TÜBINGEN OR NOT TÜBINGEN?Und wo, bitte, liegt jetzt Tübingen? Tübingen liegt im Süden Deutschlands. Ich war mal irgendwann dort, hatte aber sofort nach Überschreiten der Stadtgrenzen bereits alles wieder vergessen... Wo Tübingen liegt, ist ein Geheimnis, daß nur jenen verraten wird, die sich jahrzehntelang im Ringen um Humanität bewährt haben. Tübingen gilt allgemein als die Wiege der Humanität. Warum, weiß keiner so genau. Auch der Humus wurde dort erfunden und die henkellose Kaffeetasse. Man erzählt sich, daß die Menschen dort vor lauter Entspanntheit förmlich zu schweben scheinen, aber Genaues weiß man nicht. Tübingen...
Was gewiß ist: In Tübingen gab es viel Bewegung, als die Neue Deutsche Quäle zu quälen begann. Zwar erhob sich kaum ein Phönix aus der dortigen Asche (am ehesten noch Hubert Kah, aber der kam ja aus Reutlingen, zu dumm!), aber im Untergrund gab es einige Bands, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Trotzdem kriegen mich keine 10 Pferde nach Tübingen... (Das möge man aber nicht gegen die Stadt halten, die sicherlich ganz schnuckelig und knuddelweich ist. Man bedenke: Humus!)
Als ich damals über Mail-Order die LP einer Gruppe erstand, von der ich einige Stücke auf dem Sender Bremen 2 gehört hatte, wußte ich gar nicht, daß sie die beste Popband von Tübingen war: Familie Hesselbach war ihr Name, und die LP (die ein von Hand bemaltes Cover besaß, alle 500 davon) war zwar nur halbprofessionell, aber richtig fetzig und charmant. Das erste Stück, "Warnung vor dem Hunde", läßt den Sänger Gottfried lauter Grußbotschaften von Verbotstafeln bellen. Die nächsten 16 Stücke variieren dann zwischen freundlichem Pop ("Blonde Frau aus dem Film von gestern" - ein Hit!) und redaktionellen Beigaben, die häufig lustvoll im Experimentalbereich wühlen. Die Texte sind meistenteils von humoriger Verspieltheit, wie etwa "Mein Fetisch ist der Teetisch", das die großartige Zeile enthält: "Der Backfisch will mehr Bagschisch!" Trotzdem gibt es auch ernsthafte Sachen, die durchaus verraten, daß man nicht auf den simplen NDW-Markt abzielte, oder wenn doch, dann nicht besonders geschickt... Manche Stücke, wie "Dille und seine Tante", gefallen sich auch in lustvoller Obskurität. Der vorherrschende Geist ist der hemmungsloser Verspieltheit, und auch fast 20 Jahre nach dem Erwerb der Platte finde ich sie noch überaus gelungen. Erfreut das Herz von Jung und Alt, wie man so sagt.
Weitere Vinylzeugnisse Hesselbach´schen Schaffens finden sich auf dem ellenlangen "8-EP-Sampler" der Firma Schrott Records, zu dem die Familie ca. 16 Minuten teilweise recht schrammeliger Rhythmen beigesteuert hat, darunter einen Dialektschluchzer, der eine junge Frau namens "Gabi G." besingt, der augenscheinlich das ganze Herz von Sänger Gottfried H. gehört! "Gabi" findet sich auch in einer entschieden energischeren Version auf dem Kassetten-Livesampler des "Jung + wild"-Festivals...
Wie ich später herausfand, haben sich die Hesselbachs für ihre große LP ziemlich zurückgenommen. Mir ist u.a. ein Tape in die Arme geflattert, "Froh zu sein", das etwa ein halbes Jahr vor dem Album rausgekommen sein muß und auf dem die meisten Stücke bereits in früheren, wesentlich ruppigeren Versionen enthalten sind. Auch einige sehr feine Neuzugänge waren da drauf, etwa das düstere "Steinmenschen" oder eine längere Fassung von dem auf der LP nur als A-Cappella-Version enthaltenen "Kein Mann für eine Nacht". Einige Sachen krachen punkig, und am Schluß gibt es noch einige Behind-the-Scenes-Aufnahmen von der Produktion. Das Tape war übrigens nur eines von einer ganzen Wagenladung abgeranzter Audiobänder, die ich mal vorbeibekommen habe. Auf einigen Südwest-Samplern waren die Hesselbachs ebenso enthalten wie einer "Spex"-Kassette von 1982. Dabei fiel mit ein schönes Lied mit dem Titel "Keiner kennt mich" auf, wie auch ein wunderschön klebriges Livestück, auf dem eine Dame namens Gabi besungen wird... Ein ganzes Live-Tape fand sich auch in dem Gemenge.
Kommerziell gesehen der Höhepunkt des Hesselbach´schen Schaffens war die bei "ZickZack" erschienene Maxi "Süddeutschland", auf dem verschiedene Zitate filmischer und musikalischer Sekundärliteratur abgedruckt sind. Das Stück war bereits in einer Vokalversion auf der "Jung + wild"-Kassette vorhanden. Ferner enthält die 12´´ eine etwas glattere Fassung von "Keiner kennt mich" sowie zwei weitere Tracks. Die Maxi ist deutlich besser produziert als die früheren Aufnahmen, aber ich vermißte etwas deren anarchischen Humor. Ich denke mal, daß die Besetzung sich hier schon etwas verändert hatte, und bald danach waren die Hesselbachs wohl auch Geschichte. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich leider nicht. Nur der Handke, der arbeitet noch für ein Musikmagazin in TÜ, das weiß ich zufällig. Schöne Grüße von hier aus!
Neben den Hesselbachs gab es auch einige andere Bands, deren Mitglieder hüben wie drüben mitspielten. Die stark experimentell ausgerichteten Zimt etwa teilten den Sänger (und vermutlichen Frontmann) mit der launigen Punkgruppe Autofick. Der Mann soll damals verschiedene Fanzines herausgegeben haben, aber auch hier schweigt meine Kristallkugel. Sicher ist, daß Autofick ein sehr drolliges Tape mit Namen "Pogo: Ein praktischer Leitfaden" herausgebracht haben,das später auch als LP herauskam. Der bereits erwähnte Sänger doziert mit (schein)heiligem Ernst über die Dinge, die eine werdende Punkband zu beachten habe, um anzukommen. Die ziemlich komischen Ausführungen werden von Tonbeispielen der Gruppe Autofick untermalt, die auch die B-Seite des Tapes mit einem Liveauftritt bestreitet. Ernsthafter Punk ist das alles natürlich nicht, aber es muß interessant gewesen, die Reaktionen von echten Punks auf diese Musik zu beobachten. In der Zimt-Inkarnation gibt es ein ausgesprochen reizvolles Tape, "Live und anderswo", das mit einer Sektion endet, die da heißt: "Zimt spielt Autofique". Sehr schön das 10 Minuten lange "Kalaschnikow", auf dem der Sänger die ganze Zeit über nur den Titel deklamiert, während die Band voll draufhält. Möglicherweise von anderen Leuten stammt ein Tape, "The Sound of Tübingen", das zur Hälfte von einer Avantgarde-Combo namens Attraktiv + Preiswert bestritten wird, die dem Publikum übel mitspielt. Auf der anderen Seite donnern die gleichen Leute, diesmal als Freddy + die Hausmeister, den gleichen Set herunter. Sehr spaßig, eignet sich aber nicht für Studentenparties. Die eingefangenen Reaktionen des Publikums sind soziologisch aufschlußreich.
Allzuviel wird man von diesen insgesamt sehr lohnenden Tübinger Ausgrabungen nicht mehr finden, aber sollte man zufällig darüber stolpern - zugreifen! Alle diese Bands machen großen Spaß und sind hübsche Beispiele für Kreativität zu einer Zeit, als sogenannte Independent-Musik noch nicht in Stadthallen zelebriert wurde - mit Witz und Charme halt.
Hier wollte ich eigentlich eine Landkarte abbilden, um zu zeigen, wo Tübingen liegt, aber ich habe keine gefunden... (Voll Kafka, ey!)
Stattdessen:
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"Mein" Hesselbach-Cover Risiken von Autofick