Der Weg zu Gong und den Pothead Pixies wurde mir, wie im Falle von Van der Graaf Generator, durch jenen geheimnisvollen Weisen Dödel gewiesen, den ich auf dem Weg durch die humanistische Erziehungsmühle kennenlernte. In trüber Erwartung einer jener langweiligen gutmenschelnden Hippiebands, die trotz ihres reichen Angebotes an bewußtseinserweiterndem Naschwerk wenig Eigenständiges zutage brachten, traf ich hier auf eine Band, vielmehr eine Bande, ganz nach meinem Geschmack. Das Kollektiv setzte sich zusammen aus Musikern, die von den unterschiedlichsten Traditionen herkamen und zu einem wilden Mischmasch aus Rock, Jazz und Weltraumgeflüster beitrugen, das von einem koboldhaften Humor getragen wurde, der wohl auf den Frontmann Daevid Allen zurückzuführen war.
Daevid Allen hatte bereits in seiner Heimat Australien Ende der 50er als Beat-Poet Erfahrungen im kulturellen Underground gesammelt. In den 60ern ging er nach London und betätigte sich dort als Initiator von Kunst-Performances. 1966 war er eines der Gründungsmitglieder der berühmten Soft Machine, die unter ihrem Frontmann Robert Wyatt später sehr erfolgreich werden sollten mit ihrem schrägen Jazzrock. Auf den wenigen veröffentlichten Aufnahmen, bei denen Daevid noch zum Team gehörte (er verließ die Band bereits vor der ersten LP), ist der anarchische Einschlag, der sich bei Gong später voll entfalten sollte, noch deutlich spürbar. Da ihm 1967 die Einreise nach Großbritannien verwehrt wurde, begab er sich zusammen mit seiner Freundin, der Dichterin Gilli Smyth, nach Frankreich, wo sie an musikalischen Projekten tüfteln. (U.a. arbeitete er mit einer Sammlung von gynäkologischen Instrumenten aus dem 19. Jahrhundert!) Nach zahlreichen Auftritten hier und da kam 1969 so das Album "Magic Brother, Mystic Sister" zustande, das vielerorten als erstes Gong-Werk gehandelt wird, tatsächlich eher ein Soloalbum Daevids war, auf dem sich aber bereits spätere feste Gruppenmitglieder wie Didier Malherbe (alias Bloomdido Bad de Grasse) rumtreiben. Die Musik der Platte klingt wie eine lebendig gewordene Haschzigarette und verbindet freistiliges Gefriemel mit netten Melodien, die von Daevids lieber Stimme mit bizarren Texten unterlegt werden. Gelegentlich klingt sogar ein gewisser Punkhabitus durch, der aber eher den subversiven Humor als die aggressive Grundhaltung übernimmt. Wenn die Dinge unerfreulich werden, zaubert Daevid immer gleich ein entwaffnendes Lächeln auf sein Gesicht - Gewalt ist der Gong-Welt fremd. Nach einem einleitenden "Space Whisper" von Gilli (das zu einem Markenzeichen der Band werden sollte) kommen Lieder wie das kreuzironische "We´re Gonna Change the World", "Pretty Miss Titty" oder "Ego", die als akkustische Entspannungstabletten an Paranoiker weitergeleitet werden sollten. Ich stehe ja im ewigen Krieg mit den Meditationsheinzeln von Windham Hell, deren Produkte häufig in der New-Age-Sektion des Plattenladens herumliegen und mich zum Blutrausch treiben können ob ihres nichtssagenden Gedudels, aber Gong haben Humor und Herz. Die ganze fehlende Wärme holt sich die Menschheit oft ja aus einer Suppe, und in Gongs freundlichen Schelmereien ist mehr Wärme als in der ganzen heutigen Musikindustrie! (Toll auch das Foldout-Cover der LP, das mit zahlreichen Kritzeleien und Bildchen übersät ist, die auf der CD nicht reproduziert sind...)
Nach einer ausgedehnten Tour mit der einflußreichen Band Magma nahm Daevid ein weiteres Soloalbum auf, "Bananamoon", das mehr oder weniger aus dem Augenblick heraus geboren wurde und stark von zahlreichen Flaschen Foster´s und schwarzem Hasch geprägt war. Herausragend ist das berühmte "Stoned Innocent Frankenstein", das im zweiten Teil von Daevids Erlebnissen bei den 68er-Aufständen in Paris berichtet. (Er gehörte übrigens nicht zu den Leuten, die den Polizisten Blumen überreichten - er gab ihnen Teddybären! "Teddys für die Petermänner" - wäre doch ein schöner Filmtitel...) Robert Wyatt schaut auf der Platte vorbei und liefert eine schön relaxte Version seines Soft-Machine-Hits "Memories", der später von Whitney Houston (!) auf einem Material-Album gecovert wurde. Der Rest ist genereller Wahnsinn mit einigen ungewohnt ruppigen Schlenzern.
1971 gab es dann auch das erste nominelle Gong-Opus, "Camembert Electrique", das erste Hinweise auf die Privatphilosophie von Allen gab, namentlich die außerirdischen Pothead Pixies und den Planeten Gong, deren Geschichte hier aber noch nicht ausgeführt wird. Stattdessen setzt es wunderschön verzwirbelte Songs, die alle etwas nach Zappa in seinen lustigeren Momenten klingen, darunter solche Kracher wie "I Am Your Fantasy" oder "I Am Your Animal", verbunden von kleinen Bizarrerien wie "Wet Cheese Delirium" und "Squeezing Sponges Over Policemen´s Heads". In gewisser Weise hat man es hier mit der ersten durchweg gelungenen Allen-Platte zu tun, die ein warmes Gefühl im Bauch verursacht und perfekt für Einsteiger ist. Was Allen und seine Kollegen mit ihren Platten vermitteln wollten, war die Botschaft, daß jeder, wirklich jeder, sich von den Vorstellungen anderer lösen und sein eigenes Universum verwirklichen kann. (Wobei es schon von Vorteil ist, wenn das im Verbund mit so begabten Musikern wie Malherbe oder Steve Hillage tut!) Zum Thema Anarchie bemerkte ein Autor: "Viele Menschen finden den Gedanken einer grundsätzlich strukturlosen Gesellschaft, in der keiner mehr Macht besitzt als sein Gegenüber und in der Staaten und Regierungen hinfällig sind, schwer zu begreifen. Aber wenn du tief in deinem Herzen daran glaubst, daß die Autorität, egal ob links, rechts oder Mitte, immer falsch liegt, dann bist du ein wahrerer Anarchist, als du vielleicht vermutet hast!" Und das muß nichts mit Gewalt zu tun haben, oh nein. Statt sein Heil in der Bekämpfung des Gegners zu sehen - was ja doch häufig von schwer einzuschätzenden individualpsychologischen Defiziten bestimmt wird -, sollte man lieber das eigene Selbst feiern und ausleben - Gong machen das, und es macht Spaß!
1972, nach einer Schaffenspause und Umstrukturierung der Band, meldete sich Gong wieder mit dem ersten Album der Pothead-Pixie-Trilogie, "Flying Teapot". Da man hier mit Steve Hillage (von der Kevin Ayers Band) und anderen Neuzugängen erlesene Streitgefährten hinzugewonnen hatte, präsentiert sich die Gruppe so kompakt und professionell wie nie zuvor. In der Geschichte um den Planeten Gong geht es um einen freundlichen Kiffer namens Zero the Hero, der mit zahlreichen Wesen zusammenstößt, wie den ständig in fliegenden Teekesseln herumsausenden Pothead Pixies oder den alles überwachenden Octave Doctors. Es gibt auch eine Radiostation namens Radio Gnome Invisible (französisch auszusprechen!), die telepathische Botschaften vom Planeten Gong versendet... Die Erlebnisse von Zero werden nicht nur auf dem erneut wunderschön gestalteten Plattencover dargestellt, sondern auch von 6 exzellenten Space-Jazzrock-Nummern illustriert, mit denen die Musiker ihr Zelt im Herzen der Hörer aufschlagen! Schwer zu sagen, welches das tollste Stück ist, aber ich favorisiere doch irgendwo das finale "I Am Your Pussy"...
1973 kamen die beiden Folge-Alben: "Angel´s Egg" war das bestproduzierte Gong-Werk überhaupt und führt von einer 10 Minuten langen Einleitung in das drollige "Sold to the Highest Buddha" sowie einigen wunderbaren Songs und Instrumentalstücken, unter denen der Fetzer "Oily Way" heraussticht. Die LP "You" hingegen ist eine rein instrumentale Angelegenheit, die zwar erstklassigen (na, nennen wir´s mal) Space Jazz offeriert, aber etwas den Humor vermissen läßt. Innerhalb der Band waren hier auch schon gewisse Auflösungserscheinungen festzustellen, was teilweise mit den Drogen zu tun hatte, die doch im Übermaß konsumiert wurden und das reibungslose Funktionieren des Künstleralltages sabotierten. Daevid hatte zu diesem Zeitpunkt beschlossen, die Hände von Acid & Co. zu lassen. Nach seinem Verlassen der Band mutierte Gong unter Leitung des klassisch ausgebildeten Pierre Moerlen zu einer reinen Jazzcombo, deren spätere esoterische Entwicklungen mir nicht mehr geheuer sind. Musikalisch finde ich die späteren Sachen auch wenig prickelnd.
Daevid begab sich zusammen mit seiner Gilli ins "Bananamoon Observatory" nach Deya (Spanien), wo sie gemeinsam an diversen sehr abgefahrenen Soloalben werkelten, die weiter an der Planetenlegende strickten. Ende des Jahrzehnts lockten aber andere interessante Projekte. So arbeitete Daevid mit der punkbeeinflußten Band Here & Now zusammen und machte mit ihnen das Planet-Gong-Album "Floating Anarchy", dessen psychedelischen Livestücke zu den Höhepunkten von Daevids Karriere gehören und am besten sehr laut zu hören sind. Leider ist die CD schon lange nicht mehr erhältlich, aber die Platte klötert auf Börsen sehr häufig herum und ist unbedingt empfehlenswert. Als einziges Studiostück enthält die Platte außerdem das tolle "Opium for the People", das eingeleitet wird von einem launigen "Alpha, Beta, Gamma, hubba-dubba..." "Opium" befindet sich auch auf der CD "The Best of Gong", die in der Tat einen sehr schönen Überblick über die Zeit der Pixie-Alben anbietet. Habe ich schon das "Virgin"-Live-Doppelalbum erwähnt? Nein, das habe ich nicht, und ich tue es hiermit!
Zu den besseren der Dutzende und Aberdutzende von Solo-Releases, die Daevid während der 70er und 80er (später in Australien) herausgebracht hat, gehört seine schwer newwavige New-York-Reise "About Time" (1978), auf der er sich mit den Material-Leuten um Bill Laswell zusammentat. Auf der LP wirbelt auch Mark Kramer herum, mit dem er noch Anfang der 90er die sehr schöne "Who´s Afraid?" aufnahm. Und dann kam ja auch die Gong-Reunion: Während Pierre Moerlens Gong ihr Leben ausgehaucht hatten, war die Zeit für ein Comebackalbum gekommen, und zwar das unterhaltsame "Shapeshifter". Der 25. Geburtstag wurde ausgiebig gefeiert mit einem dicken Konzert in London, das in Form einer Doppel-CD vorliegt und Mitglieder sämtlicher Bandformationen vereinigt...
Ich will hier nicht noch tiefer in die unüberschaubare Vielfalt der Gong-Diskographie vordringen. Wer sich für Weiterführendes interessiert, der sei auf die offizielle Gong-Website verwiesen (Foto), wo eine ausführliche Bandgeschichte ebenso angeboten wird wie Aufnahmen, Bücher und anderer Krimskrams.
Gong for pleasure!