DAS GRAUEN KAM AUS DEM NABELDuccio Tessari, das sollte Stammlesern bekannt sein, ist einer meiner Favoriten im Pantheon des Italofirmaments. Er hat vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet, und die Tatsache, daß er in seiner letzten Phase einige Fernsehabscheulichkeiten von einigen Gnaden abgeliefert hat (BITTE LASST DIE BLUMEN LEBEN von Johannes Sebastian Simmel!), soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß er einer der großen Neuerer des italienischen Genrekinos war. Schließlich war er einer der Miterfinder des Italowestern, und es gibt wahrhaftig schlechtere Dinge, die man da erfinden kann...
Als er sich 1970 in den Giallo hineindrängelte, war Unorthodoxes zu erwarten, denn stürmisch war seine bisherige Karriere. Mit IL RITORNO DI RINGO (RINGO KEHRT ZURÜCK) verlagerte er die Odysseus-Legende ins Westernfeld. Sein I BASTARDI stellte einen Todesschlag für den auch nur im mindesten romantischen Gangsterfilm dar. Mit LA MORTE RISALE A IERI SERA (DAS GRAUEN KOMMT AUS DEM NEBEL, 1970) näherte er sich dem, was später das Polizeifilmgenre werden sollte: ein Rundblick in die Welt um uns herum, in der arbeitsame Menschen versuchen, den Wahnsinn aufzuschlüsseln.
Der Fabrikant Berzaghi begibt sich zu Kommissar Lamberti, denn seine Tochter ist vor einiger Zeit entführt worden. Donatella war keine normale junge Frau: Ihr Verstand ist schon früh stehengeblieben auf dem Niveau eines dreijährigen Kindes. Mit 25 Jahren erkundete sie die Männerwelt, indem sie ihren Rock hob und die Reize sprechen ließ. Der Geburtsfehler bewahrt sie nicht davor, in die Hände von gewissenlosen Verbrechern zu fallen. Vater Berzaghi ist verzweifelt. Lamberti kann ihm nur hartherzigen Bescheid zollen, daß wöchentlich viele Mädchen abhanden kommen und der Fahndungserfolg somit dem Zufall anheimgestellt ist. Trotzdem ist klar, daß Lamberti den Fall verfolgen wird, denn Verbrechen kotzt ihn an. Er möchte, wider alle Vernunft, dem Unvermeidlichen seinen eigenen Stempel aufdrücken.
Als erstes begibt sich Lamberti zu einem Edelzuhälter, Salvatore, der im Zivilleben Autos verkauft. Mit zarter Gewalt (ihm wird ein Kokspäckchen untergeschoben) wird Salvato´ dazu bewegt, die Polizisten durch das Labyrinth des mailändischen Bordellwesens hindurchzugeleiten. Mit Hilfe von einer schwarzen Prostituierten wird eine Verbindung zu einem weiteren Fabrikanten hergestellt, dem Lamberti seine gesammelte Verachtung ins Gesicht spucken kann.
Trotzdem wird Donatella irgendwann gefunden. Jemand hat sie lebendig in einem Heuballen angezündet. Als Berzaghi die Neuigkeit hört, bricht er zusammen und sein Verstand macht sich selbstständig. Durch einen Zufall (ein Müllkutscher hat den Teddybär seiner Tochter in seiner Nachbarschaft gefunden) kommt er auf die richtige Spur. Parallel zu den kriminalistischen Bemühungen Lambertis zieht Berzaghi die richtigen Schlüsse und kommt den Schuldigen auf die Spur. Daß er dies einen Moment vor den Polizisten tut, führt zu einer veritablen Katastrophe...
Als ich den Film von Tessari das erste Mal wiedererblickte, war ich verdutzt, wie dieser Feingeist unter Italiens Thrillermachern (der extrem elegante BLUTSPUR IM PARK) sich zu solch einer Sleazegraupe hat hinreißen lassen. Ein Film, in dem eine geistig Zurückgebliebene dabei gezeigt wird, wie sie sich von ihrem Vater den Büstenhalter wechseln läßt? Nachdem ich den Kasus erst einmal überschlafen hatte, kam mir aber zu Bewußtsein, daß der vorherrschende Eindruck ein trügerischer war, da Tessari eigentlich ein extrem feinnerviges Drama veranstaltet hat, das wirklich interessante Charaktere aufzubieten hat und nicht zuletzt durch die sehr zynische Synchro schwer gangbar gemacht wird.
Die Hauptfigur in LA MORTE ist Berzaghi, der Papa. Gespielt wird er von Raf Vallone, der einst seinen Ruhm in Giuseppe de Santis´ BITTERER REIS begann und hernach in die Welt trug, zuerst in den 50ern nach Frankreich und später in den 60ern nach Hollywood. Seine Vaterfigur ist, obwohl reich, von Anfang an gebrochen, da mit einem Knieleiden behaftet und somit auf einen Gehstock angewiesen. Obwohl seine Tochter geistig zurückgeblieben ist, liebt er sie über alles. Er ist ohne sie so einsam wie ein frommer Wunsch. Er hat nie gelernt, seine Gefühle nach außen zu tragen, aber er ist vollkommen abhängig von ihnen. Als er sich an den Kommissar wendet, ist seine Bitte keine Makulatur: Er braucht seine Tochter, denn die von ihm abhängige Person gehört zu seinem Leben - die einsamen Abendessen vernichten ihn.
Der Kommissar ist der wunderbare Amerikaner Frank Wolff, der in Roger-Corman-B-Pictures begann und mit Elia Kazans AMERICA AMERICA einen Höhepunkt seiner Karriere erlebte. In Italien war er ein gern gesehener Darsteller für kantige Charaktere mit "etwas extra". Hier besitzt er ein chronisches Stirnhöhlenleiden, das er niemals ganz auskurieren kann, da sein Beruf ihm dies verbietet. Er ist mit Leib und Seele Polizist, da seine Bestimmung ihm befiehlt, Ordnung in dieser Welt zu schaffen. Die intuitive Einsicht, daß er dies niemals erreichen wird, läßt ihn nicht verzweifeln, sondern macht ihn noch eiserner in seinem Kampf gegen seinen Feind, das Verbrechen. Mit seiner Lebensgefährtin, der wunderschönen Reporterin Eva Renzi, vollzieht er einen Alltagstrott, wie er desillusionierender kaum vorzustellen ist. Im selben Hippie-Batik-Look quält er sich durch die Abende, in denen er moralisch-ethische Grundfragen erörtert, die nie beantwortet werden können. Er weiß nur, daß er das machen muß, was er macht. In einer Szene ist er in ihrem Druckwerk und schaut sich die Fotos der Zeitung an, die sie repräsentiert. Ein Foto zeigt Charles Manson. Ein anderes einen Tötungsakt, den er quittiert mit den unendlich zynischen Worten: "Was für ein wundervolles Bild - so unschuldig und zart!" Nein, Hollywoodfilme werden anders gemacht...
Mit seinem Gehilfen Gabriele Tinti bohrt er sich in ein Mauerwerk, das durchsetzt ist von Kreaturen, denen der reine Marktwert des Menschen mehr bedeutet als die Menschen selber. Warum können diese Seelenverkäufer nicht so ehrlich sein und Werbungen im Fernsehen schalten? Ganz einfach - weil sie den Mechanismus früher durchschaut haben als die Polizei und ihren niedrigen Vorteil daraus ziehen. Was hier etwas bewirkt, ist das Spiel gegen die Regeln. Das weiß er schon, aber sein Berufsethos verbietet es ihm, die Konsequenz zu ziehen. Die Linie zwischen Bulle und Verbrecher wird hier einmal mehr sanft penetriert...
Es gibt so etwas wie ein humanistisches Intermezzo mit der depressiven Hure Beryl Cunningham, deren "Berufsethos" sie in die komplette Sackgasse getrieben hat und ihr den Suizid nahelegt. (Schließlich muß sie ihren "Beschützer" verraten.) Selbst Eva Renzi kümmert sich spürbar ehrlich um den Menschen hinter der Hure mit dem transparentenen Herzen. Wie wenig ehrlicher aber Kommissar Lamberti klarsieht in dem Geflecht aus weltlichem Überleben und hehren Idealen, er muß doch seinen schnurgeraden Weg einschlagen, der ihn selten weiter führt als zum nächsten Pathologiesaal und zum nächsten Tatort. Alle Menschen sind herzlich darum bemüht, zur Wahrheit zu gelangen, aber es führt eben immer nur zur nächsten Ecke.
In letzter Instanz ist es Berzaghi, der den Vorhang lüftet und den Qualm herausläßt. Daß das Herauslassen des Qualms auch seine persönliche Tragödie besiegelt, ist die konsequente Folge eines Drehbuchs (von Biagio Proietti), in dem es keine Gewinner gibt, nur Verlierer. Das Ende ist ein höchst deprimierendes, und die Gewalt, die sich am Schluß entlädt, erzählt uns nichts, außer, daß es jenseits der ewigen Moral nur die Moral der Menschen gibt, und die macht nicht immer jeden glücklich.
Achtet mal auf die Szene, in der Lamberti dem Luden Salvato´ erklärt, wie man ein Phantombild erstellt!
Zu erwähnen bleibt eigentlich nur noch, daß die beatige Musik von Gianni Ferrio auf LP erschienen ist und auf einigen "Easy Listening"-Samplern bereits Wiederauferstehung gefeiert hat. Die beiden Songs von Mina sind auf der LP, glaube ich, nur in Instrumentalversionen zu hören und sind somit direkt von der Tonspur abzuspeichern... Ein richtig zynischer Krimi, der nur wenige glücklich machen wird, außer jene, die einen sehr konsequenten italienischen Polizeifilm zu schätzen wissen. Wie Al Bundy es ausdrückte: "Es gibt viel zu packen, also tun wir es ihnen an!" Wohlsein.