DIE AMERIKANISCHE NACHT

(oder: Einige gute Gründe, James Ellroy zu lesen!)

In meiner Kindheit las ich Kriminalromane leidenschaftlich gern! Das begann mit netten Detektivgeschichten vom Schlage Agatha Christies, wo alte Damen und wohlbeleibte Franzosen bei der Verrichtung ihres Fünfuhrtee-Rituals empfindlich gestört wurden durch das Eintreffen einer Leiche, die die Ordnung der Dinge in unziemliche Schieflage brachte. Zumeist trugen sich die Schurkereien in der sogenannten besten Gesellschaft zu – von Britannias Unterschicht erfuhr man nicht wirklich etwas. Mir war schon damals klar, daß diese Romane so antiquiert waren wie Teewagen und ähnliches Schnöselmobiliar, aber sie waren halt nett unkompliziert zu durchforsten. Man hatte es mit einem denkbar überschaubaren System von Sitten und Werten zu tun, das da betulich vor sich hinfunktionierte, und was immer an grausem Gemeuchel das englische Idyll stören konnte, wurde ohne viel Federlesens extrahiert: Der Meisterdetektiv Hercule Poirot zückte seine Handtasche und Miss Marple ihre Pfeife (oder umgekehrt?), und mit der Knute der Ratio, des Intellekts und der berühmten tantigen Prise kriminalistischen Spürsinns wurde der Beelzebub ausgetrieben. Britannia atmete auf – aaaaaaah!

Natürlich waren diese kriminalistischen Teeplätzchen von keiner wie auch immer gearteten Realität beleckt. Ich habe zur Tatzeit der geschilderten Morde noch nicht gelebt, aber ich bin mir ziemlich sicher: Das war damals nicht wirklich so! Vielmehr ging es in den Romanen um die Schilderung einer kompromittierten Behaglichkeit – Ordnung, auf die sozusagen eine Fliege furzte und Leichen zurückließ -, und mit spielerischer Leichtigkeit, sozusagen im Vorübergehen und als Hobby, wurden die Fälle gelöst. Mein Vater bedachte diese Krimitradition immer mit den Worten: “Der Butler bzw. der Gärtner ist immer der Mörder.” Die häufig kruden Auflösungen wurden später, als das Filmkrimipublikum längst andere Schoten gewöhnt war, auch des öfteren persifliert, etwa in der schönen Neil-Simon-Komödie "Eine Leiche zum Dessert" oder dem wirklich hervorragenden "Mord mit kleinen Fehlern", in dem Laurence Olivier einen impotenten, latent sadistischen Krimiautoren spielt, der seine Werke als Freizeitunterhaltung für überspannte Kindermädchen zu konzipieren scheint...

Später gerieten dann die wesentlich realistischeren, aber auch unfreundlichen Kriminalromane auf meinen Büchertisch, in denen kaputte Charaktere sich mit korrupten oder heillos neurotisch bis psychopathischen Existenzen herumbalgen mußten. Von Raymond Chandler (der Vater des Noir-Krimis) über Dashiell Hammett bis zu Day Keene, Ross MacDonald oder Kommunistenfresser Mickey Spillane las ich eine ganze Menge, und da sich auch mein Filmschrank immer mehr füllte, bekam meine Begeisterung ständig neue Nahrung. Noir-Filme verehre ich abgöttisch! Tommy Udo in "Der Todeskuß", Stanley Kubricks "The Killing", Robert Siodmaks "The Killers", Edgar Ulmers "Detour" - die Liste ist zum Glück endlos.

Irgendwann dachte ich aber, daß ich so ziemlich alles gelesen hätte und alles Neue nur noch in Repetitionen der alten Geschichten münden müßte. Da sah ich irgendwann einen Film namens "Cop" von James B. Harris, den ich ob seiner niedergeschlagenen Grundstimmung sehr ungewöhnlich, sehr unhollywoodesk fand. James Woods spielte da einen harten Bullen, der einen Psychokiller jagt. Obwohl der Film retrospektiv eigentlich eher "Geht-So" war, animierte er mich doch dazu, das Buch “Blood on the Moon” von James Ellroy zu lesen, auf dem der Film basierte. James Ellroy selber mag das Buch mittlerweile nicht mehr, aber er sollte ihm dankbar sein, denn so wie mir wird es auch vielen anderen Krimi-Fans gegangen sein – mit Begeisterung las ich die weiteren Ellroys komplett durch, und eigentlich immer auf englisch, was etwas problematisch ist, denn die deutschen Fassungen sind angeblich hier und da etwas gekürzt, da die Blutwurst beizeiten zu inbrünstig rotierte für den hiesigen Standard...

Ellroys Prosa ist umwerfend. Sie deprimiert mich jedesmal aufs Neue, weil ich weiß, daß ich wahrscheinlich niemals so verdammt gut werde schreiben können. Sie ist melodisch, ohne aufdringlich zu sein. Sie schildert das ewige Drama von dem Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist, mit unnachahmlicher Nüchternheit, gerade an den grausigsten Stellen, nur um umso intensiver in den Leser einzuziehen. Ellroys Vergangenheit – denn die meisten seiner Bücher spielen in einer Noir-Vergangenheit – schildert Systeme, die sich von denen der Agatha Christie mehr als nur ein wenig unterscheiden. Das überliegende Thema ist jenes der Korruption: Gut wie Böse agieren aufgrund individueller Interessen, die sich nutzbringend miteinander verweben, um so eine Art Countryclub des Bösen zu bilden. Wer gut und wer böse ist, verschwimmt bei Ellroy, aber es ist nicht das simple Prinzip des Antihelden, das er dabei entwirft – auf Grundlage seiner farbigen, eindringlichen Schreibe läßt er den Leser hineinsinken in die Welt, daran partizipieren, zum Mittäter werden. Man ertappt sich manchmal dabei, wie man rechtskonservativen Bullen die Flossen drückt, wenn sie ihre Interessen verfolgen und dabei so manches Unrecht tun. So richtig unrecht haben sie dabei auch nicht immer, denn das System funktioniert auf infame Weise fast ebenso reibungslos wie jenes der Agatha Christie. Es ist ein System, das die Werteverhäckselung auch der heutigen Mediengesellschaft treffend illustriert, wo kein 11. September den TV- und Printhaien blutig genug sein kann, um daraus heuchlerisches Kapital zu schlagen.

Die Helden von Ellroy sind kleine, verkorkste Menschen in verantwortlichen Positionen, z.B. Polizist, Staatsanwalt, Detektiv. Sie alle suchen auf dem Papier nach Gerechtigkeit und Wahrheit, und häufig wissen sie selber nicht einmal, daß die Dämonen, die sie antreiben, in keiner Knastzelle Platz finden können. Sehr häufig sind es Traumata aus ihrer Vergangenheit oder soziale Mißbildungen, die den Helden ihren Sinn für Werte aufzwingen – ohne Gespür dafür, daß das eigene System mit dem System der anderen Leute vielleicht kollidieren könnte. Kollisionen werden häufig mit Gewalt aus dem Wege geräumt, aber ohne, daß das für Frau Christie so charakteristische Gefühl der Reinigung und Läuterung entstehen würde. Man ist sich immer bewußt als Leser, nur einem kleinen Teil des großen Ganzen beizuwohnen, und - kleiner Schlüssel zum Ellroy-Idyll – man ist bizarrerweise sogar mit diesem Umstand zufrieden. Man durchsackt die Lebensläufe von Leuten, mit denen man im wirklichen Leben niemals ein Bier teilen wollen würde und weint bittere Tränen, wenn die Figuren auf einmal nicht mehr sind.  Man hat immer das Gefühl, daß etwas Tragisches vorgeht, etwas Unvermeidbares. Das endet dann häufig auf dem Seziertisch in der Pathologie, wenn mit medizinischer Präzision die Wunden und Verletzungen geschildert werden, an denen wieder eine arme Seele ihr Leben ausgehaucht hat.

Sprachlich hat sich Ellroy im Laufe seiner Karriere immer einer großen Flexibilität bedient: Während sein erster Roman – "Brown´s Requiem" – noch fast ausschließlich mit der Stimme des Hauptcharakters spricht, fließen in späteren Romanen viele unterschiedliche Stimmen zusammen. In der Vorlage zu dem berühmten Film "L.A. Confidential" etwa verfolgen die Erzählstränge die Lebenslinien von gleich drei sehr unterschiedlichen Charakteren, die dann auch noch von den sehr hipster-artigen Artikeln eines Sensationsjournalisten gesäumt sind. Die Hipster-Diktion – in ihrer satten, grellen, eine klare, subjektive Realität schaffenden Begeisterung – liegt Ellroy sehr, und in abgeschwächter Form tritt sich fast überall in seinen Romanen auf.

Dig this, hepcats...

Da sich Ellroy stets von den realen Figuren der Kriminalwelt seiner Kindheit und Jugend beatmen ließ, werde ich Euch jetzt ins Jahr 1947 entführen und Euch einen Kriminalfall schildern, der zu den berühmtesten und infamsten des 20. Jahrhunderts zählt und Ellroy maßgeblich geprägt hat. Die Rede ist von Elizabeth Short, besser bekannt als die “Schwarze Dahlie”! Es war am 15. Januar 1947, als ein Passant auf einer unbebauten Wiese nahe Hollywood den nackten Körper einer 22-jährigen weißen Frau entdeckte. Was die Polizeibeamten am Tatort vorfanden, sah so aus:

Der Mörder hatte den Torso der Frau zweigeteilt, nachdem er sie tagelang gefoltert und mißbraucht hatte. Er hatte ihre inneren Organe rearrangiert und ein Lächeln auf ihrem Gesicht eingeritzt. Angeblich soll er auch die Buchstaben BD auf ihrem Körper verewigt haben. Ihr Mörder wurde niemals gefunden, obwohl Gerüchte und (vermutlich falsche) Beschuldigungen ins Kraut schossen. Der Fall entwickelte sich zu einer Besessenheit für das Amerika der Nachkriegsjahre, u.a. wegen der Hintergrundgeschichte. Elizabeth Short war eine von vielen “Young Hopefuls”, die aus dem Hinterland nach Hollywood kamen und hofften, dort Starruhm zu erlangen. Da der Sternenglanz auf sich warten ließ, vertrieb sie sich die Zeit mit einem ausschweifenden Lebenswandel, mit dem sie wohl auch ihren Aufenthalt finanzierte. Sie verwandelte sich binnen kurzem von einem unscheinbaren Provinzmädchen zu einer Verkörperung männlicher Wunschvorstellungen. Wie James Ellroy es ausdrückt: “Viele Männer wollten mit ihr schlafen – einige wollten sie töten.”

Natürlich bot die Story Stoff satt für moralisierende Warner wie auch für pubertierende Jugendliche mit einem Hang zum Morbiden. Wie James Ellroy. Der jugendliche Ellroy bekam Alpträume von dem Fall. Er erschuf sich Tagträume, in denen er Betty Short vor ihrem Mörder rettete. Alle Frauen, die ihn in seinem alltäglichen Leben anzogen oder erschreckten, baute er nun in diese oftmals blutrünstigen Fantasien ein, die immer komplexer wurden. Die Grundlagen für seinen späteren Beruf entstanden hier. Doch der Fall ist sogar noch komplexer. Wir wechseln jetzt für einen Moment den Tatort.

Wir schreiben das Jahr 1958. Es ist der 22. 6. 1958. Spielende Kinder entdecken im Efeugestrüpp am Rande des Sportplatzes einer Schule den Körper einer etwa 40 Jahre alten weißen rothaarigen Frau. Es ist Sonntagmorgen, und die Frau trägt ein zerzaustes blaues Ausgehkleid, was darauf hinweist, daß es sich um den tragischen Ausgang eines durchzechten Samstagabends handelte. Als Todesursache war Erstickung durch Strangulation offensichtlich, da die Frau ihren eigenen Strumpf um den Hals geknotet hatte. Man identifizierte die Frau sehr rasch als Jean Hilliker Ellroy.

James Ellroys Mutter.

James Ellroy war gerade einmal 10 Jahre alt, als er mit der Ermordung seiner Mutter konfrontiert wurde. In seinem 1996 erschienenen Buch "My Dark Places" schildert er den Kriminalfall und wie er seinen eigenen Werdegang beeinflußte. Zunächst einmal machte der Mord auf ihn keinen großen Eindruck. Seine Eltern lebten bereits seit geraumer Zeit getrennt voneinander. Ellroy schildert seinen Vater als einen sehr maskulinen Typen, der sehr bemüht war, eine Aura von Machismo und Stärke aufrechtzuerhalten. Seiner Mutter gefiel diese Aura, und sie verliebte sich Hals über Kopf in den Strahlemann. An der Öffentlichkeit machten sie eine glänzende Figur. Ellroy vergleicht die beiden mit Robert Mitchum und Jane Russell in dem Film "Macao". Sein Vater war meistens in buchhalterischen Jobs tätig, die er nie lange durchhielt. Eine Zeit lang war er sogar der Geschäftsmanager von Rita Hayworth. Ellroys Mutter arbeitete als Krankenschwester. Nach einigen Jahren kristallisierte sich aber heraus, daß der Vater nicht wirklich so stark war, wie er vorgab, und die Mutter leistete sich zahlreiche Fehltritte. Es kam zu großen Schreiduellen ohne Handgreiflichkeiten, die häufig vor der Nase des Kindes ausgetragen wurden. Als die Scheidung kam, wurde der Mutter das Sorgerecht zugesprochen, obwohl James beim Vater bleiben wollte. An den Wochenenden, die er bei seinem Vater verbringen durfte, diffamierte dieser die Mutter als Hure, die Mutter den Vater den Rest der Woche über als Schwächling. Als sie umgebracht wurde, bedeutete das für den kleinen James den Beginn des Lebens, das er sich gewünscht hatte.

Doch die Mutter kam zurück zu ihm. Sie kam in seinen Träumen, bei Nacht und bei Tage. Sie verfolgte ihn und wurde eins mit Betty Short, der schwarzen Dahlie. James stürzte sich in wahre Geschichten aus der Kriminalistik, bei denen er von dem Buch “The Badge” unterstützt wurde, der Printversion der Serie “Dragnet” von und mit Jack Webb. Hier fand er die großen Mordfälle und den Polizeialltag, ohne die grausigen Details und ohne die Brutalitäten hinter verschlossenen Türen. Er war schon immer ein Einzelgänger gewesen und versuchte sich an seinen Schulen als Clown und als Rowdy zu verkaufen. Er wollte lieber gefürchtet werden als ignoriert. Er hatte eine ausgeprägte Naziphase, stahl Bücher und Lebensmittel, später auch Alkoholika. In seinen Jugendjahren begann er, in Häuser einzubrechen, wobei er meistens kein Geld klaute, aber Souvenirs, Höschen von Mädchen, die er anbetete, etwa. Er war ein verklemmter Voyeur, der die Grenzen überschritt und es in vollen Zügen genoß. Erwischt wurde er dabei niemals. Kompliziert wurde die Sache, als er anfing, Drogen und Alkoholika zu konsumieren. In der hervorragenden Dokumentation "James Ellroy: Demon Dog Of American Crime Fiction" von Reinhard Jud weist Ellroy an einer Stelle auf einen Park und meint: “Hier habe ich jeden Tag gesessen, gesoffen und Krimis verschlungen, Tausende davon – zehn Jahre meines Lebens!” Er kompensierte seinen Mangel an echtem Sex mit seiner Fantasiewelt, die durch sorgfältig durch Experimente erprobte Drogen den richtigen Kick bekamen. Er war dabei, sich in ein richtig übles Subjekt zu verwandeln. Als er einige Jahre so vor sich hin existiert hatte, stellte er fest, daß er kurz davor stand, sich zu Tode zu saufen. Er machte einen Entzug, starb dann fast an einem Lungenabszeß, soff wieder, bekam Trinkerpsychosen und hörte Stimmen.

Jahrelang.

Dann machte es Klick, er nahm sein Restleben in die Hand und ging zu den "Anonymen Alkoholikern". Schon seit Jahren hatte er geplant, einen Roman zu schreiben, doch seine Angst zu versagen, hatte ihn davon abgehalten. Jetzt zog er die Sache durch, schrieb sich den Müll von der Seele, und viele autobiographische Details seiner Wanderjahre flossen ein in das Buch “Brown´s Requiem”.

Dieser erste Roman ist narrativ noch sehr simpel strukturiert und erzählt die Geschichte des Privatdetektivs Fritz Brown, der mit einem lange zurückliegenden Brandanschlag zu tun hat, der sich an dem realen Fall des “Club Mecca”-Anschlages orientierte. Wie man in Träumen eigene Gefühle und Sehnsüchte an die unterschiedlichsten Figuren delegiert, so versah Ellroy nicht nur den Titelhelden mit Einzelheiten seiner Vita, sondern auch andere Charaktere, etwa einen schäbigen, versoffenen Golf-Caddy – ein Job, den Ellroy selber für längere Zeit innegehabt hatte!

Die Sache mit dem Golfen übertrug er auch auf seinen zweiten Roman, “Clandestine”, der von dem jungen Bullen Fred Underhill handelt, der mit seinem alkoholischen Dichter-Kollegen "Wacky" Walker den grausamen Mord an einer Frau aufklären will. Wacky und einige weitere Frauen geraten unter die Räder, aber Underhill stößt immer tiefer in ein Geflecht aus Korruption und kranker Familiengeschichte vor, das sein ganzes Leben verändert...

Als nächstes erfand Ellroy für den Roman “Blood on the Moon” den steinharten Cop Lloyd Hopkins, dessen psychosexuelle Verknackstheit die Motivation ist für seine fast pathologische Besessenheit mit Gerechtigkeit. Obwohl in Hopkins bereits einige seiner späteren Figuren vorskizziert sind, ist Ellroy dieser Verfechter seines sehr eigenen Gesetzes mittlerweile fast peinlich, da er ihm zu wenig profund und interessant erscheint. Trotzdem führte der Roman zu der ersten Verfilmung – "Cop" mit James Woods –, und Hopkins begleitete Ellroy auch durch zwei weitere Romane, “Because The Night” und den besten der drei, “Suicide Hill”.

Dann kam der überaus unangenehme "Killer On The Road", in dem Ellroy in der ersten Person von den Aktivitäten des Serienmörders Martin Michael Plunkett berichtet. Zwar besaß er hier noch nicht ganz die erzählerischen Qualitäten seiner späteren Romane, aber es ist wahrlich schwer, sich dem obsessiven Charakter dieses perversen literarischen "Road Movies" zu entziehen. Alpträume sind garantiert. Wenn Buddy Giovinazzo das in die Hände bekommt, dann gnade uns allen Gott!

In "The Black Dahlia" von 1987 erzählte Ellroy dann endlich seinen Alptraumkriminalfall, eingebettet in eine fesselnde Polizistenstory, die die beiden Boxer "Bucky" Bleichert und Lee Blanchard durch sehr persönliche Abgründe führt. Ein guter Anfangspunkt für alle, die noch keinen Ellroy gelesen haben. Gegenwärtig wird den Fans der Mund damit wässerig gemacht, daß David Fincher das Werk verfilmen wird – was dieser Meister damit anstellt, bleibt abzuwarten...

In die Meisterklasse geriet Ellroy dann mit seiner “L.A. Trilogy”, bestehend aus “The Big Nowhere”, “L.A. Confidential” und “White Jazz”. Hier perfektionierte er seine Technik, die Geschichte aus mehreren Perspektiven zu schildern – die Narrative wandert hin und her zwischen Figuren wie Bud White, Edmund Exley, Jack Vincennes, Buzz Meeks und der irischen Supersau Dudley Smith. Er verwendete zahlreiche authentische Kriminalfälle und bettete sie ein in ein Gewirr kaputter, besessener Menschen und der allgegenwärtigen Korruption. Vollkommene Kracher, deren Gewaltexzesse bei uns deutlich entschärft worden sind. “L.A. Confidential” wurde 1996 aufwendig verfilmt, und auch wenn Ellroy normalerweise Versuche Hollywoods, seine Stoffe zu dekodieren, scharf ablehnt, so war er hier doch sehr zufrieden mit der Interpretation  – was Curtis Hanson und Brian Helgeland geschaffen hatten, war eine eigenständige, vollauf funktionstüchtige Vision seiner Bücher. Für “White Jazz” schuf er zum ersten Mal einen sehr reduzierten, sehr rhythmischen Schreibstil, der ursprünglich auf den Wunsch seines Verlegers zurückzuführen war, das Manuskript zu kürzen. Ellroy nahm ihn beim Wort und kürzte die Sätze in sich zusammen. Das Resultat ist ungewöhnlich zu lesen, aber ungemein melodisch und fesselnd.

Sein vorläufiges Meisterstück schuf er meines Erachtens 1995 mit “American Tabloid”, der die Verzahnung seiner gewohnten scheinharten Individuen mit amerikanischer Politik und amerikanischer Historie in aufregender Manier darlegt – ein Epos des Kriminalromans, an Härte, Spannung und Schönheit kaum zu übertreffen. 550 Seiten, die einen nicht mehr aus ihren Klauen lassen. Berüchtigte Gangster wie Sam Giancana, Carlos Marcello und Santo Trafficante jr. werden hier zusammengebracht mit "Jack" und Bobby Kennedy, dem allgegenwärtigen Damenwäscheträger J. Edgar Hoover, dem Hundeliebling Jack Ruby und anderen mehr oder weniger sinistren Figuren der Nachkriegsgeschichte der USA. Würfelt den smarten, skrupellosen und karrieregeilen FBI-Mann Kemper Cathcart Boyd, den kaputten Idealisten Ward J. Littell und den vierschrötigen Killer Pete Bondurant hinzu, dann habt Ihr ein Gruselkabinett der Macht, das an Dramatik nicht zu überbieten ist! 

Von einer sehr anderen Richtung kam dann “My Dark Places”, in dem Ellroy den Mord an seiner Mutter thematisiert, seinen eigenen Werdegang veranschaulicht und schließlich den Versuch schildert, mit einem echten Polizisten den über 30 Jahre alten Fall wiederaufzurollen – faszinierend, teilweise bestürzend und bewegend, und ein Blick nicht nur in Ellroys Seele. Danach sind noch weitere Bücher gekommen, die sich noch intensiver mit realen Fällen befaßten, aber ich gestehe, hier nicht ganz up-to-date zu sein. Im Moment lese ich die erst 2001 herausgekommene Fortsetzung von "American Tabloid", "The Cold Six Thousand", wo Big Pete, WJL und die anderen wieder mächtig Gummi geben...

Ja, die Welt ist ein Schlachthaus, aber es wohnt auch Menschlichkeit in den Kriegsgräben - auf der einen wie auf der anderen Seite. Diese Menschlichkeit treibt manchmal seltsame Blüten, aber je mehr man sich mit den unerfreulichen Seiten des Menschendaseins bekanntmacht, umso weniger schmerzt der Sporn in der Seite, und umso mehr macht das Leben Spaß. Wenn Ihr Euch mit Ellroy befassen wollt, so ist “Die schwarze Dahlie” ein guter Ausgangspunkt, auch wenn ich die deutsche Fassung nicht beurteilen kann. Wenn man einigermaßen ordentlich Englisch versteht, sollte man sich in die Originalfassungen hineinkuscheln – Englisch lernen mit James Ellroy, in zehn leicht faßlichen Läsionen... Wie auch immer, kommt gut nach Hause, seid nett zu Eurem Nächsten, und wenn Euch ein Unrecht widerfährt, zögert nicht, Euch dem nächsten Polizisten anzuvertrauen! Keine Angst – er kuckt nur so grimmig...

Ein Mann und sein Hund (Fotografie: Marion Ettlinger) Eingelinkt: Die beste Ellroy-Fanpage!

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