GORDON MITCHELL

(1923 - 2003)

    
 

Vor etwa 10 Jahren wurde von einigen Zeitungsnulpen das böswillige Gerücht in Umlauf gebracht, der amerikanische Schauspieler Gordon Mitchell (bürgerlicher Name: Charles Pendleton) sei in die ewigen Jagdgründe hinübergeritten. Als ich mit ihm Kontakt aufnahm, stellte ich erleichtert fest, daß es sich hier nur um eine der zunftüblichen Enten gehandelt hatte: Gordon war höchst lebendig. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, daß er sich überdies als höchst kooperativ und liebenswert herausstellte. Wir quasselten eine ganze Zeit lang miteinander über Gott und die Welt, und alle Vorurteile, die ich mir im Laufe der Jahre hinsichtlich der Neurosen und Künstlichkeiten der Künstlerklientel herangebildet hatte, zerbliesen wie Präriestaub in der Sonne - Gordon war ein Schatz von einem Mann! Die Distanz schaffende Vorsicht, die so vielen Prominenten (und vor allen Dingen Semi-Prominenten!) zu eigen ist, ging diesem Herrn vollständig ab. Er war ein sehr freundlicher und mitteilsamer Gesprächspartner, und er bombardierte mich noch in den Folgejahren mit einer Flut von Bildern und Texten, die mich immer über seinen Werdegang auf dem Laufenden hielten. Nicht nur das, er schickte mir auch zahlreiche persönliche Sachen, etwa selbst gebastelte Geburtstagskarten, Horoskope, ein T-Shirt mit seinem Comic-Helden "Super-Spaghetti"...

Der Mann war ein Schatz. Und während sehr viele Leute, mit denen ich angenehme Interviews geführt hatte, sehr bald in ihren eigenen Leben verschwanden, so blieb mir Gordon immer ein lieber Freund, der sich sogar um meinen Gesundheitszustand kümmerte, als es mit diesem nicht zum Besten stand. Das werde ich ihm nie vergessen. Ist irgendwie lustig: Ehemalige Freunde haben sich verzischt, aber dieser merkwürdige Bodybuilder aus Kalifornien war immer da. Man lernt nicht aus in dieser Welt.

Heute erreichte mich eine Mail: "Gordon Mitchell passed away Saturday night. His body was found in his bed, and he had a peaceful expression on his face. It is presumed he had a heart attack." Ich wußte erst einmal gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Der Gordon ist tot? Oh je, wie schade. Ich hatte noch einige Post- und Stadtgänge zu erledigen. Machte ich halt mal. Dann kuckte ich ins Fernsehen rein, ob es da was Anständiges zu sehen gäbe. Gab es nicht. Es gab nur Friedrich Merz und andere Kanonen. Ich schaltete ab. Dann rief ich meine Mutter an und erzählte ihr unter anderem von dem toten Mann in Kalifornien. Dann begann ich ganz fürchterlich zu weinen...

Einer der Gründe, weswegen ich meinen ganzen Quatsch mache, ist, daß es neben vielem desillusionierenden Bohei auch dann und wann lohnenswerte Erlebnisse setzt. Meine Begegnung mit Gordon gehört eindeutig zu diesen Erlebnissen. Er war kein besonders imponierender Mensch - weder überirdisch intelligent noch schön noch sonstwie herausragend. Aber er hatte in seinem Leben seine Chance und er ergriff sie. Er hatte eine Menge Spaß auf dem Wege und teilte diesen Spaß auch vielen anderen Menschen mit. Echt wahr - ich habe niemals mit jemandem gesprochen, der ein böses Wort über Gordon verloren hätte. Selbst intellektuelle Analiticos schwärmten von seinem liebenswerten Charakter und waren beeindruckt. Er hatte die schönen Momente, nach denen wir alle ständig Ausschau halten, in seiner Griffweite und mißbrauchte sie nicht. Stattdessen ritt er ein wenig auf der Mähre von Cinecittà, und als die Wiesen abgekaut waren, kehrte er zurück nach Kalifornien und machte weiter. Über die unschönen Momente bin ich nur unzureichend informiert. Einmal, vor ein paar Jahren, erwischte ihn ein jugendlicher Rowdy und donnerte ihm an seiner Haustüre einen stumpfen Gegenstand über den Schädel. Gordon schickte mir sofort per Fax die Fotokopien seiner Verletzungen und wunderte sich nur, was da denn passiert sei. Keine Forderung nach "capital punishment" - er war mehr erschüttert von der Sinnlosigkeit des Ereignisses als von seinen eigenen Verletzungen. Und das war schon einige Jahre, nachdem er offiziell totgesagt worden war!

Ich habe meinen Text, der in der "Splatting Image" Nr. 28 (Juni 1996) erschienen ist, noch einmal ausgegraben und online gestellt. Wer mag, kann ihn noch einmal nachlesen. Ich habe ihn ergänzt durch eine bereits damals erstellte (aber nicht abgedruckte) Filmographie und eine Bildergalerie. Der Gordon hat mir nämlich zig Fotos geschickt, die man unbedingt noch einmal irgendwo verwerten muß. Die Galerien werden demnächst ergänzt werden. Ich kündige das gerne an, und dann wird doch nichts daraus, aber diese Schnipsel stehen jetzt zumindest im Netz, und wer mag, kann da mal etwas flanieren. Ich habe das alles heute gemacht, und insofern ist die Form vielleicht etwas unzulänglich, aber ich hoffe, es wird klar, daß ich den Tod dieses Mannes sehr betrauere. Ich versuche immer, unsentimental zu bleiben. An ein ewiges Leben glaube ich nicht. Ich glaube an den Staub und an die Würmer. Aber ich glaube auch daran, daß alles, was wir tun, seinen Stempel hinterläßt. Wenn man auf der Straße jemanden grimmig anschaut, hat der ja keine andere Chance, als zum desillusionierten Sozialfall mit kriminellen Tendenzen zu werden! Wenn man auf der Leinwand auftaucht, beeinflußt man Millionen von Leuten auf einmal. Gordon Mitchell hat bei all seinen zähnefletschenden Bösewichtern immer den Spaß durchscheinen lassen, den er bei der Sache hatte, und negativ beeinflußt hat der Mann bestimmt keinen. Viel eher wird er eine Ahnung davon gegeben haben, was in seiner Persönlichkeit an Freundlichkeit mitgeschwommen ist. Man denkt an die bleckenden Zähne, man denkt an die gefährlich gehobenen buschigen Augenbrauen und an den geschwollenen Bizeps - und dann platzt ein bellendes Lachen heraus, das die Erlösung von aller gespielten Bosheit bedeutet.

Ich wünsche mir, daß der Halunke jetzt im Saloon seiner selbstgebastelten "Cave"-Studios sitzt und ein leckeres Bier süffelt. Dann denkt er hoffentlich nicht an Idioten, die seinen Tod voraussagen, sondern er denkt an die vielen Leute, die ähnlich traurig sind wie ich jetzt. Und er lacht. Und das Lachen macht Schluß mit der Trübsal. Denn der Quatsch muß weitergehen.

Kuckt mal in den Text und in die Galerie. Da ist auch ein bißchen fröhliches Zähnefletschen.

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When certain magazine hacks some years ago had the gall to announce that Gordon Mitchell was dead, I was crestfallen. He had given me so many hours of movie delight - and should be dead? That seemed very unfair to me. Well, when I tried to get into contact with him, he proved to be alive and kicking indeed. And not just that, he was most cooperative and friendly - unlike many of the VIPs (and particularly the semi-VIPs!) I had encountered during my journey through Europloitation Kingdom... All the distance-seeking artificiality from most of those luminaries was mercifully absent from him. He just charmed me beyond belief. We talked about this and that, were very unprofessional, and before I knew it, I had a new friend! He not only bombarded me with a deluge of pictures and texts, but also took part in my own health problems at the time. Ahem, what´s going on? Many of my so-called friends deserting me at the first difficult moment in my life, and this strange body-builder from California actually CARING? I will never forget his support and his dedication. Beyond the call of duty, I´d say.

The man was a darling, a sweet, sweet person. He always kept me up-to-date on his personal experiences and stuff. I still remember the time when some juvenile delinquent brained him at his doorstep with the famous blunt instrument. Gordon just sent me pictures of his abrasions and such via fax. No words about capital punishment and likewise nonsense - he seemed more bewildered at the idiocy of it all than concerned with his own inflictions... And once more he survived.

I received an eMail today: "Gordon Mitchell passed away Saturday night. His body was found in his bed, and he had a peaceful expression on his face. It is presumed he had a heart attack." I didn´t really know what to think. Gordon Mitchell - dead? Oh no, damn... One more gone. I had several duties downtown, so I attended to them. When I had come home, I turned on the TV and tried to make out something halfway worthwhile. Just the usual swill. Then I phoned my mom and told her that this strange man who had always sent the letters from Joe Gold´s "World Gym" to my parents´ place had died. And I started to cry like there was no tomorrow...

One of the reasons why I have been doing all the stuff that I did during the past ten years or so was the fact that no matter how much banality you encounter on your way through life, there are always memorable moments. There is always the knowledge that the dross is not all that´s there. Beyond the make-believe of normality and the cheap escape of the so-called alternative life-style, there is always something universal that says hello to you and your fellow neighbors as well. I don´t care for Osama Bin Laden or George Bush - I care for all the people out there struggling who try to make a life that´s worth more than just squat-doodley-doo... At the risk of sounding a little bit esoteric here: It´s not the length or the picture quality of movies that always counted for me! Sir Laurence Olivier and Sir Alec Guinness were better actors than Gordon Mitchell, that´s for sure. But they would never have built their own spaghetti western studio in the woods outside of Rome, no sir! Gordon was just a normal human being, and he got the chance to take part in several guerilla movie adventures (meaning hundreds!) and he had fun. He really had the nerve to have fun! And the fun translated... It seeped through all the baddies he played, all the villains he encorporated. Damn - there was always the huggable teddy-bear under the vampire fangs of his badmen. It was so good it had to be true!

I don´t believe in eternal life as a reality. But I believe that we all influence each other every day of our lives. When we go downtown with a grim face, we influence all the people we meet on the way there. And what impact it may have to appear on the silver screen - millions and millions, with their eyes and mouths wide-open. There´s one thing I´m sure of - Gordon Mitchell´s movie personae have never influenced a person the wrong way. They have been so full of his personality that they were just incapable of harming anyone. May it be that he was not the biggest of actors to come across - his sheer loveability made it all matter. He was just a simple man from Colorado who went to Californy, then to Italy. He made his impact, and, judging from my own example, it very often resulted in love. Love for all the little things cinema magic consists of - love for all the little things life consists of. Having mentioned Mr. Bin Laden and Mr. Bush earlier on - I also don´t care for Steven Spielberg and George Lucas. But I do care for Gordon Mitchell. He is still there in all his films. He is still there in the hearts of all of his friends. I am proud to call myself one of the latter, and I am sure there are many of you out there who share my sentiments!

I have exhumed my text on him that I have written in 1996. For all of you who only speak English, I have included a gallery of sorts that consists of pictures that Gordon has sent me over the years. I have received the note of his death only today, so it is still a little bit improvised. But there are already a few images that are very much dear to my heart. So, if you like, feel free to wander through the corridors of the parts of my mind that are dedicated to Gordon. I am very sad that he is dead, but I deny sorrow to enter my memories of him. They will always be full of light and fun. Full of human frailty, full of the struggle against darkness and of the victory of light at the heart of it all. My best wishes to Gordon, wherever he is, and to all his friends.

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