DER ERZPRENGEL IM WANDEL DER ZEITEN

Die Duisburger Gruppe Eisenpimmel

Komm mal lecker...

Ich hatte eigentlich vor, den Text mit einer kurzen Beschreibung von Duisburg zu beginnen, einer Stadt, in der wohl auch mal der berühmte Imbiß "Würstchen-Reaktor" beheimatet war. Von der offiziellen Webseite der Stadt wurde ich aber auf der Suche nach Impressionen heruntergekickt, da der Brauser meines Rechners muckte. Der Zoo der Stadt Duisburg wirbt mit der Zeile: "There are some koala´s living in Europe. The Duisburg Zoo in Germany is one of these places." Weltstadtgepränge mit Würstchenbuden-Apostroph-S? Cool. Und Koalas mag ich auch! Der MSV Duisburg befindet sich zur Zeit der Drucklegung dieses Textes auf Platz 8 der zweiten Bundesliga. Die Homepage des Fußballvereins verkündet gleich auf der Startseite, daß der Club seit genau
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Sekunden 100 Jahre alt ist. Das finde ich irgendwie sympathisch. Die Duisburger Uni besitzt auch einen guten Namen, und damit der Text internationaler wird, habe ich einen Absatz  der Selbstrepräsentation durch den Heise-Übersetzer gejagt, da ich das in meiner Freizeit gerne mache:

Honors and guest invitations Duisburger scientist witness from the
QuaIitaet the research, which reflects itself also in the strong
interest of the economy in Duisburger research results and the ever
broader supply to ForschungsmitteIn of national and private
institutions for promotion. Converted to the number of the scientists
the University of Duisburg cuts off with the third central height in
the state average well.

Yes! Meine eigenen Duisburg-Impressionen beschränken sich auf diverse Besuche bei Freund Ätschi alias Dr. Whogen, bei denen ich in der Regel völlig willenlos auf irgendwelchen Autobahnen rumkurve und mich verfranse. Im Ruhrgebiet gibt es ungewöhnlich viele Baustellen, die den Charme der Region wohl in Zukunft steigern sollen. Das tun sie auch jetzt, und zwar auf ein unerträgliches Maß. Beim vorletzten Besuch in der charmanten Stadt habe ich etwa drei Stunden nach Gelsenkirchen gebraucht und dabei nicht nur das Hafenumfeld, sondern auch die finsteren Außenbezirke kennengelernt. Das ist da nächtens wie die dunkle Seite des Mondes! Man muß das einmal miterlebt haben... Wenn man in Duisburg geboren ist, lernt man (meine Mutmaßung), sich in diesen finsteren Bezirken so behaglich zu fühlen wie im Mutterschoß. Das vermeintlich feindliche Draußen verliert seine Bedrohlichkeit, wenn man es von der richtigen Warte aus betrachtet. Da sind dann eben keine Psychokiller und Kinderschinder im Dunkel, sondern süße Geheimnisse und der Reiz der unbestimmten Weite. Man fühlt sich abstrakt, wenn man das mal mitgemacht hat, und was kann man Schöneres behaupten über eine Stadt?

Kommen wir nun zum kulturellen Leben der Stadt. Eisenpimmel gehören seit Jahrmillionen zu seinen bedeutendsten Exponenten. Seit den frühen 80ern gibt es die Band, doch machte sie zum größten Teil durch Singles und Maxis auf sich aufmerksam. Die meisten CDs, die es heute von der Gruppe zu erstehen gibt, sind Kompilationen dieser frühen Erzeugnisse. Zur Historie der Band gibt es schon einen schönen Text im Net zu lesen, nämlich hier. Meine erste Begegnung mit der Band erfolgte vor einigen Jahren, da einer der Bosse unseres Filmclubs das legendäre Cover zu der Maxi "Komm´ mal lecker unten bei mich bei" an der Pinnwand in seiner Küche hängen hatte. Das zeigte einige körperlich nicht wirklich dem gängigen Schönheitsideal entsprechende Individuen beim Vorspiel. Der dickere der männlichen Bestandteile dieses von Sinneslust geschüttelten Konglomerats hatte eine vollgepißte Hose. Ich denke mal, es handelt sich um ein Bild aus einem dieser gefürchteten Sexmagazine, und ja, es ist dasjenige, das oben abgebildet ist! Ich kaufte mir also irgendwann die Platte "Alte Kacke" und war schlichtweg begeistert. Da mich Punkbands mit pubertären Anstößigkeiten in der Regel eher anöden als kicken, war ich auf Schlimmes gefaßt. Obszönitäten als solche finde ich immer recht bemitleidenswert, spätestens seit die Harald-Schmidt-geschulte Welle des "schlechten Geschmacks" (der ja letztendlich von akademisch beleckter Position, und somit von oben herab, erfolgt) über die Nation geschwappt ist. Da werden dann Ballermann-6-Witze für ein "Ich möchte eigentlich Ballermann 6 sein, trau´ mich aber nicht!"-Publikum. Ich hasse auch leidenschaftlich die Proll-Nachmachkomiker! Boah, Teufelshörner bis zum Anschlag...

Also, Eisenpimmel sind echt! Sie haben - ähnlich wie die Kassierer oder die Sons - ihren eigenen Charme, und der geht weit über das Herumhampeln der Helge-Schneider-Imitatoren hinaus. Mittlerweile habe ich mir alle Erzeugnisse der Gruppe, derer ich habhaft werden konnte, zugelegt, und sie düdeln recht anmutig auf meinem CD-Player und schaffen gute Laune. Aus dem TV drängt der allgegenwärtige Schwachsinn (ich versuche immer, das abzuschalten, Cora verzichtet jetzt schon seit 5 Tagen und lebt immer noch!) - da braucht man ein Alternativprogramm! Eisenpimmel offerieren dies für einen vergleichsweise geringen Obolus und schulen einen zudem in akkurat angewandter Ruhrpott-Idologie. Es wäre total unangebracht, sie interpretieren zu wollen - dazu klingen sie einfach zu nett! Ich zitiere da nur eine Aussage von Siggi bezüglich Geschlechtskrankheiten in einem Interview: "Kannze nix gegen machen. Krisse oder krisse nich. Wir haben aber durch laufende Zeit einen Spitzen-Doktor für solche Sachen getroffen. Es ist Doktor Peters in Duisburg-Bruckhausen, wie wir auch."

Das Leben betrachtet durch die Augen von Eisenpimmel stellt sich auf ihrer schönen Kompilation "Alte Kacke" folgendermaßen dar: Auf dem Cover zeigen sich zwei sehr sympathische Biertrinker im letzten Stadium des Alkoholkonsums, wie sie in einer fachwerkgesäumten Altstadt ihrem Handwerk nachgehen. Die werden mit Sicherheit nicht den Wankelmotor erfinden, aber auch kein anderes Land angreifen. Die CD enthält einen der unangefochtenen Hits der Gruppe, der sich an Gunter Gabriel orientiert: "Komm mal lecker unten bei mich bei". Darin wird das soziopsychosexuelle Spannungsfeld zwischen Mann und Frau aussondiert. Am Schluß mündet der balladeske Beginn des Liedes in ein ausgelassenes "Lecker bei mich - oi!", das uns einiges über den Menschen als Beziehungstier verrät. Das schönste Protestlied aller Zeiten ist auch Bestandteil dieses Silberlings: "Staat hau ab" reduziert die Bestrebungen aller idealistischen Klampfer von Gestern und Heute auf die Grundkomponenten: "In Polen fickt man Orlowski, in Deutschland Reinhard Mey..." ist meine persönliche Lieblingszeile. "Halt´s Maul und Putz" faßt sich kritisch mit der Modeerscheinung der Nacktputzer auseinander. Sex und Hygiene - eine immer wieder erbauliche Kombination, die uns alle immer wieder viel über... Ach, egal. Das Lied "Scheiße im CD-Schlitz" wird eingeleitet von einem Hörspiel, daß mich eingenordet hat bezüglich der Fluchgewohnheiten des Ruhrpottbewohners. Die Bezeichnung "Fick dich inne Scheiße, du Aaschotze!" habe ich sogar schon angewendet. Glücklicherweise habe ich dafür keinen auf die Nase bekommen, sondern Gelächter. Was immer das jetzt aussagt. Ansonsten promenieren Lieder wie "Eichelbasisbruch" und "Ich halt den Männern die Stange". Es liegt viel Wahrheit in diesen Musiknummern.

Das vermutlich größtenteils neu eingespielte "Sexmaschinen tanken Super" (brillanter Titel!) gefällt schon beim Kauf durch das vermutlich hübscheste Cover aller Eisenpimmel-Veröffentlichungen. Erneut werden da die Risiken und Verlockungen des hemmungslosen Alkoholkonsums gefeiert. Die Platte selber habe ich noch nicht vollständig für den Hausgebrauch erschlossen, aber es befinden sich da einige Klassiker drauf. Der Diederichsen in mir beharrt auf die Feststellung, daß der 70er-Einfluß hier vorherrscht. Da sind einige Zitteraale, will sagen: Zitate, drin! Ich habe Lou Reed und Serge Gainsbourg entdeckt. Deren Einfluß ist auch überdeutlich in Stücken wie "Prollmops", "Große Gurke" und "Bullen in der Abrißbirne". "Malle Mallorca" ist einer der Ruhrpott-Sommerhits, die niemals das Radio erreicht haben. "Mega Rotzky Superweib" besingt die unbestreitbare Anmut von Bärbel. "Ich Arsch hab mir Fleisch gekauft" ist nur an der Oberfläche unmelodisch, unrhythmisch und ungelenk. In Wirklichkeit klingt das nach dem fünften Bier sehr zünftig und regt zum Mitgröhlen an. Das weiß ich leider auch, weil sich meine Nachbarn mal irgendwann beschwert haben, als ich dem inneren Drängen mal nachgegeben habe. "Gib dem Kind wat auf die Fresse" hat auch was. Bei "Yo-Ging-Hose" an die Adidas-Teile zu denken, ist mir nicht wirklich eingefallen vor Hören des Liedes, aber mit dem "Bohemian-Rhapsody"-Zwischenteil wird das ganz unumgänglich... Ruhrpott, ich bin hier fast intim mit dem Lokalklorit! (Obwohl die Plastikzinken in meiner CD-Hülle schon total im Arsch sind - soll ich deshalb die Firma verklagen? CDs sind wirklich das letzte typische Beispiel für die Dekadenz in der heutigen Zivilisation, die ja heute meistens so vorherrscht.)

"Käuf dich selbst wat!": "Liebesglocken grüßen dich" (Alte Kacke II) ist vielleicht das beste Einstiegsalbum ins Eisenpimmel-Universum. Man wird nicht unmittelbar dem Treiben überantwortet, sondern bekommt auch Geschützhilfe von einem Interviewer, der brennende Fragen stellt. Zum Beispiel: "Was haltet ihr denn so von den Duisburger Akzenten?" - "Uäh? Duisburger Zentren?" - "Akzente - so wie Dat un Wat..." ("Der Addi hat jetzt´n Biertaxi..." bzw. "Sach, daß Eisenpimmel besser is als Dödel-Ei, sonst hau ich dir auffe Nase...") Gelegentliche Einsprengsel aus Proberaum-Tragien legen beredt Zeugnis ab vom nimmermüden Ringen der Band um Vervollkommnung des Band-Kanons. Auf der CD befindet sich der ewige Klassiker "Duisburg ist spitze", eine Bezugnahme auf den Siggi von den Marionetz, einen schönen Kommiß-Klassiker ("Macht mich zum Spieß von der Saufkompanie", kenne ich noch aus dem Große-Ameisen-Film FORMICULA!), den Vergangenheits-Bewältigungs-Klassiker "Oi of Olaz", das anti-repressive "Befreit Horst Matuschek", das ramoneseke "China haut Joe Cocker" und so fort. Für die APPD gibt es noch das anmutige "Wir haben ein im Tee und wählen APPD". Lindenberg finde ich auch gruselig. Ein weiteres Stück, das von Bärbel gesungen wird, erzählt noch was vom emanzipatorischen Kampf der Frauen, in dem es um das Recht der Frauen geht, im Stehen zu pinkeln. Bei den Punks ist nämlich gemeinhin nicht alles streng antirepressiv gerichtet, was Frauen angeht. Das habe ich von verschiedenen Veterinärinen, die mir wohlgesonnen, mitbekommen. Das ist nicht zu igorieren, sondern gefälligst entgegenzunehmen. ("Wat is´n eure Einflüsse? Butt Eleif oder wat?") - ("Die Glatze an sich is nich unpolitisch offen, und darum wegen bin ich politisch dicht...")

Das erste offizielle Tribut-Album kam 1997 heraus: "Bau keine Scheiße mit Bier!". Auf diesem kleinen Meisterwerk verbinden sich die vorangegangenen Reflexionen über die Natur des Ruhrgebietes mit kommerzieller Geschäftemacherei. Eisenpimmel hat da nämlich mehrere Bands aus dem unmittelbaren Umfeld gefragt, ob sie sogenannte Cover-Versionen ihrer größten Erfolge singen. Das sind alles neue Lieder, aber macht nix. Die Bands heißen Chrommöhre, Metallniete, Blechlatte, Stahlschwanz, Silbergurke Spezial, Bleistift und Erzprengel. Mein persönlicher Favorit: "Die Kupferberger Nullenschrubber"! Da werden erneut brandheiße Themen angerissen, die jeder kennt, auch jenseits der Region: "Ich kann auch nicht immer saufen", "Ohzonloch fuck off" und "Nudelsalat". Besonders nett finde ich "Ich brauch ne Brille", das mit einem der großen Hörspiele dieser Band endet. Man kann diese Band mit Sicherheit in ein Tonstudio einladen und aus dem Stand ein 1-Stunden-Hörspiel von hohen Gnaden produzieren.

Bei "Dirty Faces", dem besten Laden, wo Punk-Platten gibt in Bochum, habe ich noch eine Wundertüte erstanden. "Die Super Wundertüte von Eisenpimmel mit die zehn Gebote des Punk, 2. Gebot". Da ist eine Menge Kram drin: "Inhalt: Spitzen-Sount, mit gute Tekste auf 1 hochwertigen, modernen Tonträger, 1 Flegeartikel für Sie und Ihm, 1 Selpsklebedingen mit schon fertich Kleber dran, 1 Du-It-Jorself Tättoowations-Set für zum schick aussehn und eine große Tüte außen drum mit 2 Spezial-Stahlverschlüsse." Und was soll ich sagen - es war alles drin! Angemerkt sei aber noch das zweite Gebot der beiliegenden Maxi-CD: "Du sollst nicht rumlaufen wie der letzte Lulli!"

Eisenpimmel sind sehr liebenswert und knuddelkompatibel. Es geht um Liebe, Dramatik, Gesellschaftskritik, schmutzigen Alltag und die kleine Flucht vom Piesacker, dem miesen. Addi, Wolle, Bärbel, Karl und Siggi habe ich schon richtig lieben gelernt. Lernt auch ihr sie lieben - kauft ihre Platten! Bärbel ist die Traumfrau überall da, wo Traumfrauen noch Sinn machen. Die Männer sind die Traummänner, wo Traummänner noch Sinn machen. Ich bin jetzt strunzstrack und muß heftig nach Bett. Alkohol ist nicht gut. Der Dämon wacht über uns alle, und wir müssen ihm entrinnen. Doch wenn die Nüchternheit aussieht wie Angela Merkel (oder Friedrich Merz), dann erübrigt sich in der Tat alle weitere Diskussion. Eisenpimmel zeigt den Weg. Soweit.

P.S:: Textimmanent betrachtet bieten Eisenpimmel ausgeklügelte Satire. Aber wenn Du einem der Musiker das ins Gesicht sagst, dann hauen sie Dir die Nase blau. Eigentlich sind die richtig nett, da gebe ich meinen Dünndarm für. Ich möchte wahnsinnig gerne mal ein Konzert von den Leuten schauen. Hoffentlich kommt da mal was in der Richtung.

Eisenpimmel

Würden Sie diesen Herrschaften den Personenschutz bei den Chaos-Tagen anvertrauen?

Bärbel: "Wir wolln keine Bullenbeine. Lieber ne Fluppe Bierschwanzsuppe. Ochsenschwanzsuppe, is ja ma... Wat is das ne Scheiß-Text, hä? Voll am Unterdrücken, dat Teil, aber is ja wieder typisch Mann, weisse..."

Interview

Noch´n Interview

Schöner Erlebnistext vom offiziellen Fahrer der Band (von "Zur Band" ab)

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