Ernst hatte wieder einmal katastrophal schlechte Laune. Auch wenn er der Gräfin ein klein wenig den Dutt angeheizt hatte - er war immer noch ohne vorzeigbare Beweise. Was hatte er denn schon? Dumpfes Gebrabbel von einem Dealer, den er zu Kleinholz verarbeitet hatte; eine saubere Gesellschaft, bei der man einmal gehörig mit dem Handfeger durchgehen sollte; und den kleinen Mann in seinem Schädel, der ihn ständig daran gemahnte, daß der nächste Kaffee direkt um die Ecke lauerte. Er beschloß, erstmal auf den kleinen Mann zu hören, und sog bei Knigge eine leckere vierstöckige Krönung der ganz schwarzen Sorte ein.Das Pulver am Boden der Tasse klebte ihm noch am Gaumen, als er aus allernächster Nähe einen Taschendiebstahl miterlebte. Ein sehr abgerissen aussehneder Hallodri schnappte sich die Handtasche einer typisch hanseatischen Gewitterziege mit dem Makeup des zweiten Frühlings. Kaum krisch die Gute das halbe Abendland zusammen, als Ernst bereits aus seinem Terassenstuhl federte und mit einem Satz über das breite Geländer des Knigge-Restaurants setzte. Die Siebenmeilenstiefel in seinem Herzen gaben ihm die Sporen - mit Vollgas düste er dem Hallodri hinterher.
Kurz vor der Sparkasse stellte er ihn. Es erwies sich, daß es sich nicht nur um einen Hallodri handelte, sondern um einen ausgewachsenen Hajupei - er wehrte sich, was das Zeug hielt. Glücklicherweise schien die Handtasche der Beraubten einige Bleigewichte zu enthalten, denn als Ernst mit dem Diebesgut um sich schlug, ermattete die Gegenwehr des Gauners im Nu.
Ernst betrachtete den schlafenden Galgenstrick, wie er so dalag im Schatten des Bismarck-Denkmals. Er hatte ein fast jungenhaftes Gesicht, und in seinem gegenwärtigen Stadium der Bewußtlosigkeit hätte man nicht meinen mögen, was für Übelsinn in seinem Busen schlummerte. Ernst setzte noch einen launigen Tritt hinterher und trollte sich. Die Kollegen von der Marktplatzpolizei würden den Rest übernehmen.
Auf seinem Weg zurück zum Stadtkern kam Ernst auch am Roland vorbei. Die Statue des großen Eroberers wurde umsäumt von stachelköpfigen Punks, die sich Tütenwein mitgebracht hatten und dort offensichtlich bereits seit gestern abend kampierten. Die Erfahrungen seines Berufes hatten ihn milde gestimmt, und so setzte er seinen Weg fort, ohne die Jugendlichen zu behelligen. Im Gegenteil: Als ihm einer der Lederjackenträger einen launigen Stinkefinger entgegenstreckte, antwortete er mit einem fröhlichen Winken und grinste breit. Der Punk war zu hacke, um das zu registrieren. "It´s a holiday in Cambodia, where you do what you´re told", summte Ernst vor sich hin.
Mit wesentlich besserer Laune stiefelte Ernst durch die Sögestraße, am großen Monument vorbei, das man dem Fußballtrainer Otto Rehhagel dort errichtet hatte. Tauben hatten sich an seinem Fuße eingenistet, aber sein Haupt war wie durch ein Wunder frei von schmählichem Weiß.
Als er das Sögestraßenkino passiert hatte, kam er noch einmal bei Knigge vorbei und kaufte sich ein teures, aber leckeres Eis. Natürlich Heidelbeer - nur Verlierer schlecken Fruchtloses. Munter schleckend genoß er die warme Sonne des Vormittages.Dann geschah das Unfaßbare: Als er an den massiven Bronzeschweinen vorüberschritt, die die Sögestraße vom Verkehrsknotenpunkt Schüsselkorb trennen, setzte es ein gewaltiges Gepolter - alle drei Schweine fielen mit einem gewaltigen Pumpern um! Wie durch ein Wunder entging Ernst dem Aufprall der schweren Borstenviecher. Im Nu war er wieder auf den Beinen und ließ den Blick schweifen: Lauter gaffende Menschen, und dort hinten, halb verdeckt von dem Schweinehaufen, ein Mann, der Fersengeld gab. Kein Zweifel, hier war der Attentäter!
Kommissar Ernst nahm die Arme unter die Beine und spurtete, was die Lunge hergab. Quer durch die Knochenhauer Straße prügelte er seinen matten Leib, und auch das Heidelbeereis konnte nicht verhindern, das sich die Zahl seiner Jahre jetzt bemerkbar machte. Ohnmächtig mußte er zusehen, wie der Verfolgte sich in seinen Wagen knechtete und davonrauschte.
Ohne groß nachzudenken, schubste Ernst einen Passanten, der gerade dabei war, in seinen BMW zu steigen, beiseite und ließ sich hinter das Steuer fallen. Er zückte seine Marke, bellte "Polizei! Die Schlüssel!" und sah nicht ohne Wohlgefallen, daß der verdatterte BMW-Schütze spurte. Es gab doch noch aufrechte Bürger, sogar unter BMW-Fahrern. "Danke!" lächelte Ernst und gab Gas, was das Zeug hielt.
Die Jagd ging gen Osterdeich, wo die Autofahrer, die an der wunderschönen Weser entlangtaperten, nicht schlecht staunten, als dort auf einmal der Bär losging. Ernst trat das Pedal bis zum Anschlag durch und gab alles. Eine Graugans klatschte gegen die Windschutzscheibe - es war ein schlechter Tag für die Gans. Der Kommissar wollte verdammt sein, wenn es nicht auch ein schlechter Tag für den Attentäter werden würde...
Eine Komplikation ergab sich, als auf einmal eine der zahlreichen Bremer Baustellen auftauchte: Ein Zementwagen hatte sich auf die rechte Spur geschoben und blockierte den Verkehr. Für den erfolglosen Killer bedeutete dies kein Hindernis: Er wich aus auf den Bürgersteig, sauste durch die Bäume hindurch und fuhr in der Halbschräge die Weserterrassen entlang!
Ernst ließ sich nicht lumpen und blieb dem Schurken auf der Spur. Mit Vollgas preschte er im 45°-Winkel durch die Pampa und ließ die Sonnenbadenden aufspritzen. Von ferne lockte das Weserstadion.
Jetzt benutzte der Killer einen miesen Trick: Er steuerte seinen Wagen auf die Weserfähre, die direkt am Weserstadion immer ihren Dienst versah. Mit einigen Böllerschüssen aus einer Handfeuerwaffe brachte er den Fährmann dazu, seinen Fahrplan zu brechen und loszudüsen.
Kommissar Ernst war aber kein Mann, der sich von Lappalien abhalten ließ, und mit der Kraft der zwei Hubräume drosch er durch das Schilfgras. Sanft segelte der Wagen auf die Fähre hernieder, die noch nicht weit vom Ufer entfernt war, und begrub den Killer unter sich.
Wie durch ein Wunder wurde kein anderer der Fährpassagiere verletzt.
Kommissar Ernst knechtete sich hinter dem Steuerrad hervor, katapultierte aus dem Wagen und fuhr dem maladen Schurken ins Getreide. Es brauchte nicht viel dazu, denn sein Oberkörper hatte dem Achsgetriebe des BMW nicht standgehalten. Der Mann war mausetot.
Sanft schaukelte die Fähre in der blauen Weser, und Ernst fragte sich, ob er nicht vielleicht etwas vorschnell gehandelt hatte. Ungläubiges Schweigen herrschte ihn von ringsumher an. "Äh, Polizei und so weiter!" meinte er nur benommen. Dann verlor er das Bewußtsein.