EIN ZOMBIE HÄNGT IN DER GEISTERSTADT
Prosakrümel, die die Nacht des
italienischen Horrorfilms zum Tage zu machen versuchen
— Für Onkel Donald —
PROLOG
Viel vorauszuschicken habe ich nicht. Das Horrorgenre ist von allen
italienischen mittlerweile das populärste geworden. Es florierte in den
Sechzigern und deflorierte sich dann in den Achtzigern, als den Zombies
die Zähne ausgingen. Und die sind leider nicht nachgewachsen.
Die hier vorgestellten Filme sind NICHT aus Qualitätsgründen ausgewählt
worden. Wie immer denke ich, daß alle diese Filme Aufmerksamkeit
verdienen. Einige von ihnen sind böse Stiefkinder, andere verzauberte
Frösche, wie das halt so ist. In manchen Fällen wollte ich mir die
Filme auch nur mal wieder ansehen, verdammt noch mal. Was soll's.
Es ist abzusehen, daß es in der nächsten Ausgabe einen zweiten Teil
geben wird, denn Horrorfilme sind eben doch die beste Alternative zum
gegenwärtigen Fernsehprogramm. Man gönnt sich ja sonst nichts. Also
denn...
JUNGER WEIN IN ALTEN
SCHLÄUCHEN
Der erste Film des Artikels ist ein lupenreiner Klassiker seines
Genres. Leider ist es eine Tatsache, daß die meisten Fans ihn nur vom
trockenen Rascheln der Lexika her kennen, denn man hat von Riccardo
Fredas großartigem I VAMPIRI
(1957) lange nichts mehr gehört, obwohl er
einst in deutschen Kinos gelaufen ist, unter dem reißerischen Titel DER
VAMPIR VON NOTRE—DAME.
Zwar weiß Phil Hardy von einer obskuren Frankenstein—Bearbeitung zu
berichten (IL MOSTRO DI FRANKENSTEIN von Eugenio Testa), die immerhin
schon 1920 entstand. Die Ehre, den ersten richtigen Horrorfilm aus
italienischen Landen vorgelegt zu haben, gebührt aber sicherlich dem in
Ägypten geborenen Freda, denn sein Film enthält bereits viele der
markigen Elemente, für die man das hier vorgestellte Genre lieben
lernen sollte. Unterstützt von der bereits spürbaren Genialität des
vielfach verehrten Mario Bava, der hier eine seiner besten Arbeiten als
Director of Photography absolviert, schafft Freda ein denkwürdiges
Gemisch aus alten angelsächsischen Horrormythen und ursüdländischer
Sexualpathologie, ein Traumgebilde aus schwellendem Romantizismus und
lasterhafter Getriebenheit: Gotik, daß die Eier knacken.
Leider mußte ich bei der Besprechung auf eine amerikanische Version
(THE DEVIL'S COMMANDMENT) zurückgreifen, die durch eine stümperte
Synchronisation und einige offensichtliche Schnitte einiges vom Charme
des Originals durch die vertriebstechnische Wurstmühle schickt.
Tatsächlich bin ich mir gar nicht so sicher, ob die anfängliche
Mordsequenz mit ihrer Stripszene und dem platten Akkordiongedudel auf
dem Soundtrack (um den Zuschauer darauf zu stoßen, daß wir uns in Paris
befinden, hätte man dem Mörder genau so gut ein Baguette in die Hand
drücken können!) wirklich auf dem Mist von Freda gewachsen ist. Sie
stellt in ihrer krassen Prosa jedenfalls einen Gegensatz dar zur
morbiden Poesie, die die späteren Vorgänge auszeichnet.
Einige junge Damen — häufig aus übel beleumundeten Spelunken entwendet
— werden in den düsteren Gäßchen der Stadt an der Seine aufgefunden. In
ihnen befindet sich weniger Blut als im Hirn einer toten Motte, was die
Sensationsblätter zu farbigen Spekulationen veranlaßt über vampirische
Umtriebe.
Besonders Feuer gefangen an der Sache hat der seriöse Zeilenschinder
Pierre Lasalle, der sich auch nicht von dem Umstand entmutigen läßt,
daß ihn der untersuchende Bulle nicht ausstehen kann. Sehr zu seinem
Leidwesen muß er feststellen, daß die Spur ihn geradewegs in das
medizinische Forschungsinstitut eines Professors namens Du Grand führt,
mit dessen Enkeltochter ihn einst zärtliche Bände verknüpften. Diese
Bande sind jedoch von Giselles Unart, andere Menschen zu benutzen wie
Taschentücher ("a vicious woman of prey"), gekappt worden. Obwohl sie
ihn immer noch zu verführen versucht, ist sein vorherrschendes Gefühl
das der Verachtung. Mit von der Partie sind auch eine steinalte Gräfin
(Giselles Großmama), ein hinkebeiniger Klotzkopf, der dem Doktor
assistiert, und ein drogensüchtiger Mörder, der dem Professor auf sehr
direkte Weise Material für Experimente beschafft.
Wie sich nämlich herausstellt, sind Großmama und Enkeltochter ein und
dieselbe; der "mad scientist" hat es fertigbracht, nach bestem
Bàthory—Rezept ein Serum der ewigen Jugend zu entwickeln, auf der
Grundlage süßen Lebenssaftes freilich, der unfreiwilligen Spendern
abgesaugt wird. Unter diesen Umständen bekommt auch die Passion der
fiesen Giselle für Pierre etwas Morbides: Ihr wurde einst von Pierres
Papa das adelige Herz gebrochen, was sie nun anhand seines Sohnes zu
heilen trachtet. Liebe, die die Jahrhunderte überdauert...schön!!!
Bis es dann zu einem wunderbar melodramatischen Finale kommt, werden
aber noch einige der weniger wichtigen Charaktere vom Rochus besucht,
was durchaus passieren kann.
Daß die amerikanische Sprachverwirrung den Schluß aufzwingt, sämtliche
Figuren seien aus einem Heim für alternde Cowboydarsteller entwichen
(das Weiße Haus?), nervt beizeiten massiv. Wie humorig auch die lässig
eingestreuten Franzismen sein mögen ("Mämsäll..."), sie stören doch den
weitgehend ruhigen und schicksalsschweren Ablauf der Dinge, der die
modernen Charaktere in eine Welt gotischer Alptraumtableaus entführt.
Ohne daß übertrieben an der Totenglocke gebimmelt würde, ist man schon
bald bereit, die zunehmende Desorientierung Pierres zu glauben, dessen
Weltbild schwersten Schwankungen ausgesetzt wird. Wenn er dann
schließlich durch die modrigen Korridore und Geheimgänge von Schloß Du
Grand irrt, ist er schon längst vom Reich der Lebenden zu dem der Toten
übergewechselt, wo mottenzerfressene Vorhänge wehen und Totenschädel
satt die Modergruft drapieren. Hier möchte man mit seiner Schrankwand
einziehen.
Es gibt zwei Verwandlungsszenen, die weitgehend überzeugen, dank der
geschickt eingesetzten Beleuchtungseffekte (wie in Mamoulians DR.
JEKYLL AND MR. HYDE wird verstecktes Make—Up durch besondere
Farbhinzufügung sichtbar gemacht; Schwarz—Weiß macht's möglich) und der
bemerkenswerten Leistung der Darstellerin Gianna Maria Canale. Auch
dabei ist ein noch sehr junger Paul Muller, der in Caianos großartigem
Sadomasogothickracher AMANTI D'OLTRETOMBA Barbara Steele begegnen
durfte und über Jess Franco zu Tinto Brass gelangte.
Der düstere Romantizismus von I VAMPIRI findet sich nicht nur in
einigen der oft besungenen Bava—Filme wieder, sondern auch in späteren
Fredas, wie etwa seinem gotischen Meisterwerk, L'ORRIBILE SEGRETO DEL
DR. HICHCOCK (sic), einer kreuzgruseligen und sehr gewagten Ode an die
Nekrophilie. Es wäre schön, wenn diesem (noch lebenden) Regisseur etwas
von der Aufmerksamkeit zuteil würde, die man seinem wohl besten
Schüler, Mario Bava, geschenkt hat. Denn auch wenn Freda die intuitiv
wirkende Genialität Bavas abgeht, so besitzt er dennoch dieselbe Gabe
zum visuell geschickten Erzählen einer fantastischen Geschichte, in der
der Zauber und das Wunderbare im Vordergrund stehen. Der Zuschauer wird
wieder zum neugierig staunenden Kind, das noch die Fähigkeit besitzt,
im See der Fantasie zu baden. Je älter man wird, desto mehr geht dieses
Talent verloren, aber in den Werken von Künstlern wie Bava, Argento
oder Soavi findet sie sich wieder und kann ständig neu erlebt werden.
Und am Anfang dieser Tradition steht eben Riccardo Freda.
SCHÖNE TOTE MENSCHEN
Und wer steht am Ende? Hähä, Renato Polselli natürlich. Dieser lustige
Wandersmann nämlich bescherte uns eine reichhaltige Anzahl saftiger
Sexploiter, in denen nackte Tatsachen präsentiert werden, die selbst
den sattelfestesten Moralisten im Handumdrehen zu einem bibbernden
Gemüse degenerieren lassen... Beispiele sind der wundervolle (bereits
von der Bäddie—Ecke entsprechend gewürdigte) DELIRIO CALDO (DAS GRAUEN
KOMMT NACHTS), der einen Psychokiller eine Frau hinrichten läßt, indem
er sie vaginal an eine Gasflasche anschließt (!); der von mir
bitterlich gesuchte Thriller RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO
PERVERSO DEL SESSO mit Klaus Kinski; der in Deutschland gelaufene LA
VERITA SECONDO SATANA (IM LUSTHAUS DER TEUFLISCHEN BEGIERDEN); und der
sadistische Sexthriller CASA DELL'AMORE: LA POLIZIA INTERVIENE, in dem
drei Archäologen unterschiedlichen Geschlechts eine Satanssekte beim
blutigen Zeremonieren überraschen und darauf reagieren, indem sie erst
mal ordentlich miteinander rammeln. Er ist ein rechter Schmutzfink, der
wiedergeborene Renato. Einen Porno hat er allerdings meinen
Informationen zufolge nie gemacht. Vielleicht ganz gut so.
Ja, besagter Sleazemeister (der im selben Jahr geboren ist wie mein
Vater und Charles Bronson) hat sich auch auf dem Sektor des gotischen
Horrorfilms versucht, und zwar im Jahre 1960. Der Titel des Werkes ist
L'AMANTE DEL VAMPIRO
(DIE GELIEBTE DES VAMPIRS), und es ist gar nicht
mal so schlecht. Das soll nicht heißen, es wäre gut, aber wer die
aufgemalten Hintergründe von DELIRIO CALDO genossen hat, ist für wenig
dankbar. Daß dieses Wenige die Pfade von Bava und Freda unsicher macht,
ist nur ein weiterer Pluspunkt.
Um gleich zu den Minuspunkten des Filmes zu kommen: Das Drehbuch ist
nicht das zusammenhängendste.
So steht eine Truppe von Ballerinas im
Mittelpunkt, die sich in einem Rasthaus irgendwo in der Nähe von
Entenhausen aufhält, aber es wird niemals klar, wo die Girls eigentlich
herkommen. Entweder kommen sie von auswärts, in welchem Falle es nicht
als zwingend erscheint, zum gemeinsamen Hupf an diesen gottverlassenen
Winkel der Erde zu reisen. Oder sie sind einheimisch, was aber ihre
komplette Unwissenheit bezüglich des "Schlosses der Verdammten"
unverständlich machen würde, das offensichtlich einen Ruf wie
Donnerhall besitzt. Sehr zu recht, denn eine Vampiresse und ihr
getreuer Sklave treiben dort ihr schwarzweißes Unwesen. Die beiden
haben ein perfektes System der Arbeitsteilung entworfen: Er schleicht
mit einem Gesicht durch die Gegend, das zu Beginn vor den Augen der
Zuschauer verborgen wird (nicht ohne Grund, wie man bereits richtig
vermutet) und lutscht an weißen Frauenhälsen; sie bedient sich danach
second—hand bei ihm und behält so ihre Würde und ihre Schönheit! (Hier
klatscht der Film eindeutig I VAMPIRI ab...)
Handwerklich ist der Film recht angemessen gefertigt. Es gibt viele
stimmungsvoll ausgeleuchtete Gotik—Szenarios zu betrachten. Auch kann
man nicht sagen, daß der Film mit seinen Attraktionen geizen würde. Wo
genau allerdings diese Attraktionen liegen, ist manchmal etwas unklar.
Das auffallendste Merkmal des Filmes ist nämlich die unverhüllte
Spekulativität, mit der sinnliche Drallheiten in das rechte
Scheinwerferlicht gerückt werden. Gleich zu Anfang, als eine Bauernmagd
(mit ausgesprochen modernem Ausschnitt) vom Blutsauger niedergestreckt
und von beflissenenen Dörflern ins Wirtshaus getragen wird, kommen die
Miezis zuhauf: Schicke Ballerinas in Negligées (weiter geht der Film
noch nicht), die vollbusigste im Vordergrund. Überhaupt macht die
Ballettgruppe (die über ein Repertoire verfügt, das aus einem
Beach—Party—Film zu stammen scheint) den Eindruck, als wäre sie aus
einem Russ—Meyer—Spektakel entkommen. Ich weiß nicht, aber stört sowas
nicht beim Pas—de—deux? Egal, bei Renato sind sie damit an der
richtigen Adresse, hier paßt das ganz prima hin. Und der Speck wird
geschleudert, nach links und nach rechts. Mitten im schönsten
Vampirreigen proben die Mädels ihre neuesten Improvisationen. Eine
heißt sogar "Der Tod des Vampirs"! Ich fühlte mich dabei erinnert an
den unglaublichen Film EIN TOTER HING IM NETZ von Fritz Böttger, in dem
eine auf einer einsamen Insel gestrandete Dutzendschaft von Mannequins
eine Spontanparty schmeißt, obwohl Riesenspinnen ihr Unwesen treiben.
Keine Feigheit vor dem Feind. Dem Tod kühn ins Antlitz gespuckt. Sehr
lobenswert, so was.
Überraschend eigentlich, daß die Hauptdarstellerin nicht die dicksten
Möpse hat, aber dafür hat sie den dümmsten Freund: Luca heißt der Knabe
und ist der Augapfel der gesamten Belegschaft. Selbst der muskulöse
Tanzlehrer (Giorgio geheißen) meint sofort anerkennend: "Luca, you're
looking great!" Man möchte Luca in die Schnauze hauen. Aber wir
erinnern uns: Nur ein Film, der Regisseur hätte selbst Fuzzy auf die
Bühne schicken können und die Mädels hätten sich reihenweise
defloriert. Kinowelt=Scheinwelt. Wieder einmal genasführt.
Von den vielen Füllszenen, in denen Leute durch den dichten Tann
latschen, sollte man sich nicht irritieren lassen. Was immer der Film
mit seiner mangelhaften Story falsch macht, wird mehr als ausgeglichen
durch die heißen Tanzgirls, die aufreizend durch die Gegend fliegen.
Wenn der Film klaut, dann klaut er wenigstens bei den richtigen
Vorbildern: Aus den Wänden ragen fackelhaltende Arme, wie einst bei
Cocteau; und eine subjektiv gefilmte Beerdigung á la Dreyers VAMPYR ist
auch drin. Und als an einer Stelle ein Sarkophag geöffnet wird,
entfleucht nicht nur der Mief der Jahrhunderte, sondern auch eine weiße
Taube. Das ist jetzt gar nicht geklaut, sondern Polselli der Poet. Er
kann's. Entzückend.
DIE LANGE KAPELLE DES TODES
Und gleich noch ein Film aus der Knarrende—Türen—und—Spinnweben—Liga.
Der einzige Regisseur, der meiner Ansicht nach den Meistern Bava und
Freda das Wasser reichen kann, ist der sympathische Antonio Margheriti.
Obgleich er in nahezu allen vorstellbaren Filmgenres Professionalität
und handwerkliches Geschick bewiesen hat, war es doch angenehmerweise
im gotischen Schauerkino, wo er wirkliche Inspiration bewies. Nach
Deutschland geschafft hat es leider nur das schwächste der drei
Gotikprodukte, LA VERGINE DI NORIMBERGA (SCHLOSS DES GRAUENS), der
immer noch meilenweit vor vergeichbarer Ware rangiert. Wirklich
großartig sind aber die beiden Kollegen der Nürnberger Jungfrau,
namentlich LA DANZA MACABRA (zusammen mit Sergio Corbucci) und I LUNGHI
CAPELLI DELLA MORTE (THE LONG HAIR OF DEATH, 1964). Ersterer ist
später
von Margheriti mittelmäßig neuverfilmt worden, als DRACULA IM SCHLOSS
DES SCHRECKENS, und ist Numero Uno im Schaffen des Herrn. Da ich aber
gerade woanders über diesen Film geschrieben habe, nehme ich I LUNGHI
CAPELLI, der nur unbedeutend schwächer ist.
Tja, mit Barbara Steele in der Hauptrolle kann man nicht viel falsch
machen! Wie eindrucksvoll diese merkwürdige Schönheit ist, kann man aus
der Tatsache ersehen, daß nicht ein einziger ihrer Horrorfilme
enttäuscht, auch wenn sie (besonders Michael Reeves' THE SHE—BEAST)
manchmal etwas dünnblutig angelegt sind. Aber ihre atemberaubende
Präsenz ist niemals nur Leuten wie Fellini vorbehalten gewesen (8 1/2),
sondern auch in Exploiter geflossen, was die Dame sehr sympathisch
macht.
In I LUNGHI CAPELLI spielt sie Helen Rochefort (Synchro: Karnstein),
deren Mutter Ende des 15. Jahrhunderts als Hexe verbrannt wird. Obwohl
sie ganz genau weiß, wer das Verbrechen, das ihrer Mutter zur Last
gelegt wird, wirklich begangen hat (nämlich der skrupellose Kurt von
Humboldt, Sohn ihres Anklägers), kann sie die Hinrichtung nicht
verhindern. Dafür nimmt sie der Schloßherr aber noch mal richtig zur
Brust und bringt sie dann um, aus Furcht, sie könne ihn verraten.
Dieses unangenehme Beispiel männlichen Chauvigeistes bleibt nicht
ungerächt, das ist sofort klar. Es dauert freilich seine Zeit; so lange
nämlich, bis Lisabeth, die jüngere Tochter, zur reifen Frau
herangewachsen ist. Als solche erregt sie die Libido des bösen Kurt,
der sie dazu zwingt, ihn zu heiraten. Fast gewöhnt sie sich an den
herrischen Mistkerl. Dann aber geschieht Fürchterliches: Während eines
Gottesdienstes (bei dem Hexentöter Von Klage aus dem "Buch der
Offenbarungen" zitiert) befreit ein Unwetter die sterblichen Überreste
Helens. Die Kirchentür fliegt auf; eine Frau, die Helen wie aus dem
Gesicht geschnitten ist, betritt das Gotteshaus. Für den alten
Schloßherrn ist diese Wiederkehr der schuldigen Vergangenheit zuviel;
er sackt röchelt hernieder.
Kurt fängt aber Feuer für die schöne Mary, wie sie heißt. Mit ihr setzt
er seiner Ehefrau Hörner auf. Gemeinsam schmieden sie einen teuflischen
Trick, wie sie Lisabeth aus dem Wege räumen wollen. Aber alles ist nur
ein teuflischer Plan, um den ruchlosen Schurken seiner gerechten Strafe
zuzuführen. Und die ist ziemlich grauslich.
An diesem Film stimmt fast alles. Die Geschichte wird sehr unterhaltsam
vermittelt, es gibt kaum überflüssige Stellen. Der Kameramann Riccardo
Pallottini, der unzählige von Margheritis Filmen fotografiert hat (bis
zu seinem tragischen Tod 1982 am Set von TIGER JOE / HÖLLENKOMMANDO ZUR
EWIGKEIT), leistet ganz vorzügliche Arbeit, die sich stark von der eher
verspielten, stark zoomorientierten Kamera von LA DANZA MACABRA
unterscheidet. Hier umschmeichelt er die Darsteller, akzentuiert er,
ohne von den Vorgängen abzulenken. Und die sind fesselnd zu betrachten.
Großer Pluspunkt auch die Musik von Carlo Rustichelli, der die
vielleicht schönsten "Gothic—Horror"—Soundtracks gemacht hat, z.B. zu
Bavas LA FRUSTA E IL CORPO und zu OPERAZIONE PAURA. Die Musik von I
LUNGHI CAPELLI ist sogar mal auf Single erschienen, aber da muß man
schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Die wunderschöne Atmosphäre
des Films geht jedenfalls auch auf sein Konto.
Neben Barbara Steele sind noch andere gute Schauspieler zu bewundern:
Den bösen Kalle spielt Giorgio Ardisson, der in den 60ern auch als
Agent 3S3 zu sehen war, Sergio Sollimas außergewöhnlich brutale
James—Bond—Kopie; Umberto Raho, der den Hexengegner Von Klage (!)
spielt, ist in unzähligen Filmen zu sehen gewesen; und Giovanni
Pazzafini, der ebenfalls in einer unglaublichen Anzahl von
Genrestreifen mitgespielt hat, besonders in Polizeifilmen, spielt einen
finsteren Schloßschergen.
Der Schwarzweißfilm wird übrigens an einer Stelle etwas indezent, wenn
man nämlich das erste Mal die blanke Brust der Steele zu sehen bekommt.
Ich sag' das ja nur so. Interessiert Euch nicht, ich weiß.
Ein Juwel von einem Film.
SPORTSTUDIO ROTE NARRENKAPPE
Nach Margheritis Meisterklasse können wir den Schirm jetzt getrost
wieder niedriger halten: Massimo Pupillos IL BOIA SCARLATTO
(SCARLETTO,
SCHLOSS DES BLUTES, 1966) zeigt vorbildlich, was passiert, wenn die
Italiener sich mit Amerikanern zusammentun, um ein gotisches
Horrorstück zu kreieren!
Was könnte dabei herauskommen? Vor dem geistigen Auge des arglosen
Betrachters entstehen gräßliche Anomalien, in denen Mimen vom Schlag
eines John Ashley oder Anthony Eisley durch finstere Korridore irren
und Zuckerwattespinnweben beiseite wischen. Aber es kommt noch viel
schlimmer: Hauptdarsteller ist Mickey Hargitay. Jawohl, meine Damen und
Herren, Sie haben richtig gehört — der scharlachrote Henker wird
verkörpert vom ehemaligen Mister Universum und Ex—Ehemann von
Busenwunder Jayne Mansfield, die ja bekanntlich in einem bösen
Autounfall den Kopf verlor. Ihre Brüste werden sie überdauern. Was wohl
auch für Hargitay gilt: Wer ihn auf die Empfehlung von Sven und Thomas
hin in dem Opus DAS GRAUEN KOMMT NACHTS als heulenden Derwisch durch
die Schmiere hat waten sehen, weiß, was ein Mensch alles ertragen kann,
bevor er stirbt! (Das gilt im nämlichen Fall nicht nur für ihn.)
In SCARLATTO spielt er jedenfalls gleich zu Beginn John Stewart, den
scharlachroten Henker, der mit einer drolligen Kapuze (die scharlachrot
ist) von waffenstarrenden Komparsen des Mittelalterspektakels in die
Rumpelkammer gebracht wird, um dort unter fürchterlichen Quallen zu
verenden. Wie es scheint, ist er in seinem Beruf etwas zu sehr
aufgegangen, als daß die Krone seine Effizienz noch tragbar gefunden
hätte. In einer Szene voller Garagen—Gotik—Inbrunst wird er in die
"Nürnberger Jungfrau" gesperrt, bis daß der Tod eintritt. Ich muß das
kurz beschreiben: Jungfrau auf, Henker rein, Schnitt auf Augen hinter
Kapuze, Zoom zurück ("UÄÄÄRXXX!"), Schwenk runter auf hervortretendes
Blut, dann Zoom mitten hinein in die Jauche. So werden Filme gemacht.
Natürlich wird dann noch viel Theaterdonner abgeladen, Fluch forever
und so fort.
Einige Jahrhunderte später wird das Schloß zum Schauplatz einer
Foto—Session: Eine Gruppe Unzurechnungsfähiger will in dem
vermaledeiten Schloß eine Fotoserie schießen mit dem Titel "Die Rache
des Irren von Schloß Westermore". Hübsche Dummchen sind zuhauf
anwesend, so was verkauft sich gut. Daß das Schloß unbewohnt scheint,
erweist sich nur zuerst als Hemmschuh, denn eine Anklage wegen
Hausfriedensbruch tapfer ignorierend verschafft man sich Zutritt.
Und das Schloß ist `ne Wolke: Skelette in Kutten stehen da einfach so
rum, Fledermäuse fliegen an Drähten durch die Gegend und sämtliche
Fenster sind vergittert. Macht nichts!! Stört doch nicht!
Nach einigem Gelaber erscheint auf einmal ein geiler Bodybuilder mit
Kerzenleuchter und Seemannshemd, der zwar noch nicht der scharlachrote
Henker ist, aber zum Aufwärmen schon mal taugt. Gemeinsam gelangt man
nun zum Hausherren, der über das unrechtmäßige Eindringen höchst erbost
ist, sich aber nach anfänglichem Zaudern als kulanter Gastgeber
erweist. WIE kulant genau, das erweist sich erst im weiteren Verlauf
der Handlung, denn der Gastgeber ist Mickey Hargitay, und das ist nun
wirklich der scharlachrote Hänger in Reinkultur! Zwar gewandet er sich
noch in Zivil, aber wir wissen, daß Mickey das Mausen nicht läßt...
Und dann geht's los: Ein Poe'scher Pendel—Act gerät zur unfreiwilligen
Perforationsnummer. Egal, es wird weitergemacht, wer hier nach
Gewerkschaft greint, hat den wahren Geist italienischer Guerilla—Kunst
verraten und verkauft!
Der Held ist übrigens ein netter Drehbuckkasper namens Rick, dessen
Schnalle Edith einst eine Beziehung zum Schloßherrn gehabt hat. Es
scheint, als handele es sich bei Mickey um einen eremitenhaften
Schauspieler, dessen Eigenbrötlertum auch ihre Heirat mit ihm vereitelt
hat. Die Welt ist so klein.
Und auf Burg Schreckenstein ist bald Geisterstunde: Mickey zieht vor
Edith seine Mönchskutte aus und entblößt seinen Luxuskörper, komplett
mit Strampelhöschen, welches scharlachrot ist. Sein Kommentar: "Die
Menschheit besteht nur aus gemeinen Kreaturen, aus entarteten
Geschöpfen mit physischen Mängeln, die meinen vollkommenen Körper schon
mit ihren Blicken besudelt hätten!" Während der Zuschauer noch über
seine eigenen physischen Mängel nachsinnt, stellt sich Mickey vor einen
Spiegel und fängt nun an, sich den Body mit Öl einzuschmieren! Ich
schwöre es, ich sauge es mir nicht aus den Fingern, das passiert
wirklich! Edith hat den Arsch jetzt GESTRICHEN voll und sucht das
Weite. Sie findet es aber nicht und landet nebst Kumpanen in der
Mündelkammer des scharlachroten Trenkers. Hier dreht er voll auf: Dem
Chefredakteur spuckt er voll in die Visage ("Verseuche mich nicht mit
deinem unreinen Blick!"); die Mädels werden mit Nagelbrett, Messerdrehe
und Wasserfolter gut unterhalten. Als der Held dann zum Showdown
erscheint, liegt das Publikum eh schon geschlossen unter den Stühlen,
hingemacht von Bier und Brezeln...
Dieser Sadomasokarneval ist oberempfehlenswert. Pupillo (der 1982 vom
scharlachroten Imker besucht wurde) drehte noch Besseres, etwa den
lakonischen Western BILL IL TACITURNO. Daß der Film nicht totaler
Schund ist, liegt an der gelegentlichen Qualität von Luciano Trasattis
Kameraarbeit. Gino Peguris Musik klingt etwas nach Edgar Wallace. Unter
den Mädels fällt eine junge (und hübsche) Femi Benussi auf. Der Held
wird gegeben vom männlichen Vampir aus L'AMANTE DEL VAMPIRO, Walter
Brandi. Und den Finanzier der Fotoserie macht Amerikaner Ralph Zucker,
der ein Jahr zuvor einen gorigen Film mit Barbara Steele inszeniert hat
(CINQUE TOMBE PER UN MEDIUM), der häufig Pupillo zugeschrieben wird.
Die deutsche Fassung ist — klaro — geschnitten, aber immer noch besser
als nix. Ab in Rotkäppchens Nagelstudio!
KLAUS UND DIE FRAUEN I
In mondklaren Nächten liege ich häufig da und frage mich, wie es wohl
gewesen wäre, ein Interview mit Klaus Kinski zu führen. Entweder, wir
hätten uns prima verstanden, oder er hätte mir sofort eine in die
Schnauze gehauen. Bestimmt hätte er mir eine in die Schnauze gehauen,
wenn ich ihn nach Fernando di Leos LA BESTIA UCCIDE A SANGUE FREDDO
(DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL / DER TRIEBMÖRDER, 1971) gefragt hätte.
Zu Unrecht übrigens, denn der Film ist ganz ulkig.
Bestimmt hat Klaus aber nicht viel Spaß gehabt mit der schönen Margaret
Lee, da er in einer seiner Biographien sehr anschaulich beschreibt, wie
er während der Drehzeit vermutlich von VENUS IN FURS mit einer gewissen
Maria R. verkehrt, sehr zur Animation von Maggie, die ihren Fingern
freien Lauf läßt. Eine Fraufrau, so spricht der große Verkehrer.
Wie auch immer, ich finde es sehr schade, daß die wunderbare Firma VPS
für ihre Videoveröffentlichung des Filmes den Kinotitel hat fallen
lassen, denn es muß seinerzeit viele Zuschauer gegeben haben, die ihre
steil erigierten Hälse verrenkt haben, um auch nur einen blauen Vogel
ausfindig zu machen. Das gefällt mir. Interaktiver Kinobesuch. Das
Publikum spielt mit. Vögel gibt's im Schloß keine, GEvögel um so mehr,
denn di Leo greift hier voll in die Sexploitationkiste. Und das darf er
auch, denn er hat Darstellerinnen wie die Lee oder Rosalba Neri zur
Verfügung. Besonders letztere wird reichlich zur Kasse gebeten.
Die Geschichte (von Konsalik, meint der deutsche Verleih: ha—ha!)
spielt in einer Klapse der gehobenen Art, in der ein gewisser Professor
Dorian in den "Goldene—Blatt"—Neurosen seiner Patientinnen herumwühlt.
Mit von der Partie sind auch ein gewisser Dr. Kamphausen und ein
gewisser Dr. Keller. Und natürlich die Bestie, die kaltblütig mordet;
eine Menge Kandidaten, die alle der Reihe nach verdächtig gemacht
werden. Ringsumher gibt es noch viel Gruselbrimborium, wie etwa eine
Eiserne Jungfrau. Auch beweist die titelgebende Bestie viel Stil in der
Auswahl ihrer Mordwerkzeuge: Mit Sense, Gartenschere und Dolch arbeitet
sie sich im Zehn—Minuten—Takt durch die Besetzungsliste.
Ja, das Drehbuch ist schon ein rechter Glücksfall. Da platzen echte
Schoten. Wunderbar zum Beispiel die Szene, in der die Nymphomanin des
Schlosses (Rosalba natürlich!) einem Gärtner nachstellen will, der mit
einer Sense sexuelles Begehren suggeriert. Leider wird sie vom Personal
abgefangen. Zur Strafe gibt's eine kalte Dusche. Und dabei begleitet
der Zuschauer sie und bekommt Gelegenheit, über die Länge ihrer
Brustwarzen zu meditieren. In diesem Meilenstein der Duschszenen windet
sich und tanzt Rosalba, krank vor Geilheit, durch den Raum, sich
neckisch an die Wände schmiegend. Manch eine Zuschauerin mag so etwas
schon einmal erlebt haben (unter LSD, etwa). Ihre Nymphomanie ("Männer
sind alles, was ich brauche!") ist übrigens, der Nußschalenpsychologie
des Filmes zufolge, auf inzestuöse Begierden zurückzuführen, die nicht
erwidert werden.
Der Film wäre aber wirklich nur die Hälfte, wenn di Leo sich nicht
mitten in seiner Beat—Phase befunden hätte: Der Mann kurbelt die Kamera
herum, bis die Leinwand verschwindet! Es ist ihm zuzuschreiben, daß die
Akkordarbeit, die der Mörder leistet, zu einem wahren Sleaze—Marathon
wird. Und ja, manche Szenen sind satt geschmacklos: Diejenige etwa, in
der eine schwarze Patientin vor der lesbischen Tochter des Arztes tanzt
— zu Urwaldtrommeln! Auch sehr nett der Moment, in dem Rosalba vom
Mörder aus Lustträumen gerissen wird, und sie ihn sofort anmacht —
seine Axt stört sie nicht weiter! Ich liebe das.
Lauter kleine Murksereien sind natürlich auch dabei: So etwa der Exitus
des Dieners, der vollkommen grundlos die Eiserne Jungfrau öffnet, nur
damit der Killer ihn hineinstoßen kann... Ach ja, und die Auflösung!
Hohoho, vergeßt TENEBRAE, hier stehen einem endgültig die Nackenhaare
zu Berge — Agatha Christie hätte sich für diesen Einfall selber in den
Schornstein gestopft!
Noch ein paar Worte zu Klaus: Sein erster Auftritt ist blanke Poesie:
Er kommt ins Bild, wischt sich SOFORT die langen Haare aus der Stirn,
der Professor labert auf ihn ein, aber Klaus interessiert das
offensichtlich einen Scheiß, er guckt einfach woanders hin!
Erinnerungen werden wach an LE AMANTI DEL MOSTRO und LA MANO CHE NUTRE
LA MORTE, zwei Garrone—Filme, in denen Klaus so extrem Gas gibt, wie
ich das noch nie gesehen habe: Wie er als Dr. Hyde—Monster durch den
Mischwald stolpert, das ist der wahre Beginn der transzendentalen
Obdachlosigkeit. Ein Mann sucht sich selbst und findet Garrone.
Übrigens: In der französischen Fassung dieses Films befinden sich
(nebst einigem geschnittenen Material) auch drei Hardcore—Details. Eine
Masturbation (mit Rosalba) ist leider schwer zu verifizieren; die
anderen beiden sind aber wohl echter di Leo und die echten
Darstellerinnen... Aber was rede ich denn da, das interessiert Euch
bestimmt gar nicht...
DAGOBERT DRACULA
HANNO CAMBIATO FACCIA
(WETTLAUF GEGEN DEN TOD, 1971) von Corrado Farina
ist ein sehr eigenartiger Film, der knallige Systemkritik auf
unterhaltsame Weise mit alten Gruselmythen verbindet. Tatsächlich
bezieht sich der Originaltitel wohl auf die im Film geäußerte Idee, daß
die Mythen nicht sterben — "sie verändern sich nur".
Dottore Alberto Valle ist ein ziemlich blasses Dutzendgesicht in einer
großen Automobilfirma. Als er vom Präsidenten der Fabrik erstmals in
den Olymp des 20. Stockwerkes beordert wird, schlägt ihm die
Hemingway'sche Stunde: Tatsächlich verlangt der Gründer der Firma
höchstpersönlich, ein Ingenieur namens Giovanni Nosferatu, dessen Ponem
die Wände der Büros schmückt, seinen namenlosen Mitarbeiter zu sehen.
Er erwartet ihn in seiner Villa.
Als Alberto wegen Benzinmangels mitten in der Pampa anhalten muß,
stellt er fest, daß die Dörfler so ihre Marotten haben. Auf den Namen
Nosferatus hin reagieren sie sogar richtiggehend verschnupft,
allerdings ohne Knoblauch und Kruzifixe. Immerhin gabelt Berti eine
leckere Hippiemieze (nackt im Pelz!) auf, die aus unerfindlichen
Gründen einen Narren an dem sortierten Bruder frißt.
Und der Nosferatu wohnt absolut genial! Eine feudale Prachtvilla, in
einer Gegend gelegen, bei der James Whale mit einer unfreiwilligen
Emission lächelnd abgetreten wäre, voller Nebelschwaden, Eisenzäune und
unheimlicher Wachposten. Im Preis inbegriffen ist auch eine scharfe
(wenngleich etwas bizarre) Sekretärin, die nicht lange braucht, um den
steifen Bürohengst zum Wiehern zu bringen. Die moosüberwucherte Plebs
vor den Toren nicht weiter beachtend, macht man sich hier den berühmten
flotten Lenz.
Und Nosferatu selber... Nun, wer Adolfo Celi kennt, weiß, daß der Mann
für diese schmierigen reichen Kindsverderber geboren ist! Der
Fernsehschirm bläht sich förmlich auf, wenn er erscheint. Und er ist
ein kapitalistischer Hundsfott, ein garstiger Machtvampir, dessen
Finger sich nicht nur in die Autoindustrie, sondern in so ziemlich alle
wirtschaftlichen Bereiche bewegt haben, die man sich denken kann. Sogar
"ein paar" politische Parteien gehören ihm. Der Mann ist echt super.
Valle bekommt den Job als Präsident der Autowerke angeboten. Er bittet
sich Bedenkzeit aus.
Tja, und die hat er nötig, denn es tun sich unheimliche Sachen im
Anwesen. So findet er einen Brutraum mit Babys ("für den Nachwuchs
unserer Mitarbeiter"), in dessen "Gästebuch" auch er selber enthalten
ist (mit Babyfoto), wodurch angedeutet wird, daß hier die Führungselite
von morgen geklont wird. Im Keller finden pseudo—okkulte
Managerseminare statt, wo so lustige Sachen eingetrichtert werden wie
die "Züchtung von Optimismus" oder die "Rückkehr des Konsumenten in die
Wiege"...
Der kritische Teil, das darf hier kurz erwähnt werden, neigt hier und
da etwas zum Plakativen. Diese Tendenz ist aber nur oberflächlich ein
Makel, da der Film letztlich von der systematischen Verdummung der
Konsumenten handelt, die eingespannt ist in ein wahrhaft teuflisches
Netz von erzeugter Abhängigkeit und Befriedigung. Es geht um bereits
abgestorbene Nervenstränge. Was Wunder, daß selbst Valle nur mehr
grinsen kann, wenn ihm in seinem Zimmer fortwährend dümmliche
Werbesprüche um die Ohren sausen, die zu Marktforschungszwecken
ausprobiert werden sollen.
Wahrhaft bizarr wird der Film, wenn die ohnehin vorhandenen gotischen
Ansätze vertieft werden. So findet Valle etwa bei einer fröhlichen
Golfpartie ein halb verschüttetes Mausoleum, in dem Nosferatus
Sarkophag steht! Auch die Musik von Amedeo Tommasi verstärkt diesen
Eindruck mit gelegentlichen Chor— oder Orgelstücken. Die Frage ist nun:
Wird der Naivling Valle den Krallen des grausigen Profitdämons
Nosferatu entkommen können oder wird er seine Seele gegen ein Leben in
kalter Behaglichkeit eintauschen?
Diese Meditation über das Für und Wider des Ulrich—Meyer—Effekts ist
schwer in den Griff zu kriegen. Den "seriösen" Filmkritikern wird zum
einen die Vermengung von politischem Inhalt mit Horrormotiven nicht
schmecken, die zudem in comichafter Stilisierung stattfindet. Was die
auf herbe Schocks wartenden Horrorfans mit den satirischen Elementen
anfangen, ist auch etwas unsicher. Sicher ist, daß der Film mit einem
angenehm ruhigen Erzähltempo ein beachtliches Maß an Spannung erzeugt,
das nicht zuletzt daraus resultiert, daß Protagonist wie Zuschauer
zunehmend den Boden unter den Füßen verlieren. Die eigentlich platte
Gleichung "Kapitalismus = Vampirismus" wird durch diese
desorientierende Vagheit jedenfalls zu einer spürbaren Realität.
Mit dabei sind auch einige Angriffe auf die Schickeria, auch die
Kunstschickeria. Denn natürlich hat Nosferatu (Kondomwerbung "Auf du
und du mit Nosferatu"!) auch einen gescheiterten Kunstfilmer an der
Hand, der die Werbefilme für das neueste Produkt aus dem Hause Dracula
(LSD!!!) mit gezielten Godard— und Fellini—Taktiken ausstattet.
(Zumindest der Fellini—Spot ist ziemlich ulkig...)
Farina hat außer diesem hübschen Film nur noch eine ähnlich
extravagante Bearbeitung des Crepax—SM—Comics BABA YAGA gemacht. Das
Drehbuch schrieb er zusammen mit Giulio Berruti, dem Regisseur des
guten Nonnen—Thrillers SUOR OMICIDI (GESTÄNDNIS EINER NONNE).
VIER FLIEGEN KÖNNEN SICH
NICHT IRREN
Dario Argento ist sicherlich kein Regisseur, dessen Flagge man unter
das Volk tragen müßte. Über seine Filme wird eine Menge geschrieben.
Vieles davon stimmt sicherlich, auch wenn ich den Lobeshymnen bisweilen
nicht in vollem Umfang beipflichten kann. Daß er ein begnadeter
Filmemacher ist, der eine ähnlich geniale Intuition besitzt wie Mario
Bava, steht für mich außer Frage. Daß seine Drehbücher die Grenzen der
Gutgläubigkeit manchmal etwas über Gebühr ausdehnen, sollte aber ebenso
klar sein.
Der Film, über den bei uns wohl noch am wenigsten zu lesen war, heißt
QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO
GRIGIO (VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT, 1972).
Dies ist darauf zurückzuführen, daß, obschon der Film Anfang der 70er
in den Kinos lief, er seitdem in der Versenkung verschwunden ist.
Einzige Bezugsquelle war bislang der französische Markt, wo der Film
brav auf Video herausgebracht wurde.
Wenn man einen Argento—Film aus den frühen Siebzigern betrachtet, weiß
man schon während des Vorspannes, was die Stunde geschlagen hat. In
diesem Fall wohnt der Zuschauer einer Jam—Session bei, deren
rhythmisches Rückgrat das beherzte Trommelfeuer von Roberto Tobias
darstellt (anders als die Helden der meisten Argentos stammt er
scheinbar nicht aus den Staaten, auch wenn er von Michael Brandon
gespielt wird). Um das Publikum auf die bevorstehende Zeichenwüste
vorzubereiten, erfolgt eine kunstvolle Parallelmontage mit einem
rätselhaften Mann mit schwarzer Sonnenbrille; eine Fliege, die sich auf
einem Becken niederläßt (verdammt, nennt man das "Hi—Hat", wo man durch
einen Fußdruck wundervoll Fliegen mit zerquetschen kann? Na, also
darauf halt).
Besagten Rätselmann wird Roberto nun nicht mehr los, er klebt ihm an
den Fersen. Als Roberto seinen Verfolger stellt (in einem verwüsteten
Theater, das aussieht, als hätte dort "Silvester im ZDF"
stattgefunden), kommt es erst zu einem Hand—, dann zu einem
Messergemenge. Der Mann ist tot.
Zu Robertos nicht enden wollendem Leidwesen ist dieser Vorfall
photografisch festgehalten worden. Sein Mitwisser scheint aber nicht an
Kohle interessiert zu sein. Er will Roberto einfach etwas foltern. Das
geht sogar bis zu einem gewaltsamen Übergriff in Robertos
Apartmentwohnung. Kein Wunder, daß der gestreßte Musikus schwere
Paranoia schiebt.
Richtig unangenehm wird die Sache aber erst, als sich im persönlichen
Umfeld Robies die Leichen zu stapeln beginnen. Das sieht einfach nicht
aus, und so versichert sich Roberto der Dienste eines
Privatschnüfflers, der so tuntig ist, daß man sich fragt, an was der so
alles schnüffelt.
Tja, und da wären wir auch schon an dem Punkt angelangt, wo der Film
richtig interessant wird: die Geschlechterfrage. Nun ist Argento schon
häufig Sexismus vorgeworfen worden. Ein Vorwurf, der — wenn man den
sanftmütigen Italiener kennt — vollkommen an den Haaren herbeigezogen
erscheint. Trotzdem ist schwer abzustreiten, daß Sex und Sinnlichkeit
in den bewußt künstlichen Arrangements Argentos wenig Platz haben.
Sexualität erscheint meist als abstrakte Stilisierung. Wenn es
zwischendurch mal menschelt, dann tut es das nur sehr verhalten. Lustig
eigentlich, daß die ersten nackten (Frauen—)Brüste, die es in einem
Argentowerk zu sehen gab, ausgerechnet seiner Tochter Asia gehören
(TRAUMA). In den 70ern pflegten die Helden seiner Filme — so sie
überhaupt beweibt waren — eher diese typischen
70er—Jahre—Beziehungskisten, wo die Bettelheim—Bücher im Regal stehen
und sich die gemeinsam Wohnenden eigentlich eher zufällig treffen, wenn
das "Hegel—für—Fortgeschrittene"—Seminar mal früher aus hat oder wenn's
im Unterleib gar zu sehr ziept. Diese "reifen", distanzierten
Beziehungen eben, nicht mehr investieren als unbedingt nötig.
Die Frauen sind meist einigermaßen befreit und engagiert (wenn auch
gelegentlich grotesk verzeichnet, wie Daria Nicolodi in PROFONDO
ROSSO). So richtig sinnlich und offensiv sind sie aber nie; auch die
vorzügliche Mimsy Farmer in QUATTRO MOSCHE, entzückend mit Bubikopf,
macht hier keine Ausnahme. Umso größer das Erstaunen der gestreßten
Männerwelt bei Bella Asia. Aber das war ja nicht der einzige
Trendwechsel bei Argento in jüngerer Zeit.
Was die Schwulen angeht: Egal, ob Werner Peters in L'UCCELLO, ob John
Steiner in TENEBRAE oder ob der Detektiv aus QUATTRO MOSCHE, die Tucken
sind eher negativ besetzt. (Ich reflektiere über den Satz und finde den
Begriff "negativ besetzte Tucken" sehr komisch!) In QUATTRO
MOSCHE gibt der Schwulibus Rex jedenfalls Vollgas, auch wenn er
eigentlich ein lieber Kerl ist, der sogar bereitwillig Auskunft
erteilt, daß er von bisher 84 Fällen keinen einzigen gelöst hat!
Der Dario. Wenn man nun von diesen geschlechtlichen Betrachtungen
abgeht, bleibt ein sehr eleganter und streckenweise extrem spannender
Giallo, der vollgestopft ist mit Menschen, denen man schon immer
begegnen wollte: ein debiler Postbote etwa, oder ein eremitenhaft
lebender Künstler namens "Gott" (gespielt von Bud Spencer!), der sich
im wesentlichen von Fisch ernährt und einen Papagei namens "Jerkoff"
("Wixdireinen") besitzt. Einige Morde sind schon recht sadistisch, aber
kein Vergleich mit PROFONDO ROSSO. Bei der (gerade auf CD erschienenen)
Musik von Morricone fliegen alle Möpse weg.
Auch die von Asia. Die
englische Fassung kommt ohne eine rituelle Köpfung aus; dafür enthält
sie eine Gummizellen—Szene, die in der französischen Fassung fehlt.
Es gehört vielleicht nicht hier her, aber zu all dem schwulen Kram:
Warum ausgerechnet die Südländer auf dem Thema so herumreiten, ist mir
schleierhaft. Das einzige Mal, daß ich von einem (ziemlich häßlichen)
Mann angebaggert worden bin, fand statt auf der "Spanischen Treppe" in
Rom. Daß dieser Mann so häßlich war, hat mir schon zu denken gegeben.
Der Film ist aber gar nicht häßlich, sondern ein wundervoller
Deko—Thriller, wie man das halt von Onkel Dario gewohnt ist. Molto bene.
KLAUS UND DIE FRAUEN II
Aristide Massaccesi alias Joe d'Amato alias Peter Newton alias
Alexandre Borsky alias D.W.Griffith... Man kennt diesen Vorzeigerömer
am ehesten durch seine zahlreichen Versuche, aus den
unterleibszentrierten Neurosen der männlichen Weltbürger Kapital zu
schlagen. Wie schön, daß er sich auch im Horror—Genre versucht hat, da
es mir die Möglichkeit gibt, ihn in den Artikel mit der Wucht einer
Dampframme hineinzupunzen.
LA MORTE HA SORRISO ALL'ASSASSINO (DIE MÖRDER—BESTIEN, 1974) ist
tatsächlich der einzige Film in Massaccesis reichhaltigem Schaffen, den
er mit seinem eigenen Namen gezeichnet hat. Hieraus zu schließen, daß
es sich um einen besonders persönlichen Film handelt, kann nicht weit
ab vom Schuß sein, zumal LA MORTE alles ist, nur nicht kommerziell!
Ich vermute, daß viele Leser sich mit Schrecken an ihre erste Begegnung
mit dieser unscheinbaren SILWA—Videokassette erinnern. Ein Horrorfilm?
Noch dazu einer mit Klaus Kinski?? Und steht da nicht was von
"wiederkehrendem Leben"??? Alles klar, man hat einen Zombie—Schocker
mit Kinski an der Hand, die Pforten zur Glückseligkeit sind geöffnet,
holt die Knabbermischung raus...
Aber dann! Ho—ho—ho, die Ernüchterung, die Jogger—Gums laufen einem im
Halse davon... Boah, ey, wat ne langweilige Scheiße, haste nicht noch
den neuen Seagal—Film da etc. (Womit ich nichts gegen Steven Seagal
sagen will; ich liebe den Mann. Er verkörpert den Sieg der rohen Gewalt
über Materie.)
Wenn Ihr den Film beim ersten Ansehen nicht kapiert habt, grämt Euch
nicht — ich selber habe erst beim zweiten Mal verstanden, wovon det
Janze überhaupt handelt! Macht aber nichts, dieser Film ist der
ANDALUSISCHE HUND des italienischen Horrorfilms, wenn auch vielleicht
nicht absichtlich...
Zu Anfang erscheint Luciano Rossi, der Unentwegte, wie er schräg und
schwitzend vor seiner aufgebahrten Schwester kniet. Großartiger Anfang,
schwer zu übertreffen. Rückblenden (die uns den ganzen Film hindurch
aus unserer Wohlstandstaubheit aufrütteln werden) verraten gerade mal,
daß Rossi mit seiner Schwester Ewa Aulin ein behütetes Leben abseits
der Großstadt geführt hat. In einer der surrealeren Rückenblenden läuft
Rossi (der hier übrigens einen Buckel hat) mit einer Lupe in der Hand
hinter seiner Schwester her, über eine idyllische Wiese. Was er mit der
Lupe will, bleibt ungeklärt, aber Ewa landet in den Armen ihres ganz
speziellen Adams, gespielt vom Sixties—Schwarm Giacomo Rossi Stuart,
mit Schnäuzer und einer Frisur, die so recht vor dem Mißbrauch toter
Tiere warnt. Hier endet der vernünftige Teil des Films.
Auf einmal: Ein wohlhabendes Pärchen im Gärtchen am Tischchen. Der Mann
sieht aus wie der letzte Schnäuzer—Asi und hat ebenfalls eine Frisur,
die aussieht wie etwas, was die Katze in Haus getragen hat. (Im
weiteren Verlauf erweist sich: er ist Giacomos Sohn!) Bei diesem
Haubentaucher handelt es sich um Graf Walter von Ravensburg, dessen
angetraute neben ihm sitzt. Auch sie schaut scheiße aus. In dieses
Idyll bricht eine Kutsche hinein, die Vollgas in die Böschung rauscht.
Mit dem Kutscher ist nichts mehr anzufangen, ihm quellen die Gedärme
raus; die Frau in dem Gefährt ist allerdings wohlauf und —— Ewa Aulin!
Auftritt Klaus K.: Er tritt ins Zimmer, holt ein mittelalterliches
Hörrohr raus (der Film spielt Anfang des Jahrhunderts) und geht Ewa
sofort an die Wäsche! Furios ist das Wort hierfür. Nebenan sitzt die
Kammerfrau Gertrud und träumt von Herrn Rossi. Dieser verfolgt sie kurz
darauf über grüne Auen und schießt ihr mit einer Flinte direkt in die
Visage, was drastisch dargestellt wird und mildes Gröhlen zuläßt. Klaus
aber untersucht immer noch Ewa. Er verfährt dabei etwas unorthodox: Den
Augapfel der ruhig Daliegenden durchsticht er mit einer langen Nadel.
Keine Reaktion! Das kommt Klaus begreiflicherweise spanisch vor; er
empfiehlt sich.
Jetzt splittet sich der Film in mehrere Erzählstränge auf, die alle ein
wundersames Eigenleben führen. Der quasimodeske Herr Rossi suchte
nämlich das Glück in Form des ewigen Lebens. Da auch Kinski dieses
Geheimnis entdeckt hat, animiert er schnell einen Leichnam re. Seine
Rolle erschöpft sich aber hierin; er wird abgemurkst. Außerdem verführt
die flotte Ewa nacheinander den jungen Schnäuzer und seine Gattin, was
in herben Zwistigkeiten der Eheleute resultiert. Die Gattin reagiert
schließlich vollkommen überwertig und mauert Ewa kurzerhand ein.
(Obwohl die ganze Zeit über eine schwarze Katze rumfleucht, wird diese
aber nicht mit eingemauert.) Wer meint, daß die grause Mär hier zu Ende
wäre, der sieht sich eines Besseren belehrt: Wer einmal von den Toten
aufersteht, der kann das auch mehrmals. Ewa macht mit der Familie klar
Schiff, und wenn Daddy Giacomo vorbeischaut, dann wird's erst richtig
lustig...
Diese merkwürdige Mischung aus morbidem Edelkitsch, fröhlicher
Splatterei und experimentellen Erzähltaktiken ist unbeschreiblich und
wird von den einen als bodenlos langweilig, von den anderen aber als
hochinteressantes kleines Schatzkästchen gewertet werden. Die
Videosynchro ist freilich etwas Panne, aber die gestelzte Diktion der
Sprecher paßt zu dem traumgleichen Szenengespinst eigentlich ganz gut.
Die gelegentlichen Splatter—Einsprengsel sind sehr extrem und wirken
wie Fremdkörper. Aufgebrachte Mägen werden aber sofort wieder
eingelullt von den schönen Klängen Berto Pisanos, die auch in A.
Bianchis MALABIMBA Verwendung fanden. Und die Kameraarbeit Massaccesis
ist in ihrem forscherischen Wagemut ohnehin zu preisen.
Einige vollkommen selbstzweckhafte Sexszenen sind auch drin, aber so
was wollt ihr bestimmt nicht sehen...
Nur für die Galerie: Kinski und Rossi waren auch im Jahr davor mit von
der Partie in Massaccesis Kriegsepos EROI ALL'INFERNO. Der ist nicht so
dolle.
NOGGER SHOCK
Und jetzt kommt eine absolute Granate... Es ist natürlich unerläßlich,
einen Film von Mario Bava zu besprechen, der dieses Genre ja mindestens
mitzuverantworten hat. Über die meisten Filme ist schon gar zu viel
geschrieben worden. Deshalb habe ich mir einfach seinen letzten
alleinverantworteten Film gegriffen, SHOCK: TRANSFER SUSPENSE HYPNOS
von 1977 (dessen Titel übrigens überall unterschiedlich buchstabiert
wird). Was für ein Fehler, daß ich mir SHOCK, den ich vor Urzeiten
gesehen habe, ausgerechnet als letzten Film vorm Schlafengehen
reindrücken mußte. Mit dem Schlafen hatte es sich da nämlich. SHOCK ist
der unheimlichste Bava—Film seit den 60ern und darüber hinaus einer der
unangenehmsten Filme, an die ich mich erinnern kann...
Totaler Schock! Alles aus! Daria Nicolodi, ehemalige Ehefrau von Dario
A., spielt eine nervolabile Person namens Dora, die mit ihrem neuen
Mann Bruno in ihr altes Haus zieht. Dort beging vor nunmehr 7 Jahren
ihr Ex, ein drogensüchtiger Künstler (oh, Scheiße, bleib' mir vom Leib
mit drogensüchtigen Künstlern!), auf ausgesprochen unansehnliche Art
Selbstmord. Aber die Schatten der Vergangenheit haben sich verzogen.
So
scheint es aber nur. Denn ihr kleiner Sohn Marco benimmt sich
ausgesprochen eigenartig: Das angestrebte Familienidyll tapfer
sabotierend, reagiert er immer häufiger verbiestert auf den neuen Lover
(der übrigens von einem meiner Lieblinge, John Steiner, gespielt wird)
und betrachtet seine Mutti lüstern beim Duschen. Könnte man diese
Aktionen noch als typische Entgleisungen eines präpubertären
Psychobalgs erklären, sind seine Versuche in Amateurvoodoo doch schon
ernster zu nehmen.
Und was Dora angeht, so ist ihr Karma ohnehin nicht das beste: In ihr
erwacht die Vergangenheit zu neuem Leben. Diese Vergangenheit — die
bewegter war, als man das zunächst mitbekommt — bekommt schon bald ein
Gesicht mit Schnäuzer. Ihr denkt jetzt, ich rede von Maurizio Merli —
mitnichten. Der Geist von Doras Exmann macht das Haus unsicher und
untergräbt den Haussegen auf fatale Weise. Zumal die Spannungen so
intensiv geworden sind, daß schwer abzuschätzen ist, wer als erster zum
Hackebeil greift...
Ganz so launig, wie sich das hier liest, ist der Film nicht. Wer den
vorzüglichen Soundtrack der Gruppe "Libra" kennt (nur Japan—CD), der
hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie "Goblin" klängen, wenn man
sie mit LSD vollgepumpt in ein Bosch—Gemälde führen würde. Wie
eindrucksvoll die Musik auf CD auch sein mag — im Film wird sie sparsam
eingesetzt, vermengt sich mit der ruhigen, nur langsam die näheren
Umstände preisgebenden Erzählspur des Filmes und hat eine absolut
verheerende Wirkung. Man ist geneigt, die Personen des Filmes
vollkommen ernst zu nehmen, und das ist durchaus als Warnung gedacht.
Denn ist der Anfang auch nur ein langsames Sichvortasten in den heiklen
Bereich familiärer Neurosenforschung, so verdichtet sich das Ganze,
bevor man sich's versieht, zu einem alptraumhaften Spinnennetz, das die
EXORZISTEN—Anklänge des zugrundeliegenden Besessenheitsthemas weit
hinter sich läßt. Der Schluß ist dann das vielleicht intensivste
Delirium des Wahnsinns, das in der jüngeren Erinnerung haftet (und auch
für einige Zeit haften bleiben wird), ein totaler Absturz in
psychopathisches Chaos. Vollkommen erschütternd.
Der Film steckt voller großartiger Einfälle. Z.B. spielt Dora in einer
Szene auf dem Klavier ihres toten Mannes und schneidet sich an einem
Objekt; das Objekt erweist sich als Rasierklinge, die zwischen den
Tasten liegt. Es gibt eine Schaukelszene, die stark an OPERAZIONE PAURA
(DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA) erinnert. Und diverse Alptraumszenen,
die großartig arrangiert sind.
Der Film wird auch unterstützt durch die guten Schauspieler. Besonders
Daria Nicolodi ist große Klasse, viel besser als in den Filmen ihres
Ex. Ivan Rassimov hat einen Gastauftritt als Psychiater, der u.a. für
einen hübschen PROFONDO—ROSSO—Einfall sorgt. Und das Kind, das Marco
spielt, ist auch sehr gut ausgesucht, da es Unschuld ebenso überzeugend
verkörpert wie dämonische Verdorbenheit. Der Kleine spielte übrigens
auch schon in dem ersten italienischen EXORCIST—Rip—Off mit, den es
gab, Sonia Molteni Assonitis' CHI SEI? (WER BIST DU? / VOM SATAN
GEZEUGT).
In der englischen Fassung sind verschiedene Sachen geschnitten, etwa
eine Alptraumszene, in der Daria die Hand ihres toten Ex zerquetscht
und in der ihr danach das Laken vom Körper gezogen wird; eine Szene, in
der Kinder einem Kaspertheater beiwohnen; und eine ziemlich wichtige
Szene, in der der Junge seine schlafende Mutter streichelt und seine
Hand auf einmal eindeutigen Zombie—Charakter aufweist, fehlt komplett.
Tatsächlich fehlen mehr sexuelle Inhalte als blutrünstige, was
überrascht, denn von ersteren hat der Film nur angedeutete (wenn auch
toll gemachte) Exemplare, während die damals modischen
"Body—in—Pieces"—Einflüsse doch schon recht deutlich sind.
Universalmesser etwa sind etwas, womit ich in Zukunft sehr achtgeben
werde.
Zum Thema "Nogger Choc" möchte ich noch kurz anmerken, daß ich neulich
darauf hingewiesen wurde, daß es ein Videolabel für Fäkalpornos gibt,
das "Choc" heißt. Das erwähne ich nur, weil der Sommer bald wieder sein
Blütenband über die Fluren streift und viele Leute lecker Eis kaufen.
Stattdessen sollten sie lieber im schattigen Kämmerlein sitzen und sich
SHOCK ansehen. Dann gäbe es auf der Welt weniger Probleme, alle könnten
sich an den Händen fassen, über die Wiesen tanzen und Fäkalpornos
drehen.
MATSCHBIRNE IM FREUDENTAUMEL
Jetzt zu gleich zwei ALIEN—Rip—Offs. Numero Uno heißt ALIEN 2 SULLA
TERRA (ALIEN — DIE SAAT DES GRAUENS KEHRT ZURÜCK, 1979) und gibt
sich
sehr mutig als direkte Fortsetzung aus. Sieht man sich das Produkt an,
erscheint es weniger als Mut denn als Tollkühnheit, denn was Ciro
Ippolito unter dem schönen Pseudonym Sam Cromwell abgeliefert hat, ist
bei Lichte besehen ziemlich öde. Dies mag daran liegen, daß ein
Großteil des Filmes in einer Tropfsteinhöhle spielt, und wer meint, daß
man an so einem Ort einen anständigen SF—Schocker hinbekommt, der soll
das ruhig mal probieren.
Ganz San Diego steht Kopf, weil dicht vor der Küste eine Raumfähre
runterkommen soll. Höhlenforscherin Thelma Joyce ist eingeladen zu
einer Konferenzschaltung des Fernsehens, hat aber dabei eine ihrer
gefürchteten Visionen: Etwas Schreckliches wird geschehen!
Trotzdem hat sie keine großen Probleme, zusammen mit ihrem
jesusbärtigen Freund Roy und einigen Knallköpfen auf eine Exkursion
unter Tage zu gehen. Vorher greift einer der Teilnehmer (übrigens
gespielt von Michele Soavi) einen der merkwürdigen Steine ab, die auf
einmal überall rumliegen, so eine Art Mischung aus versteinerter
Affenscheiße und Amethyst, was sich als ausgesprochener Fehler erweist.
Denn der Stein ist in Wirklichkeit ein Monster, und das verschaschlikt
sehr schnell so ziemlich alle Dulleks der Expedition. Am Schluß
entkommen zwei Leute, indem sie einfach nach draußen gehen, aber sie
erleben eine dieser Überraschungen.
Ja, unter Tage kann man viele schöne Schatten an die Wände zaubern, und
Ippolito zeigt sie alle! Leider gibt es nur soundsoviele Möglichkeiten,
wie eine begrenzte Anzahl von Leuten dekorativ durch die Gegend laufen
kann, und deshalb ist der Film (trotz der ziemlich unheimlichen Musik
von Guido + Maurizio de Angelis) eine ziemlich unspannende
Angelegenheit. Besser gesagt, er demonstriert recht anschaulich den
Unterschied zwischen "nervig" und "spannend". Ersteres ist der Film,
letzteres nicht. Ippolito gelingen zwei oder drei wirklich gute Szenen.
Davon abgesehen ist einigermaßen Auszeit. Eine sehr unerquickliche
Episode mit einem kleinen weinenden Kind am Strand bleibt dem
Betrachter sicherlich im Gedächtnis haften, genau wie die spärlichen
(aber exzessiven) Gore—Extravaganzen. So spritzt das Ungetüm in einer
Szene direkt aus dem Gesicht einer Frau an den Hals ihres Kollegen,
welcher sehr umständlich stolpert und schließlich kopfüber an einer
Leine baumelt. Da das Viech Humor hat, kommt die ganze Birne des
gescheiterten Höhlenmenschen runter und erschreckt seine (Kohlen—)
Kumpel und Kumpeletten. Dieses Bild schmückt meist das Videocover und
ist auch als "Matschbirne" bekannt, was ich sehr passend finde. Die
Kinofreigabe ab 16 muß man wohl als Spaß verstehen. Ansonsten bekommt
man von Stalaktiten und Stalagmiten bald genug. Ippolito und seine
wackelnde Kamera sind keine wirkliche Gefahr für Ridley Scott. Als
Trash—Film ist ALIEN 2 natürlich trotzdem sehr nett.
Besser aber zieht sich Luigi Cozzi aus der Affäre mit seinem Werk
CONTAMINATION
(ASTARON, BRUT DES SCHRECKENS, 1979). Nicht VIEL besser,
zwar, da auch er kein Meister des Zelluloids ist, aber immerhin besitzt
sein Film eine größere Varianz der Schauplätze. Das erfreut das Auge.
ASTARON ist noch dichter am Scott—Film orientiert als SAAT. Auch hier
krauchen Astronauten auf einem fremden Planeten herum (Mars, glaube
ich; vielleicht aber auch Nuts oder Snickers) und entdecken Höhlen
voller voller Eier mit Monster drin. Während aber der eine Astronaut
mit der Geschichte nach außen tritt und mit Hohn + Spott überzogen wird
wie Dr. Oetkers Nußkuchen mit einer klebrigen Glasur, streitet der
andere fieserweise alles ab und verursacht den unehrenhaften Ausstoß
seines Allschifferkollegen aus der Allschiffergewerkschaft. Besagter
Hubbard ergibt sich daraufhin dem Trunke, welchem er auch zwei Jahre
verpflichtet bleibt.
Als die 2 Jahre vorbei sind, geschehen aber absonderliche Dinge,
absonderliche und erschreckende Dinge. Denn es werden Eier gesichtet,
die pulsieren, platzen, schleimige Flüssigkeit ausstoßen (keine
Nußglasur) und die damit Benetzten dazu veranlassen, es ihnen mit
donnerndem Krachen gleichzutun. Derlei Vorgänge erregen die
Mißbilligung der Obrigkeit: Colonel Stella Holmes versucht, den Eiern
auf den Grund zu gehen. Sie erhält mannhafte Unterstützung vom
Polizanten Arris.
Ja, das Drehbuch von Cozzi ist herrlich unlogisch! In einer Szene etwa
wird Frau Holmes eines dieser Überraschungseier vor die Dusche gelegt,
worauf sie das tut, was ich wohl auch tun würde: Sie schreit, sie
schreit, daß die Wände wackeln. Nur leider hört sie niemand. Es muß das
bestisolierte Hotel in der westlichen Hemisphäre sein. Aber solcherlei
Einwände treffen nicht den Punkt. Hier soll der gotische Gruseltenor
von ALIEN mit kostengünstigem Splattersopran gekreuzt werden, und das
gelingt weitgehend. Besonders nett finde ich, daß der Film auf einmal
in Südamerika spielt, wo die Alien—Eier wie Melonen auf einer Plantage
gezüchtet werden. (Der wissenschaftlich geschulte Betrachter folgert
messerscharf, daß die klimatischen Bedingungen in Südamerika denen
einer Marshöhle gleichen...)
Und die Special Effects sind natürlich alles: Wenn die Charaktere ihre
herrlich künstlichen Eingeweide durch die Gegend fliegen lassen (wie
heißt dieser Woody—Allen—Film noch mal — INNENLEBEN?), dann geht einem
einfach das Herz auf, wenn ihm nicht das Essen aus dem Gesicht fällt.
Ich habe jedenfalls nicht mehr so gelacht, seit sie die Geliebte von
Harald Juhnke und ihre Mami interviewt haben. Daß Frau Doktor an einer
Stelle einfach so eine Ratte platzen läßt, nur um die Explosivwirkung
der grünen Mixed Pickles zu demonstrieren, ist, glaube ich, nicht als
Statement gegen Tierversuche zu betrachten. Wenn Siegfriedt Rauch am
Schluß der Pansen um die Ohren fliegt, dann geht für mich eine Sonne
auf (auch wenn ich mich schmerzhaft an meine letzten Erfahrungen mit
Laxoberal erinnert fühle). Rauch hat seine beste Szene, wenn ihm im
Zustand der Erregung ein Spuckeflatschen auf die Lippe gerät und er ihn
rasch wieder einsaugt. Cozzi weiß, was sich gehört: Er hat die Szene
dringelassen!
Astaron heißt übrigens ein großes baumförmiges Gluckermonster mit
gelbem Matschauge, das das beste Musikthema des ohnehin geilen
"Goblin"—Scores bekommt, der als Japanpressung auf CD veröffentlicht
wurde und eine absolute Pflichtanschaffung darstellt.
KALTE LIEBE
Wer schon mal auf Santo Domingo gewesen ist, der weiß, wie malerisch
Palmen sich wiegen können. Ich selber war natürlich noch nicht da, aber
da das Filmedrehen offenbar recht preisgünstig dort ist, kann man aus
dem Gesamtwerk Aristide Massaccesis pittoreske Einsichten in die
Lokalitäten gewinnen, von den pittoresken Einsichten in die Intimzonen
der Darsteller mal ganz zu schweigen. Ende der 70er hat er dort
jedenfalls eine ganze Handvoll Filme gedreht, für wenig mehr als eine
Handvoll Lire. Dazu gehört das Susan—Scott—Alterswerk ORGASMO NERO
(WOODOO BABY), in dem eine junge Schwarze mit kolonialistischen Säften
bekanntgemacht wird. Dazu gehört der Porno PORNO HOLOCAUST, in dem ein
Zombie mit einem Penis einhergeht, der John Holmes im Vergleich wie
eine Erdnußlocke aussehen läßt.
Und dazu gehört auch NOTTI
EROTICHE DEI
MORTI VIVENTI (1980), der bei uns als IN DER GEWALT DER ZOMBIES
herausgekommen ist. Ein Trash—Woodstock, der Film.
Die Anfangsszene spielt in einer Klapsmühle. Dort laufen eine Menge
lallender Irrer herum. Erinnerungen an die letzte Straßenbahnfahrt
werden wach. Einer dieser Leute ist der großartige George Eastman (El
Man—Eater), der sofort von einer geilen Nymphomanin besprungen wird.
Beide ferkeln auf dem Korridor, daß die Fliesen knirschen. Ein weiterer
Patient onaniert japsend im Hintergrund. (Das IST die letzte
Straßenbahnfahrt!)
Nach diesem eher irreführenden Beginn erfolgt der Einstieg in das
Universum des Films: Ein amerikanischer Dreckbatzen namens John Wilson,
der gespielt wird von einem der fleißigsten italienischen
Porno—Rammler, Mark Shannon (bzw. Shanon), macht den Kauf eines
Eilandes perfekt, auf dem er ein Ferienhotel zu errichten gedenkt.
Danach springt er mit zwei Inselschönen unter die Dusche und läßt sich
die Flöte kneten. Von dieser besinnlichen Szene sind in der deutschen
Fassung nur noch Rudimente vorhanden, aber die zerstören jede
Überlegung, der Film wäre vielleicht soft gedreht worden.
Woanders zündet ein Inselbewohner eine andere Art von Kerze an; sofort
erscheint ein Zombie und tötet den Kerzendreher durch Kehlenbiß. Dann
haut er wieder ab. Zwei Dinge lernen wir aus dieser Szene. Erstens, der
Zombie war nicht hungrig, denn er beließ es bei der Geste. Zweitens,
man sollte auf der Insel keine Kerzen anzünden.
Zurück im Hotel ist dem Shannon seine Kerze mittlerweile erloschen,
weil er die Insel erwähnt hat. Die Mädels reagieren auf seine
Bemerkung, als würde dort was endgelagert. Gleich vor der Tür seines
Apartments reißt er aber die nächste Schickse auf, die ihn bis zum
Schluß des Films begleiten wird. (Ich muß die Anschrift von dem Hotel
bekommen!)
Und da isser wieder: Eastman, wie er leibt und lebt, jetzt Besitzer
einer stolzen Yacht. Da Shannon mit Scheinen wedelt, erklärt George
sich bereit, ihn zur "Katzeninsel" zu bringen. Vorher aber muß George
noch einen Zombie erledigen, der auf einmal im Wasser schwimmt.
Auf der Insel angekommen treffen sie auf eine schöne Prophetin namens
Luna (Laura Gemser!) und ihren Onkel, der eine Beule auf dem Kopf hat,
weil er immer gegen die Palmen läuft. Der alte Zausel hat was gegen das
Projekt und stößt finstere Warnungen aus. Dem Shannon ist das so egal
wie Schnee auf dem Himalaya.
Aber wie der Zuschauer schon richtig ahnt: Es liegt was in der Luft,
und zwar ein ganz besonderer Duft.
Leichen steigen aus dem Erdreich
empor und machen den Lebenden das Leben schwer. Obwohl das Material auf
der Insel nur sehr begrenzt ist, wird nach besten Kräften gemetzelt.
Zwischendurch knallen und lutschen sich die Inselbewohner um Leib und
Seele. Nur der alte Mann mit der Beule kriegt niemanden ab, aber er hat
ja das Meer.
Tja, es dauert natürlich fast 55 Minuten, bis die Zombie—Invasion
beginnt, aber dann kommt Freude auf. Wie üblich setzen sich die Toten
bei der Wiederauferstehung einfach senkrecht auf, so daß man annehmen
muß, daß die Urbewohner ihre Verschiedenen in 10 cm Tiefe beizusetzen
pflegten. Auch ist die Anzahl der Toten in den Schlußszenen schon
erstaunlich. Das geht da zu wie auf dem Münchner Hauptbahnhof! Selbst
aus dem Wasser kommen die Burschen. Na ja, Wasserbegräbnisse halt.
Trotzdem: So, wie die Jungs sich da aus dem Erdreich wuchten, sieht das
ziemlich wie eine Horde alternder Tuaregs aus. Tuaregs, Müllmänner,
scheißegal, es wird gekeult, das Knabbergebäck zittert vor geistiger
Anstrengung.
Daß Massaccesi und sein Drehbuchautor sich nicht übermäßig angestrengt
haben, ist fast zu erwarten und macht ja auch nichts. Wer nichts hat,
der klotzt doppelt! Und Pluto Kennedys Musik (wir erinnern uns: DIE
BESTIE AUS DEM WELTRAUM!) macht so intensiv Stimmung, daß die
Spekulationen über die wahre Identität des Mannes angefacht werden bis
ins Unermeßliche. (Wahrscheinlich Morricone, ho—ho—ho!) Massaccesis
Kameraarbeit ist nicht ganz so ambitioniert wie bei den MÖRDER—BESTIEN,
erfüllt aber ihren Zweck.
Eastman und die Gemser haben keine
Hardcore—Szenen, während Shannon und seine Mädels kräftig Gas geben:
Die Schnitte verraten den Meister. (Wer so aussieht wie Shannon, muß
allerdings bumsen können wie ein junger Gott!) Eine ähnliche Aufteilung
besteht auch in PORNO HOLOCAUST, wo Eastman trocken bleibt; Shannon,
die Mieze aus NOTTI EROTICHE und die Schwarze aus WOODOO BABY geben dem
Affen Zucker, wie man so sagt. Auch Massaccesi spielt in PORNO mit:
einen Ganoven mit Aktenkoffer, der schließlich abgeknallt wird.
Eine Frage zum Schluß noch: Wieso stehen die Zombies eigentlich so nach
und nach auf, und wohin verziehen sich die vom Vortag? Handelt es sich
um eine gestaffelte Wiederauferstehung oder buddeln die sich immer
wieder selbst ein? Hmm...
GI—JOE AUF DER SPEISEKARTE
Auf Margheriti kann man sich fast immer verlassen. Zwar hat er in
jüngerer Zeit nichts wahrhaft Begeisterndes zustande bekommen, aber
seine Filme erfreuen durch die solide Profi—Arbeit, die da geleistet
wird. APOCALYPSE DOMANI
— wörtlich: Apocalypse Tomorrow
(ASPHALT—KANNIBALEN, 1980) — ist der meiner Ansicht nach bestgemachte
unter den kannibalistischen Zombie—Filmen aus Italien.
Zu Anfang ist es natürlich zappenduster. Da ballern lauter asoziale
Soldaten aufeinander herum. Auch Frauen und Kinder werden abgekokelt,
der Krieg war halt kein Zuckerlecken. Irgendwo in einer Grube hocken
einige gefangene GIs. Die Chuck—Norris—Rolle hat John Saxon inne, der
als Colonel die Befreiungsaktion führt. Als er seine Kameraden
herausholen will, sieht er, daß diese gerade dabei sind, eine
Vietnamesin zu zerlegen. Einer beißt Saxon volle Kajüte in die Hand.
Aber es war nur ein Alptraum. Saxon ist nämlich wieder zu Hause bei
seiner Freundin. Die Kameraden befinden sich weitgehend in
Nervenheilanstalten. Der Colonel selber leidet unter fürchterbaren
Schlafstörungen.
Wie schön und passend ist es da, daß just zu diesem Zeitpunkt einer der
Gefangenen, der besonders asoziale Charles Bukowski (sehr witzig,
Antonio!), freigelassen wird. Das läuft dann so ab: Erst ruft er Saxon
an, der ja mittlerweile seine Family—Man—Existenz wiederaufgenommen hat
und nicht daran interessiert ist, wieder an die Greuel erinnert zu
werden. Dann geht Bukowski ins Kino, Umberto Lenzis CONTRO QUATTRO
BANDIERE läuft gerade, mit der Castellari—Footage aus BATTAGLIA
D'INGHILTERRA allerdings. Dann beißt er ein Mädchen in den Hals, das
gerade mit seinem Boyfriend herumschäkert. Und als krönenden Abschluß
des Tages verbarrikadiert er sich in einem Einkaufscenter und schießt
auf alles, was sich bewegt. Dabei beißt er auch wild um sich. Obwohl es
der Polizei gelingt, ihn herauszuboxen (mit Hilfe von Saxon,
allerdings), stellt sich schon bald heraus, daß die Sache ansteckend
ist — immer häufiger treten Fälle von Kannibalismus auf. Auch Saxon
denkt jetzt noch ängstlicher an seine Nam—Erlebnisse zurück. Zumal er
ein junges Mädchen, das ihn angebaggert hatte, mehr als nur lustvoll in
den Bauch gebissen hat. Blutig lächelt ihn das Fleisch aus dem
Kühlschrank entgegen. Die langsame Zombiefizierung des Colonels wird
von Saxon gut dargestellt und ist nur einer der Pluspunkte des Filmes.
Wenn sich Saxon und seine Crew schließlich voll und ganz ihrer Natur
öffnen und durch Straßen und Kanalisation wüten, ist die Leinwand (der
Fernsehschirm) eh schon am Kochen.
Ja, ein feiner Film! Wer auch nur das kleinste bißchen zartbesaitet
ist, sollte vom Betrachten von APOCALYPSE besser Abstand nehmen, denn
der Film gibt auch in der deutschen Fassung noch Vollgas. Zwar fehlen
hier ein paar Szenen, wie etwa ein unangenehmer Flex—Mord und die
großartige Kamerafahrt durch John Morghens Körper. Auch so ist der
Reißer aber nichts für Vegetarier.
Unter den Darstellern ragt vor allen Dingen Giovanni Lombardo Radice
alias John Morghen heraus, der seinen Bukowski mit einem Höchstmaß an
Überzeugung ausstattet. Wenn er beispielsweise im belagerten
Einkaufscenter sitzt, Vietnam—style mit seinem Gewehr, und dabei ein
Lied singt, dann ist der Mann so zu, wie ein Mann nur zu sein kann.
Abgründe der menschlichen Psyche tun sich auf. Daß er noch dazu von
Klaus Löwitsch gesprochen wird, ist natürlich ein Glücksfall. Auch gut,
wie schon gesagt, Saxon, der hier mehr Gelegenheit bekommt als sonst,
um schauspielerisches Talent zu demonstrieren. Auch gut ist Tante Tina
im Nebenhaus, die aussieht wie ein Mordopfer in einem John—Waters—Film.
Hier landet sie im Kühlschrank.
Das Drehbuch ist ziemlich gut und leistet sich sogar eine recht
ungewöhnliche Sympathievergabe, da die Polizisten als alles andere als
nett dargestellt werden. Sie hetzen mit gefühlloser Härte hinter den
infizierten Veteranen her. Von Saxon kennt man zumindest den familiären
Background. So kommt es, daß der Schluß des Filmes sogar eine tragische
Note aufweist, die Filmen dieser Art sonst abgeht.
Margheriti lag diese Art von Film eigentlich überhaupt nicht. Daß der
Film so blutig ausgefallen ist (und die Zungenkuß—Szene ist wirklich
mehr als geschmacksunsicher!), lag lediglich an der Gunst der Stunde.
Aber um so angenehmer, daß die storytragenden Elemente so nicht
vernachlässigt werden. APOCALYPSE DOMANI ist deswegen ein spannender
Comic—Strip—Horrorfilm mit äußerst ungewöhnlicher Story, der bis zum
Schluß aufregend unterhält und dessen Action—Szenen obendrein
abgesichert werden von der fetzigen Musik von Alessandro Blonksteiner,
welche man auf Vinyl erwerben kann.
DR. FREUDSTEIN MACHT KLAR
SCHIFF
Als letzten Film dieses Artikels habe ich mir einen Klassiker meiner
frühen Videotage ausgesucht: QUELLA
VILLA ACCANTO AL CIMITERO (1981).
Der deutsche Titel, DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER, ist etwas
irreführend, da weder ein Friedhof noch eine Mauer in Spuckweite von
dem titelspendenden Gemäuer zu finden sind. Aber dafür steht das Haus
AUF einem Friedhof, mit den Leichen im Keller! (Man sollte meinen, daß
das den Verkaufspreis etwas drückt...)
Nach einem stimmungsvollen Prolog, in dem ein junges Pärchen den Keller
des Hauses und seinen Bewohner kennenlernt ("Steve, ich will wieder
zurück nach Haus!"), werden wir mit einer hübschen kleinen Familie
bekanntgemacht. Papa ist ein Professor mit Bart, der aussieht, als
hätte er früher mal die rote Fahne geschwungen; Mama ist eine
intelligente Hausfrau, die etwas zu nervösen Stimmungsschwankungen
neigt; und der Sohnematz ist Giovanni Frezza, der wegen seines
ungewöhnlichen Gesichts häufiger in Horrorfilmen dabei war und jetzt
bestimmt einen Schaden hat. Die meines Erachtens hübscheste Szene kommt
gleich zu Anfang, wenn der Kleine auf das Foto eines alten Hauses
starrt, das in der Wohnung an der Wand hängt. In einem der Fenster
sieht er ein altertümlich gekleidetes Mädchen, das ihn zu warnen
scheint. Als er seine Mutter darauf aufmerksam macht, ist das Fenster
leer.
Die Familie zieht nämlich gerade um, da Papa dem Selbstmord eines
berühmten Kollegen nachgehen will. Daß Vater Boyle seine kleine Familie
nun geradewegs in das schaurige Gemäuer verfrachtet, in dem der
Todesfall stattfand (Dr. Peterson hat obendrein noch seine Geliebte
abgeschlachtet, also sind das schon mal zwei!), zeugt weder von seiner
Sensibilität noch von der Logik des Drehbuches.
Aber wenn man sich die Credits anschaut (Regie Lucio Fulci, Kamera
Sergio Salvati), dann wird sowieso klar, woher der Wind weht: Nicht
leise säuselnde Gotik ist gefragt, die wie ein dünner Lufthauch durch
den Türschlitz weht und die blassen Nasen sensibler Viktorianerfrauen
sich kräusen läßt, sondern das private Gotikzirkusuniversum des späten
Fulci, in dem besagte Tür mit schweren Axthieben von blutstarrenden
Fingern in die Vergessenheit gehämmert wird. In diesem Fall von den
blutigen Händen eines gewissen Dr. Freudstein (!), der so ähnlich
aussieht wie Nihil Baxter mit Nogger Choc in der Visage. Dazu kreist
die Kamera, der Zoom saust hin und her, der Zuschauer sitzt in der
ersten Reihe. Wo andere Regisseure mehrere Einstellungen brauchen, um
einen Sachverhalt zu verklickern, da reicht bei Fulci eine Einstellung
mit geschickten Schwenks und Tiefenschärfespielereien.
Und die Geräuschkulisse ist ja ohnehin eine Wolke: Genau wie in Fulcis
Zombiefilmen kracht und donnert hier die kleinste Handbewegung, daß
einem Angst und Bange werden kann. Ja, ich dachte immer, daß die Tür
meines Schlafzimmers die lauteste auf Erden wäre (besonders nachts,
wenn alle schlafen, denn dann sind Türen am lautesten), aber bei MAUER,
SEIL, STADT und INSEL flattern die Trommelfelle wie blutjunge Spatzen.
Sensurround ist nichts dagegen. Auch wenn man manchmal dazu neigen mag,
diese Neigung zum Überbetonen zu veralbern (wer keinen Humor hat,
schafft sich halt welchen!), so besteht der besondere Reiz dieser Filme
doch gerade in ihrer surrealen Komponente, von der die Tonspur ein
wichtiger Teil ist. Der Zuschauer wird entführt in eine hyperreale
Zauberwelt voller Wunder und Schrecken. In dem Maße, in dem seine Sinne
malträtiert werden, wird sein Bewußtsein erweitert. Was will man mehr?
Aber Fulcis Zauberwelt der donnernden Holzhämmer ist natürlich immer
ein Zirkus, ein Lachkabinett der eigenen Ängste. In der starken
Künstlichkeit der Präsentation liegt immer auch die Gefahr, daß man die
Story aus den Augen verliert...
...nicht bei Fulci! Denn: Wo es keine Story gibt, da kann man auch
nichts aus den Augen verlieren! Was dem Zuschauer um die Ohren fliegt,
sind Fetzen einer Handlung, die von Fulci ziemlich genial
zusammengekittet werden. Ein Schelm, der sich Böses dabei denkt. Der
Rausch der Sinne ersetzt die Logik. Wer fragt bei einem guten Alptraum
schon nach der Rechtschreibung? Ich empfehle zum Betrachten des Filmes
jedenfalls Humor. Den empfehle ich auch sonst.
Fulci selber spielt einen Prof mit Pfeife. Die Musik stammt von Walter
THE RIFFS Rizzati, mit sachkundiger Unterstützung des
kannibalengeschulten A. Blonksteiner. Needless to say, buy the damn
thing.
Until the next time...
P.S.: Einen schönen Dank an den wundervollen Sender ARTE, der jüngst
den unglaublichen Stummfilm THE MYSTERY OF THE LEAPING FISH (Buch: Tod
Browning) von 1916 gebracht hat, in dem Douglas Fairbanks Sr. den
genialen Detektiv Coke Ennyday spielt, der seinen sprichwörtlichen
Scharfsinn durch die Einnahme harter Drogen unterstützt! So haut er
sich am Anfang in Anwesenheit des Polizeikommissars eine Handvoll
Kokain in die Fresse, daß es staubt. Während des ganzen Filmes jagt er
sich reihenweise Spritzen in den Arm und lacht sich als Folge halb
kaputt. Und als er Opium findet, das böse Chinesen zu schmuggeln
versuchen, frißt er das Zeug fingerweise! Den Rest des Filmes TANZT er
nur noch hinter den Ganoven her, weil er einfach so gut drauf ist!
Unglaublich, was damals so alles gedreht wurde...
P.P.S.: Auch heute dreht man noch Absonderliches: Kölns magischer
Kneipier und Filmemacher Walter Bockmayer macht sich demnächst an
Winnetou heran. Verlautbarter Arbeitstitel des Wahnsinns ist WINNETUCK!
Mit von der Partie ist Jürgen Zeltinger (dessen neue Platte übrigens
SCHEISSE heißt) als grimmiger Gunslinger Sam Poppins... Man wartet und
hofft.
P.P.P.S.: Lionel Stander tot, Sylvia Koscina tot, Woody Strode tot...
und jetzt auch noch Donald Pleasence! Einer der liebsten Bekannten aus
Italo—Filmen hat sich von der Leinwand verabschiedet und hinterläßt
Kinder wie Deodatos UN DELITTO POCO COMMUNE, Martinos ASSASSINIO AL
CIMITERO ETRUSCO, AMERICAN RICKSHAW und Avallones SPETTRI. Das waren
nur die Horrorfilme. Andere Titel sind Rossatis DJANGO 2, de Martinos
L'UOMO PUMA, Matteis DOUBLE TARGET, de Angelis' COBRA FORCE und
Margheritis IL TRIANGOLO DELLA PAURA. Meine Lieblingsszene stammt aber
aus Luigi Cozzis PAGANINI HORROR. Donald klettert da auf einen
Kirchturm, läßt Geldscheine herunterrieseln und singt "Piccoli
diavoli"... Requiescat in pace. Caro Donaldo.
P.P.P.P.S.: Ein Kühlschrank ohne Magnum ist für mich ein Alptraum.
Christian Keßler
Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 21 (März
1995).
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