DER
GURKENDOKTOR (1974)
Ein
wirklich ganz selten aufgeführter deutscher Grusler ist der immens
blutrünstige DER GURKENDOKTOR (1974) des gebürtigen Italieners Pippo
Fontanello. Abgesehen von einer auf einem jener berüchtigten
Kleinstlabels erfolgten Videoveröffentlichung hat es seit der
Erstauswertung des Films kaum jemals wieder eine Möglichkeit gegeben,
dieses Werk zu sichten und seine unbestreitbaren Vorzüge zu genießen.
Es geht um einen geheimnisvollen Mediziner namens Dr. Zumpen, der
während der Weimarer Republik widernatürliche Experimente durchführt,
die das Geheimnis der ewigen Jugend entschlüsseln sollen. Wegen seiner
unförmigen Nase verlacht und von der grausamen Dorfjugend mit dem
Spitznamen “Der Gurkendoktor” belegt, durchstreift er nächtens die
Straßen einer nahegelegenen Großstadtmetropole (Hamburg?), um weibliche
“Versuchskaninchen” aufzutun. Die Kriminalpolizei ist ratlos, denn Dr.
Zumpen führt die Beamten immer wieder in die Irre. So wird zunächst ein
buckliger Landstreicher für das Verschwinden der Frauen verantwortlich
gemacht, und Dummheit und Dünkel führen den Lumpenproletarier auf das
Schafott. Eine Komplikation ergibt sich, als Dr. Zumpen sich in das
Mädchen Rosemarie verliebt, die auf seinen Sohn Johann aufpaßt. (Dieser
ist zwar bereits 30, aber dumm wie Brot, da das Produkt einer
inzestuösen Verbindung.) Um ein Haar offenbart er der jungen Frau seine
Ambitionen, kann im letzten Moment aber noch an sich halten. Er
schlachtet sie mit einer Schlagbohrmaschine brutal ab. Das ruft Johann
auf den Plan, der Rosemarie geliebt hat wie eine Mutter: Er stellt
seinen herzlosen Vater im Turmzimmer und will ihn aus dem Fenster
werfen. Durch einen überaus dummen Zufall stolpert er aber und spießt
sich selbst auf einer Helebarde auf. Vom Kummer kurzfristig in den
Wahnsinn getrieben, stürzt sich Dr. Zumpen aus dem Fenster, aber ein
Großmütterlein bremst seinen Fall. Ihren geschundenen Knochen entnimmt
Dr. Zumpen, daß seine Arbeit weitergehen muß. Der zweite Teil des
Filmes spielt dann in einer anderen Großstadt (Berlin?), wo Dr. Zumpen
als türkischer Arzt namens Dr. Nepmuz eine Praxis eröffnet. Werden
seine Experimente vom Erfolg gekrönt sein oder wird die Polizei den
Schurken seiner gerechten Strafe zuführen können? Daß die Beantwortung
dieser Frage den Zuschauer wirklich interessiert, liegt nicht zuletzt
an der meisterhaften Beherrschung der Klaviatur des Schreckens, die
Fontanello mit diesem vergessenen Klassiker beweist. Vom Prolog bis zum
grauenerregenden Finale erzeugt Fontanello einen Spannungsbogen, dessen
vibrierende Intensität in der Geschichte des Horrorkinos ihresgleichen
sucht. Die peitschenden Verfolgungsszenen durch das alte Hamburg, die
den Anfangsteil beherrschen, werden kontrapunktiert von trügerisch
süßlichen Szenen, in denen Dr. Zumpen sich rührend um seinen Johann
kümmert. Auch hier bricht aber die psychotische Ader des Mediziners
durch. So hackt er seinem Filius etwa in einer Szene den Daumen ab,
weil jener an ihm genuckelt hat. Trotzdem wird klar, daß er im Grunde
seines Herzens eine sensible Natur und ein Philantrop ist, der im Wahn
handelt, dem Wohle der Menschen zu dienen. Er träumt davon, eine Kur
für seinen Sohn zu finden, damit dieser seine Forschungen eines Tages
fortführen könne. Dafür ist ihm jedes Mittel recht, und im Keller
stapeln sich die Leiber der gemordeten Jungfrauen. Die Explizitheit der
Tötungsakte ist, gemessen an der Entstehungszeit des Filmes,
erstaunlich drastisch: Zum Instrumentarium des Gurkendoktors gehören
Sensen, Heckenscheren und Kettensägen. (Ein Zitat?) Eines der Opfer
wird erbarmungslos durch die Moulinette gejagt. In der Rolle des
zwiespältigen Mediziners brilliert der fast unbekannte Roland
Aardquark, der zuvor nur durch eine Nebenrolle in Volker Schlöndorffs
MICHAEL KOHLHAAS – DER REBELL auffiel, wo er den hermaphroditischen
Marketender spielte. Seine Rolle als Dr. Zumpen versieht er mit Andacht
und Pathos, stets an der Grenze zum Chargieren. Besonders gelungen
jener Moment, in dem er den Hausmeister mit einem steifen Dorsch
erschlägt und dabei weinend ausruft: “Der Fisch ist frei, doch wem
frommt die Andacht, wenn der Schnitter mit der Gerte winkt?” Schade,
daß Aardquark sich danach aus dem Filmgeschäft zurückzog. (Mittlerweile
besitzt er eine Herrenboutique in Wuppertal.) Fontanello verbitterte
der kommerzielle Mißerfolg des Filmes zutiefst, und er drehte von da ab
nur noch Pornos mit sehr häßlichen Menschen. DER GURKENDOKTOR war
seiner Zeit in der Tat voraus, und wer die steinalte Videokassette
besitzt (war das “Greenwood”?), der darf sich glücklich schätzen.
(Allerdings sind da nicht die Hardcore-Sexszenen drin, die Dr. Zumpen
beim Geschlechtsverkehr mit Rosemarie, Johann, allen Opfern und zwei
Dobermannrüden zeigen.) Der Gurkendoktor lebe hoch!
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