INTERVIEW MIT CHRISTIAN KESSLER

- Herr Keßler, wie sind Sie in die Welt gekommen?

Ach, das war eigentlich eine ganz normale Geburt! Kein Kaiserschnitt oder so aufschneiderischer Kram. Nein, ich bin einfach mit einem fröhlichen Pfeifen auf den Lippen herausgeschlüpft. Meine Eltern waren nette Menschen. So war das dann halt.

- Hat es sich schon früh herausgemendelt, daß Sie sich für eine künstlerische Laufbahn entscheiden würden?

Das kann man so nicht sagen. Zuerst einmal habe ich viel konsumiert, auch auf dem kulinarischen Sektor. Das führte dazu, daß ich ein ziemlicher Mops wurde. Wenn ich mir alte Fotos ansehe, wird mir manchmal ganz schlecht. Ich hatte auch immer so ein überlegenes Grinsen im Gesicht. Ich dachte zumindest, daß es ein überlegenes Grinsen wäre. In Wirklichkeit sah es ganz scheiße aus - den einen Mundwinkel so hochgezogen. Das hatte ich mir von James Bond abgekuckt. Auf dem Gesicht eines 10-jährigen Mopses sah es aber sehr absurd aus. Wie so vieles auf der Welt: bezaubernd unnütz!

- Aber Sie haben auch Filme konsumiert?

Zwischen den Knusperriegeln fand ich auch Zeit für das eine oder andere Filmerlebnis, sehr richtig! Damals war das noch so, daß, wenn ich einmal eine Folge von "Larry´s Showtime" verpaßte oder den "Thunderbirds", ich voll sauer war. Damals gab es ja noch keine Videorekorder. Ich erinnere mich an einmal, wo ich den Film "Westworld" versäumte - ich habe voll brutal meine Zimmereinrichtung zertöppert!

- Das muß Ihre Eltern ja arg gebeutelt haben...

Ach, die haben das gar nicht gemerkt.

- Wie war denn das mit den Gruselfilmen? Durften Sie die damals schon sehen?

Eigentlich nicht. Viel schlimmer war das aber mit den Filmen, die spät kamen. Ich mußte damals immer am Nachmittag schlafen, wenn ich etwas sehen wollte, das später kam, z.B. "Die Vögel". Ich habe niemals wirklich geschlafen! Wenn meine Mutter hereinschaute, habe ich immer so getan als ob. Ein Wunder, daß aus mir kein Schauspieler geworden ist. Dann würde ich jetzt wahrscheinlich Geld verdienen...

- Viele Schauspieler verdienen ihr Geld nicht wirklich. Aber haben Sie denn dann Kontakte mit dem Horrorgenre gehabt?

Ich bin auf die klassischen Gruselgeschichten ausgewichen, Poe, Lovecraft, Blackwood, so was. Einer meiner Lieblinge ist Montague Rhodes James gewesen. Den kennt kaum eine Sau! Der war Provost an einem englischen College und hat am Feierabend die tollsten gotischen Gespenstergeschichten geschrieben. Bestimmt hatte der keine Familie... Außerdem habe ich viele Romanhefte gelesen. Die ersten John Sinclairs etwa, oder Larry Brent. "Marotsch der Vampirkiller"... (lacht) Die waren teilweise ja höllenbrutal damals! Da war ein Roman, der nannte sich "Die Höllenbestie" oder so, wo eine Monsterpflanze aus einem Leichnam hervorwuchs, durch den Sarg brach, das Erdreich durchdrang und schließlich nach außen drang. Das wurde damals noch ganz schmerzfrei geschildert. (schreit) Wo ist die Bundesprüfstelle, wenn man sie mal braucht?

- Hmm... Haben Sie niemals Ärger mit Ihren Eltern bekommen?

Meine Mutter hat irgendwann alle alten Hefte verschwinden lassen. Ich habe sie erst neulich auf dem Dachboden wiedergefunden - die Hefte! -, in einen Koffer hineingezwängt. Aber jetzt ist das natürlich zu spät. Schwieriger war das, als wir den ersten Videorekorder kauften. Damals war ich 13, und ich habe sofort mit Freunden begonnen, an saftigen Urheberrechtsverletzungen rumzutüfteln... War echt super: Wir haben die Filme damals per Antennenkabel überspielt! Das gab superschlechte Kopien. Ich muß aber gleich hinzufügen, daß wir niemals daran gedacht haben, zu Videopiraten im strafrechtlichen Sinne zu werden. Dazu kam ich dann doch aus zu stabilen Verhältnissen. Wann immer ich mir zu Hause Horrorfilme angesehen habe, kam meine Mutter hereingeplatzt. Sie hatte eine Art siebten Sinn dafür, stets bei den fiesen Stellen reinzukommen. Einmal, bei "Scanners" von Cronenberg, kam sie ausgerechnet beim Finale hinein, wo ja nun ziemlich die Luzie abgeht! (lacht) Das war so super - ich glaube, meine Eltern haben sogar erwogen, mir den Rekorder zu entziehen... Vielleicht wäre ich dann jetzt bereits Bankpräsident!

- Wie sind Sie dazu gekommen, aktiv zu schreiben?

Och, gelesen habe ich damals eine ganze Menge! Nicht nur Filmliteratur. Die eigentlich nur in sehr geringem Maße. Am meisten habe ich damals Geschichten von Ephraim Kishon geliebt, ehrlich! Die alten, die noch von dem wunderbaren Friedrich Torberg übersetzt wurden. Zusammen mit den Donald-Duck-Übersetzungen von Frau Dr. Erika Fuchs wahrscheinlich DER große Einfluß auf meine Schreibe. Ich war schon damals Fan von grotesken Situationen, und das hat sich sicherlich auch in meiner Passion für Gruselfilme wiedergefunden... Als ich 18 war, machte ich jedenfalls meine erste größere Soloreise, nach Amerika, wo ich Stephen King besuchte. Das war schon ein sehr einschneidendes Erlebnis. Ich habe dort damals eine Freundin besucht, in die ich etwas verballert war. Es war toll, mit einem wehen Gefühl im Bauch durch die Straßen der Kleinstadt Bangor zu stromern, mit einem Walkman auf dem Kopf, aus dem unablässig Bruce Springsteen trällerte... Das war Amerika!

- Sie schreiben doch so häufig über Italien. Sind Sie eigentlich Amerikaner?

Die meisten von uns sind das! Ich bin natürlich mit amerikanischen Filmen großgeworden. Besonders die alten Schwarzweißfilme finde ich noch richtig chefig. Übrigens sehr viele Komödien. Bei alten Doris-Day-Filmen werde ich richtig weich in den Beinen!

- Hmm... Und wie genau kam das mit dem Schreiben?

Tja, ich habe dann mit 21 oder so eine Schulfreundin in Paris besucht. In die war ich damals auch verballert. So war das halt in den Jahren. Sie war aber kaum frei, und so mußte ich viel Zeit totschlagen. Nur durch die Tuileriengärten latschen brachte es auf die Dauer auch nicht, und so saß ich auf meinem Hotelzimmer. Ich hatte in Phil Hardys Horrorenzyklopädie eine Menge über den Regisseur Jean Rollin gelesen, und auch in alten "Vampir"-Heften stand so manches. Also schaute ich mal ins Telefonbuch und rief vom Hotel aus jeden Jean Rollin in Paris an. Der sechste war es dann, und ich fragte, ob ich ein Interview mit ihm führen dürfte. Er fragte nicht groß, von welcher Zeitschrift ich käme, und so entstand das Interview, das dann einige Zeit später in der "Splatting Image" erschien, als Maerz seinen Rollin-Text machte. Auch war ich damals Mitglied eines Horrorfilmfanclubs namens "Evil Ed", der im Ruhrgebiet ansässig war. Ich lernte dort u.a. Stephan Lenzen kennen, in dessen erstem Film "Zander" ich mal kurz rumhusche, mit einer doofen Spiegelbrille auf. Mit dem Club fuhr ich einige Male nach Brüssel, zum "Festival des Phantastischen Films". Dort lernte ich z.B. Peter Blumenstock kennen, mit dem ich in den Folgejahren sehr viel unternahm. Auch Sailor Ripley, der jetzt ein Führungsmitglied des "Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega" ist, sauste da herum. Wir interviewten da Michele Soavi. Auch Clive Barker lernten wir kennen, von dem ich sogar noch einen netten Brief habe - Superkerl! Ich habe dort Rod Steiger weinen sehen, als die Besucher ihm "Standing Ovations" entgegenbrachten - mann, war das schön! Ein Berliner namens Röntz, der sehr begeistert von John Woo erzählte, brachte mich mit Sven Berndt zusammen, einem der Chefredaxe von "Splatting". So fing ich an, für die Leute Kritiken zu schreiben, erst von Filmen, die ich in Brüssel gesehen hatte.

- Ihre längeren Artikel kamen aber erst später?

Ja, zuerst habe ich was über Walerian Borowczyk geschrieben, der mich schon immer fasziniert hatte. Dann kam ein lausiger, aber teilweise recht lustiger Artikel über Horrorfilme von den Philippinen. Ich wußte rein gar nix darüber, aber die Leute meinten halt, daß sie gerne einen Artikel darüber haben würden. Also hat mir der liebe Graf Haufen, den ich mittlerweile auch kennengelernt hatte, einige Sachen zukommen lassen, und so wurde auch das was. Zu diesem Zeitpunkt hatte mich Peter bereits mit italienischen Filmen zusammengebracht, und wir verbrachten viel Zeit mit der Sammlung und Sichtung von Filmen im Dunstkreis von Mario Bava, der natürlich unser Held war! Da entstanden dann hunderttausend Artikel und Interviews...

- Ihre Artikel sind recht eigenartig und entfernen sich recht häufig von den Objekten ihrer Verehrung...

Das ist wahr. Es ist mir niemals darauf angekommen, kritische Objektivität zu erreichen. Ich hatte eine Menge Begeisterung im Busen, und diese Begeisterung verband sich sehr stark mit meinem eigenen Leben. In der Schule hatte ich immer eine Außenseiterrolle eingenommen, war niemals ein Typ für die Gruppe gewesen. Alles, was ich vorher versäumt hatte, holte ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben sehr massiv nach, und was ich so erlebte, verband sich eben mit den Erfahrungen der Filme, die ich damals kuckte. Es wäre also nicht wirklich möglich gewesen, die Film-Erlebnisse von den realen zu trennen! Wir alle sehen Kunstwerke durch unsere eigenen Augen, und die sind stets bestimmt von den Begebenheiten, die uns widerfahren. Ich habe das dann auch gar nicht voneinander trennen wollen, sondern habe ganz absichtlich einen Crashkurs gefahren, der Fiktion und Realität zusammenbrachte. Deshalb findet man in dem Quatsch, den ich schreibe, auch so viele persönliche Details, wie z.B. über den Bremer Bürgerpark...

- Sie sagen "Quatsch". Nehmen Sie Ihre Texte denn gar nicht ernst?

Oh doch, absolut. Ich liebe sie innigst. Es ist nur so, daß sie eben nur meine persönliche Sichtweise wiedergeben. Jeder Mensch hat seine eigene Art, die Dinge zu erleben, und so auch die Filme. Er erlebt sie sozusagen durch das Prisma seiner eigenen Lebenserfahrung hindurch. Wenn also jemand meine Texte nicht mag, bin ich nicht wirklich angefaßt, weil ich weiß, daß das in jedem Fall eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Und was könnte man ernster nehmen als persönliche Angelegenheiten?

- Sie haben das dann viele Jahre lang durchgezogen. Sie sind jetzt 33. Hat sich was verändert?

Natürlich hat sich was verändert. Ich mache die filmjournalistischen Sachen jetzt nur noch nebenbei. Ich habe zu häufig gesehen, wie desillusionierend so etwas ausgegehen kann. Der Filmjournalismus ist ein Beruf, der sich in Deutschland nicht wirklich rechnet. Ich habe mich schon häufig gefragt, ob ich an irgendeiner Stelle den Absprung nicht geschafft habe. Mittlerweile denke ich, daß alles irgendwie zur Geschichte gehört, ein Teil der jeweiligen Vita ist. Im Moment bastele ich gerade an meinem ersten Roman, der nicht zuletzt die Erlebnisse mit den italienischen Polizeifilmen verarbeitet. Es sind - ähnlich wie in den Artikeln - auch massig Details aus meinem Privatleben darin. Ich werde mich aber hüten, zu verraten, welche Sachen authentisch sind! (lacht) Ich denke mal, daß sensible Menschen das auch so herausahnen werden.

- Haben Sie schon einen Verlag?

Das Jahr ist noch lang, oder? (grinst) Na, und davon abgesehen verdinge ich mich seit meinem Umzug nach Gelsenkirchen mit Auftritten, bei denen ich entweder Schnurren aus meinem Leben erzähle oder Filmtexte von mir lese. In der Regel schaffe ich es nicht wirklich, sie einfach stumpf abzulesen. Viele Dinge sehe ich jetzt etwas anders. Die meisten Sachen, die ich mittlerweile ablehne, oder zu denen ich eine andere Perspektive gewonnen habe, ärgern mich nicht, aber ich ironisiere sie gerne etwas. Die Fehler der Jugend sind nicht immer etwas, wegen dem man sich die Haare büschelweise ausreißen muß!

- Das sehe ich auch so. Vielen Dank für das Gespräch!

Geführt im Dezember 2001 von Heiner Lauterkrach für die Zeitschrift "Struwwelpeter".


Selbstporträt des Künstlers

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