Kumpel frisieren Christus, Bärchen und die Pflasterbande

("Blut...Gehirn...Massaker!!!")

Meinen Rundumschlag ohne eine wohlgefällige Würdigung des KFC in die Freiheit zu entlassen, liegt mir fern. Zwar weiß ich nicht viel über den Werdegang dieser Truppe, aber was geradlinige Punkmusik angeht, so ist diese Düsseldorfer Vereinigung zwielichtiger Gestalten einer meiner Favoriten! Leadsänger Tommi Stumpff ist mir auch aus zwei Kurzfilmen bekannt, Harry Rags "Der wunderbare Mandarin" und Wolfgang Wendlands "Linnemann". Was genau KFC nun bedeutet, ist mir nicht bekannt, obwohl sich die Gruppe irgendwo als "Katholischer Fanfarenchor" und "Kriminalitäts-Förderungsclub" aufschlüsselt. Vielleicht versteckt sich hinter den Herren auch eine Fußballmannschaft, doch mit was die gespielt haben, möchte ich ja nun nicht wissen...

Das erste Erzeugnis aus dem Hause KFC, das mir auf Vinyl vorliegt, sind die vier Stücke, die den ersten "Schallmauer-Sampler" (1980) verzieren und fraglos die Krönung dieser LP darstellen. Eingeleitet von niemand Geringerem als Jerry Cotton himself, eröffnet sich dem Hörer ein breites (breeeites) Spektrum gesellschaftlicher Mißstände (z.B. Kleptomanie und Selbstmord), zu denen befreit getanzt werden darf, denn es wird gepogt bis zum Exodus. Fragloser Höhepunkt der Platte ist das abschließende "Stumpf ist Trumpf", das zwischen Selbstkritik des Sängers und ausgemachter Zuhörerbeschimpfung wechselt, wobei auch "Annette von Hans-A-Plast" Erwähnung findet. Das gibt mir Gelegenheit, noch ein paar passende Worte zu den Hannoveraner Kollegen zu finden, aber immer langsam...

Ein großes Mysterium war für mich lange Zeit die Single "Kriminalpogo", die man eigentlich nur noch mit roher und sinnloser Gewalt bekommt, denn ansonsten ist sie zu teuer... (Der kapitalistische Fummelclub?) (Die A-Seite findet man immerhin auf dem relativ neuen LP-Sampler "Bloodstains Across Germany", wo auch Stücke von seltenen Kostbarkeiten wie der "Soilent Grün"-7´´ oder der ersten S.Y.P.H.-7´´ verewigt sind.)

1981 kam dann die erste LP, "Letzte Hoffnung", die mit Kaminfeuerromantik und Schalmeiengetön nun wirklich gar nichts zu tun hat. Stattdessen liefert das fröhliche Quartett einen saftigen Tritt in den kollektiven Hintern, wobei auch meine Heimatstadt, Bremen, nicht ungeschoren davonkommt... Das bekannteste Stück ist sicherlich "Für Elli", in dem Beethoven und Pogomucke anmutig miteinander verwoben werden. ("Elli, ich bin munter, hol´ mir bitte einen runter...")

Das zweite und letzte Album hieß "Knülle im Politbüro" (1982), und Margot und Maria Hellwig (die gerade bei Biolek gepflegte Trachtenhaftigkeit im Angesicht des dräuenden Todes vermitteln) hätten bei dieser Musik nicht ihr Auskommen.Wer aber subversivem Punk, dessen fehlende Kopflastigkeit durch überbordende Freude am koordinierten Chaos ausgeglichen wird, etwas abgewinnen kann, wird mit der Platte eine Menge Spaß haben.Eigentlich finde ich die Platte besser als das Debüt, obwohl "Stumpf ist Trumpf" wirklich der unangefochtene Hit war... Na ja, wenn "Knülle im Politbüro" im Osten gehört worden wäre, hätte der realexistierende Sozialismus schon lange vorher aufgehört, zu existieren. Totalitäre Regimes und Humor hassen einander wie die Pest. Überhaupt ist der Humor der Todfeind eines jeden denkfaulen Menschen, auch im Kapitalismus. Aber bevor das hier politisch wird, möchte ich anmerken, daß die Hellwig-Sisters jetzt richtig Stoff geben - unterm Dirndl wird gejodelt, großer Gott! Beste Songs der Platte sind "Flamme empor" ("...der Parademarsch der Gänsegeier...") und "Das Klokind". Finde ich ja nun.

Von den späteren Soloerzeugnissen Tommi Stumpffens möchte ich vor allem "Zu spät, ihr Scheißer" wärmstens empfehlen, dessen minimalistischer Synthie-Beat den aggressiven Gesangsstil des Künstlers effektiv untermalt und mir sehr ans Herz gewachsen ist.

So, und da ich beim Kosmonautentext ganz vergessen habe, auf die Hannoveraner Punkbands hinzuweisen, die auf dem "No Fun"-Label gewirkt haben, jetzt noch schnell zu Hans-A-Plast, in deren Leadsängerin Annette ich ja in Teenagerjahren wie vernarrt war! So richtig nahe hat mir die Band eigentlich nie gestanden, aber ihre ersten beiden LPs mag ich ja nun doch sehr gerne... Beide Platten sind unbenamst gewesen und werden im wesentlichen von ihren beiden Covern bezeichnet. Das erste zeigt eine Ratte, die dem drohenden Flammentod gerade noch entrinnt und enthält u.a. den kleinen Klassiker "Lederhosentyp", das von einem furchterregenden Olivia-Newton-John-Intro eingeleitet wird. Die zweite Platte wird von einem Schnittmuster geziert. Das schöne "Kurz + dreckig" vermittelt einen denkbar unromantischen Eindruck vom geschlechtlichen Miteinander, der auch vom Rest der Songs gestützt wird. ("In der Nacht, in der Nacht wird Humphrey Bogart umgebracht...") "Ich zünd´ mich an" - da muß ich doch gleich wieder auf den Fernseher schauen, wo die Hellwigs sich gerade eitel bekichern! Hans-A-Plast war nicht wirklich eine humorige Band - eher hatte man das Gefühl, daß hier auf dem Wege der Punkmusik etwas politischer Sachverstand in das Volk geblasen werden sollte. Obwohl die Band Mitglieder denkbar unterschiedlichen Geschlechts aufzuweisen hatte, sehe ich sie eher als Frauenband, und was die Frauen angeht, so denke ich, daß Nazipunks bei Annette, Bettina und Renate blitzschnell das Knie in den Weichteilen gehabt hätten, und das ist ja nun eigentlich ganz sympathisch! (Da geht sie hin, die deutsche Pracht, hihi.) Die beiden ersten LPs gehören eindeutig zu den besten Sachen, die auf dem Label rausgekommen sind. Über die Ansichten, die in den Texten zum Ausdruck kommen - und das war eindeutig eine Message-Band! -, kann man streiten, aber es spricht für die Qualität der Musik (und auch für Annettes charismatischen Vortrag), daß man streiten möchte. Sehr viel akzentuierteren Frauen-Punk machte die No-Fun-Band UnterRock, deren Sängerin eher nach 70er-Jahre-Messagerock denn nach Punk klang. Geht mich geschlechtermäßig natürlich nicht direkt was an, war aber deutlich besser als z.B. Östro 430, die deutlich prolligere Attitüden vertraten. Trotzdem: Im ansonsten eher hippiegetönten Frauenrock sind solche Bands mit ihrer Aggressivität und Direktheit ("Wir holen uns einfach, worauf wir Bock haben!") doch recht erfrischend gewesen. Es gibt eine Webpage, die sich mit dem Thema Rockmusik von und für Frauen beschäftigt (inklusive Extraseiten über Hans-A-Plast und UnterRock), und zwar hier.

Sehr befreundet mit den Hansaplastern waren Bärchen + die Milchbubis, deren Sängerin ebenfalls Annette hieß und gerne als Bärchen Brotkiste bezeichnet wurde... Nach einer sehr punklastigen Single mit dem schönen Titel "Jung kaputt spart Altersheime" gab es die LP "Dann macht es B.U.M." (1981), auf dem Nettchens angenehm schräger Gesang sanften Spott auf verschiedene Irrwege des menschlichen Daseins träufelt. (Lieblingssong: "Fernet"!) Der unangefochetene Hit ist jedoch "Pogo liebt dich", dessen ganzer Text lautet: "Wer hat mir den Verstand geklaut, er wurd´ mir einfach rausgeschraubt." Da das Lied auf einer Endlosrille endet, kann man sich bis in alle Ewigkeit mit dem Song vergnügen, und es gibt zahlreiche Zeitgenossen, die eine weniger anmutige Form der Daseinsbewältigung gewählt haben... Achtet auch auf die ansonsten nicht so dolle Samplerplatte "Zu Gast bei No Fun", wo Bärchen und Konsorten das Stück "D.N.S." von den 39 Clocks hübsch covern.

So. Leider habe ich zu den drei Gruppen keine Weblinks anzubieten und weiß auch nicht, was aus den Musikern geworden ist. Ich hoffe aber, sie sind wohlauf! Bei Bärchen und ihren Buben habe ich ein mir damals zugesandtes Foto eingefügt, dessen Hakenkreuzbezug ich nicht näher kommentiere. Aber das Bärchen, das sie mir gemalt hat, ist doch niedlich, oder?

                  Kanonen für Cordoba                                                     Hans-A-Platsch                                             Bärchen + Co. (Wenn Ihr die Widmung lesen wollt, stellt die Welt auf den Kopf!)
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