EIN SCHICKSAL IM KRISTALLSAAL VON BRUCHSALIch weiß jetzt eigentlich gar nicht, worüber ich schreiben soll, aber neulich ist mir eine Zeitungsmeldung in den Schoß gefallen, wo von einer überaus merkwürdigen Begebenheit zu lesen war, die sich im altehrwürdigen Kristallsaal des in Bruchsal gelegenen Palastes von Prinz Johann dem Vielbeklagten zugetragen hat. In diesem wunderschönen und immer noch beneidenswert gut erhaltenen Prachtbau, der täglich eine Hundertschaft von inländischen und ausländischen Besuchern in die prunkvolle Vergangenheit der Landesfürsten einführt, hat es sich nämlich ereignet, daß ein an sich freundlicher Tourist aus Osaka, Japan, einen regelrechten Koller erlitt und 13 Besucher, die mit ihm am gemeinschaftlichen Staunen teilhatten, mit seiner Leika-Spiegelreflexkamera brutal abschlachtete. Nun wäre das Ereignis als solches nicht sonderlich kommentarintensiv - RTL berichtete gerade mal einen Tag über die banale Begebenheit, die gewaltig abstunk gegen die anderen Vorkommnisse in der Welt. Aber es gibt doch eine Hintergrundgeschichte, die uns tief in das Herz und das Selbstverständnis des japanischen Volkes hineinführt und hohen lebensanschaulichen Nährwert besitzt...
Der Name des jungen Mannes war Hanabi Suzuki (was in der Landessprache ungefähr "Lispelnder Rettich" bedeutet), und er war von Beruf Urologe in einer der angesehensten Kliniken Osakas. Sein ganzes Leben bestand bis zu einem gewissen Zeitpunkt aus der Sorge um das reibungslose Funktionieren der Körpertätigkeiten seiner Mitmenschen. Nach einem streng geordneten Tagesablauf verfahrend, begab sich der brave, unscheinbare Mann tagaus tagein an seine Wirkungsstätte und leistete dort dem Vernehmen nach hervorragende Arbeit. Er besaß kein nennenswertes Privatleben, aber seine Kollegen rühmten seinen Sachverstand und seine sichere Hand, und das weithin.
Eines Tages jedoch begegnete ihm bei einem seiner tadellosen Rundgänge eine junge Frau namens Hisako. Hisako war eine Bergmannstochter, deren zerrüttete Familienverhältnisse (ein alkoholischer Vater, eine moralisch nicht einwandfreie Mutter) ihr nicht nur die Kindheit verdorben hatten, sondern auch eine Unterleibszyste erzeugt. Diese Unterleibszyste wäre eigentlich kaum bemerkenswert gewesen, wenn sie nicht zu eitern begonnen hätte. Dieses Gebrechen hätte, früh behandelt, kaum zu einer lebensbedrohlichen Situation heranreifen können; doch als Hisako die Dienste ihres Hausarztes in Anspruch nahm, war es fast schon zu spät. Hanabi Suzuki nahm die junge Nymphe in seine Obhut und pflegte sie wie sein eigenes Kind. (Verdammte Scheiße, können diese Schützenfest-Wixer nicht endlich mit ihren verdammten Neo-Rock´n´Roll-Exzessen aufhören? Hält ja keine Sau aus...) Hanabi, der eine sanftmütige Disposition sein Eigen nannte, entdeckte sofort den schillernden Schmetterling in ihrer Seele, und sowohl die Tatsache, daß Hisako nicht wirklich von berückender Schönheit war (in der Tat hatte sie sogar eine entstellende Warze auf ihrer rechten Wange!), als auch ihre unehrenhafte Abkunft hinderten ihn nicht daran, sich Hals über Kopf in sie zu verlieben! Sein Gesicht spielte ins Orangene, wenn er ihr sein Thermometer in die abgewandten Körperpartien applizierte, und er tat dies mit der gebotenen Zurückhaltung und Raffinesse eines wahren Gentleman.
Nach nur zwei Wochen machte der gestandene Urologe seiner Patientin einen Heiratsantrag. Die Hochzeit fand in Weiß statt, und hunderte von anmutigen Lotosblüten rieselten auf das glückliche Paar hernieder, als es aus der Kirche schritt, einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele der Anwesenden hatten Tränen in den Augen, so schön und herzerwärmend war die Zeremonie, die Gleiches mit Gleichem zusammenfügte. So sagte der Pastor, und so sahen es die Gäste...
Doch die Allianz stand von Anfang an unter keinem segensreichen Stern. Hisako war nämlich nicht nur häßlich, sondern auch eine ziemliche Schlampe vor dem Herrn - Hanabi hatte sich hier getäuscht! Schon zwei Wochen nach der Hochzeitsnacht wanderte ihr knospender Leib in die Hände eines feisten Geschäftsmannes aus Shanghai, der ihr Gold, Weihrauch und Myrrhe versprach, im Austausch für niedere Gefälligkeiten... Auch ein blendend aussehender Nackttänzer aus Hiroshima wanderte in ihr Lotterbett, und die Bekannten Hanabis spotteten und sangen böse Lieder. Doch wie es so häufig ist - der Schatten, der sich auf den Ehesegen senkte, drang lange nicht ins Herz des gehörnten Gatten. Wie toll es auch die häßliche Hisako trieb - ihr geschäftiger Ehemann wollte nicht wahrhaben, was für eine Schlange er an seinem Busen nährte. Die wenigen Freunde, die der Mediziner besaß, wandten sich von ihm ab, und Hanabi stand alsbald vor den Scherben einer makellos geführten Existenz.
Eines Tages saß er in seiner Gartenlaube und nahm einen Lindenblütentee zu sich, als ihm das Gesicht seiner verstorbenen Mutter im Tee erschien. "Hanabi, Hanabi, was dauerst du mich!", sprach die Erscheinung und weinte bittere Tränen, die den Tee auch nicht genießbarer machten. Dieses Phänomen wiederholte sich wieder und wieder, bis Hanabi schließlich nicht anders konnte als seine Hisako zur Rede zu stellen. Hisako, frech und zänkisch, wie sie war, gab unumwunden zu, daß die Zahl ihrer Liebhaber Legion war. Außerdem teilte sie ihrem Ehemann mit, daß sie ihn verlassen würde, denn der Geschäftsmann aus Shanghai hatte ihr ein lukratives Angebot gemacht. In rasendem Zorn - einem Gefühl, das der Urologe vormals nie verspürt hatte - schrie Hanabi auf seine Frau ein und wollte sie niedermachen. Alles, was ihm zu diesem Zwecke in die Finger kam, war ein alter Reisigbesen, der nur lose raschelte und zerfiel, bevor er das Antlitz seiner gorgonenhaften Gemahlin treffen konnte. Hisako lachte höhnisch, zeigte ihm den kleinen Finger (das ist in Japan das Äquivalent zum westlichen Mittelfinger!) und kratzte die Kurve.
Hanabi war am Boden zerstört und litt wochenlang vor sich hin. In seiner Urologieabteilung ging es drunter und drüber, da er sich nicht mit der gewohnten Sorgfalt um den reibungslosen Ablauf des Tagesgeschäfts kümmern konnte. Doch jedes Leid hat ein Ende. Nach etwa einem Monat hatte sich der Arzt in sein Schicksal ergeben und widmete sich wieder mit Inbrunst seinen Patienten. Das Leben nahm seinen Gang, als hätte sich niemals etwas zugetragen.
Und doch erwies es sich, daß niemals wieder etwas so sein konnte wie vor der unheiligen Allianz. Nach kurzer Zeit bemerkte Hanabi einen mysteriösen Schmerz in seiner Lendengegend. Er wußte nur zu gut, was dies zu bedeuten hatte - Hisako hatte ihn mit einer unaussprechlichen Krankheit infiziert, deren Behandlung langwierig und überaus schmerzhaft war. Aber murrte Hanabi etwa? Begehrte er gegen sein Schicksal auf? Nein, mitnichten, er schluckte den Schierlingsbecher und fuhr fort mit der Ausübung der ihm zugeteilten Pflichten.
Das wäre jetzt alles gut verlaufen, hätte er nicht den Kristallsaal in Bruchsal besucht, bei einer ausgedehnten Europareise. Nachdem er nämlich Stunden damit verbracht hatte, mit seiner sündhaft teuren Leika-Kamera die Glasvitrinen und Himmelbetten des prächtigen Gemäuers abzulichten, bot ihm eine Bedienstete einen Tee an. Und wen sah Hanabi, als er gerade arglos seinen Tee schlürfte? Er sah seine Mutter. Und seine Mutter sprach zu ihm: "Schlachte diese dummen Wixer mit deiner Leika-Kamera brutal ab!" Tja - was sollte er da tun? Vollkommen aus der Rolle fallend, ließ er das Gehäuse seiner Spiegelreflex auf die Häupter der ihn Umstehenden herniedersausen, so manche böse Rißwunde hervorrufend... Dem einen brach er die Schädelkapsel, dem anderen klopfte er ein Auge entzwei. Mit Schmackes hieß er den Fotoapparat in die Weichteile eines fetten Besuchers aus Mecklenburg-Vorpommern donnern, und bevor er sich´s versah, hatten ihn die Sicherheitskräfte überwältigt. Das Resultat dieser grausigen Entgleisung: 13 Tote und 7 Verletzte, Hanabi hatte ganze Arbeit geleistet!
Zu Beginn dieser Geschichte hatte ich noch im Hinterkopf, was für eine wertvolle Moral diesen Vorgängen zu entnehmen war. Wie das aber so ist im Leben, haben die Ereignisse sich verselbstständigt, und was einfach schien, ist verworren immerdar! Sicher ist, daß diese ganze Angelegenheit hätte vermieden werden können, wenn Hanabi niemals die Bekanntschaft von Hisako gemacht hätte. Vielleicht wäre das auch der Fall gewesen, wenn er niemals Urologe geworden wäre. Vielleicht war es auch der Tee, der ihn aus der Bahn geworfen hat...
In jedem Fall eine schöne Geschichte, und RTL hat halt nie darüber berichtet!
:)