FALTIGES FLEISCH

Sergio Bergonzelli ist kein Mensch wie alle anderen. Ich durfte dies erfahren, als ich nach langen Jahren des Konsums seiner Filme die Freude hatte, seine Bekanntschaft zu machen. Das Interview (das bald in einer nicht näher genannten Publikation erscheinen wird) gestaltete sich höchst abenteuerlich, da Sergio niemand ist, dem man ungestraft eine simple Frage stellt. Nachdem er sich fachmännisch ausgeleuchtet hatte, gab er mir ein Interview, bei dem sich die Balken bogen. Nach nur zwei Fragen hatte ich komplett den Faden verloren und beugte mich der schillernden Pracht seiner Darbietung! Der Mann erzählte und erzählte, und auch wenn meine Fragen weitgehend unbeachtet blieben, so bot sich doch ein Schauspiel, das sittlich gereiftere Menschen in den Abgrund treiben könnte. Mein Freund Massimo warf immerfort fröhliche Scherze ein, die auch mir willkommenen Anlaß zu fröhlichem Gelächter boten, das die Ausführungen Sergios konterkarierte.
   Sergio ist vollkommen wahnsinnig. Eine Seele von Mensch, aber vollkommen gaga. Nach dem Gespräch fuhren wir stadteinwärts, um den Anlaß gebührend zu feiern. Bei einer verdammt guten Pizza gossen wir uns die Plauzen voll Whisky. Danach konnte kaum einer von uns gerade stehen. Dennoch ließ es sich Sergio nicht nehmen, mich zum Hotel zu fahren. Die Fahrt werde ich nie vergessen. Wir passierten rote Ampeln wie Zinnsoldaten, und Einbahnstraßen wurden vorwiegend von der falschen Seite genommen. Roberto Benigni in NIGHT  ON EARTH ist gar nichts dagegen. Wir sausten wie der Wirbelwind durch das nächtliche Rom, und der Sensenmann lächelte und ließ uns wohlgefällig gewähren...
   Einer der bemerkenswertesten Filme seiner Karriere ist NELLE PIEGHE DELLA CARNE (1970), der unter dem Titel IN THE FOLDS OF THE FLESH bei "Redemption" erschien und eine Pflichtanschaffung darstellt. Wer dem Giallokino zugeneigt ist, bekommt hier die volle Packung. Nach einer Einblendung, die von einem gewaltsamen Schock berichtet, die den Verstand auf Dauer beschädigt, sehen wir einen abgehackten Pappkopf, der von einer Untat zeugt. Diese Untat hat sich zugetragen im Hause von André, einem zwielichtigen Zeitgenossen, der anscheinend von der Axt seiner Lebensgefährtin Lucille gefällt wurde. Reichlich belämmert sitzen alle Mitglieder der Familie um den Ort der Untat herum und halten die berühmten Maulaffen feil. Lucille bemüht sich dann, den Leichnam stilvoll in einem häßlichen Teppich zu verscharren, doch ein Zaungast ist anwesend: Pascal, ein ehemaliger Gehilfe ihres Mannes. Die Polizei eilt herbei und karrt Pascal hinweg, ohne bei dem frisch aufgehäuften Erdhaufen auch nur den mindesten Verdacht zu hegen...
   13 Jahre später kommt Lucilles Cousin Michel herbei, der ein selten unsympathisches Sackgesicht ist und mit seinem nervenden Geplärre ein baldiges Ableben ersehnen läßt. Und siehe da, man sehnt nicht umsonst, denn Lucilles Tochter Feliz schleppt den greisen Pappich ab und sticht den Deppen auf dem Faulbette ab. (Genaugenommen sticht sie ihn in den Rücken, während der Blutfleck an der Vorderseite prangt, aber jo mei.)
   Der Michel hat einen Briefumschlag für einen gewissen Derek im Sakko, den sie auch blitzgescheit prompt abschicken. Doch statt Derek kommt erst einmal Michels Freund Alex herbei, der einen selten widerwärtigen Bart in seinem Gesicht sprießen läßt und diesen durch sein unnachahmlich aufdringliches Getue sogar noch übertrumpft. Ihm wird von der Familie eine Tonbandaufnahme eines Lorca-Gedichtes vorgespielt, das von einer semi-inzestuösen Darbietung des Sohnes Colin mit Schwester Feliz (der er vorher schon einmal wie selbstverständlich die Füße geleckt hat) untermalt wird. Eine unglaubliche Sequenz. Feliz zieht dann mit dem eklen Pappich von dannen und zieht ihm den Dolch durch die Kimme - mit jedem Streich eine Leich´! Wie sie es ausdrückt: "Only Father can do it!" (Ojojoj!)
   Dann kommt eine zunächst beziehungslose Epsiode, in der der verdiente spanische Mime Alfredo Mayo eine blonde Irre aus einer Klapsmühle befreit, in der diverse Wahnsinnige zum Klang von Bibelzitaten eine vernissageähnliche Vorstellung abliefern. Danach geht´s wieder zurück zu der komplizierten Familie, wo auf einmal Pascal auftaucht (benannt "after the philosopher" - kreisch!), der 13 Jahre im Kahn eingesessen hat und nun seine Entlohnung verlangt. Zuerst nimmt er einmal die gesamte Familie Geisel, was unter den obwaltenden Umständen nicht die schlechteste aller Ideen ist. Nonchalant killt er einen der Familiengeier, die draußen in Vogelzwingern hausen. Er hat allerdings die Katze im Sack gekauft, denn Lucille hat einst in einem Konzentrationslager einsessen und scheinbar einige Zyklon-B-Tabletten (!) mitgehen heißen, denn nach einer unglaublichen schwarzweißen Rückblende wird der Pascal kurzerhand im Bade vergast! Nun ist es ohnehin eine ausgesprochen exzentrische Idee, den gedienten moppeligen Westerndarsteller Fernando Sancho beim Baden zu präsentieren (und hier sind die wahren "Folds of the Flesh", ladies and gentlemen!), aber daß er von aus einer Kuckucksuhr fallenden Zyklon-B-Tabletten hingerafft wird, ist schon ein ziemlicher Whopper...
   Dann kommt Alfredo Mayo ("Einmal Pommes Rot-Weiß, bitte...") hinzu, der sich als der wahre André erweist. Denn nicht André ist damals enthauptet worden, sondern sein Kompagnon Antoine, mit dem Lucille einst eine Liaison begonnen hatte. In einer schicksalsschweren Nacht versuchte Antoine einst, die Tochter von André zu vergewaltigen, worauf die Axt sprach. Aber es gibt ja noch eine zweite Tochter mit Namen Esther, und das ist nicht die einzige Überraschung, mit der das Drehbuch in den letzten zwanzig Minuten aufzuwarten weiß...
   Ja, was Bergonzelli hier hingemauschelt hat, spottet wahrlich jeder Beschreibung! Kinder, was geht das Karussell hier durch... Der Film beginnt mit einem Freud-Zitat: "What has been, remains imbedded in the brain, nestled in the folds of the flesh; distorted, it conditions and subconsciously impels..." Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Freud das gemeint hat, aber ich erinnere mich noch ganz genau, wie Sergio mit seinen Händen herumfuchtelte und raunte: "Ien se folds of se flesch ies... genotipo, fenotipo e biotipo!" Ich mochte ihm nicht widersprechen. Daß Mario Caiano für das Treatment verantwortlich zeichnete, glaube ich gerne, denn dessen kurz darauf entstandener L´OCCHIO NEL LABIRINTO erforschte ähnlich psychologisch verworrenes Terrain. In Sergios Film wird das kaputte Familienbild mit Grindcore-Sensibilität in den Zuschauer hineingedroschen - hier kommen keine gesunden Menschen heraus, das ist mal klar.
   Lucille wird gespielt von der gedienten Aktrice Eleonora Rossi Drago, die in Antonionis LE AMICHE mitspielte und mit Leichtigkeit die beste schauspielerische Leistung darbietet. Ihre Lucille ist optisch deutlich an Barbara Steele angelehnt und betrachtet die obwaltenden Anomalien mit gelassenem Bierernst. Als ihre Filmtochter fungiert die deutlich älter ausschauende Anna Maria Pierangeli, die einst als junge Sardin in das Filmgeschäft einstieg und sogar Hollywoodluft schnupperte. Diese Luft erwies sich aber schon bald als Abluft, und so nahm sie sich im Alter von nur 39 Jahren mit Barbituraten das Leben. Als Grund gab sie immerhin eine plausible Erklärung an: Sie konnte es nicht ertragen, 40 zu werden! Ich mutmaße aber, daß dieser Film mehr damit zu tun hat, als gemeinhin angenommen... Ihren letzten Auftritt hatte sie in Harry Essex´ unterhaltsamem Monsterschmocker OCTAMAN. In FOLDS hat sie eine Perücke auf, die auch mich in den Suizid treiben würde, und hat unglaubliche Szenen mit ihrem Filmbruder und Sancho. In der Hauptsache besteht ihre Aufgabe darin, traumatisch in die Kamera zu starren - jede Einstellung ein T-Shirt-Motiv! Was Fernando Sancho da treibt, is anybody´s guess, denn er entfernt sich weit von den mexikanischen Räuberbossen, die er in den Italowestern spielen durfte, nie, ohne sich einen fettigen Hähnchenschlegel genüßlich durchs Gesicht zu ziehen! Richard Harrison erzählte mir mal, wie er und Sancho bei einer Nachtfahrt von einem Petermann angehalten wurden, und Sancho anfing, mit seiner Person zu prahlen, bis beide fast auf das Revier abgeführt wurden... Der Mann dachte, er sei ein Supermann, und, bei Gott, er hatte recht! Alfredo Mayo schließlich ist mir am besten bekannt aus dem tollen Charakterdrama LA CAZA (DIE JAGD) von Carlos Saura, einer bösen Anti-Franco-Gesellschaftsmär, in der zwar viele unschuldige Hasen ihr Leben lassen müssen, aber der Film ist wirklich eine Bombe! Hier muß er einen chirurgisch umgestalteten Gangsterboß abgeben, und er sieht einmal mehr wie Keenan Wynn aus, der in die berühmten falschen Umstände geraten ist...
   Das Drehbuch stammt zur Hälfte von Fabio de Agostini, der später für den gar nicht sooo schlechten THE RED NIGHTS OF THE GESTAPO verantwortlich war, der häufig fälschlicherweise dem Naziporno-Genre zugerechnet wird. Hier verfängt er sich auf ansprechende Weise in einem Gewirr von familiären Pathologiebefunden, die zwar einen schlechten Film ergeben, aber auch einen höchst unterhaltsamen. Die Tatsache, daß Sergio Bergonzelli einen Blick für die Comic-Strip-Möglichkeiten der Materie besitzt, ist durchaus nicht abträglich. Es handelt sich hier um ein unsäglich verzwicktes Familienknäuel, das schmerzhaft und gewaltsam aufgezwungen wird. Das Resultat wird untermalt von Jesús Villa Rojos schräger, dissonanter Musik, die hier und da von einem pervertierten Wiegenlied aufgelockert wird. (Auszüge sind auf einer "Fantafestival"-CD von Cinevox enthalten, aber um rauszufinden, auf welcher, müßte ich jetzt in das Nebenzimmer gehen, und das könnte zu schweren traumatischen Schäden führen, und das möchte ich nicht riskieren!) In jedem Fall: Wer sich dieses Kleinod nicht zu Gemüte führt, wird niemals nachvollziehen können, wie wunderbar es ist, mit Sergio betrunken durch Rom zu fahren, und glaubt mir, es ist ein Makel in der Bewußtseinsbildung, wenn man diese Erfahrung versäumt hat!
   Habe ich versäumt, zu erwähnen, daß es hier demnächst mehr vom selben zu lesen gibt?

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