LAST HOUSE ON DEAD END STREET

Lange Jahre war dieser Film nur ein Mythos, eine Fußnote in Horrorlexika. Ich bekam dann irgendwann die lausige Kopie eines Bootlegs in die Finger, dessen Ton kaum noch zu entziffern war. Beim Betrachten des Filmes rutschten meine Mundwinkel tiefer und tiefer - das waren nun wirklich einmal Protagonisten, die man im wirklichen Leben bitte nicht kennenlernen wollte! Doch der Film strahlte auch in dieser schaurigen Fassung eine Besessenheit aus, die mir niemals wieder aus dem Gedächtnis weichen wollte...

Eines Tages stolperte ich im Internet auf ein Forum (von meinen britischen Freunden von FLESH & BLOOD), in dem über den Film gefachsimpelt wurde. In das Gespräch mischte sich ein Unbekannter namens Roger Watkins ein, der behauptete, den Film damals gedreht zu haben. (Das im Print angegebene Pseudonym lautet "Victor Janos"!) Klar, dachten die Leser, da will sich einer wichtigmachen. Bei seinen darauffolgenden Postings erwies es sich aber, daß der Unbekannte über einen reichhaltigen Schatz an Insider-Informationen verfügte. Das klang ganz und gar nicht wie das Gelaber eines Aufschneiders. Und siehe da: Roger Watkins war in der Tat identisch mit dem Regisseur/Hauptdarsteller des verschollenen Filmes! Es entspann sich ein interessanter Dialog, aus dem sich irgendwie eine sagenumwobene Doppel-DVD entwickelte, auf der der Film endlich in der bestmöglichen Qualität das Licht der Welt erblickte... Und da cmv so nett waren, diese Doppel-DVD auch für den deutschsprachigen Raum zu erschließen (lustigerweise mit noch reichlicherem Zusatzmaterial als auf der Doppel-DVD!), will ich mal ein paar Worte über den Film verlieren!

Die Story des Filmes ist denkbar simpel und orientiert sich am Mythos der "snuff"-Filme, in denen angeblich Menschen zur Ergötzung Abartiger zu Tode gefoltert werden. Die Hauptfigur ist ein extrem sleaziger Filmemacher namens Terry Hawkins (gespielt von Roger), der mit einigen ergebenen Getreuen einen Film dreht, der alles Dagewesene in den Schatten stellen soll. Dabei werden die Opfer, die der Filmmörder fordert, auch in Wirklichkeit exekutiert. Je länger der Film dauert, umso unangenehmer und obsessiver werden die Grausamkeiten. Es ist fast unmöglich, sich von dem Film abzuwenden, und das ist nun wirklich mal ein Fall, wo man das eigentlich gerne möchte! Der Film ist ungemein geschickt inszeniert und verwendet größtenteils handgehaltene Einstellungen, die einen ähnlichen Eindruck wie in Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST hinterlassen. Eine Distanz, wie sie etwa THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE mit seinen comicstripartig überzogenen Bildern noch erlaubt, ist bei LHODES endgültig nicht mehr möglich. Das ist einfach nur der Absturz in den ganz privaten Höllenkreis eines derangierten Filmemachers, der alle Grenzen hinter sich gelassen hat und immer weiter vorstrebt in die Abseitigkeit...

Man kann den Effekt des Filmes auch mit den Werken des Brasilianers José Mojica Marins vergleichen, dessen Kunstfigur Zé do Caixao mit ihren misanthropischen Exzessen (Nietzsche für intellektuelle Psychos) sehr stark mit dem Darsteller/Regisseur verknüpft wurde. Man hat das Gefühl, in die Schlangengrube zu schauen, in die finsteren Regionen der menschlichen Psyche. Daß man den Blick nicht abwendet, macht die Filme auch zu einem Blick in die eigene Psyche. Terry Hawkins - der Monsterfilmer aus LHODES - hieß ursprünglich "Watkins", und wenn man Roger da agieren sieht, kann einem wirklich Angst und Bange werden... Seine Mordtaten wirken ein klein wenig wie die Rache eines frustrierten Filmemachers an den Maden, die das saftige Fleisch des Filmgeschäftes verunzieren - es geht u.a. einem Produzenten und anderen Filmleuten an die Wäsche. Da Watkins zu Beginn der Dreharbeiten aber schlanke 23 war und die Fährnisse des Showbiz noch nicht zu spüren bekommen hatte, kann das wohl ausgeschlossen werden. Retrospektiv macht es aber durchaus Sinn, denn Roger hatte extreme Schwierigkeiten, den 1972 angefangenen Film in die Kinos zu bringen. Er fiel einigen windigen Betrügern in die Hände, die die Veröffentlichung des Filmes (und auch einen Festivalbesuch in Cannes) platzen ließen. 1978 kam der Film dann doch zu seiner Erstaufführung, aber erst, nachdem er auf eine Kastratfassung von ca. 75 Minuten zurechtgesäbelt worden war. Roger war maßlos frustriert, und nach einigen kommerziellen Arbeiten (z.B. Industrials) stellte er seine Fähigkeiten in den Dienst der Pornoindustrie. Als "Richard Mahler" (=benannt nach seinen beiden Lieblingskomponisten!) fertigte er einige der ungewöhnlichsten Weichteilopern, die jemals herausgekommen waren. Obwohl das natürlich nicht ganz das gewesen war, was ihm vorgeschwebt hatte, so sicherte es ihm ein ordentliches Einkommen, und er sagt noch heute, daß ihn ausgerechnet die Leute, von denen man es als erstes erwarten würde, nicht aufs Kreuz gelegt haben. Zu seinen besten Filmen aus dieser Zeit zählen CORRUPTION, MIDNIGHT HEAT und AMERICAN BABYLON. (Letzterer ist der meines Wissens einzige Porno von ihm, der jemals hier herauskam. Da Traci Lords in dem Film mitspielte, gibt es ausgerechnet diesen Film in den Staaten nicht mehr...)

LHODES verrät sowohl die "guerilla tactics" einer Amateurcrew ohne Budget als auch die künstlerischen Ambitionen eines Filmschülers, denn von einer geradlinigen Narrative ist LHODES so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Viele Szenen wurden augenscheinlich aus dem Augenblick heraus aufgenommen, und gerade dieser improvisierte Charakter läßt sich den Zuschauer so fühlen, als wohne er den "cinema verité"-Übungen einiger gefährlicher Geisteskranker bei. Der Gore-Level ist zum größten Teil gar nicht so überbordend (außer bei der "Operationsszene", wo allerdings wirklich ganz Feierabend ist!), aber der verbotene Reiz des Hineinblickens in vermeintlich authentisches Material führt zu einer wahrhaft verheerenden Wirkung - die Intensität des Bösen ist selten so nachfühlbar eingefangen worden. Wer auf eine Party gehen will, sollte sich den Film bitte nicht vorher ansehen!

Fast noch unangenehmer wird der Film, wenn man sich danach mal den Audiokommentar des Filmes zu Gemüte führt. Roger Watkins gibt viele Anekdoten und Randdetails zum besten, und er äußert große Verbitterung bezüglich der Art und Weise, wie mit seinem Film umgegangen wurde. Ein zynisches, keckerndes Lachen begleitet den ganzen Kommentar, und als Kontrapunkt dazu versieht der Splatter-Autor Chas Balun die Vorgänge mit witzigen Bemerkungen - was insbesondere dann stark desorientierend wirkt, wenn auf der Bildspur gerade Mrs. Palmer die Beine abgesägt werden! Der Kommentar ist gerade mal der zweite, den ich mir jemals ganz bis zu Ende angehört habe. (Der andere gehört Abel Ferrara, der sich auf dem Kommentar der DVD von DRILLER KILLER so ziemlich alles reingeworfen haben muß, was gerade zur Hand war...)

Daß Roger aber mitnichten ein besessener, gequälter Künstler ist, dem das Leben übel mitgespielt hat, belegen die vielen ungemein persönlichen Beigaben, die auf der vorbildlichen DVD zu finden sind. Da sind zuerst einmal 6 frühe Kurzfilme, von denen der erste vom gerade 10-jährigen Roger gedreht wurde, während die anderen bereits in der Filmschulphase entstanden. Vier von den Shorts werden von ihm kommentiert, während zwei andere vermutlich neue Beigaben darstellen. Hier bemerkt man bereits eine Liebe zum Kino, die sich auch jenseits der Bahnen seines Studiums austoben wollte. Es wird auch sehr deutlich, daß sich Roger Watkins bereits damals als Rebell empfand, der sich mit den vorgefundenen Weisheiten nicht zufriedengeben mochte. Daß diese Rebellion sich später auch gegen den Filmbetrieb richten sollte, wußte der damals beherzt drauflosfilmende Mann natürlich noch nicht.

Es gibt ein Videotagebuch von ungefähr 60 Minuten Länge, das größtenteils aus Aufnahmen aus der Zeit von Rogers "Mahler"-Aktivitäten besteht. Diese Aufnahmen gefallen mir fast am besten, da sie den Menschen Roger Watkins sehr deutlich und schonungslos zeigen. Er präsentiert sich dabei einem mysteriösen Videofilmer als perfekter Entertainer, der mit großer Geste sein Leben und seine Umgebung vorzeigt. Dabei wird allerdings seine gesamte Rede von ironischen Brechungen unterlaufen, die zeigen, daß er nicht nur ein sehr intelligenter Mensch sein muß, sondern auch einer mit einer gehörigen Prise Lebenserfahrung... Ich habe einige Male mit ihm gemailt und bin in der Tat sehr eingenommen von seiner ungewöhnlichen und sehr bunten Persönlichkeit. Er ist keiner der üblichen Hollywood-Schwaller, die dir entweder ihren Erfolg vorführen oder ihren Mißerfolg bunt zudecken wollen, sondern ein sehr akkurater Analysator seiner Stellung im Leben und auch im Filmbetrieb.

Zu den weiteren Extras auf der DVD zählt auch die Aufzeichnung eines 1973er Radio-Interviews (keine Ahnung, wie die da rangekommen sind!) und eine Ausgabe der Joe-Franklin-Fernsehshow, in der er und sein Professor (und LHODES-Opfer) Paul Jensen interviewt werden. Es gibt einen alternativen Vor- und Abspann und zahlreiche Outtakes zu besichtigen. Insgesamt ist die DVD eine fast museumswürdige Errungenschaft, die in der deutschen Fassung glücklicherweise nicht mit einer dullen Synchro niedrigen Qualitätslevels, sondern mit Untertiteln versehen wurde. (Das kommt dem Experimentalcharakter des Filmes auch sehr entgegen - mit einer Synchro wäre LHODES möglicherweise ungoutierbar...) Tja - der Film plus 2 1/2 Stunden Extras plus 3 1/2 Stunden Audio-Extras - man kann gewissermaßen sagen, daß man für sein Geld eine Menge geboten bekommt! Schaut Euch auf den Börsen um und zieht ein ins letzte Haus in der "Dead End Street", aber tut es auf eigene Gefahr - Eure Seele wird zwar nicht verlorengehen, aber sie wird wanken wie in einem Wirbelsturm... Einer der großen, unbequemen Klassiker des No-Budget-Horrorfilms!


Der Hausmeister

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