DIE RÜCKKEHR DER
BLUTIGEN NUDELN
Weitere Episoden aus der Geschichte des Italo—Horrorfilms
FICKI—FACKI IN DEN KACKI!
Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Artikel mit einem kindischen Akt
der Provokation zu beginnen. Wen oder was ich damit provozieren will,
weiß ich eigentlich nicht so genau, aber in einer orientierungslosen
Zeit wie der unsrigen ist die Geste ihr eigener Hauptgewinn.
Abgesehen von dem Provokationscharakter der Eingangsformel ist sie auch
der Titel eines Kleinods, das mir ein alter Mann auf der Türschwelle
zurückgelassen hat, zusammen mit einem Haufen anderer
Zeichentrickpornos. Auf dem Cover von FICKI—FACKI befindet sich
übrigens ein forscher Wolf, welcher rücklings einer unemanzipierten
Lebedame die Rosette versilbert. Was mich wirklich entzückt hat, ist
die Tatsache, daß der Wolf noch ein T—Shirt trägt mit der Aufschrift
"Wolf". In der Literatur nennt man so etwas einen Pleonasmus. Wie man
so etwas bei Zeichenfickfilmen nennt, ist mir nicht bekannt.
Ein Artikel läßt sich nicht umgehen. Einige der Werke haben
Märchencharakter und werden in Versform gesprochen! Da der Berg aber
erst gesichtet werden muß, müssen Filme wie DORNMÖSCHEN — TANZ AUF DER
PFEIFE noch a bissele warten. Dafür gibt's jetzt mehr Krauses aus dem
Reich des Italo—Horrors. Von versteinerten Frauen bis zu aufgespießten
Säuglingen ist wieder alles vertreten.
In eigener Sache muß ich aber noch voraussenden, daß die übliche
Fehlerquote im ersten Teil eindeutig in den nicht mehr tragbaren
Bereich übersiedelte. Drei Sachen: 1) Daria Nicolodi war NICHT Argentos
Ehefrau, nur sein Gspusi. 2) Es gab natürlich schon vor TRAUMA Titten
in Argento—Filmen (wenngleich keine so hübschen). 3) Auch italienischen
Nachschlagewerken darf man nicht rückhaltlos Glauben schenken: Massimo
Pupillo wurde noch vor wenigen Monaten von Lucas Balbo interviewt und
ist somit NICHT in die Imkerlehre gegangen. Ab dafür.
MÜLLERS MÜHLE
Als ersten Film habe ich mir Giorgio Ferronis IL MULINO DELLE DONNE DI
PIETRA (DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN, 1960) ausgesucht,
einen
kleinen Brillanten im Fahrwasser des Gotikhorrors.
Ferroni ist an und für sich keiner der Regisseure, über den Lobeshymnen
geschrieben werden. Seine Filme zeichneten sich stets durch
handwerkliches Können und ordentliche Effektivität aus, ohne daß die
Inspiration eines Bava zu spüren war. Da er seit 1937 aktiv ist, ist
seine Filmographie recht umfangreich und umfaßt in den 60ern sowohl
Sandalenepen als auch Western (als Calvin J. Padget). In den Bereich
des Horrorfilms fiel auch sein vorletzter Film, der 1972 entstandene LA
NOTTE DEI DIAVOLI (NIGHT OF THE DEVILS), eine ziemlich blutdürstige,
aber gleichzeitig wunderschön unheimliche Version der
"Wurdalak"—Episode aus Bavas DREI GESICHTERN DER FURCHT.
Der handwerklich schönere Film ist bestimmt IL MULINO. Neben einem
überdurchschnittlichen Drehbuch, an dem auch Duccio Tessari und Ugo
Liberatore mitgearbeitet haben, glänzt der Film durch zahlreiche
inszenatorische Einfälle, die einen überzeugenden Rahmen für die
düster—romantischen Geschehnisse schaffen. Die Kameraführung ist
vorzüglich, und auch Carlo Innocenzis ungewöhnlich verspielte Musik
läßt die Nackenhaare vor Wonne erzittern.
IL MULINO spielt in Veeze (Holland), wo ein junger Wissenschaftler
namens Hans von Harnim eintrudelt, um die Biographie eines angesehenen
Bildhauers und Kunstprofessors zu vervollständigen. Professor Wahl
wohnt in einer alten Mühle (mit einer weithin bewunderten mechanischen
Drehbühne mit Frauengestalten) und erweist sich als verschroben, aber
durchaus kooperativ: Die Marotten des berühmten Mannes akzeptierend,
macht sich Hans an die Arbeit.
Es dauert natürlich nicht lange, und das Schicksal klopft an die Türe:
Es hat die Gestalt von Wahls schöner Tochter Elfi, welche ein einsames,
aufgrund einer seltenen Krankheit eingesperrt lebendes Geschöpf ist,
das sich sofort in Hans verballert, bis über die hübschen Ohren. Das
wäre nun auch nicht weiter bedenklich, hätte der junge Mann nicht
bereits eine Flamme (die prüde Liselotte), die auf Heirat drängt. Aber
Hans läßt sich umzirzen und landet auf dem Faulbett. Als er Elfi dann
die schnöde Wahrheit ins Gesicht schleudert, bekommt sie einen Anfall,
der sie hinwegrafft. (Ich wünschte, ich hätte bei meinem letzten
Laufpaß einen so melodramatischen Auftritt hingelegt!) La donna é
immobile!
Hänschen ist jetzt natürlich vollkommen außer Rand und Band: Von
Schuldgefühlen getrieben, vermischt er Realität und Fantasie, bis er
sich am Rande des Wahnsinns befindet. Daß nicht alle seiner fiebrigen
Halluzinationen Figmente einer überspannten Fantasie sind, liegt auf
der Hand: Der Professor hat mehr als nur ein Skelett im Keller!
Verraten will ich aber nicht zuviel, denn das würde den Spaß nehmen...
Man kann sich die Freude machen und jede einzelne Szene bewundern, mit
welcher Sorgfalt die gut gewählten Bilder ausgeleuchtet sind, mit
welchem erzählerischen Geschick hier gearbeitet wird. Obwohl in der
deutschen Fassung wieder mal knapp 15 Minuten abhanden gekommen sind,
kann man vermuten, daß auch in der O—Fassung eine traumgleiche
Atmosphäre erzeugt wurde, die dann im allerdings knüppeldicken Finale
einen einwandfrei morbiden Einschlag bekommt. Traditionelle Gotikmotive
(die Mühle, die unheimlichen Figuren) werden auf exquisite Weise
verwoben mit dem "medical horror", der in jenen Jahren zu blühen
begann, in Filmen wie Franjus AUGEN OHNE GESICHT oder Francos AWFUL DR.
ORLOFF. Als wahnsinniger Wissenschaftler steht dem Professor noch ein
vor der Justiz getürmter Arzt namens Dr. Bohlem zur Seite, der vom wie
üblich eindrucksvollen Wolfgang Preiss gegeben wird. Als junger Hans
ist Pierre Brice zu sehen, hier noch ohne Indianerschmuck, der auch in
Ferronis nächstem Film, DIE BACCHANTINNEN, mit von der Partie war.
Ferroni offenbart in diesem Film viel Flair für das hier besprochene
Genre. Um so bedauerlicher, daß er so selten darin tätig war. 1981
versteinerte es auch ihn. IL MULINO jedenfalls bleibt als ein
zauberhaftes Einzelstück in der Erinnerung haften, das sich
streckenweise durchaus mit Bava messen kann. Wenn Brice, kurz nachdem
seine Liebschaft das Besteck gereicht hat, zur Fähre geht und dort eine
alte Dame mit schwarzem Schleier und gelbem Blumenstrauß sitzt, dann
ist das ganz genau die Art von poesievoller Extravaganz, die mir das
Genre ans Herz geschweißt hat.
WO BARTEL DEN MOST HOLT
Zwar wesentlich weniger bemerkenswert als IL MULINO, aber doppelt so
obskur, ist Antonio Boccaccis schwarzweißer Gruselkrimi METEMPSYCO (DIE
BESTIE VON SCHLOSS MONTE CHRISTO, 1963). Selbst italienische Quellen
bezeichnen den Film als ausgesprochen rar. Wie nett, daß ihn die
wunderbare Firma Greenwood auf Video veröffentlicht hat.
Bereits der Regisseur ist eine recht obskure Figur. Boccacci hat an
einigen Drehbüchern gewerkelt (darunter Brescias Western SEIN
WECHSELGELD IST BLEI), machte dann unter dem Pseudonym Anthony Kristye
diesen Film und verschwand dann für immer in der Versenkung.
Selbstverständlich aromatisiert diese Tatsache seine Person ungemein:
Bestimmt ist er von der Mafia umgelegt worden oder aus Steuergründen
nach Nairobi geflohen. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust mehr.
Die Musik von Armando Sciascia stellt sofort klar, aus welcher Richtung
der Wind weht: Eindeutige Edgar—Wallace—Atmosphäre entsteht,
effektbewußte Aufdringlichkeit, die Freude im Herzen bereitet. Eine
Kamera gleitet auch sofort subjektiv durch die Peripherie und öffnet
eine Tür, die einen Totenschädel verbirgt, in dem noch ein Gummiauge
drinsteckt. Ein hübscher Türöffner für einen Film, der zwar alles
andere als klassisch ist, aber eine nette Abwechslung für den
Feinschmecker.
Die Anfangsepisode beschert dem noch nicht unruhig auf dem Sitz
herumrutschenden Betrachter zwei holde Maiden, die es mal wieder nicht
lassen können und in einem Gruselschloß herumstromern. Im Verlaufe
dieser Szene kommt es zu der einen wirklich unheimlichen Einstellung
des Films, dem ersten Auftritt der Schloßherrin, einer gallebitteren
Feudalmumie aus besseren Zeiten. Wesentlich weniger aufsehenerregend
ist da der erste Auftritt der titelgebenden Bestie, einem ehemaligen
Butler namens Bartolomé. Besagter Bartel ist im Laufe der Zeit ziemlich
auf den Hund gekommen und trägt sein linkes Auge wie ein Spiegelei auf
der Wange. Seine Haltung hat stark gelitten, ich vermute da schwere
Branntweinexzesse; er vermittelt den Eindruck eines Bahnhofspenners.
Und wo wir gerade von Exzessen reden: Einen Folterkeller hat er auch,
und dort heizt er den Girls hübsch ein!
Als die Leichen gefunden werden, findet sich auch eine illustre
Gesellschaft ein. Allen vorweg der ehrenwerte Dr. Darnell, dessen
Tochter Anne zwar hübsch ist, aber auch dumm, der Herr ist eben
gerecht.
Dann ist da noch der Inder Rama Shandra, dessen Turban eine
ständige Irritation in der Garagengotik dieses Filmes darstellt. Beide,
Darnell und Rama Shanker, haben früher mal mit der verschwundenen
Schwester der bereits eingeführten Schloßherrin zu tun gehabt. Letztere
ist übrigens immer noch scharf auf den Turban, aber der Inder möchte
lieber rausfinden, was mit Irene passiert ist.
Wie es der Zufall so will, ist Anne Irene wie aus dem Gesicht
geschnitten. So kommt es auch, daß sie fürchterliche Träume hat, in
denen es von rumpumpelnden Rittern und rasselnden Ketten nur so
wimmelt. Dann wimmeln noch überall Ratten herum. Und bevor man es sich
versieht, ist der Film zu Ende. Wer war der Mörder?
Tja, wie man aus dieser inhaltlichen Beleuchtung wohl ersehen kann, ist
der interessanteste Charakter dieses Filmes zweifellos Bartel der
bärtige Butler. Wenn er mit seinem Wermutbrudercharme durch Geheimgänge
turnt und an den Dekolletées gefesselter Frauen herumgrabscht, dann hat
das hohen erzieherischen Wert, welchen auch immer. Auch wenn seine
Auftritte im Mittelteil etwas nachlassen (hier wird ein "pfiffiger"
Journalist eingeführt, in den sich Dummbatz Anne verkuckt), ist er
gegen Ende des Films wieder voll präsent, er drückt auf die Tube, wie
man so schön sagt. Da sich den Film sowieso niemand anschaut, kann ich
schon mal verraten, daß es ihm gelingt, sich aus Versehen zu erhängen,
da ihn das fortgeschrittene Stadium des Alkoholismus etwas tolpatschig
gemacht hat. Auch in dieser Hinsicht kann man einen gewissen
erzieherischen Wert ausmachen: Wer gekettete Frauen quält, sollte sich
wenigstens das Saufen verkneifen! Weiße Mäuse und Folterkammern passen
nicht zusammen. Das ist eine Geschmacksfrage. Genau wie der Film.
DAS STERBEN NACH DEM TODE
Angestachelt vom "scharlachroten Henker" habe ich mir noch einen
Horrorstreifen von Massimo Pupillo zu Gemüte geführt. Und was für eine
Entdeckung LA VENDETTA DI
LADY MORGAN (1966) ist! Bei uns lief der Film
in den Kinos als DAS FOLTERHAUS DER LADY MORGAN und harrt noch seiner
medialen Wiedergeburt. Der Film würde es lohnen.
Zwar ist LADY MORGAN kein Klassiker vom Format eines Bava oder Freda,
aber er bepflügt verwandtes Terrain auf gänzlich eigenständige Art. Die
gotische Tradition in Literatur und Film ist noch nie für ihre
Subtilität bekannt gewesen. Stets lustvoll mit Klischees und
Sensationen hantierend, ist sie im Grunde genommen wie geschaffen
gewesen für das Kino, das seinen Ursprung ja im zirzensischen Spektakel
der Jahrmarktsattraktionen besitzt. In LADY MORGAN wird diese Tendenz
zum lustvoll Trivialen und zum schwelgerisch Romantischen auf die
Spitze getrieben; eine Steigerung ist kaum mehr vorstellbar.
Unterstützt von einem großartigen Score von Piero Umiliani und guter
Kameraarbeit von Oberdan Trojani, gelingt es Pupillo mit diesem straff
inszenierten Film, trotz zahlreicher überdrehter Details eine
durchgängige Spannung zu erzeugen, hier und da durchbrochen von
Hardcore—Romantizismus. Natürlich ist das alles Hokuspokus, und der
"Film—Dienst"—Rezensent hatte sicher nicht unrecht, wenn er seinerzeit
schrieb, der Film sei in "italienischer Jahrmarktsmanier" gemacht (auch
wenn ich bezweifle, daß er schon mal auf einem italienischen Jahrmarkt
gewesen ist). Aber es ist genau dieses beherzte Ergreifen von lauten
Attraktionen, die das Genre mitbegründet hat. Ob Mönche durch dralle
Konkubinen vom rechten Pfade abgebracht werden oder die Zähne der
geliebten Verblichenen über den Nachttisch kullern (das eine ist Lewis,
das andere Poe) — durch übermäßige Dezentheit ist noch kein
Sargtischler reich geworden!
Susan Blackhouse, die Nichte des ehrenwerten Sir Neville, ist
schwärmerisch verliebt in den hübschen Pierre Brissac. (Gibt es nicht
einen Käse, der so ähnlich heißt?) Aus diesem Grund weist sie auch die
Hand Sir Harolds von sich, der sie anbetet und gerne zur Lady Morgan
machen möchte. Aber die Chancen stehen gut für Harold, als Pierre Opfer
eines Unfalls wird und verschillt. (Was ist das Präsens für
"verschollen"? Was ist die Einzahl von "Zwieback"?)
Als Lady Morgan wird Susan aber nicht froh. Zu sehr lastet die
Erinnerung an den schönen Käse auf ihr, und daß Harold und sein
Gesindel versuchen, sie in den Wahnsinn zu treiben, hilft da nicht. So
nach und nach zermürben die perfiden Attacken auf Susan ihren holden
Geist, und in Hypnose stürzt sie sich schließlich von den Zinnen.
Fate has it, daß just in diesem Moment — JUST! — der hübsche Pierre
wieder aus zeitweiligem Gedächtnisschwund und Käsekoma erwacht und nach
seiner Geliebten fahndet. Auf Schloß Morgan erlebt er allerdings eine
böse Überraschung: Alle Möbelstücke sind mit Laken zugedeckt, dicker
Staub macht sich breit. Aber da ist sie schon, seine Verlobte, und
selig lächelnd eilt er ihr entgegen, um sie in die Arme zu schließen...
Dies ist einer der ersten Geisterfilme, dessen Hauptteil als Rückblende
erzählt wird, aber es klappt eigentlich ganz gut. Der Geisterteil ist
ungewöhnlich, insofern die postmortalen Umtriebe nicht so sehr der
Begruselung des Zuschauers dienen, als vielmehr der Ausübung einer
höheren Gerechtigkeit. Tatsächlich könnte man LADY MORGAN als den
ersten übernatürlichen Selbstjustiz—Film bezeichnen, da die Umstände
recht bald geklärt sind, und man nur noch darauf wartet, daß die
abscheulichen Bösewichte ihr wohlverdientes Ende finden.
Und was sind das für Bösewichte! Paul Muller ist außergewöhnlich gut
als ruchloser Edelmann im Doppelspiel. Muller ist irgendwie gemacht für
diese dekadenten Aristokraten. Das Objekt seiner Zuneigung ist
Kammerzofe Erika Blanc, die hier gegen ihren Typ eine Mischung aus
REBECCAs Mrs. Danvers und ILSA spielt. Aber der absolute Knaller ist
Gordon Mitchell, der hier vollkommen unerwartet einen Butler spielt!
Seine Rolle ist sogar sehr elaboriert, und Mitchell scheint die Rolle
Spaß gemacht zu haben, denn er gibt restlos alles. Als die böse Bande
anfängt, durchzudrehen, tobt er wie ein Berserker durchs Schloß. Das
muß man schon gesehen haben. Mit Sicherheit seine beste Leistung als
Schauspieler.
Das Finale drückt sehr, sehr stark auf die Tube. Die bösen Geister
erweisen sich als Vampire, die sich bislang an Susans angeketteten
Oheim gehalten haben, der mittlerweile aber ausgedörrt ist. In einer
Szene tropft Pierres Blut auf den Boden, und die Vampire stürzen sich
gierig darauf, um es aufzulecken. Das ist ein Appetit, wie ihn sich
jede Mutter wünscht.
Wie schon gesagt, man könnte diesen Film mal irgendwann ausgraben,
vielleicht im Fernsehen. Da der Artikel noch nicht lang genug ist,
mache ich schnell noch Werbung für ein tolles Buch, nämlich Cathal
Tohill + Pete Tombs IMMORAL TALES, das sich auf 272 gutgeschriebenen
und —recherchierten Seiten mit europäischen Horror— und Sexfilmen
befaßt. Tolle Fotos, ein absolutes Muß.
ZWERGE SIND AUCH NUR MÄNNER
Sucht man nach den Ursprüngen des Genres, landet man unweigerlich bei
Universal. Dies hat sich auch ein gewisser Robert H. Oliver gesagt,
über dessen Pseudonym ich lange gerätselt habe, bis mir eines
denkwürdigen Tages ein französisches Interview mit Gordon Mitchell in
die Hände flatterte, in dem dieser enthüllte, der Film LA CASA DELLA
PAURA (DIE LEICHENFABRIK DES DR. FRANKENSTEIN aka
LEICHEN—FACTORY,
1973) stamme von Oscar Brazzi, dem Bruder des Hauptdarstellers. Dies
hat mich etwas verwundert, war Brazzi bis zu diesem Zeitpunkt eher
Regisseur von dem Vernehmen nach ordentlichen Sexdramen der gehobenen
Mittelklasse...
LEICHEN—FACTORY ist einer der schlechtesten Horrorfilme aller Zeiten,
Punkt. Daß er dabei so ausgesprochen reizvoll anzuschauen ist, liegt an
der einzigartigen Konzeptionslosigkeit des Drehbuchs, das sich nicht
darüber klarwerden kann, ob der Film nun eine Komödie oder ein
ernsthafter Frankenstein sein will. Der Schlußteil legt letzteres nahe,
und das ist ziemlich deprimierend...
Was seine inhaltlichen Qualitäten angeht, so erinnert der Film etwas an
jene französische Kostbarkeit, die bei uns als einer der nur vier Filme
des verdienstvollen HORROR—CLASS—Labels herausgekommen ist, als DEVIL
STORY. Ebenfalls ein Frankenstein—Ableger, treibt dort nicht nur ein
deppertes Monster, sondern auch noch eine Mumie ihr Unwesen, die am
Anfang in einer Speditionskiste steckt, die einem Lastwagen von der
Ladefläche fällt, als er gerade durch den Wald fährt, in dem auch das
Monster haust! Ein weiterer Verwandter dieses Spektakels ist DIE
GESCHÄNDETE ROSE/HORROR—MASKE vom späteren Pornoregisseur Claude Mulot
(PUSSY TALK), in dem nicht nur Howard Vernon mitspielt, sondern auch
zwei unglaublich häßliche Zwerge namens Igor und Olaf!
Gleich zu Beginn von LEICHEN—FACTORY wird ein Riese mit Lendenschurz
von erregten Dörflern totgekloppt. ("So ein Monstrum hab' ich noch nie
gesehen!" — "Vielleicht ist es einer von den Bergriesen!") Die
sterbliche Hülle des Getüms wird flugs annektiert vom GRAFEN
Frankenstein (normalerweise ischer ja Baron...), dessen Schergen auch
die Leiche einer jungen Frau klarmachen. Zu diesen Schergen gehören:
Ein tumber Buckliger namens Hidden (phonetisch); ein kleiner Zwerg
namens Genz, der der Leiche sofort an die Titten grapscht; Luciano
Pigozzi als Hans; und Gordon Mitchell als Rainer! Jetzt ist es klar:
Der Film muß ein Kracher werden...
Na ja, also, was soll ich sagen, das Gehirn der toten Titte wird dem
Riesen einverleibt, der vom Grafen Goliath getauft wird, was nur
mittelmäßig originell ist, finde ich. Viel origineller ist da Uk, der
Neanderthaler, der in einer der Höhlen haust, von denen das Schloß
umgeben ist, und Freundschaft mit dem Zwerg schließt. Jener ist nämlich
gefeuert worden, weil es keine Gewerkschaft für Zwerge gibt, und
schiebt jetzt die Haßkarre.
Just in diesem Moment — JUST! — begibt es sich, daß die Tochter des
Grafen, Maria, zusammen mit ihrem zukünftigen Gemahl, Dieter (!),
eintrudelt, welcher aussieht, wie eine wandelnde Hämorrhoide. Mit von
der Partie ist auch Christiane Rücker (!) unter dem Pseudo Christiane
Royce, die ihre beste Freundin Krista spielt und ein tolles Gepunktetes
mit Zylinder trägt. Da der Graf auf Gepunktetes steht, entwickelt er
Interesse für Krista. Das tut auch das Monster, das übrigens eine tolle
Gummiglatze hat. (Helge Schneider meinte einst: "Wer unter der
Gummiglatze steckt, interessiert kein' Mensch!", womit er die
vermutliche Aussage des Films auf den Punkt bringt.)
Telegrammstil, sonst wird das jetzt zu lang. Das Schloß ist dasselbe,
wie in L'AMANTE DEL VAMPIRO und IL BOIA SCARLATTO, mit dem schreienden
Kaminsims. Es gibt eine vollkommen sinnlose Badeszene mit der Rücker
und Fidani—Interpretin Simone Blondell, wo sich die beiden zur Krönung
Schlamm auf die Brüste schmieren. Brüste gibt es übrigens viele; die
von Domestikin Walda (die mit "The" Hidden Sadomasosex treibt!) hängen
sogar bis zum Nabel. Die Lionel—Atwill—Rolle des Inspektors hat Edmund
Purdom, der den Eindruck macht, als beiße er die ganze Zeit auf einen
Schilling, um nicht laut zu schreien. Rossano Brazzi, immerhin ein
Schauspieler von Namen, kaspert sich quer durch Quebec, da er den Stoff
offenbar nicht ernst nimmt. (Wieso nur?) Pigozzi trägt so dick auf, daß
man ihn förmlich sieht, wie er sich danach wegschmeißt. Der
Regieassistent ist Enzo Castellaris Bruder Renzo Girolami. Das erste
Opfer von Uk heißt Hanni Hansen.
Die Aufzeichnungen des Grafen, die an
einer Stelle präsentiert werden, sind sowohl auf Englisch wie auf
Italienisch — auf derselben Seite! Und der Darsteller von Uk, der sonst
Sal Boris heißt und in tausend Genre—Produkten dabei war, wird hier mit
Boris Lugosi angegeben...
Als Höhepunkte empfinde ich zum einen die Szene, in der Mitchell das
Monster wiederholt mit einer Plastikkeule auf den Kopf kloppt, zum
anderen die, in der das Monster mit dem Neanderthaler ringt:
FRANKENSTEIN UND GODZILLA: ZWEIKAMPF DER GIGANTEN ist nichts dagegen.
Alle an LEICHEN—FACTORY Beteiligten hatten eine Menge Rechnungen zu
bezahlen... und nach dem Film sicherlich noch mehr!
MITTEN DURCH DIE RÜBE
Mit ziemlicher Sicherheit der seltenste Film dieses Artikels ist
Riccardo Fredas 1973 gedrehter ESTRATTO DAGLI ARCHIVI DI POLIZIA
DI UNA
CAPITALE EUROPEA. Dieser unsäglich lange Titel lehnt sich
natürlich an
bei den politischen Paranoia—Filmen von Elio Petri und Damiano Damiani,
die für eine Zeitlang solche Monstertitel in Mode geraten ließen. Bei
Fredas bizarrem Werk (von dem er selber sich zu distanzieren scheint)
handelt es sich um einen perversen Giallo mit Satanisten und Geistern
im Handgepäck.
Der Film erzählt von vier jungen Flower—Power—Jüngern — Jane, Bill,
Fred und Joe —, denen bei einer Fahrt nach Chelsea der Saft ausgeht. Da
es stürmt und kracht, beknieen sie einen geizigen Tankwart, bis er
ihnen schließlich genug Sprit gibt, um die Villa Alexander zu erreichen.
Und da wohnen Leute: Chef des Anwesens ist Luigi Pistilli
höchstpersönlich, dessen reine Anwesenheit suggeriert, daß man
vielleicht besser das Unwetter in Kauf genommen hätte. Auch seine Frau
— die schöne Luciana Paluzzi, bekannt aus FEUERBALL — macht durch die
lesbisch anmutende Aufmerksamkeit, die sie Jane schenkt, die
langhaarige Schar nervös.
Nachts kommt dann der Böller: Im Keller des Anwesens wird eine schwarze
Messe abgehalten, komplett mit krummfingriger Orgelspielerin! Die
letzten Vermutungen, man könnte es doch mit einem konventionellen
Thriller zu tun haben, werden freudig über Bord geworfen. Stattdessen
tritt die unvorsichtige Jane hinzu, wird gekascht und sofort zum
Spontanopfer erklärt. Bevor der Mörderdolch jedoch herniedersausen
kann, kommen die Boys dazu und boxen Schönliebchen heraus. Die
Satansjünger — samt und sonders reiche Leute — sind aber schon so gut
drauf, daß sie anfangen, sich gegenseitig zu massakrieren. Hier fällt
der Film wirklich aus der Rolle: Köpfe werden abgetrennt, durchschossen
und gespalten. Der Schädelspalter ist in der Tat recht gut gelungen,
wird auch später noch mal hervorgekramt. Keiner bleibt am Leben.
Die Hippies sind darob verständlicherweise verstört und setzen ihre
Reise mit Fremdbenzin fort. Natürlich geraten sie prompt an eine
Polizeistreife, und so wird, nachdem das Verbrechen entdeckelt worden
ist, auch gleich nach bösen Hippie—Mördern gefahndet, die sich im
Manson—Stil danebenbenommen haben sollen. Unsere vier Freunde
schlottern vor Angst.
Da Bill aus einer guten Familie stammt, hat seine Mutter natürlich
einen Liebhaber, und dieser hat natürlich ein Haus, wo die Gejagten
unterkriechen können. Leider stellt sich die Illusion der Sicherheit
als eine ebensolche heraus, und bald schon rollen die Köpfe...
Tja, also, was soll man sagen... Der alte Freda ist das sicherlich
nicht. Eher schon sieht man hier Verwandtschaft zu dem gleichermaßen
blutrünstigen ECOLOGIA DEL DELITTO (IM BLUTRAUSCH DES SATANS) von Mario
Bava, der noch in guter Erinnerung sein mußte. Freda selber war zwei
Jahre zuvor bereits auf Gore—Giallo—Pfaden gewandelt, im ordentlichen
L'IGUANA DALLA LINGUA DI FUOCO, auch mit Pistilli. Später sollte er
noch einen Horrorgiallo drehen, MURDER OBSESSION, dessen Ausflüge in
splatteriges Grand Guignol noch extremer waren als die Kopftablette aus
ESTRATTO.
Handwerklich ist ESTRATTO eine sehr ungewöhnliche Angelegenheit. Sehr
viele handgehaltene Einstellungen, bizarre Kameraperspektiven und
"Fischaugen"—Verzerrungen machen diesen Film im Oeuvre des sonst eher
bodenständig operierenden Freda zum abgehobensten Beispiel. Womöglich
ist diese Tendenz zum Experimentellen eher dem spanischen Kameramann
Francisco Fraileo zuzuschreiben. Man weiß es nicht. Sicher ist, daß
Stelvio Cipriani auf dem Soundtrack gut Gas gibt und die ohnehin schon
lautstarke Messen—Metzelei mit einem dröhnenden Klavierkonzert
versieht, daß dem Zuschauer die Ohren tränen. Ein sehr ausdrucksstarker
Score; vielleicht zu ausdrucksstark für diesen Film.
Neben Pistilli und der Paluzzi gibt es auch ein Wiedersehen mit Buster
Keatons Großnichte (!) Camille Keaton, die neben einigen Auftritten in
Italo—Ware — z.B. Roberto Mauris wunderbarem Sex—Horror—Film MADELEINE,
ANATOMIA DI UN INCUBO oder Mino Guerrinis DECAMERONE, ABENTEUER DER
WOLLUST — dem deutschen Publikum am ehesten bekannt sein dürfte aus
Meir Zarchis berüchtigtem I SPIT ON YOUR GRAVE, wo sie mit einigen
"good ole boys" eine gute Zeit hat.
ESTRATTO gelingt es trotz einiger überreizter Schockeffekte, seine
wilde Geschichte ausgesprochen spannend zu erzählen. Dies ist, in
Anbetracht der wilden Mixtur des Drehbuchs, eine ziemliche Leistung.
Einige Sequenzen sind sogar regelrechte Nervenmühlen, z.B. die Szene,
in der Strubbelkopf Joe durch ein dunkles Haus schleicht, um
schließlich Blondmaster Bill tot aufzufinden, der scheinbar beim
Betrachten von DIE KATZE UND DER KANARIENVOGEL zuviel Blaubeertorte
gefressen hat, denn wenn er aus dem Schrank fällt, ist sein Gesicht
blau wie der Enzian.
Angemerkt sei noch, daß dieser Film scheinbar nicht auf Englisch
erhältlich ist und daß einer der Drehbuchautoren ein gern gesehener
Gast dieser Kolumne ist: Mario TAXI—FICKER Bianchi!
TÜRKEN KOMMEN GEWALTIG LANGSAM
Bevor ich auf die beiden großartigen türkischen Ko—Produktionen
eingehe, die Klaus Kinski zusammen mit KASTRAT—KOMMANDANTUR—Garrone
gedreht hat, möchte ich auf einen kleinen Zeitvertreib hinweisen, den
ich mir für die Samstagabende ausgedacht habe: Die "100.000—Mark—Show"
vollständig verpassen; dann, gerade wenn die Kombination eingegeben
wird, einschalten; wenn der Computer sagt: "Die eingegebene Zahl
ist———FALSCH!", schnell ausschalten, bevor man noch die Flappen des
gedemütigten Pärchens sehen kann, und mit einem wohligen Gefühl im
Bauch den Rest des Abends begehen.
Jetzt zu Garrone. Der eine Film heißt LA MANO CHE NUTRE LA MORTE
(1973)
und ist, obwohl eigentlich an zweiter Stelle entstanden, das
unterhaltsamere der beiden obskuren Werke. Gleich zu Beginn heben die
Untertassen bereits ab: Zwei Hände, eine Stimmgabel. Beim nun
erfolgenden Singen der Gabel kommt uns ein alter Bekannter aus dem im
Sleaze—Artikel abgehandelten FIGHTING KILLER vor die Flinte, der
türkische Pate Josef. Hier spielt er einen Butler mit Hinkebein, der
offensichtlich nicht auf Stimmgabeln kann, denn er schreit, rauft sich
die Haare und wälzt sich auf dem Boden. Der Begriff "Overacting" ist
hier nicht ganz zutreffend: Die Grimassen, die der Mensch schneidet,
zeugen von endloser seelischer Knechtschaft — wir haben den Tenor im
Gefangenenchor vor uns! In dieser Eigenschaft ROLLT er schon bald
grasige Hügel hinab, während Klaus K. ihm dabei zuschaut, denn es
handelt sich um Kinskis Butler!
Kinski möchte mit dieser stimmigen Gabelei erreichen, was dann auch
passiert: Der Hinkebutler greift sich ein herumfummelndes Liebespaar
und haut den beiden die Klüsen dicht. Klaus hat ein kleines
Experimentierlabor im Keller, er ist Doktor. Dr. Nijinsky ist sein
Name, genau wie die berühmte Ballettlegende, die allerdings kein Doktor
war.
Da Sergio Garrone vorher einige Western gedreht hat, schaukelt auf
einmal eine Kutsche durch ein Westerndorf in Almeria. In der Kabine ein
Speckbart namens Alex und seine blonde Frau Masha. Beide haben einen
kleinen Kutschunfall in der Peripherie des Schlosses (nicht nur hier
erinnert der Streifen etwas an Massaccesis MÖRDER—BESTIEN) und geraten
in die Gastfreundschaft des gewidmeten Mediziners.
Nijinsky hat übrigens auch eine Frau. Diese ist allerdings nicht ganz
dicht im Stübchen, da sie anno dunnemals einen Unfall mit Feuer gehabt
hat und seitdem aussieht wie ein Dorschragout. Die gemeinsame Tochter
hatte mehr Glück und starb. Da er aber ein forscher Forscher ist, sucht
Nijinsky nach neuen Methoden der Transplantation von Haut, und bevor
Franju oder Franco sagen können: "Ich verklage Sie auf den letzten
Pizzakräcker", wird den Leuten das Gummi über die Ohren gezogen, daß es
qualmt in der guten Stube.
Der Film wartet mit zahlreichen Hämmern der gröberen Preisklasse auf.
So steht im Keller ein fackelbewehrter Sarkophag herum, auf dem ein
Name steht: "Ivan Rassimov"! Nicht der Hauptdarsteller von Garrones
erstem Western liegt hier aber begraben, sondern ein Gummiskelett:
Baron Rassimov war Klausis Lehrmeister und hat das Buch "1000 Methoden,
um Strom zum Britzeln zu bringen" geschrieben. Seine Tochter ist die
Narbenlady.
Die Operationen sind übrigens echt "state—of—the—art": Der reißt den
Mädels die Gummischeiße ab, geht einmal mit dem Pritt—Klebestift rüber
und dann pappt die Socke! Zwischendurch ferkelt die Schrammenmama auch
schon mal mit dem lüsternen Türken, dessen Gesichtsakrobatik nicht von
dieser Welt ist: Jede Porträtstudie wird zu einer Milieustudie! Echt
Zombies unter Kannibalen, was da abgeht...
Um auch dem anderen Film eine Schangse zu geben: Er heißt LE AMANTI DEL
MOSTRO, obwohl von "Geliebten" weit und breit nichts zu sehen ist. A
propos "breit": Was diesen Film obersehenswert macht, ist die
Darstellung von Kinski, der hier mit der Fackel bis nach Olympia läuft
und wieder zurück! Der Mann ist Jekyll und Hyde in einer Person, ich
möchte es beschwören. Die Fetzen fliegen, wenn Nijinsky (denn so heißt
er auch hier!) vom Geist des toten Baron Rassimov (ein anderer!)
besessen wird und durch die Heiden rauscht. Am liebsten knechtet er
sich eine Böschung hinauf, der Sonne entgegen, wie einst Ikarus. Das
kann man durchaus metaphorisch sehen. Im Schlußteil des Filmes ist er
aber sowas von besessen, daß ihm die Dämpfe förmlich aus den
Augenringen quellen. Eine zutiefst surreale Erfahrung.
Die Schauspieler sind fast durchweg dieselben, genau wie das Landhaus
und die Crew. Auch der schnieke Sarkophag ist wieder dabei, wie auch
einige Szenen ganz frech wiederverwendet werden. (Da dies der erste der
beiden ist, wird eigentlich in LA MANO wiederverwendet. Wurscht.) Das
Britzeln im Labor ist wieder unbezahlbar: Ein Leben ohne Elektrizität
ist nach Betrachten dieses Double—Features kaum noch vorstellbar. Die
Mordszenen sind identisch, nur, daß hier nicht der Weltmeister im
Sackhüpfen die Morde begeht, sondern Kinski selber. Der Butler ist aber
auch hier dabei, er spielt einen Penner mit einer Ringelsocke, aus dem
der Pöbel zu Recht die Scheiße raushaut.
Was mag sich Garrone dabei gedacht haben? Gar nichts, wahrscheinlich.
Die beiden Filme sind hochunterhaltsam, wenngleich die Bezeichnung
"Klassiker" etwas hoch greift. Die Kamera rotiert übrigens zusammen mit
dem Leichnam von Robert Louis Stevenson im Grabe herum und schafft
Einsichten in das ganze Spektrum ausstatterischer Grillenhaftigkeit.
Die Musik von Elio Maestosi und Stefano Liberati ist wirklich große
Klasse und klingt stark nach alten "Universal"—Heulern. Gerade das
Hauptthema von LE AMANTI meine ich mal in einem Mumienfilm gehört zu
haben. Leider liegen die Rechte bei CAM, und die lizensieren nicht, mit
Herausbringen ist's also Essig!
Nach diesen beiden Filmen ist Garrone dann direkt ins SS EXPERIMENT
LOVE CAMP gegangen, leider ohne Kinski und den türkischen
Zappelphilipp. Mittlerweile ist er wieder ins Geschäftsleben
zurückgekehrt, hat einen Laden aufgemacht und ist im übrigen ein sehr
lieber Mensch. (Irgendwann kommt ein großes, teures Buch raus, da wird
dann auch ein Interview mit ihm drin sein...)
ZOMBIES MIT LANGEN HAAREN
Wenn sich Zombiefilmer von ihrer gesellschaftskritischen Seite
präsentieren, dann ist was faul im Staate Helgoland. Wenn der Regisseur
dann noch Spanier ist, dann fragt man sich nicht ganz zu Unrecht, was
der Film denn überhaupt in diesem Artikel zu suchen hat.
Allen diesbezüglichen Fragern sei gesagt: NO PROFANAR EL SUENO DE LOS
MUERTOS! — Störe nicht den Schlaf der Toten! So nämlich heißt
Jorge
Graus 1974 entstandener INVASION DER ZOMBIES im Original, der im Kino
als DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN reüssierte. Vom Katalanen Grau
gab es bereits 2 Jahre vorher den "Hammer"—artigen Bàthory—Film
CEREMONIA SANGRIENTA zu sehen. Später dann fertigte er eine sehr
dekorative Version von CARTAS DE AMOR DE UNA MONJA (in einer
Nebenrolle: Lina Romay!); übrigens tat er das im selben Jahr, in dem
auch Franco seine Version von den LIEBESBRIEFEN unter das Volk brachte.
Später dann gab es milde Sexploitation und den gut gemachten, aber
ideologisch dubiosen Sozial—Schocker COTO DE CAZA (dt: HUNTING GROUND),
in dem eine liberale Lehrerin mit einem brennenden Holzscheit
vergewaltigt wird.
Grau ist ein Feingeist. Und ein Freigeist: Gleich zu Anfang reißt sich
eine Frau die Kleidung vom Leib und rennt durchs belebte London. Zeuge
dieser gezielten Indiskretion wird der hippieeske Antiquar George
(gespielt von einem fast nicht zu erkennenden Ray Lovelock), der sich
JUST mit seiner Maschine in Richtung Natur aufgemacht hat. Dorthin
würde er sicherlich auch gelangen — leider fährt eine dieser begnadeten
Autofahrerinnen über seinen Penisersatz und muß ihn dafür mitnehmen. Er
meckert sehr ausführlich, zeigt sich aber kulant, als Edna ihn bittet,
sie erst mal an ihr Ziel zu begleiten, sie hat's gar zu eilig. Fernab
vom Großstadtschmutz haust nämlich ihre paranoide Schwester mit ihrem
Ehemann, und die gilt es zu besuchen. George murrt zwar, aber fügt
sich, denn Dame Edna hat hübsche Beine.
Richtig gut wird der Film aber erst, als George auf einem Feld eine
Insektenvernichtungsmaschine auf Kernenergiebasis auffällt, mit der die
Feldgrillen zu Tode gezirpt werden: Er platzt fast vor
Umweltbewußtsein, während die Arbeiter Anstoß an seiner Frisur nehmen.
Wer sich für sowas nicht erwärmen kann, bekommt aber den ersten Zombie
geboten: Eine unschöne Erscheinung für Dame Edna, der natürlich niemand
glaubt, so als Frau. Später aber erweist sich die Erscheinung als in
der Umgebung bekannter Penner, der aber vor einer Woche ertrunken ist.
(Als Motivation für die Wiederkehr der stummen Freunde bietet das
Drehbuch die Grillenkeule an, was irgendwie rührend ist.)
Das nervolabile Schwesterlein ist mittlerweile gut runter und hängt
sogar an der Nadel. Diesem Umstand gesellt sich noch ein Zombie hinzu,
der ihren Ehegatten plattmacht. Als Inspektor Arthur Kennedy einfliegt,
fühlt er sich wie in einer Kommune: Überall Drogensüchtige und
Langhaarige. "Ihr seid alle gleich, ihr ungewaschenen, verkommenen
Langhaarigen, angezogen wie Schwule, Drogen, Sex — fähig zu jeder
Schweinerei!" Was wollt Ihr noch: Der Film ist super und startet durch
wie eine Rakete! George verabschiedet sich vom Bullen übrigens mit
"Sieg Heil!" — die Geburt einer langen Freundschaft.
Leider geraten George und Edna in allerlei Schwulitäten mit Zombies.
Polizisten sterben, Brüste werden abgerissen und über allem liegt der
über Nacht ja sehr bekannt gewordene Hauch des Todes. Die
Schicksalsfäden laufen nach einigen Schlingerlinien in der "Manchester
Morgue" zusammen, die mit einem vollbesetzten Krankenhaus gekoppelt ist
— viel Stoff für Frohsinn...
Auch wenn die deutsche Fassung an einigen Stellen geschnitten ist, kann
ich sie doch wärmstens empfehlen, denn die Synchro ist wirklich
gelungen. Darüber hinaus ist sie als alte "Eurovideo"—Kassette
herausgekommen, und diese Firma hat uns ja einige Schmankerl beschert,
anno dunnemals...
Der Film ist mit Leichtigkeit einer der unheimlichsten Zombiefilme
überhaupt. Grau versteht es glänzend, mit Hilfe seines Kamerazauberers
Francisco Sampere in einigen Szenen eine wirklich kreuzunheimliche
Atmosphäre zu zaubern, die sich sehr von der monotonen Fleischbeschau
in den meisten späteren Fetzern unterscheidet. Auch wenn das Drehbuch
in puncto Logik manchmal arge Hammelsprünge vollführt, macht es dieses
Manko mehr als wett durch die schon erwähnten Besonderheiten, sowieso
einen mehr als überraschenden Schluß, der wirklich große Freude
bereitet.
Arthur Kennedy ist total brillant: The Man You Love To Hate. Ich habe
ihn in noch keiner Italo—Produktion so gut gesehen, nicht einmal in de
Martinos superlativem L'ANTICRISTO (SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN). Sein
Inspektor ist echt der Fahrstuhl zum Schafott, alles aus, 10 Punkte.
Die schräge Musik von Giuliano Sorgini wird übrigens demnächst auf CD
herauskommen, genau wie die Frizzi—Scores zu GEISTERSTADT und
GLOCKENSEIL. Gut, wa'?
Edna: "Glaubst du, die Polizei hat recht?" George: "Bestimmt nicht.
Schon aus Prinzip."
P.S.: "Wer dreht jetzt mit Sarah Young/ tralala, tralala/ Wird ja wohl
d'Amato sein/ tralalalala..."
Christian Keßler
Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 22 (Juni
1995).
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