MEIN FREUND, DER KRYPTO-SEMIOTIKER

(Ein fehlgeschlagenes Gedicht, das zum Prosatext ward)

Der Kryptosemiot, der Kryptosemiot
hat alles im Lot.

Ich habe in meiner langen, bangen Karriere so einige Dumpfbacken kennengelernt. Als ich meine Schwester bat, mir einige Persönlichkeiten an der Münchner Filmhochschule vorzustellen, um mir möglicherweise meinen Werdegang zu ebnen, stieß ich u.a. auf einen Menschen, mit dem ich versuchte, einen filmhistorischen Diskurs vom Zaun zu brechen. Ich war jung und brauchte das Geld! Um einen gemeinsamen Gemeinsamen zu eruieren, brachte ich Steven Spielberg aufs Parkett. "Öch, das ist mir viel zu trivial!" Hm, dann erklomm ich die nächste Sprosse. "Martin Scorsese?" - "Nein, das ist mir viel zu trivial", lautete die entmutigende Antwort. Da wurde es mir zu bunt. "Worauf stehst du denn so?" fragte ich in kontaktanzeigenkompatibler Harmoniesucht. "Na ja", kam es zurück, "ich stehe auf dänische Stummfilme." Wie der Goldt es schon mal formuliert hat: Mannigfaltig ist die Zahl der Menschen Obsessionen, und so einigten wir uns auf den deutschen expressionistischen Stummfilm. Ich habe dann auch noch ganz gräßliche Austernpilze gegessen. Ich muß sagen, daß ich grundsätzlich fast alles esse. Knoblauchgetränkte Weinbergschnecken bringen mich mitnichten zum Weinen, sondern machen mich schmunzeln. Die Austernpilze waren aber ein Verbrechen an der Menschlichkeit und festigten in mir die Überzeugung, daß ich so unter gar keinen Umständen werden würde. Ein menschlicher Austernpilz, der Filmszenen aus Faßbinder-, Lang- und Melville-Klassikern durch die Gegend schleudert wie andere Leute Frisbees - das schien mir eine Verleugnung des Spaßes, der ja nun wirklich der einzige Grund ist, weswegen man auf dem Erdenrund verweilen mag. Mir Schwan schwante, daß die großen Regisseure ihre Werke und Weisheiten aus einem grundsaftig genossenen Leben bezogen hatten, nicht aus den raschelnden Ratten, die an den Nerven der werdenden Akademiker nagen!

Mir ist mal irgendwann irgendwo unterstellt worden, ich würde jede wissenschaftliche Betrachtungsweise strikt von mir weisen. Das war nicht einmal böswillig gemeint. Und doch ist das nicht wahr, denn der akademische Betrieb hat meine Adern verseucht und führt sein vampirisches Dasein noch immer in meinen Venen. Jedoch ist der einzige Grund, weswegen ich mich manchmal an meine Schreibmaschine verirre, in dem fruchtbaren Widerspruch zu suchen, den Wissen und Fühlen im Menschen nähren und ihm keine Ruhe lassen. Wer weiß, der glaubt nicht mehr, und wer glaubt, der ist über das Wissen erhaben. Daß die Form des Akademischen in meinem Wesen und Wirken wütet, sollte für umstehende Betrachter mit Bregen im Klöben eh offensichtlich sein. Daß man Menschen, die blutend im Straßengraben gelegen haben, nicht wirklich begreifen kann, wenn man diese Episode nicht zu den eigenen Erfahrungswerten zählen kann, sollte aber ebenso klar sein. Leute wie Faßbinder oder Melville waren einfach echt, weil sie ihre Kunst nicht aus einem staubigen Schmöker bezogen haben, sondern aus dem prallen Leben. Nicht intellektuelles Kalkül war der Motor ihres Schaffens, sondern Liebe zur und Verzweiflung an der Menschheit. Ich habe, das möchte ich diesem Absatz hintanschicken, niemals blutend im Straßengraben gelegen...

Meine Texte habe ich früher immer als Spaß an der Freud genossen, habe sie willkürlich in die Maschine eingedroschen und dabei meinem Vergnügen an der Sprache freien Lauf gelassen. Daß ich dabei nicht wirklich einem Bewußtsein für kulturhistorische Relevanz gefolgt bin, schmälerte nicht die grobe Freude, mit der ich meine Verbrechen vollzog. Ich meißelte nicht mehr und nicht weniger als meine eigenen Erfahrungen in diese Texte, und mehr war auch gar nicht beabsichtigt. Wesentlich später bekam ich heraus, daß diese Texte (seit 1990 oder so) meinen persönlichen Werdegang in bedrückend offenherziger Weise dokumentierten. Das machte mich einerseits verlegen, andererseits freute es mich aber auch, daß die Fehler und Wahrheiten meiner Vita somit festgehalten waren. Ein Tagebuch habe ich niemals geführt, aber viele Anekdoten, die mich bewegt haben, führten in den Texten ein flottes Eigenleben, befreit von ihrer Verhaftung mit meiner Person. Ich fand das hübsch.

Es war 1986, als ich in Bangor, Maine, herumkrauchte, um meinem damaligen Idol Stephen King einen Anstandsbesuch abzustatten. Ich hatte einige Jungmänner im Kino kennengelernt, die mir versprachen, ein Meeting mit dem Meister herbeizuführen. Daraus wurde dann nichts. Schließlich, am letzten Vortag meines Aufenthaltes, faßte ich mir ein Herz und streuselte zum Haus des Schriftstellers, wo ich die gußeisernen Vampire über dem Portal bestaunte. Am Eingang war ein Schild gebracht, das da vermeldete: "No soliciting." Ich wußte nicht wirklich, was das bedeutet. "Keine Fans?" Ich kletterte zu einer Nachbarsfamilie in den Garten, die da gerade grillte. Dort bedeutete man mir, daß sich die Inschrift lediglich auf Hausierer bezog. Frisch gestärkt begab ich mich zurück zur Türe. Auf mein Klingeln antwortete Tabby, Frau King, die mit mir ein Gespräch anfing, das anfänglich davon handelte, daß sie natürlich nicht alle Fans hereinbitten könnten. Ich dachte: "Na okay, das war es dann!" In meinen kühnsten Träumen hatte ich mir auch nur vorgestellt, daß ein übellauniger und stoppelbärtiger Ernest-Hemingway-Verschnitt mir seinen Friedrich Wilhelm in den mitgebrachten "Talisman" hineinkritzeln würde. Doch Tabby fand irgendwie Gefallen an mir und plauderte auf einmal fröhlich los. Auf der Veranda sprachen wir von ihren Übersetzungen, von Politik (Kings sind Grüne, während in den anderen Vorgärten Amerikaflaggen wedeln), von "The Evil Dead" und allem möglichen Quatschkram. Irgendwann steckte Mr. King seinen Kopf durch die Tür und meinte: "Come in for tea!" Das mündete dann in einer zweistündigen Hausführung, während der ich alle Dinge vorgeführt bekam, die ich mir wünschen konnte. Ich bekam Szenen aus dem gerade fertiggestellten "Maximum Overdrive" vorgeführt, von dem noch nicht einmal Cinema berichtet hatte. Ich war selig. Als ich das Haus mit einer Luxusausgabe von "Eyes of the Dragon" (Auflage: 1000, mit Kupferstichen) und einem Buch von Tabby verließ, watschelte ich zu meinem "Holiday Inn" zurück und fragte mich, ob das jetzt gerade wirklich passiert war...

Es waren solche Erlebnisse, die aus meiner Liebe zum Kino letztlich die Überzeugung genährt haben, daß es doch ganz schön sein könnte, diese Begeisterung fortzutragen. Ich sehe die Aufgabe eines jeden Schriftstellers sowieso darin, seine ureigene Lebensanschauung zu übersetzen. Jeder Schriftsteller ist ein Übersetzer. Ich wollte nie etwas anderes sein. Was immer ich an Spaß in dunklen Kinosälen und meinem dunklen Kinderschlafzimmer empfand, wurzelt in meiner Begeisterung für das Leben. Daß mich viele Filmschriftsteller kraft ihrer Prosa auf Genres gestoßen haben, die ich vormals nicht mit dem Rücklicht angeschaut habe, adelt auch diesen Schaffenszweig. Jedoch: Alles, was man in diesem Genre leisten kann, ist letztlich ein Produkt des Lebens. Man kann keine überbordenden Weisheiten aus Büchern erwerben, wenn einem der Sinn für Schönheit nicht von der Umwelt mitgegeben worden ist. Ich halte das, was ich mache, nicht für eine wichtige Sache. Für mich ist es wichtig, aber der Gang zur nächsten Fete ist es auch. Kein Kinosaal kann den ersten Kuß ersetzen oder, was das angeht, das Daliegen im Straßengraben.

Wenn mich also Dumpfbacken wie besagter Austernpilz ansprechen, deren Lebensauffassung aus einem beklagenswerten Mangel an Demut und einer fremdgelebten Privathistorie bestehen, so läuft mir heute die Galle über. Ich schlage nicht wild um mich, ich rufe nicht nach dem Staatsanwalt, aber ich suche mir den nächsten Proletarier mit Sonne im Herzen und Dunst unter der Kiepe. Das ist nicht unakademisch, denn auch an der Uni gibt es viele Menschen, mit denen man ein Bier trinken gehen möchte und solche, von denen man gerne abschreibt, mit denen aber eine Fraternisierung nicht unbedingt erwünscht ist. Wenn solche Leute dann irgendwann von atomisierten Annexien reden, die sich im eklektizistischen Nirvana des gnostischen Walhalla vom postmodernen Nirgendwo bilden, dann wundert mich das gar nicht. Ich halte es lieber mit meinem King. Der Mann hat viel Müll geschrieben, aber er wohnt in meinem Herzen. Jetzt und immerdar.

Der Kryptosemiot, der Kryptosemiot
hat alles im Lot.

   Autogramm von Dennis Hopper auf Zehnmarkschein

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