JELLO BIAFRA

Mein großer Held aus dem Bereich des Punkrock ist sicherlich Jello Biafra, der Mann mit der großen Klappe, dem ich bereits mit 10 Jahren sehr zugetan war. Seine Kapriolen auf der Bühne und sonstwo sind legendär, und ein paar davon möchte ich hier verewigen.

Zuerst aber ein wenig Biographisches: Biafra wurde geboren in Boulder, Colorado, unter seinem bürgerlichen Namen Eric Boucher als Kind einer Familie der gehobenen Mittelklasse. Nach der Schule verschwand er Richtung Westküste und gründete dort die Punkband Dead Kennedys, mit denen er 1979 das vielbeachtete Album "Fresh Fruit for Rotting Vegetables" aufnahm. Die Texte der Songs sind intelligent und humorvoll - beides nicht eben die Regel im Punkgewerbe. Biafra unterstrich die Tendenz zur Groteske bei seinen Auftritten, indem er veitstanzmäßig über die Bühne tobte und wild grimassierte. Trotz der Ironie, die aus seinen Texten schäumt, ist schon hier sichtbar, daß es sich eben nicht um unverbindliche Kasperei handelt, sondern um die Vermittlung eines sehr subjektiven und ernsthaften Amerikabildes, das mit gut beobachteter und schlagkräftiger Satire den Zwiespalt von Schein und Sein auseinanderzuhebeln versucht. Unter den Songs befinden sich Klassiker wie "California über alles" und "Holiday in Cambodia". Ich weiß nur noch, daß ich den Mann liebte, seit ich das erste Mal "Kill the Poor" zu hören bekam, in dem er über die amerikanische Oberschicht singt, die sich einen flotten Lenz daraus macht, die sozialen Probleme auf sehr direkte Art zu lösen... Die LP wurde begleitet von einer Collage, die das von den Texten entworfene Bild angemessen kommentiert. Die Platte endet mit einer robusten Fassung von Elvis Presleys "Viva Las Vegas", nach dem man einfach nur noch in die Hände klatschen möchte. Im Rahmen der amerikanischen Punkszene stellte "Fresh Fruit" einen der absoluten Höhepunkte dar, der sich von ernsthaften Bands wie Black Flag und reinen Spaßcombos wie den Dickies deutlich absetzte und eine sehr eigenständige künstlerische Vision vertrat. Diesen Individualismus sollte Biafra in den Folgejahren kultivieren, besonders bei seiner Solokarriere als Underground-Labelmogul...

Daß er Spaß an subversiven Streichen hatte, bewies er 1979, als er für das Bürgermeisteramt der Stadt San Francisco kandidierte! Bemerkenswerterweise erhielt er 3,5 Prozent der gesamten Stimmen (was ihn als vierten von zehn Kandidaten hervorgehen ließ), da sich die Protestwähler anscheind geschlossen auf seine Seite stellten, und das bei einem Wahlkampfprogramm, das so farbige Forderungen umfaßte wie das verbindliche Tragen von Clownskostümen während der Arbeit für Börsianer! Auf einem seiner Spoken-Word-Alben hat er seine diesbezüglichen Erfahrungen in einem hochgradig komischen Text zusammengefaßt. In dem Mondo-Film "This Is America Pt.2" gibt es einige Aufnahmen vom Wahlkampf zu bewundern.

Als nächstes kam die tolle Kennedys-Maxi "In God We Trust, Inc." (1980), die nicht nur eine geupdatete Version von "California über alles" beeinhaltet, sondern auch das Thema der Westernserie "Rawhide" mit East Clintwood. Ich habe als Kind die ganzen Texte immer mitgesungen (meine Mutter mußte viel ertragen!), aber bei dieser Platte war das endgültig nicht mehr drin, da das Tempo infernalisch ist! Das Cover ziert ein an Dollarscheinen gekreuzigter Jesus, während auf dem Backcover zwei niedliche alte Damen tratschend einer Verbrennung durch den Ku-Klux-Klan zuschauen...

LP 2 war "Plastic Surgery Disasters", und hier waren die Texte deutlich ambitionierter und zielgenauer geworden: "Terminal Preppie" handelt von reichen Collegekids, deren Karriere bereits vorgezeichnet ist; "Winnebago Warrior" kontrastiert den klassischen amerikanischen Pionier mit seinem modernen Pendant, dem fetten Vorstadtfuzzy, der mit seinen Kindern durch die Nationalparks reist und alles zumüllt; und das großartige "I Am the Owl", in dem der gläserne Bürger mit dem Vorschlaghammer zerschlagen wird. Das Stück, das mich am meisten beeindruckt hat, war das zornige "Riot", das von sozialen Unruhen handelt. In ihm wird angedeutet, daß der Aufstand der wütenden Masse letztlich nur sie selber trifft, wenn sie unkoordiniert und bauchgesteuert vorgeht: "Riot, playing right into their hands - tomorrow you´re homeless, tonight it´s a blast." erinnerte mich doch sehr an unsere "Chaos-Tage", wo immer irgendwelche Saftnasen den Anlaß dazu mißbrauchen müssen, ihrer Aggressivität die Zügel schießen zu lassen. Bezahlen müssen das immer die kleinen Händler, nicht die, die es verdienen. In meinem Lieblingssong "Halloween" geht es um das Verhältnis von Verpackung und Inhalt, womit Biafra sicherlich auf Punks geschielt hat, die unter ihrer zerfransten Jacke das gleiche dumpfe Potential beherbergen, das auch in ihren erklärten Gegnern haust. Das beiliegende Collagenbüchle ist sehr, sehr dick und unbedingt sehenswert. Eine sehr feine Platte, auch wenn die größere Inhaltsorientiertheit dazu führt, daß die Musik an sich nicht so viel Spaß macht wie die des Debüts, das dann doch nicht als politische Polemik, sondern eher als saftiger Tritt in den Anus gedacht war. ("Plastic Surgery Disasters" und "In God We Trust, Inc." sind beide zusammen auf einer CD.)

Das beste Dead-Kennedys-Album überhaupt ist das berüchtigte "Frankenchrist", dessen geniales Cover einige Spießbürger zeigt, die sich im Rahmen einer Festveranstaltung (Rotarier oder so was) zum Horst machen. Richtig Ärger gab es aber wegen der Posterbeilage, die ein sexuell explizites Gemälde von H.R. Giger enthielt. Absurderweise fand sich Biafra auf einmal auf der Anklagebank wieder, wo er sich in einem anderthalb Jahre währenden Prozeß gegen den Vorwurf zur Wehr setzen mußte, Pornographie an Minderjährige zu verteilen. Der Fall war so etwas wie ein Schauprozeß, da die von Tipper Gore und einigen Senatorengattinnen gegründete Organisation "Parents Music Resource Center" ein abschreckendes Beispiel brauchte, um ihren Kampf gegen schmutzige Rockmusik wirkungsvoller zu gestalten. (Die hervorragende Demokratin begab sich dabei in einen Bottich mit extrem rechts orientierten religiösen Fundamentalisten, aber es war ja für eine gute Sache...) Biafra erzählt ohne Ende davon auf seinen Spoken-Word-Alben. Biafra wurde 1986 freigesprochen, doch die Dead Kennedys hatten sich unter dem Druck aufgelöst, einige Existenzen waren ruiniert worden, und Staatsanwalt Guarino rehabilitierte Biafra im Nachhinein, ein sozial verantwortlicher Mitbürger zu sein, nachdem er ihn über einen langen Zeitraum hinweg als das letzte Subjekt erscheinen zu lassen versuchte. In der Zwischenzeit hatten die Kennedys noch ihr letztes Album herausgebracht, das sehr lange "Bedtime for Democracy", an dem das Bemerkenswerteste aber das Cover mit der geplünderten Freiheitsstatue ist. "Frankenchrist" war qualitativ um Längen besser und ist nach wie vor eines der besten und kraftvollsten sozialkritischen Rockalben, die ich kenne. ("Stars and Stripes of Corruption" - hallo, Meisterwerk!)

Erwähnt werden will auch das posthum veröffentlichte "Give Me Convenience or Give Me Death", das im wesentlichen aus B-Seiten und Maxi-Zusatztracks besteht.

Nach dem Auseinanderfallen der Dead Kennedys befaßte sich Biafra weiter mit seinem "Alternative Tentacles"-Label, auf dem Bands wie Alice Donut, Nomeanso oder die Butthole Surfers veröffentlichen sollten. Außerdem tauchte er wieder auf bei unterschiedlichen Projekten, u.a. eine Scheibe der Punkband D.O.A., "Last Scream of the Missing Neighbors" (1989), die geadelt wird von einer hübschen Coverversion, "We Gotta Get Out Of This Place" und der 13 Minuten langen Miniaturapokalypse "Full Metal Jackoff". Auf dem Cover finden sich erneut Beispiele für das Maltalent des großartigen Winston Smith, dessen Homepage ich unten einlinke.

Um die selbe Zeit kam auch der erste Streich von Lard heraus, "The Power of Lard", wo sich Biafra mit Al Jourgensen und Paul Barker von Ministry zusammentat. Aus dieser fruchtbaren Fusion erwuchsen neben der ellenlangen (40 Minuten) Anfangs-EP zwei weitere LPs, die beide Biafras Comic-Strip-Vision eines grotesken und furchterregenden Amerika mit den treibenden Metalakkorden seiner Gastmusiker unterlegen. Die beste Lard ist sicherlich "The Last Temptation of Reid" (1990) (mit der unglaublichen Napoleon-XIV-Coverversion "They´re Coming to Take Me Away, ha-hah..."), aber auch "Pure Chewing Satisfaction" ist ein bunter Reigen der guten Einfälle. Mittlerweile ist auch eine Maxi herausgekommen, das rein parodistische "70s Rock Must Die", auf der eine neue LP angekündigt wird - mal schau´n...

1991 machte Biafra ein Album zusammen mit den kanadischen Eishockeyfreaks von Nomeansno, "The Sky Is Falling and I Want My Mommy", und auch wenn das Ergebnis ein klein wenig abfällt gegenüber den alleinverantworteten Werken der eigentlich ja durchaus geistesverwandten Musiker, so gibt es doch vereinzelte Höhepunkte wie das finale "The Myth Is Real...Let´s Eat!", in dem Biafra verschiedene Absurditäten der amerikanischen Geschichte aufzählt ("General Robert E. Lee freed his slaves before Grant freed his..."). Diese historischen Kapriolen werden mit neuzeitlichen Beispielen für verordneten Schwachsinn kontrastiert ("In San Francisco you can be mayor at 18, but you gotta be 26 to drive a cab..."), um aufzuzeigen, daß nichts so ist, wie es uns immer gesagt wird.

Zusammen mit Musikern u.a. von Steel Pole Bath Tub bildete er 1991 das Projekt Tumor Circus, das seine vielleicht düsterste Platte zur Folge hatte. Wenn er am Schluß in dem 15 Minuten langen "Turn off the Respirator" aus der Sicht eines sterbenden Mannes spricht, der seine Familie bittet, ihm den Tod zu schenken, denkt man wirklich, mit Biafra gehe es zu Ende... Viele Humoristen haben in späteren Jahren ihren Humor verloren und die Fähigkeit, in ihrer grotesken Weltsicht Hoffnung für die Menschheit zu entdecken. Das gilt ebenso für Mark Twain wie für jüngere Beispiele, etwa W.C. Fields oder Lenny Bruce, die es ohne Drogen auf dieser Erde nicht mehr ausgehalten haben. Aber...

...im Falle von Biafra wohl ein Irrtum, juchheissassa! Denn 1994 meldete er sich zurück mit der sehr komischen "Prairie Home Invasion", die er mit dem Rockabilly-Musiker Mojo Nixon gemacht hat. (Der war bereits auf dem höchst empfehlenswerten Tributalbum auf "Alternative Tentacles" zu hören gewesen.) Die Platte offeriert heftige Parodie in Gestalt eines ironischen Countryalbums, das zwar (anders als "12 Golden Country Greats") beim besten Willen nicht mehr ernsthaft von C&W-Fans konsumiert werden kann, aber im Biafra-Oeuvre einen heiteren Routenwechsel anzudeuten schien. Titel wie "Will the Fetus Be Aborted?" oder "Buy My Snake Oil" wollen einfach genossen sein, und auf der Rückseite des Covers posieren Biafra und Nixon auf einer Verballhornung des berühmten Gemäldes "American Gothic", mit Jello als Bäuerin...

Angeblich soll dieses spaßige Produkt der Anlaß dafür gewesen sein, daß Biafra von einigen Dumpf-Punks übelst zusammengeschlagen wurde und mehrere Monate im Krankenhaus verbrachte! Die Schläger verargten im seinen "Verrat" des fundamentalistischen Punkethos´ (über den sich Biafra in der Tat sattsam lustig macht) und fügten ihm u.a. schwere Kopfverletzungen zu. Bei einer Lesung in Bremen war Biafra aber schon weitgehend wiederhergestellt, und seine Klappe war, Gottseidank, so groß wie eh und je! Wie man an seinen Spoken-Words-Alben (fünf oder sechs an der Zahl, mittlerweile) sehen kann, ist er ein fantastischer Vortragskünstler, und auch wenn ich mit seiner Polemik hier und da nicht ganz übereinstimme, so ist es einfach verdammt aufregend, den Mann zu erleben. Seine "Predigten" würzt er stets mit Humor, ohne allerdings den ernsten Kern seiner Ausführungen zu ignorieren. So macht er sich seit verschiedenen Jahren stark für Menschenrechtsverletzungen in aller Welt und sieht seine Aktivitäten mehr und mehr als die eines Aufklärers. Aber er macht es glänzend und zeigte sich auch in meiner Heimatstadt als so guter Erzähler, daß es die anwesenden Gäste sage und schreibe 4 Stunden (!) mit ihm und der englischen Sprache aushielten. Zwei Stunden davon waren frei improvisiert...

In jüngster Zeit hatte er eine Menge Ärger mit seinen ehemaligen Bandkollegen von den Kennedys, die gegen ihn prozessiert haben, um die alten Sachen selber vermarkten zu können. Wer bei diesem Streit Recht hat, kann ich nicht sagen, aber jeder kann sich selber ein Bild davon machen auf der Webpage von "Alternative Tentacles", auf der auch der Newsletter bestellt werden kann.

Die alternative Tentakelbande  (Link)

Amerikanische Gotik

Winston Smith (Link)

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