FRED FRITH UND DIE GESETZE DER SCHWERKRAFT

Die Liebe zu den Residents erfaßte mich bereits mit sehr jungen Jahren. Neben verschiedenen anderen Musikern (wie Snakefinger oder Chris Cutler) trieb sich auch ein Engländer namens Fred Frith dort herum, der des öfteren eine Gitarre oder eine Violine ramponierte. Als meine Scheiblettenperiode sich dem Ende zuneigte und ich zu einem würzigen Gouda gereift war, zierte eine saubere Anzahl von digitalen und analogen Tonträgern mein Plattenregal, die mit bizarren Klängen aus der Hand besagten Engländers angefüllt waren.

Fred Frith begann seine Karriere im Folk-Umfeld der späten sechziger Jahre. Das Jahr 1968 (in dem sich in einem kleinen Haus in Bremen etwas ganz anderes zutrug...) sah die Gründung einer bizarren Jazz-Blues-Formation namens Henry Cow. Nachdem die Besetzung in den Folgejahren häufig durchwechselte, kristallisierte sich der Nukleus um die beiden Gründungsmitglieder Frith und Tim Hodgkinson heraus, ergänzt von John Greaves und Chris Cutler. Diese Leute gaben dann auch 1973 das erste Album heraus, "Legend", dessen Cover von einem vielfarbigen Flechtstrumpf verziert wird. Auch die Musik auf der LP ist ein vielfarbiger Flechtstrumpf aus komplizierten Jazzrockharmonien, die ein wenig an Frank Zappa in seinen verspielteren Momenten erinnern. Zwischendurch setzt es knallige Improvisationen der ganz schrägen Sorte, die die Platte gänzlich ungeeignet für Singleparties machen... An dem Stück "Nirvana for Mice" pfriemelte bereits ein junger Mike Oldfield herum, der erneut mitmischte bei...

..."Unrest" (1974), dem zweiten Album von Henry Cow. Der dadaistische Sinn für Humor, der schon "Legend" zu einer eben solchen werden ließ, war auch hier deutlich spürbar und forderte den Verknöcherteren unter den Jazzfans mit Sicherheit einiges ab. Hinzugekommen war die Fagottistin Lindsay Cooper (von der ich auch die schöne Solo-LP "Schroedinger´s Cat" besitze), und es sind nicht zuletzt ihre Einflötungen, die dem sonstigen Gebläse des Herrn Hodgkinson stabilen Charme zusichern. (Na, DD, ist DAS eine Formulierung?) (Ich habe übrigens auch stabilen Charme!) Nach dem fröhlich synkopischen Anfangsstück "Bittern Storm over Ulm" nimmt schon bald nicht minder fröhliche Improvisierwut überhand, die teilweise für Feingeister in den Bereich des schwer Hörbaren hineinreicht. Trotzdem, wenn mich die Beschäftigung mit Friths Gesamtwerk eines gelehrt hat, dann, daß es sich nicht lohnt, bei den ersten Schwierigkeiten gleich die Kurve zu kratzen. Gerade die Mißklänge sind es häufig, die einem das Tor zu den höheren Sphären öffnen... "Per aspera ad astra" heißt das wohl. Daß auf "Unrest" so unerbittlich improvisiert wird, liegt übrigens auch daran, daß die Gruppe zu Beginn nicht genug komponiertes Material zur Verfügung hatte und dann mal sah, was sich mit den Weisen aus dem Morgenland so alles anstellen ließ...

Nachdem bereits das Cover von "Unrest" einen grauen Flechtstrumpf aufzuweisen hatte, war es ein roter Flechtstrumpf, der auf "In Praise of Learning" (1975) um Füße buhlt... Neu zur Gruppe hinzugestoßen waren verschiedene Musiker der Gruppe Slaphappy (Peter Blegvad und Sängerin Dagmar Krause), und Dagmars Teilnahme am rhythmischen Gewitter von Henry Cow war es wohl zu verdanken, daß ungewöhnlich viel Text auf der Platte zu vernehmen ist, hervorgebracht von Dagmars dunkler, rauher Stimme, deren teutonischer Akzent zusätzliche Kampfkraft in die Vorgänge einbrachte, der schön dokumentiert wird von Titeln wie "Beautiful as the Moon, Terrible as an Army with Banners". Mit ziemlicher Sicherheit das härteste, ruppigste Henry-Cow-Album überhaupt, hochdramatisch bis zur Schmerzgrenze. Die zierliche Dagmar konnte man (außer auf den Slaphappy-Releases) auch noch bei Aufnahmen so unterschiedlicher Künstler wie Michael Nyman und Kevin Coyne bewundern. Auch hat sie Soloalben mit Werken von Eisler und Brecht herausgebracht...

Neben einer Live-Doppel-LP ist "Western Culture" wohl das letzte Werk von Henry Cow gewesen, und in erster Linie waren es nur noch Frith, Hodgkinson, Cutler und Cooper, die dem spätkapitalistischen Affen Zucker gaben. Die beiden Seiten sind betitelt "History + Prospects" und "Day by Day", und die politische Herangehensweise wurde noch verstärkt bei den drei Alben, die Frith zusammen mit Frau Krause und Herrn/Herrm Cutler als "Art Bears" aufnahm, die arrangementmäßig wesentlich reduzierter sind als die Cow-Geschichten, aber nicht weniger intensiv. Die Songs sind sehr direkt, haben humorlose Titel wie "The Song of the Dignity of Labour Under Capital", aber sie kommen damit durch, weil sie einfach so gut gemacht sind. Die erste LP, "Hopes and Fears" (1978), ist allein auf CD wiederveröffentlicht worden, mit einigen Bonussen, und "Winter Songs" (1978) und "The World As It Is Today" finden sich beide in trauter Gruselumarmung auf einem digitalen Silberling.

Fred Friths Soloalben sind nun etwas, woran mein Herz hängt. Das erste kam nieder auf die Menschheit im Jahre 1980, "Gravity", und es ist mein absolutes Lieblingsalbum. Auf dieser Platte greift sich Frith alle seine folkloristischen Wurzeln, knabbert sie zusammen mit einigen schwedischen Kollegen, und was rauskommt, ist gut im Quadrat. Nach synkopischem Gebrezel im Eingangsstück "The Boy Beats the Rams" kommt saccharines Gesüßel in "Spring Any Day Now". Dann folgt wieder der Ernst des Spaßes in "Don´t Cry For Me", und angesichts der inspirierenden Stolperpfade, die der Baß beschreitet, möchte man das auch nicht wirklich... Violinenhände leiten dann die "Hands of the Juggler" und leiten über in das immens aufwühlende Gitarrenstück Norrgarden Nyvla, dessen Titel dem Aufnahmeort entlehnt ist. Auf Seite 2 entzückte mich am meisten das fetzige "Slap Dance", bei dem gitarrentechnisch einfach alles aus ist... Neben einem schönen Cover von "Dancing in the Streets" (Bowie) wird "A Career in Real Estate" befiedelt, und nach "Dancing in Rockville, Maryland" droht dann das Aus. Besitzer der famosen CD kriegen aber noch sozusagen eine dritte Seite hinten angehängt, und da sind so schöne Stücke wie "Geistige Nacht" oder "Moeris Dancing", wo die Moresken in die totale Havarie eintreten... "Life at the Top" ist ein bombiges Violinsolo, und was Frith bei "Oh, wie schön ist Panama" auf seiner Gitarre herbeizaubert, ist ein doppelter Tritt in den Podex von Ricky King und allen Schmachtlockengitarreros. Eine Meisterklassen-CD!

Hier ein kleiner Exkurs. Ich habe Fred Frith bisher zweimal live erleben können, und zwar im Bremer "Kito", wo sich die angeheiratete und die echte New Yorker Garde offensichtlich sehr wohlfühlt, denn sie treten dort des öfteren auf. (Neben Frith habe ich dort auch Idole wie John Zorn und Bill Frisell erleben dürfen.) Frith machte den Eindruck eines menschlich höchst sympathischen, begnadeten Grenzbereichlers. Wenn er zum Bühneneingang schlurfte, war er immer ernst und traurig, aber auf der Bühne entfaltete sich die unberechenbare Dynamik eines humorbegabten Menschen: Ohne auf Show zu machen, feixte er zwischen und während seinen Stücken und ließ Reiskörner und Metallspiralen auf seine Gitarre fallen, daß es nur so eine Art hatte. Ich hatte bei beiden Abenden den Eindruck, einem wunderbaren kreativen Künstler zu folgen, und es sind solche Eindrücke, die die ganze Übung lohnenswert machen.

Weiter: "Speechless" (1981) beginnt mit einem unheimlichen Kinderspielplatz, auf dem die Kinder das beliebte Spiel "Kick the Can" spielen. Die Dose landet mitten im "Carnival on Wall Street", wo fröhliche Gitarrenrhythmen in Barrikaden landen, die kein Mörder-Alligator zu errichten vermag... Bei "Ahead in the Sand" geht das Spiel weiter, und Fred munkelt sich lebhaft in ein Inferno aus krachigen und synkopischen Voice-Samples - Mann, verliert der Mann niemals den Halt? "Laughing Matter" ist keine solche und strapaziert die Humorgewohnheiten der sehr breiten Masse. Auf der zweiten Seite reichen sich nette Harmoniestückchen wie "Navajo" und "Balance" die Hand, um dieselbe zu behalten, und werden dabei kompromittiert von dem zutiefst desorientierenden "Speechless". Das bukolische "Domaine de Planousset" gibt dann den Weg frei für die Reprise von "Kick the Can", die noch mal einen Zacken unheimlicher ausfällt... Unter den vielen Bonus-Tracks gibt es das tolle "The Entire Works of Henry Cow", wo sämtliche Stücke besagter Gruppe in einer Minute zusammengefaßt werden. Auch die Japanerin Tenko hat noch einen Auftritt in dem zutiefst rückwärtigen "Dig".

"Cheap At Half The Price" wurde veröffentlicht um 1984 und enthält einen singenden Fred Frith, der einigen netten Trällereien eine bizarre Note verleiht. Während der Gassenhauer "Some Clouds Don´t Have A Silver Lining" noch wohliges Wonnegefühl verbreitet, enthält "Cap the Knife" bereits marschierende Stiefel und einen Ronald Reagan, der mit geübter Stimme Unwahrheiten verbreitet. Die Familie Feuerstein trifft die Masters of the Universe - beware, will you! Die zweite Seite ist eher instrumental, enthält aber solche Klassiker wie "Flying in the Face of Facts". "Welcome to the insects, we´re all the suspects..."

Mit dem leider Gottes viel zu früh verstorbenen genialen Cellisten Tom Cora hat er noch zwei Alben unter dem Gruppennamen Skeleton Crew aufgenommen. Bei der zweiten war auch Zeena Parkins dabei. Beide Alben sind monumental hottehüh und zusammen auf CD wiederveröffentlicht. Cora habe ich einmal bei einem Konzert mit der holländischen Punkgruppe The Ex beäugt, und es war sein Verdienst, daß dies eines der unvergeßlichsten Konzerte meiner Erinnerung bleibt. (Auch hier: kaufenswerte CD!) Zu den eher generischen Punkakkorden der freundlichen Holländer wand sich der Amerikaner in Bremens "Schlachthof" um sein Instrument, daß man es kaum glauben mochte. Das Cello ist ohnehin mein Favorit unter den Streichinstrumenten, aber was dieser Mann daraus hervorzauberte, war brillant und ist auf mehreren CDs festgehalten. Die Skeleton-Crew-Sache ist eine schöne Mischung aus mutig hervorgekrischenen Binsenweisheiten und einem lustvollen Tauchen in den Abgrund der Improvisation. Ein Stück schaffte es sogar in die deutsche Musiksendung "Formel Eins"! Zwei Superplatten...

1990 kam der Soundtrack zu einem sehr schönen Musikfilm heraus, "Step Across the Border" (von Nicolas Humbert und Werner Penzel), der sich voll und ganz dem Werk von Fred Frith verschrieb. In diesem tollen Film wird nicht nur die Wirklichkeit von Friths Tourneealltag eingefangen, sondern auch die Wirklichkeit der Menschen um die Konzerte herum. Frith war immer ein Musiker, für den Musik eine universelle Angelegenheit war, die die Herzen aller Menschen berührt, ob gelehrt, ob ungelehrt. Musik ist niemals eine intellektuelle Übung, sondern ein Anknüpfungspunkt an die Allgegenwärtigkeit der Gefühle. Die Menschen sind die Hauptdarsteller in dieser eigenwilligen Künstlerdarstellung, und sie klammert den komplett abgeschafften Frith ebenso ein wie die Menschen in aller Welt, von denen Frith seine Inspiration bezieht. Das Album bringt diese Absicht vorzüglich herüber und enthält neben Frith auch Musiker wie John Zorn, den Kanadier René Lussier, Iva Bittová, und die Japanerin Haco. Die Musik ist eine Kunst, die sich direkt an die Gefühle wendet, und der Anspruch von Friths Musik ist jedem Nationalismus fremd. Das wird hier mehr als überdeutlich. Schöööne Platte!

Ein rechter Kracher ist auch die bereits 1987 herausgebrachte LP "The Technology of Tears", die verschiedene Ballettarbeiten von Frith enthält, unterstützt von Musikern wie John Zorn, der japanischen Vokalakrobatin Tenko oder Zorns Sample-Zauberer Christian Marclay. Für mich repräsentiert dieses Album die spezielle Kunst Friths, musikalische Genres aufzusprengen und zu ihrem Ursprung, der menschlichen Gefühlswelt, zurückzuführen, mit am perfektesten. Wie sich Musik in Bewegung und somit in Lebensausdruck umformt, kann auf dieser Platte beispielhaft nachempfunden werden und motiviert bis ins Mark. Enorm aufregend und eine der anschaffenswertesten Frith-Platten.

Noch ein Knaller, der hier unmißverständlich anklopft, ist die 1986 aufgenommene Platte "Nous autres", die Frith zusammen mit René Lussier aufgenommen hat (mit dem ich ihn auch lange Jahre später im Konzert genießen durfte). Gleich beim Eingangsstück, "Cage de Verre", fangen Frith und Lussier zaghaft an zu klampfen und halten in ihrer rhythmischen Eintracht inne, bis Chris Cutler als Schlagzeuger die Bühne betritt, begrüßt von einem stürmischen Publikum. Dann beginnt die Show. Und was die beiden, begleitet von diversen begnadeten Begleitmusikern, anstellen, ist wirklich aller Ehren wert, wie das Fußballkommentatoren nennen... Bei "Ketsui" dröhnt die Japanerin Tenko hinein, und bei "J´aime la musique" sagt Christoph Anders Hallo und vergoldet einen Diatrib zwischen Adolf Hitler und Ernst Jandl...

Mit Ferdinand Richard (von Etron Fou Leloublan) bastelte Frith die liebliche Oper "Dropera" (1990), die eine Geschichte von Unfall, Überfall und Auflösung erzählt und ziemlich toll anzuhören ist. (Von Ferdinand ist auch sonst manches höchst anhörenswert, z.B. die Platte mit "Ferdinand et les Philosophes"...) Meine Frankreichbesuche finden hier ihre konscheniale Entspreschung...

Massacre (nicht zu verwechseln mit der Heavy-Metal-Combo gleichen Namens!) war ein Projekt mit dem New Yorker Allroundgenie Bill Laswell und Lou-Reed-Schlagzeuger Fred Maher. Auf "Killing Time" bonzen sich die drei durch ein so kraftvolles improvisatorisches Donnerwetter, daß vielen Hören und Staunen vergehen wird... "Conversations with White Arc" von "Speechless" hat hier seinen Ursprung. Was hier abgeht, hat Endzeitcharakter, aber es ist eine Endzeit, die in strammen Segen überleitet. (Von Bill Laswells Musikerkollektiv Material gibt es auch einige hörenswerte Platten aus dieser Zeit, und deren häufiger Ko-Konspirator Anton Fier hat mit den Golden Palominos auch einige schöne LPs gemacht.)

Und, yippie, da sind noch zwei Alben mit einer sehr ungewöhnlichen Besetzung. Die Musiker sind der englische Gitarrenheld Richard Thompson, der Captain Beefheart-Veteran John French, Gitarrentüftler par excellence Henry Kaiser (nur echt mit geschmacklosen Hawaii-Shirts) und halt Frith. Das erste ist zwar das schwächere, aber mein Favorit: "Live, Love, Larf and Loaf" (1988). Frith selber liefert sich das Schrei-Duett "Where´s the Money?" und hat noch ein schönes Duett mit John French auf "The Second Time" und ein Instrumental am Schluß der LP. Zu Richard Thompson ist zu sagen, daß er nicht nur den Löwenanteil des Gesangs auf dieser Platte auf sich hievt, sondern auch einen Großteil der Meriten. Denn Richard ist einer der begnadetsten Bluesrock-Schmachter, die ich jemals in meinem Leben gehört habe. Ein freundlicher, unscheinbarer Mann, hat er doch Sachen gemacht, die mir das Herz im Nabel gefrieren lassen. Sein bestes Album heißt "Rumor and Sigh" und gehört zur Pflichtanschaffung für jeden guten Menschen. Herzzerbrechende Themen und schräge Gitarrenrhythmen bilden bei ihm das Rückgrat einer Musik, die den Sinn für das Gute stählt. Und Henry Kaiser ist ohnehin einer der kompromißlosesten Gitarrenmeister, da seine meisten Werke in erster Linie Zeugnis ablegen von seinem Geist für rückhaltlose Experimentierwut. Hört Euch nur mal sein Duett mit Frith in "With Enemies Like These You Don´t Need Friends" an... Auch ansonsten ist Kaiser der Kaiser in sympathischer Experimentierfreude. Auf "Live, Loaf usw." sticht auch das gemeinschaftliche Beach-Boys-Lied "Surfin´ USA" hervor, das garantiert niemals so energisch gecovert worden ist. Die zweite Platte des Quartetts heißt "Invisible Means", ist etwas weniger schräg und enthält Kostbarkeiten wie Thompsons herzzerreißendes "Killing Jar" und den Marsch der Schönheitschirurgen...

Schubiduh - der Rest wird vermeldet in dem Text über John Zorn. Wohlsein.

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