WER AM GRÜNEN TEE NAGTDas deutsche Cover von ENIGMA ROSSO (bei uns vollmundig ORGIE DES TODES betitelt) zeigt zwei nackerte Miezen, die durch eine Jalousie von zwei Krallenhänden bedroht werden. Darüber steht fett: "Blutjung, frühreif und zu Tode gequält!" Ja, so wird Verleihwerbung gemacht... In diesem Fall klappte das mit dem Verleihen wohl doch nicht so ganz, denn der deutsch koproduzierte Film steht nicht im "Lexikon des internationalen Films" und fand so wohl nur regionalen Einsatz, wenn überhaupt. Immerhin lief er noch im Fernsehen, als DAS PHANTOM IM MÄDCHENPENSIONAT...
Und der Film ist recht faszinierend, handelt es sich doch um eine Mixtur aus den beiden Mädchen-Filmen von Massimo Dallamano, DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL und DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER. Tatsächlich hat Dallamano in der italienischen Fassung noch einen Drehbuchcredit, was wohl andeutet, daß dies der dritte Teil einer Trilogie hätte werden sollen. Leider starb Dallamano anno 1976 bei einem Verkehrsunfall. Ich mutmaße einfach mal frech, daß er ansonsten die Regie innegehabt hätte.
Und das hätte einen besseren Film gegeben, denn insbesondere SCHWARZES LEDER ist ja wohl ein echtes Meisterwerk. Die inszenatorische Raffinesse von M.D.Geist geht Alberto Negrin, der letzten Endes das Zepter schwang, leider ab. Die Geschichte um die Umtriebe in einem Mädcheninternat, das in Teenagerprostitution verstrickt ist und dessen bezaubernden Zöglinge nach und nach die langen Löffel abgeben, gibt einen nett anzuschauenden Thriller ab - leider nicht mehr. Und obwohl Dallamanos Filme deutlich blutiger waren, werden sie von Negrins Herangehensweise in punkto Megasleaze an die Wand geklatscht! Kaum eine Teenagerin in diesem Internat taucht auf, ohne sich sofort nackt unter die Dusche zu schmeißen. (Tommi Ohrners Schwester Caroline ist auch dabei, hihi!) Sogar die Leiche, die von Kommissar di Salvo (Fabio Testi) zu Anfang mit zerfetztem Unterleib aufgefunden wird, darf noch einmal in paradiesischer Nacktheit genossen werden, was ich in dieser postmortalen Form etwas degoutant finde...
Angela Rosso war blutjung, frühreif und wurde mit einem eisernen Dildo zu Tode gequält! Als ihre Mutter erscheint Helga Liné auf der Bildfläche und identifiziert das strapazierte Balg. (Hat das Luder ja irgendwie verdient, nicht wahr, lieber Herr Werbetexter?) Ihr bleibt aber noch die kleine Nicoletta Elmi, die zu jener Zeit in dermaßen vielen Gialli mitgespielt hat (z.B. Argentos PROFONDO ROSSO), daß man über sie einen Dokumentarfilm mit dem Titel "A Nightmare on Elmi Street" drehen könnte... (´n Brüller, wa?)
Unterstützt von Kollegen wie dem Staatsanwalt Ivan Desny, bohrt sich di Salvo (Klappentext: "...der stoppelbärtige Bulle mit Schnauze und Herz...") in die intimen Geheimnisse der Internatsnymphen. Dazu erscheint er auch schon mal nachts auf der Türschwelle, schubst die heftig lamentierende Direktorin beiseite und platzt in die Zimmer der Schülerinnen hinein, die natürlich nackt im Bette liegen... (Bei uns wäre er für denselben Auftritt sofort nach Hoyerswerda versetzt worden!) Seine vorangegangene Unterredung mit dem Lehrpersonal war ohnehin bereits der Kracher: Selbst Sätze wie "Ich habe einen Wohnwagen am Strand; da ist es gemütlicher!" werden mit zentnerschweren Klavierakkorden untermalt, die so klingen, als würde da gerade der Name des Mörders genannt! Als ihm alle Leute nur losen Tinnef erzählen, schreit er die Direktorin an: "Sie wurde mit einem Stahlschwanz umgebracht!" Ah, die "Schnauze" des Klappentextes, soso...
Die Synchro ist übrigens eine Kinosynchro und stammt vom König der Synchronsprecher, dem leider vor kurzem verstorbenen "G.G." Hoffmann - Captain Kirk, James Bond und John Steed forever! Drehbuchautor Thomas Danneberg übernimmt immerhin Testi, und als dieser kam er wohl auch mit Christine Kaufmann zusammen, die eine bezaubernd sinnlose Rolle als Testis gebeutelte (immerhin kleptomanische!) Lebensgefährtin hat. Ihren Eso-Kram ziehe ich mir ja nicht so, aber die Frau hat wirklich verdammt schöne Augen - hach!
Einen sehr hübschen Gastauftritt hat mein Freund Jack Taylor als zwielichtiger Boutiquebesitzer. Ihm gehört auch der pittoreskeste Mord, denn der Killer rammt ihm seinen eigenen Lockenstab in den Hals! Ja, auf Eitelkeit wächst kein Segen, das hat Negrin gut erkannt...
Carlo Carlinis Kameraarbeit ist wie üblich verläßlich und sorgt für schöne Fahrten durch das nächtliche Internat, und auch die Szene mit den Murmeln vermag zu entzücken. Trotzdem, man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was wohl aus dem Film hätte werden können, wenn der gute Dallamano ihm seine sichere Hand geliehen hätte, denn STECKNADEL und SCHWARZES LEDER machen in ihren jeweiligen Handlungen wirklich Sinn, und diese Übersicht fehlt bei ENIGMA ROSSO völlig. Hier hat man lediglich versucht, marketable Situationen aneinanderzureihen, und das häufig auf Kosten des guten Geschmacks. Immerhin liefert der Film immer noch akzeptable, gelegentlich gut inszenierte und spannende Unterhalt für Giallo-Junkies, wenngleich ich Desny für eine schreckliche Fehlbesetzung halte, aber jo mei. Riz Ortolanis schmissige Musik habe ich sogar auf Platte, denn sie stammt ursprünglich aus Alberto de Martinos hervorragendem Mafiathriller IL CONSIGLIORI (IM DUTZEND ZUR HÖLLE). Kommt aber auch hier sehr gut.
Kann man einem toten Mann in die Taschen fassen? Man kann.
![]()