F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle)Eine Band, die ich unbedingt erwähnen muß (und zwar mit mindestens 20 Ausrufezeichen!), ist F.S.K., die mich bereits zu einer Zeit erreichten, als ich noch mit einer schwarzweißgestreiften Punkhose unterm Roland herumlümmelte, weil ich dachte, daß bestimmt jemand kuckt. Diese Gruppe aus München (entstanden aus Mitarbeitern eines Untergrundmagazins namens "Mode & Verzweiflung") halte ich nach wie vor für eine der erfreulichsten Erscheinungen in der Musikszene der frühen 80er, und da sie immer noch unvermindert aktiv sind, hält die Verzückung an. Was Michaela, Justin, Thomas und Wilfried von Anfang an ausgezeichnet hat, ist ein sehr verschmitzter und hintergründiger Humor, der vielen ihrer Kollegen bitterlich abging, suchte man damals doch eher sein Heil im grellen Statement (eine schwarzweiße Punkhose, ich fasse es nicht!) oder in hermetischem Künstlertum. Unglaublich, daß die Gruppe damals aufgrund ihrer minimalistischen Gewandung und einiger koketter Textzeilen von manchen in der rechten Ecke einsortiert wurde - Leute, ein für allemal: Die Rechten haben keinen Humor, und das gilt natürlich auch für die rechten Linken, von denen es weißgott zuviele gibt.
Hat man das große Glück, im Besitz der ersten F.S.K.-Single zu sein (die eine der ersten Veröffentlichungen auf Alfred Hilsbergs verdientem ZickZack-Label war), so kracht einem als erstes das Punkstück "Herz aus Stein" entgegen - verwirrend für jene, die die Musiker erst in späteren Jahren kennengelernt haben. Grips und künstlerische Vision war nun nicht gerade etwas, was in der deutschen Punkszene gang und gäbe gewesen wäre. Die meisten Sachen lassen sich bequem klassifizieren als a) unbeholfene Politpolemik oder b) beschwingte Sauflieder. In München hatte man da - siehe auch die lustigen Marionetz oder die dadaistischen FKK Strandwixer - doch gelegentliche Lichtblicke, aber auch nur vereinzelt und wenn der Alkdunst abgequollen war. (Beachtet hierzu bitte auch meinen Punk-Text!) "Herz aus Stein", das ein taxidrivereskes Privatschicksal schildert, wirkt besonders nett, wenn man es im Kontext mit den anderen Stücken betrachtet. In dem etwas mehr als nur ein wenig an Velvet Underground erinnernden "Moderne Welt" erzählt Michaela von den Wünschen und Hoffnungen verschiedener Einzelpersonen, die auf einem kollektiven "...und wir sagen Ja zur modernen Welt!" enden. Das verwirrt doch ein wenig: Meinen die das jetzt ernst? Darf man das denn als Intellektueller - sich wohl fühlen? Oder ist das Ironie? Diese charmante Doppelbödigkeit ist eines der Erkennungsmerkmale von F.S.K., und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen - natürlich ist das auch ein zartes Auf-den-Arm-Nehmen des Mannes mit dem Honigeimer, Glück und Frieden für alle und so weiter, aber die anderen Sachen der Gruppe zeigen doch, daß es den Musikern fernliegt, alles nur durch die bequeme Brille der Ironie zu betrachten. Im Gegenteil, das darf man schon für bare Münze nehmen, aber die Leute haben eben Spaß dabei! Daß dieser Spaß nicht unbedingt mit Hurra-Patriotismus zu tun hat, merkt man auch am abschließenden Deutschland-Lied, das sich durch eine krachige Landschaftsbetrachtung zu einem mechanisch hervorgeblökten "Das Land ist schön, schön, schön" inklusive Endlosrille vorarbeitet.
Die 2. Single, "Teilnehmende Beobachtung", ist dann ein echter Gnadenhammer und läuft auch knappe 20 Minuten. "Im Westen nix Neues" schüttet milden Spott über die Kulturszene der frühen 80er aus, während das wunderbare "Im Rhythmus der Zeit" (dessen Anfang doch sehr an "In Every Dream Home a Heartache" erinnert...) erneut das Sichwohlfühlen im eigenen Saft aufgreift. Besonders das letztere Juwel kann man wohl nur erfassen, wenn man die Zeit der Neuen Deutschen Welle bewußt miterlebt hat und sich schon damals an der häufig sinnentleerten Parolenhaftigkeit gestoßen hat, mit der ein völlig unverdienter Optimismus beschworen wurde, der in der Tat dem Geist des Wirtschaftswunders nicht ganz unähnlich war. Bei F.S.K. äußert sich das an bewußt schwachsinnigen Zeilen wie "Du bist für die Zukunft bereit/ Denn du bist im Rhythmus der Zeit" und an einer Einbeziehung von Modewerbung der 60er Jahre, die sich am Ende des Stückes einschleicht. Seite 2 der Single wartet u.a. mit dem reichlich bösen "Gudrun E." auf: "Gudrun Ensslin war bis zu ihrem Ende ein frisches, hübsches Girl geblieben..." Nein, so ganz problemlos kann man F.S.K. und außerparlamentarische Opposition doch nicht miteinander kombinieren! Ein weiterer Höhepunkt ist das kurze "Tu den Strand", auf dem Michaela das zweifelhafte Vergnügen des sommerlichen Badens im Kontext eines psychosexuellen Spannungsfeldes sozialkritisch durchleuchtet. Seit dieser Platte weiß ich, daß Gott eine Frau ist, und sie heißt Michaela!
Der Titel der ersten F.S.K.-LP, "Stürmer" (1981), war nicht wirklich dazu angetan, den PCs im Publikum einen dünnen Hals zu verschaffen. Für den humorbegabten Zuhörer hingegen erweist sich die Platte als meines Erachtens großartigste Errungenschaft der Gruppe, eine Sammlung wunderbarster Alltagsbetrachtungen, die jede schlechte Laune im Nu vernichtet! Gleich der erste Song wirft dem Hörer ein freundliches "Hallo, wie geht´s?" entgegen, das allerdings so boshafte Zeilen enthält wie "Dies ist der aufrechte Gang/ Fröhliche Menschen im Herzschlag der Zeit/ Bringen auch dir neue Frömmigkeit/ Lebenslang voll Tatendrang..." Die Parolen des Mannes mit dem Honigeimer werden in fröhlicher Form verulkt, während das bratzige "Otto Hahn in Stahlgewittern" eine äußerst pessimistische "Optimismus-Symphonie" entwirft, die dem aufgeschlossenen jungen Menschen von heute die Zeichen der Zeit nahebringt. "Ab nach Indien" (mein Lieblingssong) stellt dann nachdrücklich klar: "Du bist kein Held auf dieser Welt" und endet auf einem bedingungslosen "Bitte geh´doch nach Indien!" So geht das dann noch 16 Songs weiter, die inhaltlich das Hinterhältigste sind, was ich jemals im Rahmen des damaligen NDW-Umfeldes gehört habe... Die Klänge, die die tollen Texte begleiten, wirken in ihrer rhythmusmaschinengetragenen Gleichförmigkeit wie ein Statement zum verordneten Vergnügen der frühen 80er - uniformierte Musik, sozusagen. Schnarrende und wibbelnde E-Gitarren verhindern, daß sich unverbindlicher Schnipsspaß einstellen mag, und die zur Schau getragene Harmlosigkeit ist so trügerisch wie das fröhlich geträllerte "In Mogadischu"... Daß die FSK´ler sympathiemäßig eher links einzuordnen sind, ist offensichtlich, aber sie sind keine gewidmeten Parteigänger - dazu haben sie zuviel Humor. Thomas Meinecke schrieb mal irgendwann, sie seien zur Zeit der Bandgründung mehr ein "flanierender Haufen hedonistischer Partisanen" gewesen, und diesen Haufen vor den Karren einer festen politischen Sache zu spannen, war ebenso unsinnig wie schwierig. (Versucht haben´s trotzdem einige!) Eher offenbart sich ein heiterer Anarchismus, dem Regeln und Überzeugungen in ihrer Witzlosigkeit zutiefst suspekt sind. Gelegentlich werden F.S.K. sogar richtig massiv, wie auf dem abschließenden "Ein Kind für Helmut", das im militärischen Befehlston verkündet: "Komm/ Wir machen Liebe/ Und schenken dem Kanzler ein Kind!" Apaola und die tanzenden Terroristen... Eine der besten Platten, die bei Herrn Hilsberg herausgekommen sind, und eine vorzügliche Werbung für das gerollte Bayern-r obendrein!
Neben dem auf dem ZZ-Sampler "Lieber zuviel als zuwenig" erschienenen "Eingeschlagene Schaufenster" ging´s dann weiter mit der EP "Magic Moments", die mir das erste Mal im Radio vorgedudelt wurde und mir Schweißperlen auf die Oberlippe zauberte mit dem schönen "Viel zu viel", auf dem es u.a. heißt: "Auf meinen Knien/ Geheim in diesem Tanzlokal/Im Kopf die Wirrkopfmelodien/ Zum hundertsten Mal/ Von Walter Benjamin/ Das ist nicht normal..." Dem allgemeinen Dropping-Out setzen F.S.K. ein freundliches "Wir steigen ein" entgegen. "Herzschuß Melodie" und das aggressive "Trink´ wie ein Tier" sind dann eher schräge Feierabendversüßungen.
Nach dieser Maxi war für mich für´s erste Schicht im Schacht: Ich hatte die NDW reichlich über. Deshalb - oh Schande aller Schanden! - besitze ich die nächsten beiden Alben nicht und habe sie bisher auch noch nicht auftreiben können. Da auf dem tollen Doppel-CD-Sampler "Bei Alfred" von dem ZickZack-Folgelabel "What´s So Funny About" (siehe unten) aber jeweils die Hälfte von beiden Platten vorhanden ist, kann ich zumindest Mutmaßungen anstellen über ihren Tenor. "Ca c´est le blues" (1983) dokumentiert das Eindringen der englischen Sprache in den Münchner Musikkoffer. Auch setzt es die ersten Coverversionen. Allerdings beschränkt sich die neugewonnene musikalische Vielfalt nicht nur auf den Blues, und die Stücke sind für Fans der "Stürmer"-LP immer noch uneingeschränkt genießbar. So ist das erhabene "Liebe im Hotel" ein echter Zuckerbatzen und schildert Frau Melians Umtriebe in stimmungsvoller Manier. "Hymne" ist eine Monoton-Perversion von "Verbotene Früchte" von "Stürmer". Auch ganz toll "Bokassa in San Francisco". Ich werde doch mal irgendeinen Indie-Plattenladen ausrauben müssen... Mir ist aber so, als hätte es das gute Stück auf CD gegeben, genau wie...
..."Goes Underground" von 1984. Hier erreichen die amerikanischen Einflüsse schon solche Ausmaße, daß man sich manchmal gepflegt in seinen Schaukelstuhl setzen und bei einem kühlen Dämmerschoppen in den Sonnenuntergang hineinschaukeln möchte, z.B. beim schwer texanischen "Lob der Kybernetik". Es gibt den schönen Fellini-Blues "La Strada" und eine sehr leidenschaftliche Version von "Frau mit Stiel". Mein Lieblingsstück ist aber mit Leichtigkeit "Blue Yodel für Herbert Wehner", auf dem es heißt: "Junge, wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist/ Aus dem wird nie ein guter Demokra-haaat..." Herzzerreißend. Auch sehr nett "Batgirl", das zu verkünden weiß: "...aber das Leben in der Tiefe ist gesund..." - goes underground, halt.
Danach zog es die Herren plus Dame nach Großbritannien, wo sie zwischen 1985 und 1987 u.a. in Maida Vale bei John Peel gastierten und außerdem die Maxi "American Sector" aufnahmen. Die "Peel Sessions" sind auf CD herausgekommen, wobei ich mal mutmaße, daß die beiden Sessions auf Vinyl getrennt veröffentlicht wurden. Beweisen kann ich´s aber nicht! Das ehrenwerte "I Wish I Could Sprechen Sie Deutsch" hat das Zeug dazu, zum Lieblingssong der GI´s in Nürnberg-Fürth zu werden und befaßt sich mit den Alltagsproblemen von Yankees in der Diaspora. M e i n Lieblingssong ist aber "Dr. Arnold Fanck", das mit Sicherheit das einzige Lied ist, das jemals über den Pionier des Bergfilms geschrieben worden ist. Und was für ein schönes: "Wer hätte denn gedacht, daß die Berge wirklich so erotisch sind...?" Das zweite Liederquartett besteht zur Gänze aus sehr schrägen Beatles-Interpretationen, wobei man auf eher nicht ganz so bekannte zurückgegriffen hat, etwa den Ringo-Starr-Song "Don´t Pass Me By". Eine davon ist sogar auf deutsch, "Komm´, gib´ mir deine Haaand..." und bringt den Zuhörer direkt zurück zum Sternenclub. "American Sector" ist wohl größtenteils auf der Doppel-CD enthalten und besitzt in "Lieber ein Glas zuviel" ein wunderschönes Trinklied für Intellelle sowie eine denkbar unintellektuelle und romantisch verschwurpselte Fassung von "Trink´ wie ein Tier". Eine überraschende Coverversion ist Bert Kaempferts "A Swingin´ Safari"...
So, und 1988 kam dann die nächste LP, "In Dixieland", welche wieder an heimischen Gestaden (von Detlef Diederichsen nämlich) produziert wurde. Da die Platte zusammen mit "Magic Moments" auf CD rausgekommen ist, habe ich hier endlich wieder einmal alle Songs zur Verfügung - fein! "In Dixieland" ist auch eine relativ gefällige Angelegenheit und liegt sozusagen gut in den Ohren... Absolute Nummer Eins bei mir ist "Blue Yodel für Lino Ventura", deren Refrain lautet: "Selbst durch die traurigsten Augen ist deine Scheune schön." Was kann man dem noch hinzufügen? Höchstens Zeilen wie: "Postmoderne Vollidioten beißen in ihr Vollwertbrot..." - laßt uns Alt-Nashville runterbrennen, wie der Dichter sagt! Der "Bahnsteig Walzer" rührt auch den gestandensten Zyniker zu Tränen, während "Mein Funky Ballantine´s" ganz andere Emotionen hervorruft. "Striptease Blues" enthält u.a. den Text zum Frühwerk "Tu den Strand" und ist auch sonst richtig klasse. Die Platte wird beendet vom herzzerreißenden "Yankee Goes Home" - my Fürth, where are you nur?
Die letzte Platte, zu der ich so a bissele was sagen kann, ist die 1989er "Original Gasman Band", da hier noch einige Songs auf dem Sampler vorhanden sind. Außerdem hat Ralf jetzt die LP bekommen, und ich plane, demnächst bei ihm einzubrechen... Das tollste Stück, das ich bisher davon habe, ist "Jodler für Sonny Sharrock", eine zu Herzen gehende Ballade, deren Sänger eine so tolle Freundin hat, daß sie ihm sogar das Plektron von Sonny Sharrock besorgt - ja, so sieht die Liebe aus!!! Auch sehr schön die perverse Polka "Pennsylfawnisch Schnitzelbank", nach der man gar nicht weiß, was man noch glauben soll... Man läuft allerdings Gefahr, ins Tanzen zu geraten, und das habe ich nun so ausgiebig getan, daß ich viel zu müde bin, um den Text zu Ende zu schreiben!
Jo mei, die neueren Veröffentlichungen werde ich mir jetzt auch zusammenklauen und den Text demnächst vervollständigen. Bis dahin ist es an Euch, den Köpper ins kalte Wasser zu wagen und Euch mit dieser Band bekannt zu machen. Ihr werdet feststellen, daß das Wasser gar nicht kalt ist, sondern behaglich und kuschelig. Streckt Euch darin aus und laßt es Euch gutgehen... Was die Musiker jetzt so machen, kann man auf der unten eingelinkten Seite erfahren. Ohne Altersbeschränkung freigegeben!
ZZ
Hier clicken for informative Text on die band! Hier clicken for ZickZack/What´s So Funny About!