DIE KASSIERERGuten Tag. Ich bin schon ziemlich blau, und wann, wenn nicht jetzt, sollte ich eine ernstgemeinte Huldigung an die mächtigen Kassierer beginnen? Ich weise schon jetzt darauf hin, daß dieser Text mit einem "Auf Wiedersehen" enden wird, das einen zyklischen Aufbau andeuten soll. Als ich auf dem vorvorigen "Besonders wertlos"-Festival das erste Mal Wolfgang Wendland traf, hatte ich ehrlich gesagt noch nie etwas von den Kassierern gehört. Wie konnte das geschehen? Ich weiß es nicht. Verantwortlich zu machen sind vermutlich eine fehlgeschlagene Erziehung und ein auf überkommenen Moralbegriffen aufgebautes Wertegefüge, das mir 31 Jahre lang verwehrt hat, etwas von diesen großartigen Leuten mitzubekommen. Sie verkörpern jetzt für mich in etwa das, was Punk für jeden anständigen Menschen bedeuten sollte - Humor im Angesicht der nackten Tatsachen! "Sand im Getriebe sein" - ich zitiere hier meinen Freund Ralf gerne erneut, der mich mit Nachdruck in die bunte Welt der Kassierer eingeführt hat.
Ein paar Worte vorweg zu Wölfi, der auch schon als Filmemacher seine Meriten gesammelt hat. Dieser ungewöhnliche, aber sehr liebenswerte Zeitgenosse ist verantwortlich für diverse Kurzfilme, von denen mein liebster "Der Störfall" heißt, von mißliebigen Zuständen in einer Anlage für Störzucht handelt, die dann in der totalen Katastrophe kulminieren - ein ausgewachsener Stör stürzt von einer Brücke! Wie mir Wölfi beim letzten "Besonders wertlos"-Festival erzählte, gab es einige Schwierigkeiten, den flossigen Freund nach den Dreharbeiten zu beseitigen - Störe werden, wie Euch jeder Fischliebhaber bestätigen wird, sehr groß und können zu einer echten Belastung werden. Andere Titel des Wendland´schen Filmschaffens sind der schöne "Inframann", "Linnemann" (u.a. mit Tommi Stumpff), "J-KZ Bochum" und "Die Sache mit dem A". Das A im letzten Titel muß man sich umkringelt vorstellen, aber mit diesen verpißten Computern kriegt man das halt nicht hin - Segen der Technik?
Sehr schön war auch der zweite Auftritt in einer Talksendung der beliebten Talkmasterin Arabella Kiesbauer, in der Wölfi zusammen mit ein oder zwei Kampfgenossen die These vertrat, daß das Asozialsein auch seine Reize hat. Ihre Gegnerin war eine enthemmt draufloskreischende Rentnerin, und während andere Beteiligte versuchten, dem von nicht allzu vielen Gehirnzellen gezeichneten Wortschwall der rüstigen Dame Paroli zu bieten (statt einfach Barolo!), stand Wölfi einfach dabei und lächelte stumm in sich hinein. Am Schluß wendete er sich direkt an die Großmutter und sagte: "Ich kann mir nicht helfen - ich finde Sie sehr sympathisch!" Daß das die Rentnerin zum Platzen brachte, war klar, aber wie sehr simple Freundlichkeit den Menschen den Wind aus den Segeln nimmt, ist doch immer wieder erstaunlich.
Ansonsten bastelt der nette Herr an einem Film über seine alles geliebte Heimatstadt Bochum, der er auch in dem Song "Bochumer Asseln" ein klangvolles Denkmal gesetzt hat! (Ich danke ihm hiermit ausdrücklich für das schöne Wort "Maulfotzenmann", das mir so noch nicht untergekommen ist...) Bin schon richtig gespannt, wie das fertige Produkt aussehen wird, besonders auf "unsere berühmte Bochumer Schwebebahn"...
Auch zettelt er gelegentlich Demonstrationen an, die nicht selten erstaunliche Resultate zeitigen - auch nachzulesen auf der unten eingelinkten Kassierer-Webpage. Auf der ersten Demo (die, wenn ich mich recht entsinne, gegen "nächtliche Ruhestörung" wetterte) wurden die Parolen frech aus dem wunderbaren Heinz-Rühmann-Film "Die Ente klingelt um halb acht" geklaut, wie auch der Regisseur dieses Filmes, Rolf Thiele, bereits in einem Kassierer-Video zitiert wurde. Cineasten - grabt! Die zweite Demo sollte eigentlich gegen das Tragen von großen Einkaufstaschen polemisieren - nachdem dieses Ansinnen abgelehnt wurde, ging es dann gegen das Bewerten von Demonstrationen durch die Polizei... Bei der letzten Demo hätte ich eigentlich schon mitmarschieren können, aber der Filmclub und generelle Plattheit verhinderten dies. Bei der nächsten versuche ich aber, meine ganzen Lebenskräfte zu sammeln und ins gemeinsame Horn zu stoßen, denn das Erlebnis in der Gruppe habe ich doch, seitdem ich von der Kanzel geflogen bin, entbehren müssen. Hier kann man anpacken, etwas mitgestalten, die Zukunft liegt in unseren Händen etc. ...
Moment, hier steht eine Flasche Portugiesischer Weißherbst, und die quietscht schon in Vorfreude! Ah, lecker!
Wo war ich gleich? Die erste LP von den Kassierern ist, denke ich, die lustigste: "Sanfte Strukturen" (1987) besteht aus einer fröhlichen Verballhornung beliebter Schlager, deren Ebenmaß von Wölfis vermutlich leicht alkoholisiertem Gejohle mühelos aufgebrochen und somit genießbar in die Nahrungskette eingegliedert wird. Der Klassiker ist natürlich das dadadaeske "Tot, tot, tot", in dem verschiedenen Würdenträgern der Schnuller abgegraben wird. ("Heinrich Böll wird exhumiert und dann mit Scheiße vollgeschmiert!") Als altem Italienfan gefällt mir "Schiffchen" sehr schön, auf dem der Refrain auch auf italienisch artikuliert wird.("Porte mia che cane casa Klein"...) Wölfis Großvater gilt die Grußadresse "Hugo" ("Ja, Hugo, wart´s nur ab, gleich bleibt die Pumpe steh´n..."), und auch in "Stiefgroßmutter" spielt der Patriarch eine prominente Rolle. Das Stück "Aids" unterstreicht dann, daß die Kassierer mit politischer Korrektheit nicht allzuviel am Hut haben: "Ja, hast du erst einmal Aids, dann hilft dir keine Medizin...") Auf der CD gibt es noch einige Liveversionen als Dreingabe, die schon auszugsweise als Single erschienen sind und auch die berühmte Version von "Raindrops keep falling on my head" enthalten... Ja nu.
Ich weiß jetzt nun gar nicht, welches die zweite LP ist, denn die Halunken haben keine Jahresangabe beigefügt, menno! Ich nehme mal an, daß es sich um "Der heilige Geist greift an" handelt, die das schöne "Sex mit dem Sozialarbeiter" enthält, das auf der Spider Murphy Gang fußt, und auf dieser Band zu fußen (mit dem Fuß), heißt Siegen zu lernen. "Und anal in den Kanal ramm´ ich immer wieder meinen steifen Aal..." heißt es auf dieser sensiblen Auseinandersetzung mit dem Guten im Menschen. Auch die Skins werden bedacht mit einem tollen Gassenhauer, "Doktor Martens", das sich mit dem bevorzugten Schuhwerk dieser Sorte Mitmensch auseinandersetzt. Für Adelheid füge ich noch das Stück "Großes Glied" hinzu, das von den Komplikationen handelt, die ein großes Glied mit sich bringt. "Die Scheide von Kristiane Bakker" wird einer kritischen Revision unterworfen, und wer davon schon geträumt hat, der wird auch bei dem Hitsong "Mit meinem Motor" sein Halleluja finden. Manche Hörer werden von der beim besten Willen etwas rüden "Stinkmösenpolka" etwas schlucken, aber da kommt auch schon "Gott hat einen IQ von 5 Milliarden", das wieder klarstellt, wer der Herr im Haus ist... Habe ich schon erwähnt, daß auch eine Coverversion vom "Mädchen in Ipanema" enthalten ist? Habe ich nicht...
"Habe Brille" stieß auf beklagenswertes Unverständnis der Staatsanwaltschaft, die dieses Kleinod deutscher Liedkunst vor den Seelen unschuldiger Kinder schützen wollte. Es wird mich immer amüsieren, daß die Ärzte mit ihren harmlosen Knittelversen auf dem Index stehen, während diese Platte mit dem Song "Frauenarzt" (dessen Refrain lautet: "Ich bin Frauenarzt, weil ich Fotzenfan bin!") anstandslos von eben jenem entfernt wurde. Ja, Freunde - klagen müßt Ihr, denn klagen bringt Spaß und fördert den Sinn für die Demokratie! Das tut auch das romantische Lied "Mach´ die Titten frei, ich will wichsen", bei dem ich mir jetzt schon Gedanken darüber mache, ob meine Eltern sich jetzt Gedanken darüber machen, in was für eine Gesellschaft ich hier im Pott geraten bin... Auch Stücke wie "Außerirdischer, wo befindet sich dein After?" sind dazu angetan, Zweifel an der moralischen Integrität der Kassierer zu wecken. Wohlan denn, wie der Dichter sagt. Wovon "Frau Bayersdorf" handelt, traue ich mich nun schon gar nicht mehr zu sagen. Na, es wird mitten ins Leben hineingegriffen, und es ist unser Leben, unsers ganz allein - ist das nicht super? "Ich bin Jesus und kann alles" fügt dem Kanon eine religiöse Komponente hinzu, und "Ich töte meinen Nachbarn und verprügel´ seine Leiche" erklärt sich nun wirklich von selbst.
Das kulturell bedeutsamste Album der Kassierer ist mit Abstand "Taubenvergiften" (1997), das sich aus Coverversionen des Wiener Chansonniers Georg Kreisler rekrutiert, die durchaus respektvoll in den Punkkontext herübergehebelt werden, und das Schönste ist: Es funktioniert! Das beste Kassierer-Album, und wer Songs wie "Meine Freiheit, deine Freiheit" nicht mag, der kann kein ganz guter Mensch sein!
Die bislang letzte Kassierer-Platte war "Musik für beide Ohren", auf der es wie üblich hoch hergeht. Das nette "Mongo mit der Bongo" ist zu reizend, um es mit Worten zu beschreiben. Der Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner bekommt eine Hommage an die Uniform geklebt, was dieser angeblich so zu schätzen wußte, daß ein Treffen herbeigeführt wurde, das auch in Fotos mit der Gruppe resultierte, die hoffentlich auf dem nächsten Album zu sehen sein werden! Nicht damit zusammen hängt das Lied "Rudelfick im Altersheim", das sich auf behutsame Weise dem Thema der Alterssexualität nähert. Sehr nett das Ärzte-Cover "Ich will dich fisten, mitten ins Gedärm...", das die geschlechtlichen Entartungen im Studentenumfeld aufdeckt. Ein kleines Hörspiel, das die Untaten des "Sackabreißers von Wattenscheid" dokumentiert, rundet das Album ab.
So. Mehr habe ich jetzt erst einmal zu den Kassierern nicht zu sagen. Eigentlich könnte ich jetzt noch einiges absondern dazu, daß sie auf lustvolle Weise sexuelle Tabus zertrümmern, um die Verklemmungen der Gesellschaft aufzubrechen, aber dann würden sie mir das Nasenbein zertrümmern, und das hätte ich dann wohl auch verdient... Lieber gehe ich jetzt auf ihre Webpage und klaue mir dort ein Foto, aber dafür verlinke ich die Seite auch damit! Neben den News zu der erstaunlichsten Band des Universums findet man dort auch Nackt- und Debilfotos nicht nur einiger, sondern zahlreicher netter Fans. Ich kippe mir jetzt erst einmal einen - holt Euch die Kassierer ins Haus und wählt klug - wählt die APPD! Äh, auf Wiedersehen.
P.S.: Ein schöner Gruß auch an meinen persönlichen Helden, Anton Lohse!!!
Mit ´nem Zeppelin durchs Jenseits!