten. Oben angekommen, ist niemand zuhause, aber ihr unerschütterliches Arbeitsethos zwingt die beiden dazu, einen Ausweg zu finden. Vieles an der Situation ist dem Stummfilm WRONG AGAIN (mit dem Pferd!) entlehnt, wird hier aber auf unwiderstehliche Weise zum Exzeß getrieben. Sehr schön ist Billy Gilberts Kurzauftritt als Doktor, dem das fragliche Haus gehört und der Klaviermusik auf den Tod nicht ausstehen kann. Die Routinen unserer beiden Helden sind exzellent getimed, zum Beispiel das übliche Spiel mit den vertauschten Hüten, das selten besser war. Ich liebe das ja, wenn man genau weiß, was jetzt bestimmt wieder passiert, und das wird dann mit boshafter Genüßlichkeit ausgewalzt! Eigentlich fies, denn man wird dadurch ja quasi zum Mittäter und delektiert sich am Leid der beiden, aber gegen Schadenfreude ist eigentlich nichts zu sagen, finde ich. Es ist eines der ältesten Gesetze der Clowns, daß die Ohrfeige nur jemanden treffen darf, der sie überhaupt nicht verdient hat. Wenn sie den richtigen trifft, ist es Moral. Wenn sie den falschen trifft, ist es Slapstick!

- TOWED IN A HOLE (1932)

Ein weiterer Ausflug in die freie Marktwirtschaft: Stan & Ollie verkaufen frische Fische. Damit die Fische noch frischer werden, wollen sie ein Boot kaufen. Das Boot muß aber erst renoviert werden. "United we stand - divided we fall!" beschreibt Hardy sehr treffend die Arbeitsweise des Gespanns. Objektiv betrachtet geht er mit Stan ziemlich gemein um, und Stan bibbert auch vor unterdrückten Aggros. So malt er zum Beispiel ein Ollie-Gesicht an die Schiffswand, haut es stellvertretend und tut sich dabei weh. Die Rache kommt aber, und sie kommt als natürliche Folge der speziellen Chemie, die zwischen den beiden herrscht. Ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich andeute, daß das Boot niemals die Weltmeere besegeln wird! Großes Kino.

- GOING BYE-BYE! (1934)

Laurel & Hardy, ganz ungewohnt, haben sich als treue Staatsbürger erwiesen und einen grimmigen Unhold zur Strecke gebracht, der vom unnachahmlichen Walter Long gespielt wird. Jener ist außer sich vor Zorn und verspricht den beiden Kronzeugen, sie zu erwischen und ihnen die Beine hinterm Hals zu verknoten. Als Long natürlich ausbricht, wollen die beiden Helden die Stadt verlassen, haben aber kein Benzingeld. Ollie läßt Stan eine Mitfahranzeige aufsetzen, die folglich mit den schönen Worten beginnt: "Wen immer es angeht..." Natürlich geraten sie dabei an Longs Freundin, die eine Mitfahrmöglichkeit für ihren entflohenen Geliebten sucht, und es setzt ein fröhliches Verwirrspiel mit einer Kiste, das in der anatomischen Umgestaltung von Laurel & Hardy endet. "Da hast du uns ja mal wieder etwas Schönes eingebrockt!"

Big Business


Nach ihrem letzten Langfilm für die Fox, THE BULLFIGHTERS (1945), zogen sich die Komiker weitgehend aus dem Filmgeschäft zurück und beschränkten sich auf Bühnenaktivitäten. Eine Sache, die mir immer sehr viel Freude bereitet hat, war, daß die beiden wohl auch privat ein Herz und eine Seele gewesen sein sollen, sehr im Gegensatz zu anderen Komikerpaaren, bei denen künstlerische Differenzen und anderer Heckmeck irgendwann zu Zores führte. Als Hardy 1957 starb, erlitt sein langjähriger Partner und Freund Laurel einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich angeblich nie mehr ganz erholen sollte. Er bekam noch verschiedene Angebote für Soloauftritte, aber er hatte sich geschworen, ohne seinen Freund nicht mehr auftreten. So kam es dann auch. Vor seinem eigenen Ableben, 1965, erhielt er einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk.

Es zahlt sich bei diesen Filmen aus, sie im Original zu schauen, denn während die alten deutschen Sprachfassungen ausgesprochen gut bearbeitet sind, so fehlt ihnen doch die Unmittelbarkeit der vorgeführten Komödiensituationen. Man spürt, wenn man die Filme in ihrer O-Fassung sieht, sehr viel mehr die Perfektion, mit der die beiden Schauspieler ihre Nummern abziehen. Das ist, jenseits des Spaßes, einfach atemberaubend und bewundernswert. Die meisten der Stummfilme liefen irgendwann einmal im Rahmen verschiedener TV-Serien, meistens kommentiert von Hüsch. Andere Stummfilme wurden auch im Nachhinein zu Sprechfilmen umgearbeitet, und das gar nicht mal schlecht. BIG BUSINESS ist solch ein Fall. In manchen Fällen wurden auch für mein Empfinden unnötige Kalauer eingefügt, wie etwa bei der Berliner Synchro zu TOWED IN A HOLE. Gerd Duwner in allen Ehren, aber zu Oliver Hardy paßte er einfach nicht. Die interessanteren Sachen liegen auf jeden Fall auf DVD vor. "Kinowelt" hat da recht gute Arbeit geleistet.

Neben Laurel und Hardy gibt es natürlich noch eine Vielzahl anderer Stummfilmkomiker, die zu ihrer Zeit sehr berühmt waren, dann aber recht bald der Vergessenheit anheimfielen. Neben Harold Lloyd, Charley Chase und Harry Langdon gab es auch noch Larry Semon, Snub Pollard, Billy Bevan und wie sie alle heißen mögen. Viele von ihnen haben ausgesprochen interessante und in manchen Fällen tieftraurige Lebensgeschichten, die man u.a. in der IMDb nachschlagen kann. Laurel und Hardy sind für mich aber ohne Frage die absoluten Könige!

Liberty

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