WER IST KOMMISSAR ERNST?

Gernot Ernst erblickte das Licht der Welt in dem friesischen Dorf Varel im Jahre 1956. Die Eltern waren brave Bauersleute aus dem Landkreis, die niemals einen Blick über den sehr beengten Horizont geworfen hatten, den ihre alltägliche Arbeit ihnen diktierte. Seine Kindheit war geprägt von einem pausenlosen Umgang mit ländlichen Arbeitshandlungen, zu denen etwa das Melken von Kühen mit prall geschwollenen Eutern gehörte oder das Betätigen von agrikulturellen Maschinen, z.B. Mähdreschern und Güllepumpen. Sonntags ging es in die Kirche. Seine Eltern waren aufrechte Protestanten, denen der Sporn der realen Notwendigkeiten genauso in der Seite saß wie die moralische Konzeption eines absoluten Guten und eines absoluten Bösen. Nicht, daß Ernst diese Konzeption geteilt hätte (es gab viele familiäre Dispute und Streitigkeiten), aber die Ahnung eines Grundübels in der Welt war in seine Gefühlsbahnen eingesickert. Selbst seine Spielgefährten im Sandkasten betrachtete er nach streng moralischen Gesichtspunkten. Ihnen eine Fehlerhaftigkeit zuzubilligen, war schwer für ihn. Es gelang ihm erst nach vielen eigenen Erfahrungen. Hart gegen sich und andere, brach er zahlreiche Keilereien vom Zaun, und nicht selten mußten ihn seine Eltern mit einem blauen Auge oder einem ausgestoßenem Milchzahn zu Hause antreffen.

Seine ersten geschlechtlichen Erfahrungen sammelte er mit einer gewissen Hildegard Bongen, die aus dem Nachbardorf stammte. Jugendfeten gab es ja schon vor dem neuen Jahrtausend. Er machte Eindruck auf die Apothekertochter durch sein unnahbares und bestimmtes Auftreten. Nach einem gemeinschaftlichen Hupf entführte er sie in einen dichten Tann und erzählte ihr allerlei Geschichten, von seiner Vision eines völlig sicheren und gefestigten Deutschlands, und vom Mondschein erzählte er ihr auch etwas. In letzter Instanz endete sein Genital in dem ihren, und der Effekt war ein angenehmer. Mondlicht und starker Staat verflossen ineinander, und Kommissar Ernst bekam eine erste Vorstellung von der Wucht, mit der seine nachmaligen Erlebnisse einschlagen sollten. Auch der giftige Sumach hinterließ einen bleibenden Eindruck auf die Persönlichkeit des werdenden Kriminalisten.

Sie wurde nicht seine Freundin, oder zumindest nur für zwei Wochen, wie das in jener Phase der tobenden Hormone oft der Fall ist. Doch Gernot pflanzte sich seinen Pfad durch die folgenden Jahre des Freiheitskampfes. Die Konstanten blieben erhalten.

Das alles fand ein Ende, als er 1978 gen Hamburg stromerte, um dort an der dortigen Polizeihochschule einzuschreiben. Er absolvierte seine Ausbildung mit summa cum laude und ließ sich niemals anmerken, daß ihm die akademische Regelstrenge fast ebenso stank wie das Verbrechen. Das Verbrechen war für ihn das Sinnbild des Übels, und es war sein persönlicher Feind. Was seine Professoren ihn gelehrt hatten, war gut und schön, aber in erster Linie interessierte und beeindruckte ihn das, was er riechen und schmecken konnte. Und das war nicht die labbrige Milch aus dem Schulautomaten. Das war die Welt draußen, mit ihren herausfordernden Verstrickungen. Ihrer immer mehr ineinander übergehenden Trennlinien von dem, was allgemein anerkannt und akzeptiert ist, und den trüben Bereichen, in denen sich die allgegenwärtige Ungerechtigkeit ihre Profite schafft. Kommissar Ernst stank die Welt, und er wollte sie ändern.

Seine erste Gelegenheit dazu bekam er im Folgejahr, als er in der Kripo Fuhlsbüttel einen Posten bekam, der wenig mehr war als eine Anstellung als Kaffeebursche. Die Willkür seiner Vorgesetzten kotzte ihn an, und als ein besonders widerwärtiger Chef ihn aufgrund seiner defätistischen Äußerungen mit einem unwillkommenen Einschnitt in seiner Karriere bedrohte, antwortete er mit einer Anzeige wegen Nötigung im Dienst. Der Vorgesetzte konnte sich gratulieren, denn er hatte nicht mit Ernsts eherner Widerstandskraft gerechnet. Bevor er sich versah, war er in den Außendienst suspendiert und schippte Scheiße. Ernst argumentierte diamantklar und fürchtete sich nicht vor den möglichen Konsequenzen. Sein Standpunkt war klar: Sein Boß wollte ihn verramschen, und er wollte verdammt sein, wenn er das mit sich geschehen ließe!

Sein erster großer Fall war der eines Prostituiertenmörders. Hermann Darben war sein Name, und er arbeitete als Loddel in seinem Revier. Ernst biß sich in seine Seite und hetzte ihn bis zur Aufgabe. Dabei verliebte er sich ein wenig in eine Hure namens Prinzessin, die vom Luden aufs Korn genommen worden war. Die Liebe währte nur kurz, denn Prinzessin ging bald wieder anschaffen, und Ernst wendete sich von ihr ab, schweren Herzens.

Das schwere Herz bekam Frischfutter in Gestalt eines scheinbar harmlosen Buchhalters namens Kosubek, der in seiner Freizeit häßliche Blondinen killte. Die Tatsache, daß er auch Verstrickungen mit der Hamburger Verbrecherwelt aufzuweisen hatte, die ein fettes finanzielles Interesse an dem mickrigen Mann besaß, führte zu schußgewaltigen Streithändeln, die in einem Triumph von Ernst endeten.

Schließlich wurde Ernst Kommissar, und es dauerte einige Jahre, bis dies wahr wurde. Sein beherztes Auftreten im Dienste des Gesetzes führten zwar zu einigen Rügen von seiten seiner Vorgesetzten, doch was er von Vorgesetzten zu halten hatte, wußte Ernst schon früh genau. Er ging seinen Weg, und es war ein gerader Weg, ein Weg der Konstanten, ein Weg, an dem es nichts zu deuteln gab.

Manche munkeln, daß seine letztendliche Versetzung eine Vernunftsentscheidung seiner Bosse war, doch für Ernst gab es kein Zurück - es gab nur Sieg oder Niederlage. Er hatte seinen Privatkrieg mit dem Verbrechen aufgenommen, und es würde nichts geben, was ihn von seinem Vorhaben hätte abbringen können: sein Teil beizufügen, diese Welt zu einem lebenswerteren Ort zu gestalten.

Was immer die Zukunft an kreiselnden Reifen und böllernden Ballermännern für ihn bereithalten würde - Kommissar Ernst würde niemals klein beigeben. Ernst hatte den Kanal voll von diesigen Kompromissen und Amtsgeschmiede. Er wollte die Gerechtigkeit, und die konnte er sich nur selber holen. Die Gefahr im Polizeidienst, die Hoffnung im Bauch des geschundenen Bürgers - hier war sie! Kommissar Ernst will seine Rente genauso wie jeder andere, aber wenn das heißt, stumpfe Lügen anzunehmen, dann weiß er ganz genau, welchen Weg er einzuschlagen hat. Kommissar Ernst ist es wurscht, welchen Lügen er zu glauben hat. Für ihn geht es strack nach seiner Nase. Die ist leicht gekrümmt, geht aber in letzter Hinsicht immer geradeaus, in den Horizont. Er hat keinen Bock auf Mucken, hat zu viele davon in seinem Beamtendasein erlebt. Er sucht sich keine Konstanten, er schafft sie. Das sind nicht immer die schönen, aus denen Frieden und Freundschaft wuchern. Aber der Mähdrescher in seinem Bauch schafft Klarheit, wenn Dunst die Sicht vernebelt.

Kommissar Ernst ist wie Ollie Kahn im Tor. Jeder weiß, daß der FC Bayern finster und hassenswert ist. Aber jeder weiß, daß er der beste ist. Ernst weiß das auch, und er sucht sich die individuelle Note in der Bundesliga. Wenn es falsch ist, der beste zu sein, dann ist es richtig, der beste zu sein. Er geht schnurstracks seinen Weg, versucht immer, seinem Team das Beste zu geben. In der letzten Instanz ist er selber der beste Hochheber des Cups. Und wenn nur der gewinnen kann, der seine Mannschaft bei einem Ausrutscher erwischt, dann will er derjenige sein, der den Ausrutscher verhindert. Der ewige Widerstreit zwischen dem Selbst und der Mannschaft ist sein Widerspruch, und es ist seine Lebensaufgabe, diesem Widerspruch einen Sinn zu geben.

Ernst wird es immer geben. Wer ihn angreift, ist sein Feind. Aber er weiß auch intuitiv, daß seine Hoheit nicht so absolut ist wie die Konstanten, die er sich erschaffen hat. Und solange das so ist, wird er fortfahren in seinen Ballereien, seinen Autoverfolgungsjagden und seinen Kampfhändeln, in die er verstrickt wird. Kommissar Ernst ist ein Kind unserer Zeit: Er hinterfragt nicht die Verhältnisse, die ihn einbinden in seine Rolle. Das segnet ihn und gibt ihm die nötige Stärke. Das läßt ihn fortfahren in seinem Tun.

Vielleicht findet er ja doch noch irgendwann eine Frau.

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