PETER HAMMILL (VAN DER GRAAF GENERATOR)
"Given time, we lead the lives we make."

"Nothing is nothing."

Durch einen Schulfreund namens Dödel wurde ich auf verschiedene Bands aus dem Progressivrocklager der siebziger Jahre aufmerksam gemacht. Am nachhaltigsten beeindruckte mich dabei Peter Hammill und seine Van der Graaf Generator. Anders als bei von mir nicht gerade heißgeliebten Comben wie ELP oder Yes (No!) fiel mir sofort das reizvolle Miteinander von tiefernstem Inhalt und pittoresk-verspielter Gewandung auf, von sanfter Lieblichkeit und hervorbrechender Aggressivität, das eher mit exzentrischen Bands wie King Crimson vergleichbar war. Eine aufgesetzte "Hach, was sind wir sensible Künstler!"-Attitüde war dabei angenehm abwesend. Im Laufe der Jahre verfolgte ich mit großer Faszination die Entwicklung von Peter Hammill, mit und ohne seine Kampfgefährten...

Das erste Lebenszeichen auf Vinyl gaben Van der Graaf Generator 1968 von sich, mit ihrer fantastischen Debüt-LP "Aerosol Grey Machine", die musikalisch noch sehr den psychedelischen Traditionen der späten 60er huldigt. Jetzt, wo das Album gleich zweimal als CD wiederveröffentlicht worden ist, läßt sich der Heißhunger nicht mehr nachvollziehen, mit dem ich damals über Schallplattenbörsen strich, um das verdammte Ding irgendwo aufzutreiben. "Aerosol" entstand ursprünglich mehr als Hammill-Soloprojekt, kam aber aus marktstrategischen Gründen als Platte der Band heraus, die ihre erste Formation zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst hatte. Die erste Seite enthält weitgehend Liebeslieder "mit was extra", während sich Hammill auf der zweiten schon esoterische Schlenker erlaubt, die von seiner damaligen Magick-Beschäftigung zeugen. (Tatsächlich kam das Album zuerst in den USA heraus, wo der Song "Necromancer" durch das unokkultere "Giant Squid" ersetzt wurde...) Die Songs weisen schon hier lange Instrumentalpassagen und eine Neigung zum düsteren Pomp auf, die später von Van der Graaf kultiviert werden sollte. Am extremsten ist sicherlich das Schlußstück "Octopus", bei dem sich Hammill fast die Seele aus dem Leib schreit. Von den beiden CD-Veröffentlichungen empfehle ich eindeutig die von Hammills "Fie!/Sofa Sound", die die bessere Tonqualität enthält und einen langen Essay, in dem Hammill über die Frühgeschichte der Band referiert. Als Bonus sind zwei Tracks beigefügt, von denen der eine das bereits erwähnte "Giant Squid" ist. Die andere Veröffentlichung enthält als Bonus die noch vor "Aerosol" aufgenommene Single, die noch in der ursprünglichen Besetzung entstand und recht quäkig ist. Immer daran denken - sie waren jung und brauchten das Geld! (Hammill war damals gerade mal 20...)

Auf "The Least We Can Do Is Wave To Each Other" (1969/70) mendelt sich schon der spezifische Van-der-Graaf-Sound heraus: Ohne Furcht vor Theatralik machen die Musiker aus ihren nur sechs Songs sehr bewegende und herausfordernde Nummern, die den Zuhörer ziemlich mitnehmen - die auf dem Cover abgedruckte Warnung Hammills, die Platte nicht zu hören, wenn man gerade die Deprikarre schiebt, darf man getrost beherzigen. Zur Band war auf dieser Scheibe einmalig Nic Potter als Bassist hinzugestoßen. Wesentlich entscheidender aber war die Aufnahme David Jacksons, dessen Saxophon zu einem Markenzeichen der Gruppe wurde. Während die erste Seite zumindest noch ansatzweise Liebessongmotive aufgreift, ist spätestens bei "White Hammer" der Traum ausgeträumt: Das Lied handelt von der Inquisition und ihren Exzessen. Das Finale besteht nur noch aus einem dissonanten Saxophonquäken, das minutenlang über den unnachgiebigen Akkorden von Hugh Banton ausgebreitet wird - Gänsehaut garantiert... Das zentrale Stück, "After the Flood", beschreibt die vollständige Vernichtung der Menschheit durch eine Sintflut - auch ein Thema, bei dem man die lustigen Papierhüte gerne im Schrank läßt. Damit aber nicht der Eindruck erweckt wird, Hammill & Co. würden sich in düsteren Jammerfantasien ergehen: Die Lieder sind von majestätischer Schönheit und verwenden auch lange Instrumentalpassagen, die die von Hammill mit großer Inbrunst vorgetragenen Texte eindrücklich unterstreichen. Uffa - ein Gnadenhammer, die Platte! Konnte die Band noch besser werden?

Sie konnte! "H to He Who Am the Only One" (1970) - der Titel bezieht sich auf die Verwandlung von Wasserstoff zu Helium - war das zweite Charisma-Album der Gruppe und beschreibt alle Farben eines sehr sauren Regenbogens... Das Begrüßungsstück, "Killer", erzählt von Raubfischen, die ihren aus Einsamkeit erzeugten Haß von Generation zu Generation weitergeben und alles töten müssen, was ihnen zu nahe kommt. Schon mal ein rechter Stimmungstöter. Der nächste Track, "House with No Doors", ist ein unendlich trauriges Lamento, das wie eigentlich alle anderen Songs der Platte von Isolation und Kommunikationstod handelt. "The Emperor in his War-Room" setzt das in Zusammenhang mit einem vermutlich mittelalterlichen Kriegsherren, dessen Unfähigkeit zur Liebe ihn in einen endlosen Strudel des Tötens und Getötetwerdens hineinzwingt. Mr. Hammill schreit sich erneut um Kopf und Kragen. "Lost" ist ein sehr langes und melancholisches Stück über eine Liebe, die dem Erzähler erst lange nach ihrem Dahinscheiden aufdämmert. Und der Weltallheuler "Pioneers Over C.", einer der absoluten Klassiker der Gruppe, lädt ein in einen Kosmos, in dem erneut guter Rat teuer ist. Die LP erinnert in ihrer Struktur ein wenig an die ersten zwei LPs von King Crimson, und tatsächlich taucht der leitende Kopf jener Gruppe, Robert Fripp, kurz auf, um auf "The Emperor" die einzige E-Gitarre des Albums beizusteuern. Es ist schon recht bemerkenswert, daß Van der Graaf Generator  auf quietschende Gitarren meistens verzichtet haben und trotzdem mit ihrer ungemein dynamischen Musik, die weitgehend von Orgel und Saxophon getragen wird, wesentlich aggressivere Töne anschlagen, als dies bei vielen anderen Bands der Periode der Fall gewesen ist. Die Texte von Hammill waren zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich raffinierter geworden und vermeiden lyrische Plattheiten ebenso wie aufgepfropfte Bedeutsamkeit. Stattdessen vermitteln sie ihre Gefühle mit großem sprachlichem Farbreichtum und in sehr präziser und reduzierter Form, wie auch Hammills Gesang auf verwirrende Weise extrem diszipliniert wirkt, dabei aber eine unberechenbare Leidenschaft einklammert, die ständig hervorbrechen kann. Erneut - hallo Meisterwerk!

Das absolute Chefopus stellt aber "Pawn Hearts" von 1971 dar, nach der sich die Gruppe aufgrund allgemeinen Stresses für einige Jahre in Freundschaft trennte. "Pawn Hearts" besteht nur aus drei Stücken, aber die haben es wahrlich in sich: "Lemmings" z.B. entwirft das grandiose Bild einer Menschheit, die dazu verdammt ist, in ihren eigenen Untergang zu galoppieren, getrieben von Kräften, die sie nicht begreifen kann. Um das mal kurz zu zitieren: "For if the sky is seeded death/ What is the point in catching breath - EXPEL IT!" Ein duftender Blumenstrauß des Optimismus, oh ja... Stück 2, "Man-Erg", läßt den Erzähler die verschiedenen Schichten seiner Persönlichkeit umreißen, die da Mörder ebenso wie Engel umfaßt. die in ständigem Widerstreit miteinander stehen. Gelegentlich zeigt sich auch der Mensch, der sich mit dem ganzen Gerangel irgendwie arrangieren muß. Die gesamte zweite Seite besteht aus einem einzigen Kolossalwerk, "A Plague of Lighthouse Keepers", das mit dunklen Wellen am Elfenbeinturm nagt, in dem man sich als Grübelnatur beizeiten vorfinden mag. (Die Texte sind nur auf dem Innencover der alten Pressung enthalten und sollten bei Bedarf unbedingt von Hammills Webpage runtergesaugt werden!) Wie meist bei Mr. Hammill endet auch dieses Werk bei aller Tragik auf einer versöhnlichen Note ("All things are a part" bzw. "All things are apart"), aber ohne, daß etwas geschönt würde. Mr. Fripp gibt auch hier einiges dazu, und am Schluß entschwindet das Narrenschiff am Horizont, einer ungewissen Zukunft entgegen...

Die war dann auch recht ungewiß. Nach einer Zäsur von vier Jahren, in der Hammill einige Soloalben einspielte, kam die Band für eine Tournee wieder zusammen und bastelte drei weitere Alben in der alten Besetzung. Das erste, "Godbluff" (1975), zieht einem erneut die Schuhe aus: Auf den vier langen Songs beweisen Van der Graaf Generator, daß es noch Monarchien gibt, so majestätisch spielen sie auf. Die einzelnen Stücke wirken reduziert und sehr viel weniger firlefanzig als die alten Sachen, ohne allerdings die Neigung zum Überlebensgroßen und Pittoresken (möchte jemand pittoreske Kekse?) fahren zu lassen - da ist schon Peter Hammill vor! "The Undercover Man" beginnt leise wispernd, entwickelt sich dann aber zu einem theatralischen Feuerwerk von der Zartheit eines Dammbruchs. "Scorched Earth" (=Verbrannte Erde) handelt von einem einsamen Wolf, der nur rauchende Trümmer in seinem Fahrwasser läßt, da er Angst vor echter Berührung hat. Ähnlich martialisch präsentiert sich auch "Arrow", während das abschließende "The Sleepwalkers" den Hörer in einen gotischen Strudel hineinreißt, in dem sich Menschen tummeln, die besinnungslos das tun, was ihnen ihre Natur vorgibt, ohne daß man den Eindruck bekommt, es würde sich lohnen, den Schöpfer zu fragen, was det alles denn nun soll... Zarte Introspektion, Wut und donnernde Klangmalerei sind die Elemente dieses letzten richtig bombigen VdGG-Albums.

"Still Life" (1976) hingegen beginnt wesentlich kontrollierter und freundlicher, entwirft dann aber immer mehr ein philosophisches Netzwerk, in dem die Gefühlsäußerungen Hammills situiert sind. Das abschließende "Childlike Faith in Childhood´s End" stellt den suchenden Menschen dem Kosmos gegenüber, in dessen Unendlichkeit sich Konstanten schwerlich nachweisen lassen. Ob Hammill nun religiös ist (und einen Einschlag in die Richtung hat er mit Sicherheit), bleibt etwas im Nebulösen, aber sicher ist, daß die Menschen auf einer wie auch immer bestimmten Pilgerfahrt sind, bei der Heimat und Ziel identisch sind und den Pfad vorgeben. Das großartigste Stück ist ein extrem krachiges Liebeslied namens "La Rossa", in dem sich Hammill einmal mehr über den Zwiespalt von individualistischer Künstlerseele und menschlichem Miteinander ausläßt, deren schwierige Vereinbarkeit miteinander der mutmaßliche Nährboden für die explosiven Songs abgibt. Im Titelstück reflektiert Monsieur Hammill über den Unsinn eines unendlichen Daseins, was doch zumindest andeutet, daß er mit beiden Füßen auf der Erde haftet und sich seinen Sinn zu Lebzeiten schaffen will. (Nur das dritte Bein, das wabert in der Transzendenz...)

Die letzte LP in alter Viererbesetzung ist die "World Record", und von allen VdGG-Platten ist sie die entschieden rocklastigste. Am eindrucksvollsten finde ich das langsame "Masks", das von Zeitgenossen handelt, die aus ihrem Leiden eine Pantomime machen, die alles Echte und Natürliche in ihnen zerstört und es der Umwelt unmöglich macht, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das soll´s ja geben... "A Place to Survive" ist ein Kampfgesang für den Menschen von heute, der gefälligst nicht jammern, sondern den Blick strikt in die Zukunft richten soll, was alles in allem eine gute Idee ist. Das zentrale "Meurglys III" ist das Lamento eines Menschen, der niemandem mehr vertraut und stattdessen nur noch mit seiner Gitarre kommuniziert - freundliches Soziopathentum auf Plektronbasis sozusagen! Das fanfareske "Wondering" beendet die Existenz von Van der Graaf Generator mit einem dicken Fragezeichen...

So ganz war der Saft aber noch nicht aus der Zitrone: Unter Verzicht auf Banton und Jackson und unter Hinzunahme des ehemaligen Bassisten Nic Potter und des Geigers Graham Smith produzierte Hammill 1977 noch eine Platte mit dem Titel "The Quiet Zone/The Pleasure Dome". Die Band heißt hier nur noch Van der Graaf, und ob sie den Generator auch im übertragenen Sinne verloren hat, ist Ansichtssache. In jedem Fall wirkt die LP mehr wie eine Soloplatte und opfert die episch langen Stücke der vorangegangenen Platten vielen kleinen gewitzten Nummern, die beim ersten Anhören (auch beim zweiten) recht unverbindlich klingen. Trotzdem lohnt es sich, ein wenig in den Texten zu wildern, denn Hammill war in punkto Songwritertum schon lange auf dem hohen Standard seiner Sangeskünste angelangt... In "Last Frame" spielt er auf originelle Weise mit den allegorischen Möglichkeiten der Fotoentwicklung, und in "The Habit of the Broken Heart" wird der beziehungsmäßig chronisch Strauchelnde kurzerhand ins Kloster geschickt. (Habit = Nonnentracht!) Auch ansonsten sind die Texte deutlich verspielter, streifen aber nichtsdestotrotz Naturwissenschaften, Philosophie und Religion mit Anmut. Bestes Stück ist "The Sphinx in the Face", das zum Finale noch mal kurz auftaucht. Musikalisch hat das Violinspiel Smiths eine zentrale Rolle, das sich durch alle Stücke schlängelt, gelegentlich unterstützt von Stippvisiten David Jacksons. Smith promeniert auch auf dem Live-Doppelalbum "Vital", wo sein Gefiedel für meinen Geschmack hier und da etwas im Übermaß eingesetzt wird. "Vital" ist im übrigen nicht für Neulinge zu empfehlen, bietet aber eine interessante Ergänzung zu den Studioalben, da Hammill so kratzig klingt, als habe er vorher zwei Tage durchgesoffen! Auch der Rest ist extrem krachig und bietet verblüffende Versionen einiger Klassiker, u.a. "Sleepwalkers" und "Plague of Lighthouse Keepers". Auf der CD sind zwei Titel aus Platzgründen abkömmlich, aber man hat mit sicherer Hand die zwei schwächsten ausgewählt.

Neben einigen nur auf Samplern veröffentlichten Songs sollte man noch "I Prophesy Disaster" im Einkaufskorb verschwinden lassen, das u.a. eine Studioversion von "Ship of Fools" enthält (auch auf "Vital" drauf) und diverse Asbach-uralt-Stückchen. Sehr hörenswert auch die in den 90ern herausgekommene Live-CD "Maida Vale", die einen recht guten Eindruck davon vermittelt, wie die klassischen VdGG auf der Bühne geklungen haben müssen...

Die Solo-Karriere von Mr. Hammill startete 1970, als er sich die erste Auszeit nahm für sein Album "Fool´s Mate", auf dem der Geist der ersten Van-Der-Graaf-Platte sich verbindet mit einem eher persönlichen Ansatz, mit zarten Liebesliedern ("Vision") und subjektiven Gefühlsbildern ("Candle", "Solitude") im Handgepäck. Dazwischen lugt auch mal der zornige junge Mann hervor und donnert mit der Faust auf den Tisch. Im Ganzen ein sehr gefälliges Album von eher intimem Charme, ohne sonderliche Gipfelstürmer, aber mehr als angenehm für das Ohr und das innere Auge...

"Chameleon in the Shadow of the Night" (1972) schlug einen ganz anderen Pfad ein und präsentiert einen düsteren und wenig versöhnlichen Hammill, der Tourerfahrungen ebenso Revue passieren läßt wie die Nachwirkungen von zerborstenen Liebesbanden. Von dem Van-der-Graaf-Universum mopst er sich diverse Ausflüge in die Esoterik, namentlich das lange Schlußstück "In the Black Room". Während der Meister auf den Coverfotos posiert wie eine Mischung aus Donovan und Herman van Veen, britzeln die eigentlich gemächlichen, auf akkustischer Gitarre oder Piano basierenden Songs vor unterschwelliger Aggression, die es dem Zuhörer fast unmöglich macht, ruhig sitzenzubleiben. Gelegentlich gibt es sogar richtige Watschen, die die Hippieketten rasseln lassen. Die Texte sind ansonsten extrem introspektiv und verkneifen sich weitgehend griffige Bilder - keine Elfen und Zaubermeister hier! "Chameleon" ist kein leichtes Album, eher eines, das man sich nach reiflicher Beschäftigung mit Hammill zulegen sollte. Den Neueinsteiger wird es verschrecken, es sei denn, er besitzt Nerven wie Drahtseile!

Das sich durch Hammills ganzes Werk ziehende Thema des Künstlers, der an einem gewissen Punkt seiner Persönlichkeit - nämlich dort, wo seine Kunst entsteht - einsam ist, wie exponiert er bei seinen öffentlichen Auftritten auch immer sein mag, trat 1974 in den Vordergrund, als Hammill sein meines Erachtens bestes Soloalbum ablieferte, "The Silent Corner and the Empty Stage". Besonders krass wird das deutlich in dem 12 Minuten langen Schlußstück, "A Louse Is Not A Home", in der er den einsamen Raum zutapeziert mit Zeilen wie "I´m only trying to find a place to hide my home" und dabei schreit und jault, daß man eine Gänsehaut bekommt. Bei solch solipsistischen Schnackereien darf man im übrigen nicht vergessen, daß der als Jesuit aufgezogene Hammill von seinem 20. Lebensjahr an als Star einer Rockgruppe auf der Bühne stand und somit absolut keine weltferne und gequälte Grübelnatur war. (Der hatte in seinen jungen Tagen das, was die meisten von uns immer haben wollten!) Daß ihn diese Rock´n´Roll-Existenz aber nicht davon abgelenkt hat, daß alles Wertvolle in seiner Musik an einem Ort entsteht, zu dem nur er Zutritt hat, dokumentieren auch die immer intimer und persönlicher werdenden Songinhalte. Mit "Wilhelmina" schrieb er z.B. ein Liebeslied an seine zu diesem Zeitpunkt noch ungeborene Tochter, das sich ganz anders ausnimmt als die schicksalshaften Orgelkadenzen von Van der Graaf. In "The Lie" setzt er sich mit dem christlichen Glauben auseinander anhand der "Heiligen Theresa" von Bernini. (Bombenstück!) Am populärsten war aber wohl das recht apokalyptische "Modern", wo er Zukunftspessimismus ausstreut wie andere Leute Konfetti... Eine unglaubliche Platte mit garantiertem Boah-Effekt, aber nicht unbedingt der geeignete Soundtrack für eine Gartenparty.

Dasselbe läßt sich behaupten von der Folgeplatte "In Camera" (1974), die an Schrägheit kaum zu überbieten ist. In den Texten geht es u.a. um den Zusammenhang von Religiosität und der Unfähigkeit zu glauben ("Faint-Heart and the Sermon") und die Allmacht von den Naturkräften, die die Ausrichtung des Menschen bestimmen ("The Comet, the Course, the Tail"). Die Songs sind vollkommen großartig, was auf der Platte aber nicht richtig rüberkommt, da die meisten Nummern ziemlich überarrangiert sind - besser die Durchführungen auf der in den 90ern herausgekommenen CD mit Aufnahmen von John-Peel-Sessions, die uneingeschränkt empfohlen werden kann. "In Camera" schließt mit dem satanischen "Gog Magog (In Bromine Chambers)", dessen letzte 10 Minuten fast ausschließlich aus höllischem Gerausche und Geklapper bestehen... Nicht sehr kommerziell, Herr Hammill!

"Nadir´s Big Chance" (1975) hingegen ist fast durchgehend eine eingängige Angelegenheit und besteht zur Hälfte aus Rock´n´Roll-Nummern, die Hammill in Teenagerjahren komponiert hat. Diese Teenagerseite seiner Persönlichkeit (Nadir genannt) konfrontiert er auf der Platte mit seinem alten Selbst, das zu diesem Zeitpunkt ja schon greisenhafte 27 Jahre zählte... Die Texte enthält er uns auf der Platte vor, da sie nach eigenem Bekunden eh unwichtig sind. Am hübschesten ist das alte "People You Were Going To", das ja einst auf der historischen ersten VdGG-Single drauf war, wenn auch in einer horriblen Version...

Um wieder etwas Komplexität in sein Oeuvre zu tragen, machte er 1976 die sehr schöne "Over", deren Titel sich zwar eigentlich auf das Hinscheiden der klassischen VdGG bezieht, auf der LP aber in zahlreichen traurigen Liebesliedern mit Überbau resultiert. Es gibt einen inhaltlich an "Masks" erinnernden Rocksong ("Crying Wolf from the depth of your sheep´s heart..."), ein rasend sentimentales Stück über das Älterwerden ("Autumn" - hach, neulich im Senorenstift!), das großartige "This Side of the Looking-Glass", das in seinem Mammutkitsch fast an Musicals heranreicht, und das wüüütende "Betrayed". Graham Smith fiedelt wieder etwas herum - das ist aber schon okay. Die Platte schließt mit dem langsam vernarbenden "Lost and Found" auf einer fast versöhnlichen Note. Man fragt sich wirklich, ob es Hammill klar ist, wie verzweifelt manche dieser Platten klingen. Er selber ist nämlich alles andere als verzweifelt und hat einen erstklassigen Humor!

Nunmehr endgültig ins Vorgreisenstadium übergetreten (fast 30), machte er 1978 "The Future Now", auf der er seinen bevorstehenden Geburtstag auch gleich mit dem zynischen "Pushing Thirty" veralbert, verbunden mit einem bissigen Kommentar zum Musikgeschäft. Seine persönlichen Erfahrungen als praktizierender Musikkünstler stehen auch im Mittelpunkt von Stücken wie "Energy Vampires" oder "Trappings". Ansonsten dominiert auf "Future" das introspektive Moment, auch im Hinblick auf partnerschaftliche Beziehungen. Musikalisch wirkt das Album synthielastiger als seine Vorgänger und deutet erstmals die Richtung an, in die sich der Musiker Hammill entwickeln sollte - vertrackte Einfälle und Melodien, mit viel Home-Made-Charme zu gefälligen, wenngleich schrägen Popsongs geformt. Heraus sticht das an mittelalterlichen Chorgesang angelehnte "Mediaeval", auf dem er eventuelle Zweifel bezüglich seiner Kirchensteuer endgültig aus dem Wege räumt... Das Titelstück ist ein Standard seiner Konzerte bis zum heutigen Tag. Das hübsche Cover zeigt Hammill zur Hälfte mit Vollbart, zur Hälfte rasiert. Sein Gesichtsausdruck ist sehr konsterniert, womit vermutlich der Barbier gemeint ist... Die Textbeilage ist auf einer aufklappbaren Beilage abgedruckt, dessen Front auch ein halbrasierter Hammill ziert - der Künstler zum Aufklappen, die Wunder werden nicht alle!

"PH7" (1979) ist nicht - wie viele aufgrund des Titels gemutmaßt haben - die 7. Soloplatte von Hammill. (Da die meisten 8 Finger haben werden, kann man das ganz leicht überprüfen!) Das schwarze Cover sieht newwavig und düster aus, und in gewisser Weise konferiert das auch ganz gut mit dem Tenor der Platte, denn schräg geht´s zu auf "PH7": Stücke wie "Careering" (Wortspiel!) oder "Porton Down" (über biologische Kriegsführung) trumpfen mit krachigen Synthies und recht harten Gitarrensoli auf. Dazwischen gibt es etwas knisterndes Kaminfeuer mit intimen Stücken wie "My Favorite", "Handicap and Equality" und "Not For Keith", die vollkommen unironisch und ungekünstelt wirken und den intellektuellen Metaphernschmied Hammill angenehm ergänzen. Die beiden Hammerstücke sind "Mr.X Gets Tense" und "Faculty X", die beide in wunderschönen akkustischen Versionen auf der John-Peel-Platte vertreten sind.

Das nächste Jahrzehnt begrüßte Hammill mit der hervorragenden, wenngleich sehr kryptischen LP "A Black Box" (1980), auf der der sensible Künstler seine Gefühle - wie der Titel bereits andeutet - sehr wissenschaftlich interpretiert, letzten Endes aber zu dem beruhigenden Schluß kommt, daß die Wissenschaft ihre Grenzen hat: Das Herz ist halt letztlich mehr als ein Labor, in dem chemische und biologische Prozesse ablaufen. Neben dem unendlich düsteren "Fogwalking" und dem ebenfalls Gefühl und Logik durcheinanderwürfelnden "Losing Faith in Words" sticht "Flight" hervor, das fast die gesamte zweite Seite einnimmt und eines der beeindruckendsten Werke von Hammills Soloschaffen ist. (Wer Spaß an Zahlenspielen hat, kann sich alle religiösen Metaphern heraussuchen und damit einen Kaufmannsladen aufmachen!)

Auf dem Cover von "Sitting Targets" (1981) sieht man zwei Crash Test Dummies in einem Auto, die Hände ans Steuerrad gebunden. Was auf den Platten zuvor schon thematisiert wurde, bekommt hier das besondere Augenmerk: Das Verhältnis von Bewegung und Stillstand, vom Versuch der Menschen, sich aus ihrer Bestimmung zu befreien. Da diese Bestimmung bei Hammill meist wissenschaftlich begründet wird, verwundert es nicht, daß er in "Stranger Still" das thermodynamische Gesetz der Entropie hervorkramt, denn wie sehr seine Protagonisten auch versuchen, aus dem Sog der Kräfte auszubrechen - alles trullert unaufhaltbar seinem bestimmten Ende entgegen. Die Zeit dazwischen überbrückt man mehr oder weniger sinnreich, indem man sich z.B. mit Menschen umgibt. ("What do you do when people are the glue when it all falls apart?" Pattex - tropft nicht und zieht keine Fäden!) Dieser ewige Autopilot Bestimmung schließt natürlich auch die Gefahr der Wiederholung ein, und so hat man kein "Paradise Lost", sondern "paradise time after time after time"... Zeit wird so ziemlich hinfällig; Momente lassen sich festhalten wie ein Foto und landen im Album der Erinnerung, in dem auch die Direktiven für die Gegenwart stehen. ("What I Did") Die Fotos lassen sich aber auch entsorgen, oder zumindest kann man´s ja versuchen. ("Sign the picture and throw it away!") Im einzigen richtigen Rocksong der Platte, "Central Hotel", vergleicht sich Hammill mit einem Hotel, aus dem er gerne auschecken möchte, aber er weiß intuitiv, daß det man nich so einfach is, woll: "I can´t help it, can´t stop the therefore because..." bzw. "The circuit changes but the joke stays the same." Der Witz ist bei Hammill auch derselbe, aber er tüftelt ihn in immer neue Späße zum Totlachen hinein, und so hat man auch bei dieser musikalisch bereits sehr schlichten Platte sein Auskommen.

"Patience" (1982) ist die erste der beiden LPs, die Hammill mit der "K Group" machte, zu der neben VdGG-Drummer Guy Evans auch Bassist Nic Potter und Gitarrist John Ellis gehörten. "Patience" ist die leichter zugängliche der beiden und enthält relativ viel ohrenfreundliche Melodien, z.B. das Anfangsstück "Labour of Love". Die Texte haben es aber erneut in sich: In "Traintime" geht es um Leute, die mit ihren Lieben kommunizieren, indem sie von einem Zug aus telefonieren. Das heißt, übersetzt aus dem Hammillesischen, daß man es hier mit sowohl zeit- als auch raumversetzter Kommunikation zu tun hat, und tatsächlich schreien auch andauernd Leute die "passage of time" herunter, was man sowohl zeitlich als auch räumlich verstehen kann. Die Menschen sind immer noch besessen von der Bewegung wie auf "Sitting Targets", strampeln wild herum, um sich freizumachen, aber der Schlüssel für ihr Dasein liegt im Unterbewußten: Bei "Now More Than Ever" geht es um das unbewußte Drittel, das der Mensch im Traum erlebt, wo der berühmte freie Wille und alle bemühte Logik nicht mehr verfängt. Mit "Just Good Friends" gibt es zwischendurch mal wieder einen richtigen Liebessong zum Mitknuddeln. "Film Noir" handelt von einer Frau, die in Filmen mitspielt, weil sie es liebt, das "shooting script" zu haben - die ewige "method actress". Ein wenig Sicherheit auf dieser Welt sucht auch die Protagonistin von "Comfortable", die nur in die Kirche geht, weil sie sich gerne in der gesellschaftlichen Konvention einschweißt. "Patient" schließlich handelt von dem "patient mind", dem Patienten in uns allen, der auf einen Arzt wartet, obwohl er doch lieber selber die Verantwortung für sein Geschick suchen sollte. Macht er aber nicht. Stattdessen sitzt er im Wartezimmer in seinem Kopf, und der Zweck des "wills" (=Testament oder freier Wille, as you like) verliert sich in der Suche nach einer Ausstiegsklausel... Gleich weiter zu -

 - "Enter K" (1983), auf der Hammill von den "Accidents" berichtet, den Unfällen oder Zufällen, die alle eines zweiten Blicks bedürfen. Alles ist ganz klar, der Erzähler kennt seinen Platz in der Geschichte - eine Zeile Blankvers -, aber da passieren immer diese verdammten Sachen... "The Unconscious Life" bereist psychoanalytische Gewässer und läßt den Erzähler innerhalb von 5 Minuten vom "captain" zum "ship´s boy" seiner Seele degenerieren, weil er immer dieses pavlovsche Jucken kratzen muß. ("Wonder what that is now?") In der bewußt erlebten Zeit versucht er, alle Möglichkeiten des Lebens auszuschöpfen ("I´ve done the stay-up-all-night..."), landet aber immer wieder in seiner Wohnung auf dem "Paradox Drive". "Don´t Tell Me" ist ein schönes, wenn auch trauriges Liebeslied, und das großartige "Happy Hour" beendet dann den Reigen mit einem geselligen Taumeln in den Abgrund, "like a prophet out of Babylon, method-acting the absurd"... Auf der CD gibt´s als Bonus noch "Seven Wonders", die sieben Weltwunder, die bei Hammill keinen Bestand haben: "Nothing is permanent here."

Von der K Group kam 1985 auch ein schönes Live-Doppelalbum heraus, "The Margin", das auf CD derzeit nicht mehr erhältlich ist und Börsianer zum tiefen Griff in die Tasche zwingt. Ist aber auch okay, denn auf Vinyl gibt es ein schönes Stück mehr!

Zwischendurch brachte Hammill allein eine Sammlung namens "The Love Songs" (1984) heraus, auf der der Honigseim in Strömen fließt. Die Stücke sind alle neu eingespielt und nicht immer besser als die Originale, aber immer noch bezaubernd genug, um auch über das gruselige Schleimo-Foto von Hammill auf dem Cover wegzutrösten...

"Skin" (1986) verwirrt nun dadurch, daß auf der CD ein Stück weniger als auf der LP enthalten ist, was darauf zurückzuführen ist, daß die Lümmel von Virgin "You Hit Me Where I Live" bereits als Bonus auf einer anderen CD verbraten haben... Diese erneute Solosache von PH gehört wirklich nicht zu seinen stärksten Alben, und während die Musik größtenteils die idiosynkratischen Schluckaufs seiner sonstigen Arbeiten vermissen läßt, so sind die Texte überraschend direkt und unverkleidet, was mancher auch schlicht als platt empfinden mag. Immerhin gibt es mit dem sehr langen "Now Lover" einen kleinen Klassiker, auf dem Hammill sich mit der biochemischen Übertragung von Gefühlen beim Liebesakt auseinandersetzt, die erneut in der Verwirrung von Zeit und Raum resultiert: Die Reise "soul to soul and skin to skin" löst die Verhaftung mit dem Jetzt auf: "We are always now", also ist immer jetzt, oder jetzt immer. Verwirrend, nicht? "A Perfect Date" bestimmt den perfekten Zeitpunkt, aber auch das perfekte Aufeinandertreffen, das dann das Glück bedeutet. Das Titelstück handelt von der Besessenheit mit dem Berührbaren, die freilich eine recht kleine Welt ist, verglichen mit der zeitlosen Welt, die unter der Haut zu finden ist. Und ja, da ist ja auch noch ein niedliches kleines Schmusestückchen, "After the Show", wo es nur um Schauspieler geht, die nach der Vorstellung nicht so recht wissen, was sie dann machen sollen... Besonders grausiges Foto von Hammill auf der Schallplattenbeilage!

"And Close As This" (1986) ist dann wieder ein zuckersüßes Album, und eines, das man sich unbedingt kaufen kann. In späteren Jahren ist Hammill häufig völlig solo auf Tournee gegangen und begleitete sich dort mit Synclavier oder akkustischer Gitarre. Verglichen mit dem hemmungslosen Dreschen, das er bei solchen Gelegenheiten gerne praktizierte, gleiten seine Finger hier wie verliebte Seidenraupen über die Tastatur und spielen einfache, aber ganz und gar nicht banale Stücke sehr romantischen Zuschnitts. Eines der Lieder ist von Keith Emerson ko-komponiert, "Empire of Delight". Das tränentreibende Schlußstück, "Sleep Now", konferiert mit "Wilhelmina", seinem 1974er Song für ein fiktives Kind. 1986 war Hammill schon mehrfacher Papa, und das hört man auch, oh ja.

"In a Foreign Town" (1988) ist dann wieder eine stark gewöhnungsbedürftige Platte und enthält musikalisch nicht wirklich Prickelndes. Unter den Songs gibt es aber einige, die mir doch sehr ans Herz gewachsen sind. "Invisible Ink" etwa handelt von der esoterischen Maschinerie, die im Menschen rumort, ohne daß er die Zaubertinte sichtbar machen könnte. (Vielleicht sind die Instruktionen ja mit Zitronensaft geschrieben? Dann muß man sie über eine Kerze halten, das weiß ich vom Fähnlein Fieselschweif...) "Auto" verwendet wieder das Bild des gebeutelten Autofahrers, der, um "back in the motor" zu kommen, sein Heil im Straßenverkehr, dem bösen, sucht, und das ist, wie wir alle wissen, nur der richtige Weg von A nach B, nicht A bis Z... Sehr autosuggestiv. "The Play´s the Thing" formuliert Hammills Liebe für Shakespeare und seine "mortal coils", was aber ohnehin zu vermuten war. Mein Lieblingsstück ist "Smile", in dem es um das gefrorene Lächeln geht, das den Motor der Zivilisation schmiert. Und wer ist der Ko-Komponist? Herbert Grönemeyer. (Huch?) Insgesamt spielt Hammill nach wie vor beherzt mit schlauen Metaphern, aber man merkt ihm auch irgendwie an, daß er Tiefempfundenes nach außen tragen möchte und nicht so recht den Schlüssel dafür hat. Das Album wirkt weniger zufrieden und zufriedenstellend als andere Sachen von ihm.

Einen deutlichen Schritt aufwärts stellte aber "Out of Water" (1990) dar, das zur Gänze aus gelungenen Liedern besteht, die sehr bescheiden daherkommen, aber voller schöner Einfälle stecken. Am tollsten finde ich das Schlußstück, "A Way Out", dessen Text fast vollständig aus Redewendungen mit der Präposition "out" besteht, die sinnreich aneinandergereiht werden. Rein geht es hingegen beim Eingangsstück "Evidently Goldfish", das den Zusammenhang von Oberfläche und Untergrundgegrummel beleuchtet: Die Menschen sind Goldfische, die in einem Glas kreisen, der "mental sphere", ohne sich zu fragen, was sich hinter dem schönen Spaß verbirgt. Es gibt auch intimere Songs, wie das stimmungsvolle "Something About Ysabel´s Dance", das von einer spanischen Tänzerin handelt, die sich in den Fußstapfen ihrer Mutter vor fetten Touristen produziert und Lokalkolorit erschafft, der so echt ist wie ein Dackel mit Schnabel.

Daß Hammill eine gewisse Vorliebe für die Schauerromantik hat, merkte man nicht nur bei Van der Graaf Generator. "The Fall of the House of Usher" (1991) nun verarbeitete diese grundsätzliche Sympathie zu einer Bearbeitung der berühmten Poe-Geschichte im Gewand des mir tödlich verhaßten Genres der Rockoper! Aber Überraschung, das Resultat hat mir dann doch gefallen, was nicht nur am hervorragenden Libretto von Chris Smith liegt, das in der Tat sehr werkgetreu an der Originalgeschichte haftet und nur herausarbeitet, was irgendwie bei Poe bereits vorhanden war, sondern auch daran, daß Hammill keinen orchestralen Kitsch auffährt, sondern eine sparsame Instrumentierung (fast ausschließlich synthetisch) verwendet. Für die, die die Geschichte nicht kennen: Es geht um den einsamen Roderick Usher, der zusammen mit seiner geliebten Schwester Madeleine im abgelegenen Familienanwesen haust. Wie es scheint, sind beide von einer fürchterlichen Erbkrankheit befallen, die eine hochgradige Übersensibilität erzeugt hat, die Madeleine jetzt an die Schwelle zum Tod gebracht hat. Ein Jugendfreund, Montresor, kommt zu Besuch und sieht das Verhängnis, ohne aber etwas dagegen unternehmen zu können. Roderick hat sich seinem Schicksal völlig ausgeliefert, und als seine Schwester stirbt, stellt sich heraus, daß er sie lebendig in die Gruft gelegt hat, völlig im Bewußtsein der unentrinnbaren Bestimmung. Der Schuppen fackelt ab, woll! Der Subtext der Geschichte - daß Roderick nicht in der Lage ist, sich von seinen Ursprüngen (der Familie, repräsentiert durch das Haus) zu lösen und stattdessen in endloser autistischer Introspektion versunken ist, die von ihm manisch ausagiert wird - wird vom Libretto perfekt eingefangen, ohne dabei zu konkret oder überdeutlich zu werden, die Schönheit der Erzählung beibehaltend. Hammill selbst hat sich hier eine interessante Doppelrolle gegeben: Er ist nicht nur der vom vermeintlichen Schicksal besessene Roderick, sondern auch das Haus, das ewig in Roderick rumort und zu ihm spricht. Hier wird sehr hübsch deutlich, daß Hammill natürlich von exakt derselben Thematik fasziniert ist, die sich durch sein gesamtes Werk zieht, gleichzeitig aber klarmacht, daß es eine morbide Krankheit ist, kein unentrinnbares Geschick. Seine Sängerkollegen, die ihn unterstützen, sind u.a. Andy Bell (von Erasure), Lene Lovich und erneut Herbert Grönemeyer. Diese Bombenplatte ist mittlerweile in leicht veränderter Fassung neu auf CD herausgekommen, wenngleich ich leider nicht weiß, in welcher Form...

Eine richtig runde Sache war dann "Fireships" von 1992, eine der ruhigsten Hammill-Platten bis zu diesem Zeitpunkt. Er schien sich recht wohl zu fühlen damals, hatte vielleicht sein eigenes "circular experience" gefunden, in dem das Kreisen richtig Spaß machte. Die Stücke sind kritisch, aber nicht unversöhnlich, und enden mit dem die gesamte Schöpfung umarmenden "Gaia". Die Texte sind weniger offen philosophisch als sonst und erzählen kleine Geschichten wie die vom Pärchen Tommy und Sylvia, die, nachdem sie lange Jahre nebeneinanderher existiert haben und immer nach neuen Kicks fahnden, schließlich aber am Punkt anlangen, an dem es nichts mehr zu erleben gibt - "Curtains" halt. "I Will Find You" ist ein romantischer Song, bei dem selbst die gestählteste Zynikerin zerfließen wird. "Given Time" ist wieder so ein Wortspiel - geschenkte Zeit (von wem?) bzw. vorausgesetzt, daß da Zeit ist. Eine Wohlfühlplatte, in jeder Hinsicht.

Auf "The Noise" (1993) zeigt Hammill dann, daß er das Krakeelen nicht verlernt hat - man hatte sich ja schon gesorgt! Der lebendige Krach platzt aus ihm heraus und offeriert sehr knallige, fast schon fröhliche Songs, wie z.B. das satirische "Celebrity Kissing" oder "Like a Shot, the Entertainer", die allerdings mit dem wieder sehr morbiden "Primo on the Parapet" und seinem wuchtigen Finale enden. Am feinsten finde ich hier aber das Titelstück, das das einzige ist, das ein klein wenig nach Van der Graaf klingt und in dem Hammill wohl schon sein herannahendes Alter verarbeitet.

Es hat lange gedauert, bis ich mir "Offensichtlich Goldfisch" (1993) besorgte, denn die Aussicht eines deutschsprachigen Hammill-Albums erinnerte mich fatal an ähnliche Erfahrungen mit anderen gestandenen Musikern. Ich will jetzt mal nicht die Beatles Revival Band bemühen (oder gar die Creedence Clearwater Revival Revival Band, wuhaha!), aber auch bei Peter Gabriel (auf dessen 1978er Platte Hammill übrigens mitsingt!) hat die Eindeutschung für mein Empfinden nicht so recht hingehauen. Daß nun ausgerechnet Heinz Rudolf Kunze diese besorgt hat, war ein Alarmzeichen, da mich mit diesem Musiker nicht gerade inbrünstige Liebe verband... Trotzdem muß ich neidlos zugestehen, daß er Hammills Texte genial übersetzt hat, und das, obwohl das alles andere als leicht gewesen sein muß. Zeilen wie "Kirche logischer Bedachtsamkeiten/ Zufallsschattenspiel im Schummerlicht/ Halbgebildetsein ist anzuraten/ Zuviel Verstehen, und der Mensch zerbricht..." sind ziiiemlich gut. Hammills Deutsch ist weitgehend okay, aber ich favorisiere trotz der exzellenten Arbeit von Kunze doch die Originale. Das Erlebnis, die Texte mal in Übersetzung zu hören, ist sehr interessant, aber wenn man die Songs schon auf Englisch gehört hat, verbindet man sie doch sehr damit. Trotzdem: Überraschend gelungen.

"The Roaring Forties" (1994) war tatsächlich die erste Hammill-Platte, die ich "live" mitbekommen habe. Dödel hatte mich damals schon initiiert, und ich war kopfüber in den Van-der-Graaf-Ozean eingetaucht. Während mich viele der neueren Platten befremdeten, war ich von "Roaring Forties" vollauf begeistert, die wohl auch die insgesamt beste Platte seit langer Zeit darstellte. (Ausgenommen vielleicht "House of Usher", aber die steht sowieso etwas abseits.) Hammill blickt, nunmehr scharf auf die 40 zusteuernd, auf sein Leben zurück, und dieser Akt der Retrospektive steht auch sehr im Mittelpunkt des zentralen Werks, "A Headlong Stretch", das keine finalen Lebensweisheiten formuliert, sondern eher auszudrücken scheint, daß der Weg das Ziel ist, daß jeder Versuch, einem Sinn nachzujagen, letztlich immer wieder zum Anfang zurückkehrt. Hammill wundert sich über seine eigenen Irrfahrten, tut dies erneut aber durchaus zufrieden und in sich ruhend. Das Schiff, das er auf dieser Platte segelt, kehrt immer wieder zum Heimathafen zurück, und wenn man sich damit einmal abgefunden hat, so kann man in der Tat die Beine ausstrecken und ausspannen. Von einer solchen existentiellen Ausgeglichenheit ist die Platte, aber sie bindet durchaus auch schmissige Rocksongs mit ein, u.a. "Sharply Unclear" oder "The Gift of Fire (Talk Turkey)", welches nicht von sprechenden Truthähnen handelt.

Die nach "The Roaring Forties" produzierten Platten waren alle intime, auf dem eigenen Plattenlabel "Sofa Sound" hergestellte Sachen, in die ich mich noch nicht so intensiv eingehört habe, daß ich darüber viel verlautbaren möchte. Am interessantesten finde ich davon die relativ neue "This" (1999), wobei auch "X My Heart" (1996) und "Everyone You Hold" (1997) ihre Meriten haben und nach wie vor gehaltvolle und vertrackte Texte mit nicht unkompliziert vor sich hin werkelnden Melodien verbinden, in denen auch Freunde wie Jackson, Evans und Banton gelegentlich vorbeischauen... Die ganz neue, "None of the Above" (2000), habe ich ja gerade erst bekommen, also immer langsam!

Von den ansonsten so erschienenen Angelegenheiten würde ich mit dem größten Nachdruck die bereits erwähnte CD mit Material aus den "Peel Sessions" empfehlen, die ein vollkommener Kracher ist. Zu den besten Live-CDs gehört "Room Temperature", wo Hammill zu Begleitung von Bass und Violine klampft, klimpert und schreit, sowie die gerade erschienene "Typical", die einen schönen Eindruck von seinen Live-Solo-Performances vermittelt. Das gilt auch für das Live-Video "In the Passionskirche", das in the Jahr 1992 aufgenommen wurde und sehr feine Konzertausschnitte mit Interviewschnipseln verbindet.

Wer Weiterführendes zu diesem exzentrischen und von mir heißgeliebten Künstler erfahren möchte, der begebe sich schnurstracks auf die Webpage von "Sofa Sound", auf der man u.a. sämtliche Texte findet. Außerdem hat Hammill gerade damit angefangen, ausführliche Kommentare zu den einzelnen Alben zu verfassen, die er nach und nach hineinstellen will. Die Seite wird auch immer wieder brav von ihm aktualisiert.

Ob die Reise nun nach innen führt, in die Vergangenheit oder in die Zukunft - wenn man Peter Hammill am Steuer hat, kommt man vielleicht nicht am Ziel an, aber man hat mehr von der Fahrt!

   Sofa Sound (Click!)                       Innencover von "Pawn Hearts"

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