WÜRDE
IST EIN KONJUNKTIV
Ein
Leben für die Wurst
Am 12. September jährt er sich
zum
hundertsten Mal, der Geburtstag von Klaas Straggel! Passend zum
Jubiläum erscheint im Hamburger Röntz-Verlag eine Sammlung
mit Aufsätzen, die sich mit dem Wirken eines Mannes
beschäftigt, von dem die wenigsten Notiz genommen haben werden,
aber seine unermüdlichen Bemühungen um die vielfältigen
Verwendungsmöglichkeiten deutscher Wurstwaren leuchten strahlend
am Firmament der Geschichte menschlichen Erfindungsreichtums. Daß
ihm in seinem fast 7 Jahrzehnte umspannenden Ringens mit der Wurst die
internationale Anerkennung - und, bis auf wenige Ausnahmen, auch die
nationale - versagt geblieben war, ließ ihn nicht abweichen von
seinem Weg in die Zukunft. Klaas Straggel ist schon immer einer meiner
persönlichen Helden gewesen, symbolisiert er für mich doch
den Kampf gegen die unausweichlich erscheinenden Gegebenheiten.
Unbeirrt schritt er seinen Weg, ging ihn wie ein Mann. Jetzt ist er
tot. Doch Straggels Beispiel gibt Mut, denn es zeigt auf, wieviel
Neuland der Mensch noch betreten kann, dessen er nicht gewahr ist.
Spott und Häme sind der Wegzoll, den so mancher kühner
Neuerer zu entrichten hatte. Manch einer landete auf dem
Scheiterhaufen. Der Weg von Klaas Straggel war hart und dornig, doch
hätte er ihn nicht beschritten, wäre die Menschheit
vielleicht nicht da, wo sie jetzt gelandet ist.
Vom
notorisch kamerascheuen Straggel existieren kaum Fotos. Dies hier zeigt
ihn in lustiger Runde, mittlere Reihe, dritter von rechts. (Ca. 1930)
Klaas Straggel wurde geboren am 12. 9. 1909 in der saarländischen
Kleinstadt Bitsch, gelegen zwischen Fut und Mohrenfeld. Sein Vater war
Landwirt, seine Mutter Hausfrau. Während des Ersten Weltkrieges
verbrachte Straggel eine betuliche Kindheit. Die wenigen schriftlichen
Kommentare von ihm, die über diese Zeit vorliegen, verraten ein
allumfassendes Gefühl der Geborgenheit und der Nestwärme, das
ihm von seiner Mutter mitgegeben wurde. Da der Vater aus dem Krieg
nicht mehr zurückkehren sollte, oblag es ihr, den kleinen Klaas
sowie seine Brüder Henning, Volkmar und Dörte durch die
schweren Jahre danach zu bringen. Glücklicherweise ging die Zeit
der Nachkriegskrise an den Straggels weitgehend vorbei. Erst als
Jugendlicher sollte Klaas erfahren, daß sein Vater erfinderisch
tätig gewesen war: Er hatte den Aufnahmerahmen seines
Rübenroders mit Zinkblechrillen vernutet, damit eine höhere
Aufnahmequote gewährleistet war. Zeit seines Lebens empfand es
Klaas als eine große Schmach, daß seinem Vater dafür
nicht die Aufmerksamkeit zuteil geworden war, die er seiner Meinung
nach verdiente. Diese Schmach mag zum geheimen Motor seines Schaffens
gereift sein. Mit 14 Jahren bastelte er seine erste Zwille, die aus
einer Wurstpelle bestand, die an einer Wünschelrute befestigt war.
Was das sollte, wußte er selber nicht so recht, aber er
präsentierte seiner Mutter wie seinen Spielkameraden die Erfindung
wie den Stein der Weisen. Unmittelbare Bewunderung wurde ihm dafür
nicht zuteil, aber da er fast zwei Meter groß und sehr
kräftig war, zollte man ihm einen gewissen Respekt. Die
merkwürdige Fixierung auf Würste, die sein Lebenswerk
prägen sollte, mag ursprünglich von seiner großen Liebe
zur Metzgerstochter Heidi M. herrühren, die aber weitgehend
unerwidert blieb. Die Abweisung traf Klaas schwer, und so drosch er die
einstmals Angebetete zusammen, was ihm 30 Tage im Dorfkarzer
einhandelte. Danach war er fertig mit Bitsch und ging nach
Saarbrücken, um dort an der Technischen Hochschule zu studieren.
Schon bald war man von den Eigenheiten des jungen Mannes alarmiert.
Zwar rühmte man weithin seinen wilden Eklektizismus und seinen
Neuererdrang - Probleme, an denen sich schon Generationen von
Hochschulprofessoren die Zähne ausgebissen hatten, ging er auf
frische, überraschende Weise an. Doch die notorische
Erfolglosigkeit seiner Unternehmungen und die damit verbundene Schmach
nagten schwer an den Grundfesten der traditionsreichen Anstalt.
Überliefert ist z.B. sein bahnbrechend angelegtes Experiment,
einen Klebstoff aus Schweinskopfsülze zu gewinnen. Ein Versuch,
die Kupola des Hochschulrefektoriums mit dem Kleber zu festigen, endete
in einem Fiasko, das wenigstens einem Hilfskoch das Leben und einem
anderen das linke Ohr kostete. Strafrechtliche Konsequenzen hatte diese
Episode nicht, aber die Tage von Straggels Hochschulzeit waren
gezählt. Nach einer bitteren Aussprache mit dem Rektor schied er
im Unfrieden und zog sich verbittert auf das Anwesen zurück, das
er angemietet hatte. Dort vergrub er sich für mehrere Jahre und
ergab sich dem Studium deutscher Wurstliteratur. Diese Schaffensphase
förderte zahlreiche bizarr anmutende und bezaubernd unnütze
Klunkern zutage, etwa eine überarbeitete Fassung der
Rübenroderoptimierung seines Vaters auf Wurstbasis, die
Herstellung hitzeresistenter und fettabweisender Schürzen aus
Salami für den Industriegebrauch und ein Bonbon aus Pansen. Das
"pièce de resistance" seiner Saarbrückener Periode war aber
ein neuartiger Treibstoff, der zu Beginn nur für seinen
selbstentworfenen Rübenroder gedacht war, später aber von
Wernher von Braun aufgegriffen wurde - nur einer von vielen
Fällen, in denen Straggels von vielen verhöhnten
Schöpfungen anderswo Früchte trugen. In diese Zeit fallen
auch seine ersten literarischen Schöpfungen, u.a. seine
"Braunschweiger Gedichte", die zu den mit Leichtigkeit
eigentümlichsten erotischen Gedichten des deutschen Sprachraums
zählen.
In das Universum des Klaas Straggel einzudringen, erfordert große
Hartnäckigkeit und eine gewisse Liebe zum Verschrobenen. Die
ungefähr 150 Patente, die er im Laufe seines langen Lebens
anmeldete, konnten sich niemals durchsetzen und trugen ihm den Ruf
eines Sonderlings ein. Unbeirrt jedoch arbeitete er an immer neuen
Projekten, die ihn leider auch von jeder Familienbildung fernhielten.
Enge Freunde berichten von seiner späten Reue. Wie es scheint,
konnte er seine erste große Liebe niemals verwinden. Den Wagemut
seiner Erfindertätigkeit nur als Resultat kompensatorischer
Verdrängung zu deuten, griffe aber zu kurz. Tatsächlich war
der Weg, den Straggel beschritt, wohl ein Kind vieler Eltern, nicht
zuletzt ein Kind des letzten Jahrhunderts. In einer Zeit, in der
Konstanten zunehmend verloren gingen, sich viele Ideale als
trügerische und häufig verderbenbringende Luftschlösser
entpuppten, hielt Straggel an seinem Traum fest, dem Traum von der
Wurst als Identitätsstifter in einer immer unübersichtlicher
werdenden Welt. Seht her, schien uns Straggel zuzurufen, der Mensch
scheitert an seiner Hybris, an seinem irregeleiteten
Götzenglauben, aber die Wurst bleibt bestehen! Wie sehr der
große graue Wonnebatzen in unseren Schädeln uns der
Versteinerung oder dem Verderben entgegenführt, es führt
immer ein Weg heraus, wenn man an seinen Prinzipien festhält.
Straggels Prinzip war die Wurst, und er hielt an ihr fest, bis es ihn
schließlich im Jahr 1982 hinwegraffte. In seinem Nachlaß
fand sich u.a. ein fast 1000-seitiger unveröffentlichter Roman,
der eine utopische Neuformulierung der Bundesrepublik Deutschland
darstellt, die unglaublicherweise bis heute noch ihrer
Veröffentlichung harrt. Dem Vernehmen nach steht auch dieses Buch
fest im Zeichen der Wurst. Vielleicht findet sich ja noch ein Verleger,
der den Mut und den Freigeist aufbringt, dieses Pamphlet einer
staunenden Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die bereits erschienene Aufsatzsammlung - "Die Wurst in uns allen" -
kann ich jedem ans Herz legen, der sich mit dem vergangenen Jahrhundert
näher beschäftigen möchte. Die Geschichte mag von den
Männern und Frauen geschrieben werden, deren Einfluß
primär auf Geld und Verbindungen beruht, aber es ist der Kampf des
Durchschnittsmenschen, der sich seiner Fesseln zu entledigen sucht, der
jeder Zeit ihren besonderen Charakter verleiht. Manchmal drückt
sich das in kulturellen Leistungen aus, manchmal im Zeugen bzw.
Gebären mehrheitskompatibler Tausendsassas. Bei Straggel war es
eben das Rätsel der Wurst, das er in seinem langen Leben zu
entblättern suchte. Und auch wenn uns seine Schöpfungen aus
heutiger Sicht kryptisch und sogar belächelnswert erscheinen - sie
sind doch ein vorzügliches Symbol für die
Unzulänglichkeiten des rein auf Profitmaximierung zugeschnittenen
Lebensentwurfs, der uns ja auch den Schlamassel beschert hat, in dem
wir heute stecken. Und - holen uns die Politiker aus diesem Schlamassel
heraus? Werden uns die Unfehlbarkeitsapologeten der Massenmedien da
herausholen? Vermutlich hätte uns auch Klaas Straggel da nicht
herausgeholt, aber sein unentwegtes Festklammern an den
persönlichen Fallstricken hatte etwas liebenswert Unschuldiges und
Unprätentiöses. Keine auf Profit ausgerichteten
Lügenwelten wurden von ihm gewoben, keine Lemminge in den Abgrund
gelockt. Er folgte seiner Natur, und in die ging er schließlich
auch ein. Um es mit einem Zweizeiler aus seinen "Braunschweiger
Gedichten" zu sagen: "Was du
wirst, ist wurst/ was du warst, ist wurst." Klaas Straggel, ein
Schaf im Wurstpelz.
Klaas
Straggel 1967, mit einem Prunkstück seiner Wintermodekollektion.
Unglücklich sah der Mann nicht aus...
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