DIE  SAGA
Geschichte eines Videolabels
Vor langer Zeit traf ich einmal unter einer Brücke einen alten Mann, der mir mit schnapsgeschwängertem Atem eine Geschichte eröffnete, der ich damals noch keinen Reiz abgewinnen konnte: Es ging um die Ursprünge des sagenumwobenen "Greenwood"-Labels, auf dem in den Pioniertagen des Mediums so viele bemerkenswerte Filme erschienen sind. Heute, wo dem Label ein gewisser Kultstatus anhaftet, möchte ich mein jahrelanges Schweigen brechen und die Geschichte weitertragen, auf daß noch die Enkel und Urenkel mit heiserem Wispern von der Familie Greenwood und ihrem Videolabel berichten...

Das Adelsgeschlecht derer von Grunewald läßt sich bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückverfolgen, als ein gewisser Adalbert von Grunewald auf sich aufmerksam machte. In seiner Eigenschaft als Heerführer bewies er wiederholt Heldenmut und eroberte diverse Randprovinzen von Byzanz, wofür ihn König Julius II. zum Markgraf machte. Zu Adalberts Liegenschaften gehörte auch ein sehr beschauliches Bistum, das aber leider im dreißigjährigen Krieg dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf seinen Ruinen entstand der Berliner Stadtteil Grunewald. (Gerüchten zufolge war auch der bedeutende Künstler Mathias Grunewald ein Familiensproß, aber das habe ich bei meinen Nachforschungen nicht zweifelsfrei feststellen können.)

Das 17. Jahrhundert war auch ansonsten eines der großen Veränderungen für die adelige Familie. Umstände zwangen nämlich den damaligen Patriarchen, Ludwig von Grunewald, dazu, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Über seine Motive herrscht unter den Historikern erneut Uneinigkeit, wenngleich die romantischste Geschichte von der Verbandelung mit einer reichen Kaufmannstochter berichtet, deren Vater seinen Einfluß am Königshofe geltend machte und so die Landflucht Ludwigs bewirkte. Zusammen mit seiner Familie bezog er ein Landgut in Sussex, und mit seinem immer noch beträchtlichen Reichtum erwarb er eine ansässige Faden- und Tuchspinnerei. Sein Sohn, Christian von Grunewald, war es dann, der dem Lockruf der "Neuen Welt" folgte und den Familienbesitz nach Amerika verlegte. Dort führte er die Dependance der Familienfabrik zu Reichtum und Erfolg. Überliefert ist die große Liebe Christians zur Kunst, die ihn mit zahlreichen Künstlern und Intellektuellen der Zeit zusammenführte. So soll der junge Immanuel Kant auf seiner Amerikareise mehrere Wochen auf dem Gut der Grunewalds (die sich mittlerweile den anglophileren Namen Greenwood zugelegt hatten) verbracht haben. In einem Briefwechsel zwischen dem nunmehrigen Lord Greenwood und einem hochrangigen Politiker der Regierung, der die Zeitläufte überdauert hat, macht sich der Schreiber wiederholt über die Tatsache lustig, daß Kant mit seinem Namen in den Staaten auf einige Schwierigkeiten stieß, war sein Name doch das phonetische Äquivalent zu dem derben Wort für das primäre weibliche Geschlechtsteil. Für die solchermaßen praktizierte Aufklärung gab es wiederholt voll einen auf die Glocke!

Die Familie lebte über Generationen hinweg in Saus und auch in Braus. Den Unabhängigkeitskrieg saßen sie auf der linken Backe ab. Tatsächlich sollte erst der Wall Street Crash von 1927 der Familiengeschichte einen erneuten, dramatischen Einschnitt bescheren. Zu dieser Zeit hatte sich die Tuchfabrik zu einem der größten Textilwarenerzeuger der Vereinigten Staaten entwickelt. Dem Familienkonzern waren auch verschiedene Verlagshäuser angegliedert, die ihr Papier von den Greenwood-Sägewerken im Norden Maines bezogen. Eine unheilige Verflechtung des alten Ebenezer Greenwood mit sozialistischen Ideen und entsprechende Kontakte führten jedoch dazu, daß die Familie weniger und weniger wohlgelitten war. Böswillige Intrigen und Verleumdungen taten ihr übriges dazu, daß der mittlerweile steinalte Ebenezer sein Imperium versilberte und noch während des zweiten Weltkrieges nach Deutschland zurückkehrte. Diese ideologisch gewiß unglückliche Aktion (die die Familie auch später im Kreuzfeuer der Kritik hielt) war ganz und gar nicht von Sympathie für die Diktatur geprägt, die zu jener Zeit herrschte. Tatsächlich war auch Ebenezer Greenwood eine ausgesprochene Persona Non Grata im Nazi-Deutschland, und da er zwar über einen gewissen Einfluß, aber auch über eine direkte und undiplomatische Art verfügte, wäre es sicherlich bald zu einer dramatischen Kollision mit den Führerschergen gekommen. Das Kriegsende kam dem jedoch zuvor, und nach dem Krieg taten Ebenezer und nach seinem Tod der älteste Sohn, Gustav, alles dafür, die neue Regierung beim Wiederaufbau des Landes zu unterstützen. Ein großer Teil des Familienerbes wanderte tatsächlich in gemeinnützige Aktionen, etwa einem Mutterkreuz-Verschrottungsfonds, mit dessen Erlös Wohlfahrtsinstitute in ganz Bayern gegründet wurden.

In der Adenauer-Ära erlebten Gustav und seine Frau Irmgard (die er in Benediktbeuren bei einer Dorfkirchweih getroffen hatte) ihr blaues Wunder: Bergab ging es mit dem einstigen Imperium. Wenn Gustav auch nach Aussagen seiner noch lebenden Kinder und diverser Zeitzeugen ein sehr menschenfreundliches Gemüt besaß und sein karitatives Engagement sprichwörtlich war, so war sein Geschäftssinn doch sehr begrenzt. Durch windige Spekulationen (in die er von schlechten Ratgebern und falschen Freunden hineingetrieben worden war) reduzierte er das Vermögen der Greenwoods um 95 Prozent, und als er schließlich auf dem Sterbebett lag, war es lediglich ein fünfstelliger Betrag, den er seinen Kindern Peter, Joachim und Liselotte vermachen konnte. Auf die Hilfe von Freunden hofften sie leider vergebens. Die Welt, der die Grunewalds zeitlebens so viel gegeben hatten, hatte sie vergessen.

Die Kinder versuchten nun, aus der Not eine Tugend zu machen und erlitten Schiffbruch mit einer Bäckerei, die es zwar auf um die 80 Filialen in ganz Niederbayern brachte, aber die Brötchen, die dort gebacken wurden, waren doch zu klein, als daß sie der Familie einen angemessenen Lebensstandard hätten gewährleisten können. Ende der siebziger Jahre, als das Medium Video mehr und mehr in heimische Haushalte wanderte, hatte Peter jedoch die vorzügliche Idee, auf den Videomarkt zu setzen. Das Label "Greenwood" war geboren!

Ein knappes Jahrzehnt lang versorgte die Familie die Videokundschaft mit Kostbarkeiten aus Italien und den USA, und auch so manchem Heimatfilm war es beschieden, mit dem grünen Greenwood-Logo in die Videotheken zu kommen. Dabei wurden die Greenwoods in kommerzieller Hinsicht erneut ausgesprochen schlecht beraten und veröffentlichten eine Vielzahl von groben Schmockern, die nicht nur bei der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" auf Unverständnis stießen. Doch wie so häufig war es auch hier der lange Atem der Menschheitsgeschichte, der den Visionären letztlich recht gab: Auf Börsen bezahlt man sich für die Kleinodien Höchstpreise, und es sind viele Sammler, die die Filme (die häufig in zwei oder drei verschiedenen Covern herausgekommen sind) in jeder verfügbaren Fassung im Regal stehen haben müssen.

Auch ich bin Greenwood-Sammler! An langen Winterabenden greife ich mir eine der geliebten Kassetten (die meine polnische Putzfrau jede Woche einzeln auf Hochglanz polieren muß!) und fahre mit dem Finger über die glatte Oberfläche. Es ist eine Oberfläche, die so viele Geschichten enthält. Es sind Geschichten von Glanz und Reichtum, aber es ist auch viel Unglück, das hier wohnt. Das Wohl und Wehe gleich mehrerer Staaten ist in den Plastikhüllen gefangen. Manchmal muß ich sogar ein wenig weinen. Aber dann reiße ich mich am Riemen, kloppe den "Todeskuß des Paten" in den Rekorder, sehe John Saxon und Lee J. Cobb, und ich weiß: Es war doch nicht umsonst...

Liselotte ist mit einem Winzer in Oberursel verheiratet. Peter führt einen bescheidenen, aber gutgehenden Gemischtwarenladen im Frankenthal. Und Joachim (der mir von allen am meisten ans Herz gewachsen ist) lebt als Lektor in Garmisch-Partenkirchen. Gelegentlich rufe ich die drei mal an, um mich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen. Mit Joachim habe ich schon verschiedene Neujahrsfeste in bayrischen Dorfkneipen verbracht. Und dann sitzen wir da und simpeln über lecker Bier, wie das alles so kommen kann, was da kommt.

Greenwood - ein Name, ein Label, eine Verpflichtung.

P.S.: Freunde von mir werden demnächst eine Internet-Seite hochziehen, die sich voll + ganz mit dem Label und seinen sämtlichen Erzeugnissen befaßt. Ich finde, daß das eine absolut geile Idee ist und werde Euch darüber auf dem Laufenden halten...

HIER ein Bericht von einem Greenwood-Fantreffen!

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