DER ERZPRENGEL IM WANDEL DER ZEITEN
Die Duisburger Gruppe Eisenpimmel

Ich hatte eigentlich vor, den Text mit einer kurzen Beschreibung von
Duisburg zu beginnen, einer Stadt, in der wohl auch mal der
berühmte Imbiß "Würstchen-Reaktor" beheimatet war. Von
der offiziellen Webseite der Stadt wurde ich aber auf der Suche nach
Impressionen heruntergekickt, da der Brauser meines Rechners muckte.
Der Zoo der Stadt Duisburg wirbt mit der Zeile: "There are some
koala´s living in Europe. The Duisburg Zoo in Germany is one of
these places." Weltstadtgepränge mit
Würstchenbuden-Apostroph-S? Cool. Und Koalas mag ich auch! Der MSV
Duisburg befindet sich zur Zeit der Drucklegung dieses Textes auf Platz
8 der zweiten Bundesliga. Die Homepage des Fußballvereins
verkündet gleich auf der Startseite, daß der Club seit genau
47056373 Sekunden 100 Jahre alt ist. Das finde ich
irgendwie sympathisch. Die Duisburger Uni besitzt auch einen guten
Namen, und damit der Text internationaler wird, habe ich einen
Absatz der Selbstrepräsentation durch den
Heise-Übersetzer gejagt, da ich das in meiner Freizeit gerne mache:
Honors and guest
invitations Duisburger scientist witness from the
QuaIitaet
the research, which reflects itself also in the strong
interest of
the economy in Duisburger research results and the ever
broader
supply to ForschungsmitteIn of national and private
institutions
for promotion. Converted to the number of the scientists
the
University of Duisburg cuts off with the third central height in
the state
average well.
Yes! Meine eigenen Duisburg-Impressionen beschränken sich auf
diverse Besuche bei Freund Ätschi alias Dr. Whogen, bei denen ich
in der Regel völlig willenlos auf irgendwelchen Autobahnen
rumkurve und mich verfranse. Im Ruhrgebiet gibt es ungewöhnlich
viele Baustellen, die den Charme der Region wohl in Zukunft steigern
sollen. Das tun sie auch jetzt, und zwar auf ein unerträgliches
Maß. Beim vorletzten Besuch in der charmanten Stadt habe ich etwa
drei Stunden nach Gelsenkirchen gebraucht und dabei nicht nur das
Hafenumfeld, sondern auch die finsteren Außenbezirke
kennengelernt. Das ist da nächtens wie die dunkle Seite des
Mondes! Man muß das einmal miterlebt haben... Wenn man in
Duisburg geboren ist, lernt man (meine Mutmaßung), sich in diesen
finsteren Bezirken so behaglich zu fühlen wie im
Mutterschoß. Das vermeintlich feindliche Draußen verliert
seine Bedrohlichkeit, wenn man es von der richtigen Warte aus
betrachtet. Da sind dann eben keine Psychokiller und Kinderschinder im
Dunkel, sondern süße Geheimnisse und der Reiz der
unbestimmten Weite. Man fühlt sich abstrakt, wenn man das mal
mitgemacht hat, und was kann man Schöneres behaupten über
eine Stadt?
Kommen wir nun zum kulturellen Leben der Stadt. Eisenpimmel gehören
seit Jahrmillionen zu seinen bedeutendsten Exponenten. Seit den
frühen 80ern gibt es die Band, doch machte sie zum
größten Teil durch Singles und Maxis auf sich aufmerksam.
Die meisten CDs, die es heute von der Gruppe zu erstehen gibt, sind
Kompilationen dieser frühen Erzeugnisse. Zur Historie der Band
gibt es schon einen schönen Text im Net zu lesen, nämlich hier.
Meine erste Begegnung mit der Band erfolgte vor einigen Jahren, da
einer der Bosse unseres Filmclubs das legendäre Cover zu der Maxi
"Komm´ mal lecker unten bei mich bei" an der Pinnwand in seiner
Küche hängen hatte. Das zeigte einige körperlich nicht
wirklich dem gängigen Schönheitsideal entsprechende
Individuen beim Vorspiel. Der dickere der männlichen Bestandteile
dieses von Sinneslust geschüttelten Konglomerats hatte eine
vollgepißte Hose. Ich denke mal, es handelt sich um ein Bild aus
einem dieser gefürchteten Sexmagazine, und ja, es ist dasjenige,
das oben abgebildet ist! Ich kaufte mir also irgendwann die Platte
"Alte Kacke" und war schlichtweg begeistert. Da mich Punkbands mit
pubertären Anstößigkeiten in der Regel eher anöden
als kicken, war ich auf Schlimmes gefaßt. Obszönitäten
als solche finde ich immer recht bemitleidenswert, spätestens seit
die Harald-Schmidt-geschulte Welle des "schlechten Geschmacks" (der ja
letztendlich von akademisch beleckter Position, und somit von oben
herab, erfolgt) über die Nation geschwappt ist. Da werden dann
Ballermann-6-Witze für ein "Ich möchte eigentlich Ballermann
6 sein, trau´ mich aber nicht!"-Publikum. Ich hasse auch
leidenschaftlich die Proll-Nachmachkomiker! Boah, Teufelshörner
bis zum Anschlag...
Also, Eisenpimmel sind echt! Sie haben - ähnlich wie die Kassierer
oder die Sons - ihren eigenen Charme, und der geht weit über das
Herumhampeln der Helge-Schneider-Imitatoren hinaus. Mittlerweile habe
ich mir alle Erzeugnisse der Gruppe, derer ich habhaft werden konnte,
zugelegt, und sie düdeln recht anmutig auf meinem CD-Player und
schaffen gute Laune. Aus dem TV drängt der allgegenwärtige
Schwachsinn (ich versuche immer, das abzuschalten, Cora verzichtet
jetzt schon seit 5 Tagen und lebt immer noch!) - da braucht man ein
Alternativprogramm! Eisenpimmel offerieren dies für einen
vergleichsweise geringen Obolus und schulen einen zudem in akkurat
angewandter Ruhrpott-Idologie. Es wäre total unangebracht, sie
interpretieren zu wollen - dazu klingen sie einfach zu nett! Ich
zitiere da nur eine Aussage von Siggi bezüglich
Geschlechtskrankheiten in einem Interview: "Kannze nix gegen machen.
Krisse oder krisse nich. Wir haben aber durch laufende Zeit einen
Spitzen-Doktor für solche Sachen getroffen. Es ist Doktor Peters
in Duisburg-Bruckhausen, wie wir auch."
Das Leben betrachtet durch die Augen von Eisenpimmel stellt sich auf
ihrer schönen Kompilation "Alte
Kacke" folgendermaßen dar: Auf dem Cover zeigen sich zwei
sehr sympathische Biertrinker im letzten Stadium des Alkoholkonsums,
wie sie in einer fachwerkgesäumten Altstadt ihrem Handwerk
nachgehen. Die werden mit Sicherheit nicht den Wankelmotor erfinden,
aber auch kein anderes Land angreifen. Die CD enthält einen der
unangefochtenen Hits der Gruppe, der sich an Gunter Gabriel orientiert:
"Komm mal lecker unten bei mich bei". Darin wird das
soziopsychosexuelle Spannungsfeld zwischen Mann und Frau aussondiert.
Am Schluß mündet der balladeske Beginn des Liedes in ein
ausgelassenes "Lecker bei mich - oi!", das uns einiges über den
Menschen als Beziehungstier verrät. Das schönste Protestlied
aller Zeiten ist auch Bestandteil dieses Silberlings: "Staat hau ab"
reduziert die Bestrebungen aller idealistischen Klampfer von Gestern
und Heute auf die Grundkomponenten: "In Polen fickt man Orlowski, in
Deutschland Reinhard Mey..." ist meine persönliche Lieblingszeile.
"Halt´s Maul und Putz" faßt sich kritisch mit der
Modeerscheinung der Nacktputzer auseinander. Sex und Hygiene - eine
immer wieder erbauliche Kombination, die uns alle immer wieder viel
über... Ach, egal. Das Lied "Scheiße im CD-Schlitz" wird
eingeleitet von einem Hörspiel, daß mich eingenordet hat
bezüglich der Fluchgewohnheiten des Ruhrpottbewohners. Die
Bezeichnung "Fick dich inne Scheiße, du Aaschotze!" habe ich
sogar schon angewendet. Glücklicherweise habe ich dafür
keinen auf die Nase bekommen, sondern Gelächter. Was immer das
jetzt aussagt. Ansonsten promenieren Lieder wie "Eichelbasisbruch" und
"Ich halt den Männern die Stange". Es liegt viel Wahrheit in
diesen Musiknummern.
Das vermutlich größtenteils neu eingespielte "Sexmaschinen tanken Super"
(brillanter Titel!) gefällt schon beim Kauf durch das vermutlich
hübscheste Cover aller Eisenpimmel-Veröffentlichungen. Erneut
werden da die Risiken und Verlockungen des hemmungslosen Alkoholkonsums
gefeiert. Die Platte selber habe ich noch nicht vollständig
für den Hausgebrauch erschlossen, aber es befinden sich da einige
Klassiker drauf. Der Diederichsen in mir beharrt auf die Feststellung,
daß der 70er-Einfluß hier vorherrscht. Da sind einige
Zitteraale, will sagen: Zitate, drin! Ich habe Lou Reed und Serge
Gainsbourg entdeckt. Deren Einfluß ist auch überdeutlich in
Stücken wie "Prollmops", "Große Gurke" und "Bullen in der
Abrißbirne". "Malle Mallorca" ist einer der Ruhrpott-Sommerhits,
die niemals das Radio erreicht haben. "Mega Rotzky Superweib" besingt
die unbestreitbare Anmut von Bärbel. "Ich Arsch hab mir Fleisch
gekauft" ist nur an der Oberfläche unmelodisch, unrhythmisch und
ungelenk. In Wirklichkeit klingt das nach dem fünften Bier sehr
zünftig und regt zum Mitgröhlen an. Das weiß ich leider
auch, weil sich meine Nachbarn mal irgendwann beschwert haben, als ich
dem inneren Drängen mal nachgegeben habe. "Gib dem Kind wat auf
die Fresse" hat auch was. Bei "Yo-Ging-Hose" an die Adidas-Teile zu
denken, ist mir nicht wirklich eingefallen vor Hören des Liedes,
aber mit dem "Bohemian-Rhapsody"-Zwischenteil wird das ganz
unumgänglich... Ruhrpott, ich bin hier fast intim mit dem
Lokalklorit! (Obwohl die Plastikzinken in meiner CD-Hülle schon
total im Arsch sind - soll ich deshalb die Firma verklagen? CDs sind
wirklich das letzte typische Beispiel für die Dekadenz in der
heutigen Zivilisation, die ja heute meistens so vorherrscht.)
"Käuf dich selbst wat!": "Liebesglocken
grüßen dich" (Alte Kacke II) ist vielleicht das beste
Einstiegsalbum ins Eisenpimmel-Universum. Man wird nicht unmittelbar
dem Treiben überantwortet, sondern bekommt auch Geschützhilfe
von einem Interviewer, der brennende Fragen stellt. Zum Beispiel: "Was
haltet ihr denn so von den Duisburger Akzenten?" - "Uäh?
Duisburger Zentren?" - "Akzente - so wie Dat un Wat..." ("Der Addi hat
jetzt´n Biertaxi..." bzw. "Sach, daß Eisenpimmel besser is
als Dödel-Ei, sonst hau ich dir auffe Nase...") Gelegentliche
Einsprengsel aus Proberaum-Tragien legen beredt Zeugnis ab vom
nimmermüden Ringen der Band um Vervollkommnung des Band-Kanons.
Auf der CD befindet sich der ewige Klassiker "Duisburg ist spitze",
eine Bezugnahme auf den Siggi von den Marionetz, einen schönen
Kommiß-Klassiker ("Macht mich zum Spieß von der
Saufkompanie", kenne ich noch aus dem Große-Ameisen-Film
FORMICULA!), den Vergangenheits-Bewältigungs-Klassiker "Oi of
Olaz", das anti-repressive "Befreit Horst Matuschek", das ramoneseke
"China haut Joe Cocker" und so fort. Für die APPD gibt es noch das
anmutige "Wir haben ein im Tee und wählen APPD". Lindenberg finde
ich auch gruselig. Ein weiteres Stück, das von Bärbel
gesungen wird, erzählt noch was vom emanzipatorischen Kampf der
Frauen, in dem es um das Recht der Frauen geht, im Stehen zu pinkeln.
Bei den Punks ist nämlich gemeinhin nicht alles streng
antirepressiv gerichtet, was Frauen angeht. Das habe ich von
verschiedenen Veterinärinen, die mir wohlgesonnen, mitbekommen.
Das ist nicht zu igorieren, sondern gefälligst entgegenzunehmen.
("Wat is´n eure Einflüsse? Butt Eleif oder wat?") - ("Die
Glatze an sich is nich unpolitisch offen, und darum wegen bin ich
politisch dicht...")
Das erste offizielle Tribut-Album kam 1997 heraus: "Bau keine Scheiße mit Bier!".
Auf diesem kleinen Meisterwerk verbinden sich die vorangegangenen
Reflexionen über die Natur des Ruhrgebietes mit kommerzieller
Geschäftemacherei. Eisenpimmel hat da nämlich mehrere Bands
aus dem unmittelbaren Umfeld gefragt, ob sie sogenannte Cover-Versionen
ihrer größten Erfolge singen. Das sind alles neue Lieder,
aber macht nix. Die Bands heißen Chrommöhre, Metallniete,
Blechlatte, Stahlschwanz, Silbergurke Spezial, Bleistift und
Erzprengel. Mein persönlicher Favorit: "Die Kupferberger
Nullenschrubber"! Da werden erneut brandheiße Themen angerissen,
die jeder kennt, auch jenseits der Region: "Ich kann auch nicht immer
saufen", "Ohzonloch fuck off" und "Nudelsalat". Besonders nett finde
ich "Ich brauch ne Brille", das mit einem der großen
Hörspiele dieser Band endet. Man kann diese Band mit Sicherheit in
ein Tonstudio einladen und aus dem Stand ein 1-Stunden-Hörspiel
von hohen Gnaden produzieren.
Bei "Dirty Faces", dem besten
Laden, wo Punk-Platten gibt in Bochum, habe ich noch eine
Wundertüte erstanden. "Die Super Wundertüte von Eisenpimmel
mit die zehn Gebote des Punk, 2. Gebot". Da ist eine Menge Kram drin:
"Inhalt: Spitzen-Sount, mit gute Tekste auf 1 hochwertigen, modernen
Tonträger, 1 Flegeartikel für Sie und Ihm, 1 Selpsklebedingen
mit schon fertich Kleber dran, 1 Du-It-Jorself Tättoowations-Set
für zum schick aussehn und eine große Tüte außen
drum mit 2 Spezial-Stahlverschlüsse." Und was soll ich sagen - es
war alles drin! Angemerkt sei aber noch das zweite Gebot der
beiliegenden Maxi-CD: "Du sollst nicht rumlaufen wie der letzte Lulli!"
Eisenpimmel sind sehr liebenswert und knuddelkompatibel. Es geht um
Liebe, Dramatik, Gesellschaftskritik, schmutzigen Alltag und die kleine
Flucht vom Piesacker, dem miesen. Addi, Wolle, Bärbel, Karl und
Siggi habe ich schon richtig lieben gelernt. Lernt auch ihr sie lieben
- kauft ihre Platten! Bärbel ist die Traumfrau überall da, wo
Traumfrauen noch Sinn machen. Die Männer sind die
Traummänner, wo Traummänner noch Sinn machen. Ich bin jetzt
strunzstrack und muß heftig nach Bett. Alkohol ist nicht gut. Der
Dämon wacht über uns alle, und wir müssen ihm entrinnen.
Doch wenn die Nüchternheit aussieht wie Angela Merkel (oder
Friedrich Merz), dann erübrigt sich in der Tat alle weitere
Diskussion. Eisenpimmel zeigt den Weg. Soweit.
P.S:: Textimmanent betrachtet bieten Eisenpimmel ausgeklügelte
Satire. Aber wenn Du einem der Musiker das ins Gesicht sagst, dann
hauen sie Dir die Nase blau. Eigentlich sind die richtig nett, da gebe
ich meinen Dünndarm für. Ich möchte wahnsinnig gerne mal
ein Konzert von den Leuten schauen. Hoffentlich kommt da mal was in der
Richtung.

Würden Sie diesen Herrschaften den Personenschutz bei den
Chaos-Tagen anvertrauen?
Bärbel: "Wir wolln keine Bullenbeine. Lieber ne Fluppe
Bierschwanzsuppe. Ochsenschwanzsuppe, is ja ma... Wat is das ne
Scheiß-Text, hä? Voll am Unterdrücken, dat Teil, aber
is ja wieder typisch Mann, weisse..."
Interview
Noch´n
Interview
Schöner
Erlebnistext vom offiziellen Fahrer der Band (von "Zur Band" ab)
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