In der Voltairekammer des Gualtiero Jacopetti

(Anm.: Der nun folgende Text wurde als Einführung zu einer Präsentation des Filmes ADDIO ONKEL TOM entworfen, die im Rahmen des "Off Limits"-Festival am 6.6.03 in Dortmund stattfand. Bei der tatsächlichen Performance gingen vorgezeichneter Text und vorgebrachte Worte getrennte Wege, wie so häufig der Fall. Da es aber viel zu wenig Informationen zu diesem Regisseur im Netz zu finden gibt, fand ich es passend, den Text zu veröffentlichen. Vieles davon basiert auf der Magisterarbeit meines Freundes Ralf Hedwig, die derzeit bewertet wird. Ich werde ihn drängen, das Gesamtwerk zu veröffentlichen. Notfalls trete ich ihn in den Hintern.)

Sie werden gleich den Film ADDIO ONKEL TOM der Italiener Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi sehen, einen Film, der zur Zeit seiner Erstveröffentlichung die Gemüter stark erhitzte. Dem Film wurde wütender Rassismus ebenso vorgeworfen wie menschenverachtender Zynismus. Die heftigen Reaktionen haben Jacopetti während seiner ganzen Karriere als Filmemacher begleitet. Es ist also von Nutzen – zum Verständnis des Filmes vielleicht unumgänglich -, vorher einen Blick auf die Vergangenheit des Filmemachers zu werfen, um seine künstlerischen Beweggründe und sein Verständnis der Menschheit verstehen zu können. Es wird auch notwendig sein, um zu vermeiden, daß die Zuschauer gleich in Scharen das Kino verlassen. Bei dem Film handelt es sich um harte Kost, deren Zutaten schon häufig mißinterpretiert worden sind.

Gualtiero Jacopetti wurde 1919 in der Toskana geboren, als Kind einer gehobenen Mittelschichtsfamilie. Die bürgerliche Atmosphäre und nicht zuletzt die Zeit des aufkeimenden Faschismus wurden von ihm als sehr beengend empfunden. Sein Widerstand führte ihn zur Literatur der französischen Aufklärung – zu Autoren wie Voltaire, Rousseau und Diderot. Auch amerikanische Autoren des 20. Jahrhunderts, wie Erskine Caldwell und Dos Passos, fesselten seine Aufmerksamkeit, da sie Dinge sagten, die im Italien von Jacopettis Jugend nicht gesagt werden konnten. Es ging da um Themen, die im erzkatholischen Ambiente meistens unter einem Deckmantel der Scham und der Bescheidenheit verborgen blieben. Jacopetti verspürte das Verlangen danach, diese Dinge ans Licht des Tages zu bringen, ohne dabei die unangenehmen Züge des Fanatismus zu verströmen. Er verspürte schon früh die Faszination jener verschwiegenen Welt, die aus Übel, Krankheit und niederen Begierden bestand. Er fürchtete diese Welt, fühlte er doch ständig ihre Präsenz, doch gleichzeitig fesselte sie ihn mit dem Reiz der Schlangengrube.

Nach dem Studium und dem Krieg – bei dem er sich auf die Seite der Alliierten geschlagen hatte – versuchte er sein Glück als Schauspieler in der Filmindustrie Cinecittàs, wo er aber über Komparsenstatus niemals hinauskam. So wendete er sich dem Journalismus zu, arbeitete an einer Tageszeitung und gründete das Wochenblatt “Cronache”, aus dem später “L´Espresso” wurde. Da er die Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums Film schon früh erfaßte, wendete er sich verstärkt den Wochenschauen zu, wie sie von der Firma Rizzoli erstellt wurden. Da der Produzent ein eingeschriebener Christdemokrat war, fühlte Jacopetti den Drang, seine eigene Stimme einzubringen. Als Folge wurden seine Wochenschauen immer satirischer, immer tendenziöser. Auch genoß er es, vermeintlich “schockierendes” Material in diese Nachrichtenshows einfließen zu lassen, um die dargestellten Alltäglichkeiten noch korrosiver zu unterwandern.

Im Auftrag anderer Produktionsgesellschaften begann er dann, an einem Vorläufer des später von ihm geschaffenen “Mondo”-Filmes zu arbeiten, den man heutzutage auch als “Sexy-Mondo” bezeichnet. In diesen Filmen wurden sensationalistische Szenen aus den Nachtclubs anderer Länder (z.B. dem “Crazy Horse” in Paris) zu einem Reigen bunter Sinnesfron gemixt, der nicht selten eine moralische Botschaft atmete, die so ganz und gar nicht zum spekulativen Aspekt des Werkes passen mochte. Wer in einen Film wie EUROPE BY NIGHT hineinging, wollte keine Lehrstunde in Säulenheiligtum erhalten, sondern Attraktionen sehen, die die herrschende Moral des eigenen Landes prüde verbarg. Verwandt zu diesen Mondo-Vorläufern waren auch die “exotischen” Dokumentarfilme Italiens, die in den 50ern – weit entfernt von NANOOK DER ESKIMO und Robert Flaherty – die “verbotenen”, die “sündigen” Reize fremder Kulturen aneinanderhängten, um im besten Geist des Exploitationkinos fette Kasse zu machen. Eine unterliegende Botschaft enthielten diese Filme nicht, außer vielleicht für die wenigen intelligenten Zuschauer, die spürten, daß ohne eine rigide Sexualmoral solche stammeskundlichen Schnipsel wohl kaum auf die klingende Münze des Zielpublikums hätten hoffen können...

1960 schuf Jacopetti zusammen mit seinen Ko-Regisseuren Paolo Cavara und Franco Prosperi (letzterer ein gelernter Anthropologe) den Dokumentarfilm MONDO CANE, der seinen Machern einen internationalen Sensationserfolg bescherte. In dem Film kompiliert Jacopetti einen Katalog an Absonderlichkeiten, der die bizarren Riten und Gebräuche der Naturvölker mit den nicht minder bizarr anmutenden Abstrusitäten der Zivilisation kontrastiert. Anders als der herkömmliche Dokumentarfilm, der um Authentizität und Objektivität bemüht ist, verwendete Jacopetti zahlreiche Techniken die man eher aus dem Kino der Fiktion und des Avantgarde-Films gewohnt war – grelle Schnittmontagen, provozierende Gegenüberstellungen von Bildern, die eine Wirkung erzielten, die weit über die gewohnte Abbildung des Alltäglichen hinausging. Hierbei durchkreuzte er das grundlegende Täuschungsmanöver des Dokumentarfilmes, denn egal wie sehr man als Filmemacher auch um Wirklichkeitsnähe bemüht sein mag – es handelt sich natürlich immer um eine streng selektive Realität, um eine kommentierte Realität aus zweiter Hand. Jacopetti gab dem Affen Zucker und schuf das maßlos intensive Bild einer Welt, die, im Sinne des Filmtitels, vor die Hunde gegangen ist. Als Erzähler versah er die gezeigten Vorgänge mit einem teils satirischen, teils melancholischen Kommentar, der stets den Zivilisationspessimisten hervorkehrt und wenig Hoffnung für die menschliche Rasse auszumachen scheint. Die Reise durch Jacopettis Hundewelt endet mit dem Cargo-Kult eines Eingeborenenstammes in Neuguinea, der die manchmal am Himmel entlangsausenden Flugzeuge – Sendboten der Zivilisation – als göttliche Zeichen verehrt. Im Verbund mit Riz Ortolanis hervorragender Musik und den aufwühlenden Bildern ist die Wirkung tränentreibend und steht so gar nicht im Einklang mit der Tradition von Jacopettis Imitatoren, die meist nur um die Abbildung drastischer Scheußlichkeiten bemüht waren. Am Schluß von MONDO CANE sieht man den hilflosen, unschuldigen Menschen Ausschau nach Gott halten, aber Gott meldet sich nur als Mogelpackung, als tragische Illusion.

Wieviel von dem wenige Jahre später entstandenen MONDO PAZZO (bei uns und in Übersee vermarktet als MONDO CANE 2) tatsächlich von Jacopetti und Konsorten stammt, ist ungewiß. Manche Quellen vermelden, daß die Regie von Mario Maffei und Giorgio Cecchini übernommen wurde, und Jacopetti – neben verwendetem Restmaterial – nur noch als Kommentator mitwirkte. Nach dem enttäuschenden Dokumentarfilm ALLE FRAUEN DIESER WELT (1961) (dessen US-Kommentar drolligerweise von Peter Ustinov gesprochen wird!) war aber MONDO PAZZO nichtsdestotrotz eine weitere Annäherung an die Mondo Jacopetti, die die Qualitäten des Originals zumindest zeitweise erreicht und sich mühelos in das Gesamtwerk einfügt. Erneut werden Bilder der zivilisierten Welt mit denen vermeintlich primitiver Völker gegenübergestellt, und der von Uwe Jordan geprägte “sweet-and-savage”-Effekt stellt Grimmiges mit der Sensibilität des Betrachters an. Als Cutter wirkte hier bereits der angesehene Mario Morra mit, der später seine eigenen Mondo-Filme produzieren sollte. Auch wenn MONDO PAZZO sicherlich nicht an die Qualität von Jacopettis Debütwerk anschließen konnte, so machte er seinem Vorläufer keine Schande. (Was man von den meisten der Nachahmer nicht behaupten konnte...)

Ganz anders AFRICA ADDIO. 1962 begaben sich Jacopetti und Konsorten nach Afrika, um einen neuen Film zu drehen. Sie hatten nicht einmal ansatzweise eine Ahnung von den sozialen Gegebenheiten, die sie dort erwarten würden. Der britische Kolonialismus lag mittlerweile in seinen Todeszügen. Aufstände und Herrschaftsstreitigkeiten begannen nun loszubrechen, was in Grausamkeiten ungeheuerlichen Ausmaßes resultierte. Auf einmal sahen sich Jacopetti und seine Mitstreiter inmitten eines Kriegsschauplatzes, wo sie die Mechanismen, mit denen sich der Mensch immer das Leben schwermacht, hautnah miterlebten. Sie gerieten mehr als einmal in Situationen, die ihr Leben unmittelbar bedrohten. Ob das nun einheimische Machthaber waren, fremde Söldnertruppen oder simple Wilderer, die die Fauna des Kontinents mißhandelten – um sie herum explodierte eine Welt, und die Filmemacher hielten das schonungslos fest. Das Resultat war ein Bilderbogen, der einfach nur noch entsetzte Ehrfurcht erregt. Der Rassismusvorwurf, der sich später entspann (und auch in Deutschland führte der Film zu aggressiven Aktionen!), ist hauptsächlich festzumachen am Kommentar Jacopettis, der gedeutet wurde als geringschätzige Behandlung der Völker Afrikas. (In der Richtung: “Man kann die Neger nicht alleine lassen, ohne daß sie sich gegenseitig abschlachten.”) Tatsächlich hätte Jacopetti nichts ferner gelegen als dies. Sein Zivilisationspessimismus ist nur wirklich gleichmäßig verteilt und läßt sich festmachen an dem Satz “Homo homini lupus” – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Sein Grundsatz war: “Ein Journalist soll berichten, Fakten getrennt von Meinungen. Er sollte seine eigene Meinung zurückhalten.” Diesem Anspruch wird er in AFRICA ADDIO meines Erachtens vollauf gerecht. Die grelle Stilisierung früherer Filme wich hier einem zwar entsetzten, aber unbestechlichen Kameraauge, das die in den früheren Filmen propagierte Hundewelt in der Wirklichkeit aufspürte.

Problematisch wurde hier endgültig die Frage, was Realismus war und was Fiktion. Kritiker warfen dem Film Geschichtsklitterung und Inszenierung verschiedener Inzidenzien vor – manche Episoden sollten auf unethische Weise von Jacopetti und seinen Mitstreitern ermutigt worden sein. Das führte sogar zu einem Gerichtsprozeß, der aber aufgrund vorgelegter Gegenbeweise fallengelassen wurde. Der ehemalige Mitstreiter von Jacopetti, Paolo Cavara, drehte nichtsdestotrotz den Spielfilm L´OCCHIO SELVAGGIO (DAS WILDE AUGE), in dem die Aktivitäten eines Dokumentarfilmemachers geschildert werden, der auch vor der Anstiftung zum Mord nicht zurückschreckt. (Interessanterweise folgten die späteren Filme Cavaras dem wenig anheimelnden Weltbild Jacopettis.)

Mit seinem 1971 entstandenen ADDIO ZIO TOM (ADDIO ONKEL TOM) reagierte Jacopetti auf den Zwiespalt zwischen gestellter und ungestellter Realität, auf die dem Dokumentarfilmgenre innewohnende Problematik. ADDIO ONKEL TOM läßt die Filmemacher eine Reise unternehmen in die Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts. Hier läßt er die Sklavenhändler und ihre Schergen zu Wort kommen, wie auch verschiedene authentische Figuren jener Tage, etwa Harriet Beecher Stowe (die Autorin von “Onkel Toms Hütte”) oder den Schriftsteller Thackeray. In leichtem, fast komödiantischem Ton zeigt uns Jacopetti den Kapitalismus in seiner erbarmungslosesten Form: Menschen werden von anderen Menschen als Ware behandelt, als stumpfes Nutzvieh, das an den Meistbietenden versteigert wird. Daß die Form der Präsentation dem abstoßenden Inhalt so konsequent widerspricht, macht es dem Zuschauer noch schwerer, sich von der vorgeführten Schein-Realität zu distanzieren. Man wird auf raffinierte, aber auch zynische Weise in das grausige Geschehen eingeflochten, wenn die Charaktere mit der Kamera (den Interviewern) wie mit ihresgleichen plaudern. In gewisser Weise wird man von der jovialen Erzählweise zum Mittäter an unerträglichen Grausamkeiten gemacht.

Diese Niederreißung der Distanzmöglichkeiten, die man als Betrachter für gewöhnlich in solchen Filmen besitzt (Sklavenhalter = böse; Sklaven = unterdrückte Unschuld), wird weiterhin dadurch kompromittiert, daß Jacopetti die Schwarzen mitnichten als “edle Wilde” darstellt. In einigen Szenen entsprechen ihre Handlungen in der Tat auf unangenehme Weise dem gängigen rassistischen Untermenschen-Vorurteil, und man spürt auch, daß diese Menschenwesen unter anderen Umständen nicht weniger Skrupel dabei empfinden würden, ähnlich viehisch gegenüber ihrem Nächsten zu handeln. Diese unkonventionelle (in der Filmgeschichte möglicherweise sogar einzigartige) und jegliche Ansätze des sich selbst feiernden Gutmenschentums im Keim erstickende Konsequentheit hat dem Film vielleicht mehr als alle anderen Faktoren den Vorwurf des Rassismus eingeheimst. Der Mensch erscheint bei Jacopetti als zutiefst fehlerhaftes Wesen, das sich niederen Gelüsten und materiellen Interessen beugt. Irgendein berühmter Schriftsteller (wer war das noch?) meinte mal: “Erst kommt das Futter, dann die Moral!” Wenn man das buchstäblich nimmt, landet man in Jacopetti County, und das ist nicht schön oder erbaulich – nur lehrreich.

Der Regisseur zieht die Schraube sogar noch mehr an, indem er seine eigene Funktion als auktiorialer Erzähler untergräbt: In einer Szene bietet eine 13-jährige Sklavin dem Chefinterviewer Jacopetti ihre Liebesdienste an, wie ihr das beigebracht worden ist. Der Interviewer reagiert aus dem Off moralisch entrüstet, wie sie solch eine Gemeinheit denn von ihm erwarten könne, aber dann fragt er sich doch, in feistem Heuchlertum, ob vielleicht niemand vor der Tür steht, der Übergriff somit folgenlos wäre...? Seinen eigenen Gastauftritt inszeniert Jacopetti folgerichtig zynisch: Er ist der Chef einer Safari-Gruppe, die in den Sümpfen Schwarze schießt. Neben einem Leichenberg wird dann ein Erinnerungsfoto geschossen – links steht Jacopetti, rechts Produzent Giampaolo Lomi, knieend davor Franco Prosperi. Es kommen einem die Tränen.

Als wäre diese Roßkur nicht schon ausreichend garstig, werden auch noch Beziehungen zwischen der Sklavenhaltergesellschaft von einst und der heutigen Arbeitswelt geschlossen. Auch eine Bezugnahme auf den Holocaust fällt mal so nebenbei. Jacopetti verdirbt es sich leicht mit seinen säulenheiligen Zeitgenossen, aber bei ihm muß alles raus. Er schaffte es in ADDIO ZIO TOM wie in keinem anderen Film. Man möchte manchmal schreiend davonlaufen, manchmal paralysiert in Tränen ausbrechen – die Welt, sie bleibt bestehen.

Die Schlußepisode mit William Styrons “The Confessions Of Nat Turner” wirkt dann wie der letzte Beweis, daß die Verhältnisse immer noch so bigott und so primitiv sind wie einst. Um diese Primitivität zu überwinden, muß man weitergehen. Und aus seiner Geschichte lernen.

Der Mensch ist nicht die “Krone der Schöpfung”, sondern ein böses Tier, das den Bezug zur ihn umgebenden Natur verloren hat. Jacopetti sieht dies aber nicht aus der richtungslosen Perspektive des chronischen Menschenfeindes. Vielmehr offenbart er sich als verzweifelter Moralist, den eine tiefe Faszination mit den Übeln der Welt verbindet. Er glaubt daran, daß das Verschwiegene publik gemacht werden muß, damit eine Besserung erzielt werden kann. So erklärt sich die Rolle, die die Instanzen der Repression in seinen Filmen einnehmen. In gewisser Weise fühle ich mich bei Jacopetti immer an die Hauptfigur aus Jonathan Swifts “Gullivers Reisen” erinnert: Gulliver erleidet Schiffbruch, bekommt verschiedene Völker zu sehen, die als Zerrbilder menschlicher Fehlerhaftigkeit präsentiert werden. Schließlich begegnet er den weisen Pferden, den “Houyhnhnms”. Als er schließlich wieder seine Heimat zurückgekehrt ist, ist er von der Menschheit so angewidert, daß er für den Rest seiner Tage keinen Fuß mehr vor die Tür setzt. Nicht einmal den Geruch der Menschen kann er mehr ertragen. Jacopetti teilt die Desillusionierung von Gulliver, er besitzt dasselbe Wissen, doch dem Geruch gehört seine ganze Aufmerksamkeit. Diese morbide Faszination macht die Faszination seiner Werke aus.

Seinen letzten Film schuf Jacopetti 1976, MONDO CANDIDO (Deutscher Videotitel: BLUTIGES MÄRCHEN). In ihm lieferte er seine Version von Voltaires “Candide oder Der Optimismus”. Der freimütige und wohlgeborene Candide erlebt darin seine Erlebnisse am Hofe eines blasierten Monarchen, die beendet sind, als er sich in dessen Tochter Kunigunde verliebt. Obwohl Sinnesfron und Ausschweigungen auch am Hofe des vormaligen Herrschers kein Fremdwort waren, wird er nun aus der Gemeinschaft ausgestoßen und muß sein Heil in der fremden Welt draußen suchen. Er findet Ausbeutung, Unmenschlichkeit und Zynismus, und obwohl er versucht, sein frommes Herz zu bewahren, stößt es sich dramatisch mit den vorgefundenen Rohheiten. Er fällt in die Hände bulgarischer Söldner, der Inquisition und anderer ausgesuchter Scharlatane. Wenn er schließlich seiner angebeteten Kunigunde gegenübertritt, ist sie alt und welk, getreu Voltaire. Wie in Jacopettis früheren Arbeiten – und hier zitiere ich einen guten Freund von mir – scheinen “das Schöne und das Abstoßende unmittelbar miteinander verknüpft und bedingen einander”. Wenn man irgendeine Botschaft aus dem Schaffen von Jacopetti beziehen will, dann eben diese. Es geht nicht um die Verzweiflung, die einen überfällt, wenn man die Grenzen der Menschen erkennt, die sie unter ungünstigen Umständen zu grauenhaften Perversionen befähigt – es geht um die Fähigkeit, mit dieser Einsicht leben zu können. Hatte Voltaires “Candide” noch Leibniz´ “beste aller möglichen Welten” kritisiert – die von Voltaire/Jacopettis Lehrmeister Pangloss vertreten wird -, so kompromittiert Jacopettis MONDO CANDIDO diese Weltsicht mit einer ebenso lebensfreudigen wie ernüchternden Replik, die den Menschen auf das ihm zustehende Gardemaß zurechtstutzt.

Es ist mitnichten eine richtungslose Menschenverachtung, die Jacopetti trieb bei der Erstellung seiner Kunstwerke, sondern eine drängende Suche nach Sinn und nach Harmonie. Das geht vielen von uns so. Wenn wir keine Harmonie finden, wittern wir gleich allgegenwärtige Trübsal und Niedertracht. In seiner pittoresken Darstellung umarmt Jacopetti beide Seiten der Medaille, denn sie bedingen einander. Er bebilderte in seinen Filmen die schlimmen Seiten des Menschseins, um einem die guten Seiten nahezuführen. Daß das nicht im Interesse aller Rezipienten gewesen ist, ist klar: Es fällt manchmal leichter, das Sein der Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Wir alle empfinden es so – jeden Tag, den wir am Leben sind. Jacopetti mischte die moralischen Extreme zusammen und schuf mit den Mittel des Exploitationkinos eine ebenso eindringliche wie lehrreiche Reise durch das Land des sogenannten “Homo Sapiens”, die einigen Widerwillen erregt hat, aber auch ehrfürchtiges Staunen. Ich kann nihilistische Feiglinge nicht ausstehen, die sich vor allen Komplikationen in ein Werte-Niemandsland flüchten. Egal, wieviele Zeitgenossen die Wahrheit fliehen: Die vorgefundene Wirklichkeit ist wirklich die beste aller möglichen Welten. Sie ist manchmal grausam, ungerecht und rundum scheiße, aber sie ficht trotzdem an zum Weitermachen, zum Tun und Schaffen. Sie hält niemals still, es sei denn, man will, daß sie stillhält. Sie bleibt immer bunt und blutig und allgegenwärtig. An Eurer nächsten Straßenecke wartet der Beweis! Man braucht nur mit der Straßenbahn zu fahren, und schon fühlt man sich versetzt in eine Episode von MONDO CANE. Trotzdem hat man es mit dieser Welt auszuhalten. Man hat den Wert aus ihr herauszumeißeln, und wenn man Mut und Ausdauer hat, wird man es aller Widrigkeiten zum Trotz auch schaffen. Das tägliche Fernsehen zeigt ein trügerisches Miteinander (Reality-TV “Big Brother”?), aber Jacopetti zeigt ein gänzlich untrügerisches Gegeneinander, aus dem nicht die Verzweiflung, sondern der Wille zum Durchhalten entspringt. Die Hundewelt ist wert, daß man um sie kämpft: Wie stumpf auch die Individuen sein mögen, man muß nur seinen eigenen Kopf und sein eigenes Herz bewahren, um die Welt zum Funktionieren zu bringen. Ob das lieb säuselndes Espenlaub ist oder der Allkrach einer Granate – die eigene Stimme verändert die Welt.

Ich sehe Jacopettis Werk nicht als nihilistischen Weg in die Sickergrube, sondern als Ansporn für eigenen Mut. Denn wenn man die Wut, den Schmerz und die Begeisterung schon preisgegeben hat, dann bekommt man all die unerquicklichen, die mittelmäßigen und die langweiligen Vorbilder, die einem heutzutage angeboten werden. “Mut zum Widerstand” ist Jacopettis Devise, und er hat sie gelernt, von Kindesbeinen an. Die beste aller möglichen Hundewelten ist uns gegeben worden, aber wir selber sind dafür verantwortlich, was wir mit ihr machen. Jacopetti ist ein eiserner Moralist. Jacopetti ist ein hervorragender Filmemacher. Jacopetti ist jemand, von dem wir eine Menge lernen können.

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