GUMMIPROLL SASCHA UND DER FALL DER GEPINSELTEN BÜRGEN

Wie das zu dem Fall mit den gepinselten Bürgen eigentlich kam, wußte Gummiproll Sascha später nicht mehr so recht zu sagen. Vielleicht war es Schicksal, vielleicht auch nur schnöder Zufall, der ihm die ungeheuer gutaussehende Schöffin vor die Füße spülte, die gerade kühnen Schrittes aus dem Verwaltungsgericht herausstapfte und eine Ameise zertrat. Kein Windhauch regte sich, doch der Regen floß in Strömen.

Sascha lüftete seinen Gumminerz aus Kasachstan, den er von einer vorangegangenen Odyssee hatte mitgehen heißen. Wie immer hatten sich einige giftgrün schillernde Taubatzen daran festgesogen, die er mit einem trockenen Handkantenschlag in ihre Schranken wies. Eine Ahnung beschlich ihn, daß er die blonde Schöffin lieben lernen würde. Oder war es schon so weit? Noch wußte er keine Antwort darauf. Er mußte sie kennenlernen, und er ging nach Plan B vor.

Zuerst schwieg er sie an. Sie schaute auf ihren Falkplan und war somit für den Bruchteil einer Minute abgelenkt von seinem gleichwohl intensiven wie drängenden Starren. Seine Pelzmütze verriet ihn, die mit einem nassen Platschen in den Dorfweiher fiel. Verdammt, ich habe meine Contenance verloren, schoß ihm durch den Kopf wie ein Gedanke. Doch bevor er sich´s versah, hatte er die Mütze aus dem Mölm geangelt und mit einer gewieften Bewegung im Abseits seiner Hosenschöße verschwinden lassen. Ja, da hatten sich die Stunden im Sportstudio doch einmal wirklich bezahlt gemacht!

Die Schöffin blickte ihn nun aus lämmergrauen Augen an und musterte ihn pikiert. Ihre Stola wippte fordernd im Abendrot. Jetzt war der Moment zur Handlung gekommen. Doch bevor Gummiproll Sascha einen Mucks tun konnte, schrie irgendwo ein Ozelot. Oder vielleicht schrie auch nur ein Zelot, und zwar: "Oh!" Das konnte man nun schon durcheinanderbringen. Gleichwohl, der Augenblick war verkorkst. Bevor das Schicksal sie jedoch endgültig entzweien konnte, legte sie ihm ihre Hand auf die Schulter und sagte: "Sagen Sie, sind Sie nicht mein Bruder?"

Für einen Moment war Sascha unfähig, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen. Ihm fuhr sein ganzes Leben mit der Wucht einer Dampframme durch den Kopf. Das Resultat war ein matschiger Brei, der in seinen Lenden waberte wie ranzig gewordenes Ektoplasma. Ein Speichelfaden floß ihm aus dem Winkel.

"Ich heiße Sascha, und wie heißt du?" entrang er mit letzter Kraft seinen mumifizierten Lippen. Die Schöffin zog ihren Arm zurück, schürzte ihre beträchtliche Nase und zog es vor, das Weite zu suchen. Verdammt, wieder nichts, dachte Sascha.

Neben ihm platschte ein toter Ozelot in den Teich, und zwar genau dort, wo eben noch seine Pelzmütze gewesen war. Diese findige Ironie der Zeitenläufte konnte in Saschas gegeißeltem Verstand aber nicht Gestalt annehmen und zerfloß im Nu zu gar nichts. Tiefe Depression ob seiner jüngst errungenen Unabhängigkeit machte sich in ihm breit. Das Hinweisschild - "Bitte die Enten nicht füttern!" - schien ihm eine Paraphrase auf seine eigene zerklüftete Existenz. Kieloben sah er sich in der Lagune treiben, und es war nicht die blaue. Es machte Knips in seinem Schädel, und ihm wurde klar, daß dies eine gezielte Provokation war. Er würde auf den trüben Schwindel nicht eingehen. Jetzt erst recht!

In festem Galopp rettete er sich ans rettende Ufer. Er hatte gar nicht gemerkt, daß er in seinem Sinnieren bis zu den Knien ins Wasser gewatet war. Glücklicherweise trug er auch heute wieder seine schöne Gummihose, die ihn vor dem Ärgsten bewahrte. Leider trat er auf einen verendenden Seeigel, dessen vom Landleben abgehärtete Stacheln durch seine Stiefeletten drangen wie nichts. Der Sturm in seinen Lenden verebbte abrupt, und durch das Knacksen des unglücklichen Seeigels hindurch hörte er, wie anderswo die Reifen quietschten - die Schöffin wurde gerade von den Pneus eines riesenhaften Mercedes zermahlen.

Als er am Tatort eintraf, war nur noch Moos über. Eine Träne troff von seinem Auge und fiel in den Schnee, der mittlerweile die Gerechten wie die Ungerechten bedeckte. Das war also der immerwährende Plan des Schöpfers, und als sein Gehirn wieder schwieg, trottete er ergeben zur Kneipe am Eck. Es war das Kaisereck, und es hatte geöffnet Tag und Nacht. In munterer Runde antizipierte er den Rausch der Nacht, der dann auch prompt eintrat. Ab hier herrschte Sendepause.

Am nächsten Morgen erwachte er in einem Iglu, den die Müllmänner um ihn herum gebaut hatten, mit ihren Tonnen. Es gab doch noch Menschlichkeit auf der Welt! Diese Erkenntnis stimmte ihn froh, und solchermaßen gestählt für einen weiteren Tag stolzierte er aufs Parkdeck, über das er am schnellsten den Marktplatz erreichte, wo er eine Weile auf einer Parkbank versunken die Enten mustern wollte, die nach dem See suchten.

"Habe ich eigentlich den Salat in den Kühlschrank gestellt?" Diese ewige Frage war es, die er nicht nur dachte, sondern in käsigem Gemurmel seiner Umwelt mitteilte. Diese nahm davon Notiz in Gestalt einer alten Papiertütenfrau, die lallend hinter einer Buche hervorlugte. Langsam schälte sich eine Welt vor dem inneren Auge von Gummiproll Sascha hervor, die angefüllt war mit eitel Spielwerk für den Lebensfrohen. Es war eine Welt, wie sie für jeden von uns vor dem Auge ausgebreitet daliegt, so daß man sie einfach mitnehmen kann. Ihm war nun klar, daß alles ein hinterletzter Teil war von einer gigantischen Maschine, die unerbittlich vor sich hinstampfte im Rhythmus einer Kanonade des Lebens und des Lebenlassens. Wo war der nächste Zug, auf den er aufspringen konnte? Sein rastloser Verstand zwang ihn zu neuen Heldentaten.

Ein zufällig vorbeistraddelnder Maronenmann, der statt eines stattlichen Gefährts nur einen Bauchladen zu seinen irdischen Besitztümern rechnen konnte, wurde sein erstes Opfer. Sascha stürzte sich auf ihn und quoddelte ihn nach Strich und Faden zu. Der Maronenmann war erst seit kurzem in der Heimat und verstand glücklicherweise kein Wort. Da war es wieder, dieses unsägliche Gefühl, nicht verstanden zu werden, das Saschas Tage und Nächte entschieden nicht versüßte und ihn immer weiter wie einen Zaunpfahl in den steinigen Boden hineintrieb. Nach einer Weile ungehemmten Quoddelns zeigte ihm der Maronenmann den Vogel, und Sascha wußte nicht, wie ihm geschah.

Was für ein Glück, daß jetzt ein Zufall von einigen Gnaden in den Alltag des Marktplatzes eindrang: Eine Windböe ließ die Grundfesten des Rathauses erzittern und legte den Fahnenmast schlafen, der für gewöhnlich im Einerlei des städtischen Verkehrs vor sich hinzitterte. Da war kaum einer, der sich nicht freute, daß das modrige Gebälk endlich Geschichte war und keinen mehr mit seiner allgegenwärtigen Impertinenz verhöhnte. Die Rauchschwalbe, die auf ihm gesessen hatte, hatte einen gekonnten Blitzstart hingelegt, und so war keinem ein Schade davon.

Dumm nur, daß im selben Moment von derselben Windböe ein Koalabär, der erst vor kurzem in das Land gekommen war und im städtischen Zoo die Besucher ansog wie der Honig die Bienen, eine schwere Lungenentzündung verpaßt bekam, die ihn auf Wochen flachlegte und schließlich sein klägliches Leben aushauchen ließ. Der Wärter, zu dessen Obliegenschaften es gehörte, sich um die Würmer für den Koala zu sorgen und sein leibliches Wohl sicherzustellen, nahm sich das zu Herzen und wurde nie wieder derselbe. Die Gattin des Zoowärters, deren fleischlichen Bedürfnissen nie wieder mehr in der adäquaten Form entsprochen wurden, legte sich einen Geliebten zu, der sie mit Aids infizierte. Hier schließt sich der Kreis.

Sascha wußte von all den Verkettungen gar nichts und setzte seinen Weg ungerührt fort durch das Dickicht der Stadt. Ihm war klar: Er mußte ins Kino! Er nahm sich ein Taxi, mit dem er sein letztes Geld durchbrachte, und fuhr zum Roxy-Palast. Dort lief ein Film. Feinerweise kannte er ja nun den Kassierer, der ihn mit einem herzhaften Klopfen auf die Schulter einfach so durchließ. Der Film handelte von einer Pinguinfrau, die zum Menschen wird und mit einem Mastkalb eine heftige Beziehung anfängt, die sie den Menschen ihrer Umgebung entfremdet. Die Pinguinfrau wurde von Meryl Streep gespielt; wer das Kalb war, wußte Sascha schon nicht mehr, als die Lichter wieder angingen. Es war ein Scheißfilm. Sehr langweilig, sehr schlecht produziert, und die Akteure chargierten zum Gottserbarmen. Die Musik war allerdings sehr gut, und auch die Bildführung hatte einige bunte Tupfen aufzuweisen. Eigentlich hatte Sascha der Film ganz gut gefallen. Er mußte das alles erst einmal überdenken, und betrank sich beim gegenüberliegenden Freßgriechen maßlos.

Als er hinausgeworfen wurde, wußte er nicht mehr, wie spät es war. Er versuchte, die Zeit von einigen Passanten zurückzubekommen, aber man zeigte ihm allenthalben mit Bedauern den leeren Arm.

Da fiel es Sascha siedend heiß ein: Er hatte noch einen Termin beim Zahnarzt. Doch bei welchem? Über Jahresfrist hinweg hatte er nicht gezaudert, eine Vielzahl von Dentisten zu beehren, die sein Konterfei schon kannten. Schließlich entschloß er sich für Dr. Friedmann, der eine nette Fassade hatte und in einem schattigen Viertel wohnte, wo die Sonne keine Chance hatte. Er trieb seine Fersen dem Anwesen des Mediziners entgegen. Als er schließlich davor stand, verweilte er kurz im Schatten einer sanft wedelnden Ulme. Dann raffte er all seinen Mut zusammen und ging hinein.

Drinnen musterte ihn die Sprechstundenhilfe grimmig. Mit einem triumphierenden Augenaufschlag zückte Sascha seine Krankenkassenkarte und ließ sie geräuschvoll auf den Tresen knallen. Die Angestellte war beeindruckt. Mit flinken Fingern buchte sie ihn ein, und ab ging es in den Warteraum, wo Sascha erst einmal den Wasserspender umlief, was aber niemanden störte, denn er stand da nur so.

Dann war die Reihe an ihm. Er trollte sich geduckten Blickes in den Behandlungssaal, der größer war, als der ganze Rest der Praxis. Der Doktor kam rein, und ohne großes Federlesens trieb er ihm eine Spritze in die linke Backe. Ehe es sich Sascha versah, war der halbe Oberkiefer herausoperiert und ein Gebiß aus garantiert bißfestem Wolfram hineingestanzt. Er tackerte prüfend mit seinem neuen Zahnwerk und verließ dann munter pfeifend die Praxis.

Sein grollender Magen brachte ihn wieder ins Diesseits zurück. Hatte er eigentlich schon gegessen? Er hatte natürlich absolut nichts gegessen, und das schon seit drei Tagen! Jetzt ging es ab in seinem Magen, der ihn stürmisch darauf stieß, daß Essen herbeimußte, und das rasch! Mit schmerzenden Zähnen eilte er zurück in die Innenstadt, und in einer gemütlich aussehenden Konfiserie erstand er auf Kredit - mit seinen neuen Zähnen war das drin! - eine Stange Rettich. Mit dem abgerissenen Metallverschluß einer Coladose zerteilte er das Gemüse fachmännisch und sog es ein. Ha - das war das Leben!

Wann sonst als jetzt hätte ihm erneut die Schöffin über den Weg laufen können? Die aufreizend gekleidete Blondine, die sein Leben bedeutete, war nämlich mitnichten tot, sondern war in einer sechs Stunden dauernden Operation wieder zusammengeflickt worden. Jetzt suchte sie nach einem Handtuch für ihre greise Mutter, denn die hatte Geburtstag. Ich greife hier ungern vorweg, aber es ist spät, und ich kann nicht mehr: Er bekommt sie wieder nicht, das Leben ist ungerecht.

Versäumen Sie nicht die Fortsetzung dieser aufregenden Geschichte: "Gummiproll Sascha und die Hodensonde aus dem Jenseits". Da tauchen auch endlich die gepinselten Bürgen auf, ich verspreche es!

BACK