"Who do you call sweet, darling?"

 Zum Tode von Doris Wishman



Gerade erreicht mich die Nachricht, daß die amerikanische Exploitationqueen Doris Wishman in einem Krankenhaus an den Folgen einer heimtückischen Krankheit verstorben ist. Michael Bowen, ihr Biograph und Freund, hat das einem Mitglied unseres Filmclubs mitgeteilt. Auf der von ihm geleiteten Wishman-Webpage ist vorübergehend der Betrieb eingestellt worden - nur ein berühmtes Bild von ihr ist dort zu sehen, mit den Worten "We´ll never forget you, Doris!"

Ich wischte mir erstmal die Augen, konnte gar nicht fassen, was ich dort las. Stumpf mampfte ich meine Mitternachtsmahlzeit in mich rein, war ich doch gerade von einem Treffen mit Freunden zurückgekommen und hungrig. Dann brach ich in Tränen aus.

Im letzten Jahr war Tante Doris (wie wir sie nannten) trotz ihres hohen Alters nach Deutschland gereist und hatte den Filmclub beehrt. Es war ihre erste Fahrt nach Europa, und sie war einigermaßen gehemmt, nicht nur wegen ihres hohen Alters und der damit verbundenen Blessuren. Lange Zeit war ihr von niemandem Aufmerksamkeit entgegengebracht worden, und die in den letzten Jahren plötzlich aufgekommene "Wishmania" war ihr zutiefst suspekt, hatte sie sich doch niemals als Künstlerin irgendeiner Art begriffen, sondern nur als Lieferant billig hergestellter Filmware für den Exploitationmarkt. Sie war in dieser Hinsicht sehr pragmatisch und wies jeglichen Trubel von sich, zuweilen barsch. Als Conan O´Brien sie in ihre Talkshow einlud, absolvierte sie einen unvergeßlichen Auftritt, in dem sie dem verdutzten Talkmaster mitteilte, sie sei nur gekommen, um ihre entlaufene Katze wiederzubekommen! Ungerührt zeigte sie das Foto ihrer Katze in die Kamera. Ob die Aktion etwas bewirkte, ist mir leider nicht bekannt...

Wer war Doris Wishman? Zur Filmkunst kam sie wie die Jungfrau zum Kinde: Als Russ Meyer 1959 mit seinem THE IMMORAL MR. TEAS die Filmzensur düpierte und die Scheunentore weit aufstieß für jenes Phänomen, das von den Historikern als "Nudie Cutie" bezeichnet wird (=Nacktheit erlaubt, solange keine sexuelle Aktivität impliziert wird), dachte sich Doris, daß sie das wohl auch könne. Sie griff sich eine Kamera und filmte eine Reihe von Nacktfilmen, die meist in Nudistencamps spielten und sich von den anderen Elaboraten dieser Gattung durch einen bemerkenswert unschlüpfrigen, unzotigen Ansatz unterschieden, der häufig auch von einem sehr tantigen Kommentar begleitet wurde. Bei aller Nacktheit und der Spekulation mit derselben bewahrten die Filme einen fast schon rührenden Sinn für Unschuld, sogar eine gewisse Naivität, die sie direkt liebenswert machten.

Mitte der 60er begab sich Doris in das populär gewordene Untergenre der "Roughies", in denen die Darstellung fleischlicher Sinnesfron mit Kriminalgeschichten und psychologischem Drama verwoben wurde. Das führte zu einigen von Doris´ besten Filmen, etwa dem berüchtigten BAD GIRLS GO TO HELL. In den "Roughies" war die Nacktheit meist sogar weniger auffällig, als dies in den "Nudies" der Fall gewesen war, aber die Filme erzählten Stories von abgründigen Leidenschaften und Menschen am Rande des Abgrunds, die Doris´ Liebe für den "Film Noir" einhellig dokumentierten.

Als das Jahrzehnt zur Neige ging und die in Sexfilmen dargebotene Akrobatik immer deutlicher und expliziter wurde, wurde es auch für Doris immer mehr zum Problem, ihre Filme abzusetzen. Sie versuchte es immerhin, mehr Drastik in ihre Filme einzubauen, doch die Ergebnisse waren zu bizarr, als daß sie den Besuchern einschlägiger Filmtheater den Spatz aus der Hose und das Geld aus der Tasche gelockt hätten. In diese Zeit fallen zwei ihrer berühmtesten Filme, die sie mit der unglaublich opulenten Chesty Morgan gedreht hatte - DEADLY WEAPONS und DOUBLE AGENT 73. Die Oberweite der Protagonistin führten selbst die Busenbesessenheit Russ Meyers - man munkelt bei Chesty von 180 Zentimetern! - ad absurdum. (In einem der beiden Filme füsiliert die Agentin ihre Feinde, indem sie sie mit ihren Brüsten erstickt; im anderen ist in eine ihrer Brüste eine Mikrokamera eingebaut...) Sexfilme waren aber ob der neu eingetroffenen Hardcorepornografie immer weniger marketabel. Doris selber betätigte sich auf diesem Gebiet nur sehr periphär und hielt sich aus der Industrie an sich heraus. Viel eher war sie darum bemüht, daß ihr erster Horrorfilm - A NIGHT TO DISMEMBER - das Licht der Welt erblickte, doch es sollten fast 30 Jahre ins Land gehen, bis das geschah. Vor ihrem Tode vollendete sie noch mehrere Filme, darunter SATAN WAS A LADY.

Sind ihre Filme überhaupt bemerkenswert? Wenn man Qualitäten wie visuelle Eleganz, inszenatorische Sorgfalt und innovative Erzählstrukturen zum Maßstab nimmt, bestimmt nicht. Wenn man aber Charme und Verschrobenheit, Liebe zum Detail und unerklärliche Fixierungen - kurz: wenn man einen sehr persönlichen Stil anheimelnd findet, dann konnte man der kleinen Welt der kleinen Lady durchaus etwas abgewinnen!

Doris-Wishman-Filme erkennt man immer sofort, und das liegt zum größten Teil an der Arbeitsweise, mit der sie ihre Sachen zu inszenieren pflegte. So neigte sie beispielsweise schon immer dazu, sogenannte "reaction shots" - in denen man Charaktere auf Zeilen von anderen Charakteren reagieren sieht - immer zwischendurch zu schießen und dann später in den Film einzuarbeiten. Weniger Abfälle - weniger Kosten! Das führte natürlich auch dazu, daß häufig die Gesichter nicht so gaaanz zu den jeweiligen Austäuschen passen mochten, aber wer Doris bereits lieben gelernt hatte, liebte sie gerade wegen solcher kuriosen Inkongruenzen! Auch erstaunt, betrachtet man Doris´ Werke, die sehr eingeschränkte Motivwahl - berühmt etwa ihre Einstellungen von Füßen, die mal hierhin, mal dorthin gehen und die eben auch überall hinein kopiert werden konnten! Die immens große Auswahl an ehemals modischen Kostümen und Inneneinrichtungen stellt gerade heute einen großen Attraktionspunkt für Freunde des besonderen Films dar. Mein persönlicher Favorit sind nach wie vor die vielen Szenen, in denen man Menschen telefonieren sieht. Selbst, wenn nicht telefoniert wird, sind die Apparate stets zu sehen, ja, schrauben sich manchmal direkt in den Vordergrund! Wenn man dann noch einbezieht, daß die Menschen in den klaustrophobischen Räumen gelegentlich von den Möbeln fast aus dem Bild gedrückt werden, erscheint das Telefon als letztes Kommunikationsmittel, als eine Flucht aus dem Privatkosmos der Doris W.  Fragt sich nur, warum man aus diesem Kuschelkosmos überhaupt entfliehen wollen würde... Ich würde da sofort mit meiner Schrankwand einziehen!

Ob ihre Filme bemerkenswert waren, sei mal dahingestellt. Die Frau selber war es ganz bestimmt! In einer Industrie, die weitgehend von Männern beherrscht wurde, bezog sie hartnäckig Stellung, nicht unähnlich dem berühmten gallischen Dorf aus dem Comicbuch. Auch war ihr Beharren auf den Sieg des Autodidaktischen ein fester Knuff in die Seite des Establishments, in dem Professionalität bekanntlich über alles geht. Sie bastelte ihre kleinen privaten Abenteuer bis zum sprichwörtlichen Exitus, und obwohl ihre Filme viele nackte Menschen aufboten, wehrte sie sich immer dagegen, als Sexploitation-Regisseurin benamst zu werden, galt ihre Aufmerksamkeit und ihre Liebe doch immer dem, was unter der nackten Haut zu finden war. Sie war unbequem und haßte es, als "lieb" oder "süß" beschrieben zu werden. Dave Friedman verdarb es sich nachhaltig mit ihr, weil er sie als "sweet" bezeichnete. Viel eher wollte sie als die "Wicked Witch of the West" gelten, als kleiner Kampffisch in einem Planschbecken voller Krokodile und Blutegel...

Als ich die selbstdefinierte Ganovenbraut traf, sah ich eine alte Dame, klein von Gestalt, die sich offensichtlich gerne kratzbürstig gab und von einer starken Lebenswut angetrieben wurde. Das Komitee des "Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega" führte sie in ein sehr mondänes Schloßrestaurant aus, zusammen mit ihrem Begleiter Michael und dessen reizender Lebensgefährtin. Obwohl ich gerne meine Klappe aufreiße, hielt ich mich deutlich zurück und ließ die anderen mal machen. Beim Olaf saß sie quasi auf dem Schoß, denn der war schon vorher unsere Liaison zu ihr gewesen und hatte sie in Florida besucht, wo sie lebte. Auch mit den anderen kasperte sie gerne herum, und es wurde bald deutlich, daß sie den warmen Empfang schätzte und sich immer sicherer fühlte. Da wir auch eine Videokamera dabei hatten, wurde sogar an Ort und Stelle ein kleiner Film improvisiert, der dann THE UNDESIRABLES genannt werden sollte! Ich habe auch eine kleine Rolle...

Vor mir schien die Drachenlady im übrigen eine gewisse Scheu zu haben, war ich doch derjenige, der sie morgen auf der Bühne zu interviewen hatte. Meine vorgelegten Fragen zensierte sie mit Argusaugen. ("Müssen das die Leute wissen? Das interessiert die doch gar nicht!" usw.) Ich vermute sogar, daß sie richtige Angst vor mir hatte, verkörperte ich doch ihre mögliche Entblößung vor einem Publikum, das sich über ihre Filme vielleicht einfach nur beölen würde. Sie wußte nicht, was sie zu erwarten hatte. Ich war sogar - ich muß es gestehen - zeitweise etwas angestunken...

Am nächsten Tag kam dann die Veranstaltung, und der Tatsache zum Trotz, daß an jenem Tag der letzte Tag der Fußballsaison war (die Schalke dann doch noch nur als Zweiter beenden sollte!), kamen über hundert Leute zum Besuch der alten Dame, und Doris blühte richtiggehend auf, als sie sah, daß man sich doch für sie interessierte, und daß das alles so nette Menschen waren! Auf der Bühne übernahm sie blitzschnell die Führung und fing an, ihre Geschichten zu erzählen. Was immer sie mir am Vorabend durchgestrichen hatte - Doris plauderte es ganz von alleine aus und fühlte sich sichtlich immer wohler. Beim Abendessen im chinesischen Restaurant saß sie dann direkt neben mir, und wir plapperten stundenlang den größten Zinnober und hatten eine Menge Spaß. Doris haßte es nachhaltig, nett gefunden zu werden. Ich begab mich dann auf ihre Schiene und erzählte ihr schonungslose Räuberpistolen aus meinem eigenen Leben. Das fand sie, glaube ich, recht lustig. Sie hatte ihre Scheu vor mir völlig verloren und wurde jetzt richtig herzlich. Sie war eine liebe Frau, die nicht lieb gefunden werden wollte. Das habe ich respektiert.

In den Folgemonaten telefonierten die Clubberer noch häufig mit ihr. Ich bekam einige nette "Greetings to Christian" übermittelt. Die Monate zogen ins Land. Den Platz über meinem Computer ziert ihr Autogramm, unter einem echten "Noir"-Foto von ihr, das Oli in Florida geschossen hat. "To Christian - Very best wishes, Doris Wishman" heißt es da. Tante Doris ist jetzt tot. Und ich bin sehr traurig darüber.

Doris Wishman war ein kleiner Kampffisch in der großen Welt des Films, in der so viele Haie und andere Räuber ihr Unwesen treiben. Sie verkörpert für mich den Kampf des eigentlich Vergeblichen gegen die überwältigenden Fakten, des mutig Unvollkommenen gegen die scheinbare Perfektion. Je mehr mir der Sinn für die Konstanten und das Vertrauenswerte abhanden kommt, desto mehr werde ich an sie denken und mir sagen, daß es dennoch Sinn macht, die Fugen zwischen den Steinplatten auszufüllen und weiterzumachen. Wo immer Tante Doris jetzt ist - ich hoffe, daß sie ihre Katze gefunden hat. Doris ist jetzt meine kratzige Katze, und ich werde sie immer bei mir haben.

 R.I.P.

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