DIE ENTENMAMA IST TOT!

Eingemottet

Ich habe viele liebe Helden des Italokino-Pantheons in meinem Herzen begraben, doch heute habe ich vom Tod einer Frau erfahren, die mir noch viel mehr bedeutet. Sie ist zweifellos mitentscheidend gewesen für die Herausprägung meines Humors, hat mir viel Trost gespendet in Zeiten des Kummers und des Zagens. Ich habe viel von dem geklaut, was sie so bereitwillig geschenkt hat. In Entenhausen bin ich aufgewachsen, mein Herz gehört Carl Barks, doch die Comics meiner Kindheit wären nur halb so viel wert ohne die Sprachkunst und das Herz von Frau Dr. Erika Fuchs.

Daß Filme oder Serien durch eine kongeniale Eindeutschung an Charakter eher gewannen als verloren, ist trotz des Pfusches, der auf diesem Gebiet getrieben wird, keine Seltenheit. Auch literarische Höchstleistungen wurden durch Übersetzer gelegentlich aufgewertet. Mein Lieblingsautor etwa, Kurt Vonnegut jr., erfuhr seine mit Abstand beste Eindeutschung durch Harry Rowohlt, der mit seiner Bearbeitung von "Die Sirenen des Titan" den ebenso bizarren wie philosophischen Humor dieses Schriftstellers hundertprozentig in meine Sprache überführte.

Was macht man mit Enten? Was macht man mit Enten, die unsere kapitalistische Gesellschaft karikieren und die Schwächen des Menschengeschlechts durch Schnabelschlag erträglich gestalten? Frau Dr. Erika Fuchs wußte dies. Sie nahm sich zu Zeiten des Wirtschaftswunders der häßlichen kleinen Entlein an und schenkte ihnen eine Stimme, von denen viele unserer Zeitgenossen nur träumen können. Das Tolle ist, daß sie nicht nur mich, sondern auch viele meiner Mitmenschen entschieden prägte, in der Sprache wie im Wesen. Es mag tatsächlich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kaum einen deutschen Künstler gegeben haben, der dies so nachdrücklich vermocht hatte. Das Verdienst kommt dieser lieben Frau zu, der selten ein Lobgesang fern der Fans zuteil wurde.

Mit den Micky-Maus-Heften sind die meisten von uns aufgewachsen. Ich persönlich mochte den besserwisserischen Nager niemals, sondern verschenkte mein Herz schon früh an den cholerischen, von Schwächen gebeutelten und mit der Lebensbewältigung eindeutig überforderten Erpel Donald Duck. Seine trilingualen, immerwachköpfigen Neffen gaben ihm so manchen Sporn zu schlucken, und auch das Patriarchat seines Onkels Dagobert verursachte ihm so manch zaghafte Stunde. Was man auch von Laurel & Hardy (zwei anderen Helden von mir) sagen kann - er verlor niemals den Mut! Er machte immer weiter, hatte Spaß und kämpfte um sein Auskommen. Er gab sich seinen Launen hin, war selbstmitleidig, aggressiv, schwach, kurz: eine Ente - ein echter Mensch! Selbst die ständige Liebesfron mit seinem Stammzahn Daisy ließ ihn nicht aufstecken - den Bürzel stolz in den Sturm gereckt, gab er sein Bestes. Er gab dies bei uns mit der Unterstützung einer der Heiligen des Übersetzergewerbes. Heilig umso mehr, da sie in gehobenen Zirkeln unbesungen bleiben wird.

Erika Fuchs erfand nicht den Wankelmotor oder den Rührfix, aber sie machte diese Dinge dem kindlichen Gemüt so manchen Comic-Lesers zum Begriff. Sie flocht Alltagsprosa ihrer Zeit zusammen mit Einsprengseln aus der literarischen Klassik und machte das eine wie das andere zum lieben Bekannten für ihre gelehrigen Schüler. Wo immer Lehrer humanistisch gesinnter Schulen versagt haben mochten - sie hatte Erfolg, durch die Macht der Schnäbel! Was immer die Panzerknacker, Daniel Düsentrieb, Gundel Gaukeley, das Helferlein, Tick, Trick und Track, und wie die Enten und Entengefährten auch immer heißen mochten, äußerten, so geschah dies immer nach dem feinen Geschmackssinn von Frau Fuchs. Wie war das damals, als die kleinen Neffen Donalds von einer Pechsträhne sondergleichen heimgesucht wurden? Sie stolperten aufgrund widriger Umstände in Halloweenkürbisse hinein, die sie dann wie Schandmasken auf dem Kopf trugen. Kommentar: "Die haben heute einen Spezialkobold auf uns angesetzt!" Sage ich selber sehr häufig... Oder Donald, wenn er seinen geldversessenen Onkel attackiert? "Dir schmeiße ich den Bettel hin!" Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens... Goethe zitierend, meint Dagobert zu seinem chronisch pleiten Neffen: "Du bist ein trüber Gast auf dieser Erde!" Als ein wildschweingesichtiger Schurke finstere Mordinsekten auf Entenhausens Gurkenproduktion heimfahren läßt, heißen diese Plagegeister die "Gurkenmurkser". Als ein bebürzelter Verwandter des "Phantoms der Oper" sein Unwesen treibt, heißt dieser nicht nur "Das Phantom von Notre-Duck", sondern "das Münstermännchen"! Feinsinn links und rechts versprühte diese tolle Frau, und sie tat dies regelmäßig. Ich habe mal auf einer Party mit einem Zeitgenossen angefangen, Duck-Erfahrungen auszutauschen, und das Spektakel zog sich über zwei geschlagene Stunden hin, die wir uns Fuchs-Zitate an den Kopf schleuderten, bis alle Umstehenden, an unseren Verstandeskräften zweifelnd, sich der gefälligen Musik des Abends hingaben und sich von uns wandten... War uns wurscht!

Was Frau Fuchs hervorbrachte, war nicht nur Spaß, war nicht nur gute Übersetzung. Es war der Sinn für sprachliche Schönheit, und daß dieser Sinn gerade aus dem übel beleumundeten Genre der Comic-Strips entstand, lehrte sicherlich nicht nur mich, daß Schönheit wahrlich im Auge des Betrachters ruht und eben nicht vom Gardemaß der Lieblingskonventionen der jeweiligen Zeit abhängig ist. Das Geheimnis liegt in der Liebe, die man dem jeweiligen Gegenstand der Passion zukommen läßt. Wenn man es ehrlich meint, wird schon etwas überdauern. Frau Dr. Fuchs ist das gelungen. Das lese ich immer wieder in den Zeilen meiner Zeitgenossen.

Sie wurde 98 Jahre alt. Das ist ein gutes Alter. Ihr Andenken wird aber ewig weiterleben in meiner Seele und allem, was ich tue. An ein ewiges Leben im biblischen Sinne glaube ich nicht, aber ich glaube daran, daß alles, was wir tun, seine Spuren hinterläßt. Wenn wir grimmig über die Straße latschen und die Leute das mitbekommen, hinterläßt das Spuren. Wenn wir Schönheit in die Umwelt entlassen, hinterläßt das Spuren. Frau Dr. Erika Fuchs kann da ganz beruhigt sein. Ihre Spuren sind an ganz vielen Orten. Und sie haben Schönheit geschaffen, wo immer sie erschienen. Ich liebe diese Frau.

Schnurri

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