DIE TÖDLICHE DORIS

1982. Ein junger Mann namens Christian, 13 Jahre alt, verliebt sich in eine Frau namens Doris. Obwohl diese Frau so weit von ihm entfernt ist, schreibt er ihr glühende Liebesbriefe. Er ist noch anderthalb Jahre von seinem ersten Kuß entfernt und weiß nicht, was Liebe wirklich bedeutet. Mit flehendem Herzen wartet er auf die Antwort, die - das weiß er - ihn nie erreichen wird. Doch hier geschieht das Unerwartete: Doris antwortet ihm. Der Briefwechsel ist kurz, aber gehaltvoll. Er wird nie wieder der sein, der er vormals war. Er wird sein Leben mit anderen Augen betrachten, neue Werte fordern und den Informationen, die auf ihn einströmen, eine Bedeutung beimessen, die sich so ganz von dem unterscheidet, was er zu erwarten gelernt hat. Die kurze Liaison mit Doris, die er nie sehen sollte, wird ihn begleiten und als Teil von ihm ein Eigenleben führen, das er nie bewußt wahrnehmen wird, aber von seiner Existenz zehren wie auch ihr neue Impulse hinzufügen wird. Was er nicht weiß: Diese Parallelexistenz lebt jetzt als Metzger in Ostwestfalen und hat in drei Eheverhältnissen ebensoviele Kinder gezeugt. Wenn das Schicksal es will, werden sich Christian, sein Parallel-Ich und Doris eines Tages treffen. Vielleicht werden alle auch niemals einander begegnen. Doch die Möglichkeit lebt ebenfalls neben ihnen her, und jetzt wird es zu kompliziert, als daß man das in angemessener Form verfolgen könnte.

Die Tödliche Doris war ein Projekt der Künstler Wolfgang Müller, Käthe Kruse und Nikolaus Utermöhlen. Die Wurzeln der Gruppe liegen, wenn ich mich recht entsinne, in Wolfsburg, aber das Zentrum ihres Wirkens wurde schließlich Berlin, wo sich Anfang der 80er Jahre eine Bewegung formierte, die als "Geniale Dilletanten" (absichtlicher Schreibfehler, also sozusagen sic!) bekannt wurde. Den Berichterstattungen in Musikmagazinen wie "Sounds" o.ä. folgte auch das "Festival genialer Dilletanten", an dem auch diverse andere Vertreter der Bewegung teilnahmen, darunter die Einstürzenden Neubauten, Alex Hackes und Citnys Sprung aus den Wolken,  Gudrun Gut (später Malaria und allgemeine Traumfrau), Leben und Arbeiten (später teilweise zu Die Ich´s umformiert), Max Müller (Mutter forever) und Padeluun. Ein klar abgegrenzter Dilletantenbereich läßt sich kaum noch eruieren. Viele Berliner Avantgarde-Künstler wie Frieder Butzmann werden häufig ebenfalls dem Dilletantentum zugeordnet. Kosmonautentraum aus Hannover müssen dazugezählt werden, Christiane F. (damals Freundin von "Alexander von Borsig") und sogar der hernach als Dr. Motte hervorgetretene Matthias R. Auch die eher punklastigen Mekanik Destrüktiw Komandöh gehörten dazu, deren Sänger Volker Hauptvogel mittlerweile als kulinarischer Zeremonienmeister des Berliner Restaurants "Storch" stilvolle Leckereien unter das Volk streut. (Sehr netter Mann übrigens!) Vielleicht ist es auch ganz gut so, daß diese Bewegung so vielgestaltig und grenzenlos agierte, denn ansonsten würde man ihre Einflußnahme auf die Musikszene der damaligen Zeit wohl unterschätzen. Für meinen laienhaften Blick offenbart sich der Fall in der Retrospektive als eine Art Vereinigung der Bestrebung damaliger Künstler, sich einerseits von der formalisierten Kunstszene abzugrenzen, deren Regelhaftigkeit der Erfahrungswelt der Musiker nicht mehr entsprach, sich andererseits aber nicht dem Punkethos verpflichtet fühlte, das die Rebellion letztlich in vielen Fällen nur in neue Uniformen gewandete - des Kaisers alte neue Kleider. Hier verband sich der Drang der Künstler, sich in disziplinenübergreifender Form auszudrücken, in Events, die Musikkonzert, Performancekunst und Vorläufer des Multimediaspektakels miteinander verschmolzen. Die Ideen der einzelnen Künstler werden dabei sehr unterschiedlich gewesen sein, aber die Vielfalt der Ausdrucksformen macht die damaligen Aktivitäten zu etwas höchst Faszinierendem. (Eine Art Pamphlet, in dem Leute wie Wolfgang Müller, Blixa Bargeld, Gudrun Gut, Frieder Butzmann und Michael Jarick zu Wort kommen, kam 1982 im Merve-Verlag heraus und kann von Interessierten immer noch z.B. über www.amazon.de geordert werden.)

Mir persönlich lagen eher die humorbegabteren unter den Exponenten dieser Bewegung am Herzen. Zwar empfinde ich Humor immer mehr als höchst lästiges und erbittert aufgezwungenes Statussymbol einer humorgrundunbegabten Clique von Unsympathen, doch es sollte bei der Durchsicht dieser Seiten schon klargeworden sein, daß meine Weltsicht sich auf einer untrennbaren Einheit von ernsten Empfindungen und ihrer grotesken Interpretation durch die Menschheit begründet. Der Humor muß hier nicht noch extra betont werden - er ergibt sich als nicht selten ernüchternde Nebenwirkung des Weltenganges. Eine zur Schau getragene Humorlosigkeit ist häufig der logische Ausdruck eines humorbegabten Wesens. Eine Anbetung des Ernstes als solchem liegt mir so fern wie manische Kasperei, denn sie entspricht nicht meinem Weltbild. Die Schönheit in der Häßlichkeit des Vorgefundenen äußert sich nicht in platten Absolutheiten, noch verschwollener kann ich es nicht ausdrücken!

Doris nun war auch alles andere als eine Kaspergruppe, und doch war das absurde Theater der Erscheinungsform der Gruppe nicht fremd. Mit ihren Arbeiten interpretierten sie den Dilletantismus der Bewegung als eine Rückführung der intellektuellen Betrachtung in die gute alte Kinderstube. Die unschuldige Weise, mit der die Musiker Haushaltsgegenstände und unvirtuos gespielte Instrumente verwendeten, erinnert an die unschuldigen Entdeckungsfahrten von Kindern. Derselben Neugier wird auch die Sprache unterworfen, die weniger mit intellektuellem Kalkül als vielmehr mit intuitivem Bauchgefühl verwendet wird, als weiteres Instrument eines Spaßes an der Neuentdeckung. Vielleicht verstehe ich da was falsch, aber für mich ist Kunst letztlich immer eine bauchzentrierte Sache, und Doris bastelte sich mit derselben kindlichen Subversion durch ihre Werke, wie die Dadaisten einst Formen und Inhalte zerbumsten. Das Ergebnis ist nicht mehr und nicht weniger als eine unakademische Forschungsreise in das Leben, das sich letztlich jeder so erschaffen kann, wie es ihm beliebt.

Zur objektiven Nachvollziehung von Doris´ Oeuvre bietet sich die hervorragende Website an, auf der man sämtliche Werke der Gruppe herunterladen kann (!), nebst Zusatzinformationen über ihre Entstehung. Meine eigene Initiation in den Kosmos des Doris´schen Schaffens erfolgte (wie bei vielen) mit der Zickzack-Maxi, die 1981 herauskam, als erste Vinylveröffentlichung nach einigen Tapes ("Der siebenköpfige Informator" und "Das typische Ding"). Das Stück "7 tödliche Unfälle im Haushalt" ist mit Leichtigkeit das berühmteste Werk der Gruppe. In ihm berichtet Wolfgang Müller mit ruhiger Gelassenheit von einigen grotesken Grausamkeiten, die einigen Mitmenschen im trauten Alltagsumfeld wiederfahren. Die entnervende Art, mit der die Geschichten von einer einsam improvisierenden Klarinette und einer schrammelnden Gitarre untermalt werden, ist der Stoff, aus dem Gänsehäute gemacht sind und kann nicht wieder vergessen werden. Das extrem simpel aufgemachte Plattencover (dessen Klappentext Doris als eigenständige Künstlerin, nicht als Kollektiv erscheinen läßt) entspricht den sehr minimalistischen Stücken, unter denen neben einigen aggressiven Kreischstücken das ätherische "Der Astronaut und der Kosmos" hervorsticht. Der "Lieber zuviel als zuwenig"-Sampler lieferte das unheimliche "Aufzeichnungen Josef Pfeuffer 3.6.76", das in die zwanglose Weitschweifigkeit der Geisteskrankheit entführt, die in Doris´ Kosmos immer der kontrollierten Zweckgerichtetheit akademischer Präzision und Scheinkontrolle gegenübersteht.

Die erste LP (1982) erschien ebenfalls auf dem Zickzack-Label und stellt eine ausgesprochene Muß-Anschaffung dar. Auf dem Cover posiert Doris auf einer improvisierten Bühne neben einem Spinnrad und einem weihnachtsbaumartigen Geblümel. Unter den zahlreichen lohnenden Kleinodien der Platte stechen verschiedene Reminiszenzen an die vorangegangenen Tapes hervor, etwa "Kavaliere" oder "Fliegt schnell laut summend". Das einleitende "Stümmel mir" stellt klar, was für eine Rolle die Sprache (beziehungsweise die in der Realität vorgefundenen Sprechakte) in der Seligwerdung des Individuums spielen. "Alle werden glücklich, wenn die Laute gestümmelt werden" - in der Praxis sieht das so aus, daß Worte in ihre Phon-Qualität zurücksacken und nur noch der generelle Klang dominiert. Käthe vollführt im Hintergrund wahre Kunststücke der Klangverhutzelung. Das hat mich stark erinnert an Schallplatten, auf denen die Wortverballhornungen geistig Behinderter vorgeführt wurden, und es ist eben einfach wahr, daß die Grenze des gesprochenen Wortes sehr bald aufdämmert, wenn man seine Realisierung im Alltag bedenkt. Worte und Werte gehen über den Jordan - der Geist macht seinen Kotau vor dem Gefühlten, dem Unbewußten. Das ist intellektuell, wird aber unintellektuell praktiziert, und das finde ich toll! Mit "Haare im Mund" wird auch die Sexualität aller Romantizismen entkleidet und landet nackt auf dem Faulbette, wo sie ja nun auch hingehört. "Wie still es im Wald ist" ist ein weiterer Kracher und läßt Totentrompeten aus dem Moos kommen, bis der Zauberwald in den Dämmer fällt. Mit "Robert" gibt es eine formale Reminiszenz an die "Tödlichen Unfälle", auch wenn die erzählte Geschichte eine scheinbar harmlosere Gestalt hat. Aber wenn man aus den bisherigen Doriaden etwas gelernt hat, dann ja wohl, daß die Gestalt keine Bedeutung hat - hier lauert noch kruderer Alltagsschrecken! Die "Über-Mutti" macht schließlich Schluß mit Freud und seinem Leid.

Das nächste Vinyl-Werk von Doris war die 1983 herausgekommene "Chöre und Soli",  auf der 16 Mini-Stücke zu hören waren, die sich in ihrem Stil dem gewählten Format anpaßten: kleine Mini-Schallplatten, wie sie zu jener Zeit Spielzeugfiguren wie jenen von "Action Team" beigelegt wurden. Während aus den Backpacks der abenteuerhungrigen Tausendsassas aus dem Big-Jim-Umfeld strahlemännernde Botschaften drangen, die auch meine Kindheit mitgeprägt haben, lassen Doris´ Miniaturen Mädchenherzen durch die Luft fliegen, Rosettenbildungen stattfinden, die Sonne Strahlen auf uns werfen und uns in einer Pfütze stehen. Die Sache kam auch als Live-Tape heraus, das ebenfalls anschaffenswert (oder downloadenswert) ist. Die originalen "Chöre" (mit Miniaturplattenspieler, den es natürlich längst nicht mehr gibt) wurde neulich auf www.rockers.de für 630 Mark angeboten... Kriegt Ihr det Dingen für die Hälfte, seid Ihr glücklich. Ihr könnt Euch den Spaß aber auch für lau herunterladen - los, machen!

Vinyliade Vier erschien als "Unser Debut" (1984), die, so ich mich recht erinnere, eine Releaseparty bekam, die ein Jahr später erfolgte... Hier bietet sich ein Exkurs an. Während ein Katalog namens "Naturkatastrophen" von einer höchst unterhaltsamen Single mit brennendem Mikro begleitet war, erschien die sechste Doris-Platte ("Sechs") erst 1986. Obwohl absichtlich zwei Jahre später veröffentlicht, wurde sie wohl mehr oder weniger parallel zum "Debut" aufgenommen. Beide, die vierte und die sechste Platte, ergeben, gleichzeitig auf zwei verschiedenen Plattenspielern abgespielt, die unsichtbare fünfte LP! Diese vollkommen geniale Konzeption wurde geadelt duch die in den 90ern erfolgte CD-Veröffentlichung, bei der beide LPs gleichzeitig abgespielt werden - eine auf dem linken, eine auf dem rechten Kanal... Titel des Projektes: "Die unsichtbare 5. LP, materialisiert als CD"... :)

Danach gab es nur noch eine LP, die als "Live Playbacks" herauskam. Auf ihr wird eine Auftrittsserie dokumentiert, bei der Doris verschiedene ihrer Stücke interpretiert, nur daß bei jedem neuen Auftritt nur noch Playbacks vom jeweils vorangegangenen Auftritt gereicht wurden. So fügt sich nur die Reaktion des Publikums hinzu, was jede darauffolgende Aufnahme immer undefinierbarer werden läßt, bis in die völlige Krachigkeit...

1987 löste sich Doris auf. Sie löste sich erst in ihre Bestandteile auf, die zwar noch aneinander hingen, aber sehr unterschiedliche Releases produzierte. Diese Veröffentlichungen sind als "Die Schule der Tödlichen Doris" auf Vinyl festgehalten. Wolfgangs LP "BAT" besteht aus den Geräuschen von verschiedenen Fledermaussorten, deren Balzrufe und Flügelschläge von der Stimme der Schauspielerin Carola Regnier sinnstiftend verbunden werden. Nikolaus Utermöhlen (der 1996 leider starb) lieferte einen Soundtrack zu einem Film namens "Karlsbad", dessen Cello- und Akkordeonimprovisationen harter Tobak sind für Freunde sanfter Badidylle. Käthe Kruse machte eine Maxi, die aus zwei Stücken besteht, die in jeweils zwei ungefähr 15 Jahre voneinander getrennten Versionen enthalten sind und das Herz durch Wohlklang erfreuen.

Ende der 80er erfolgte dann die endgültige Transformation von Doris in Wein. Eine erste Aktion, die einen dem Vernehmen nach leckeren Wein namens "Die tödliche Doris" zeitigte, verlief aufgrund disaströser Vertriebspraktiken im Sande. Im darauffolgenden Jahrzehnt wurde das Konzept aber wiederbelebt. Ob immer noch Weinflaschen vorhanden sind, müßte ich den Wolfgang eigentlich mal fragen. Ein in Buchform veröffentlichtes Interview, das Claudia Schandt führte, erlaubt Einblicke. Überhaupt möchte ich darauf hinweisen, daß außer diesem Doris-Büchle noch diverse andere Zeugnisse der großen Künstlerin erschienen sind und nach wie vor beim Martin Schmitz Verlag geordert werden können oder bei www.amazon.de. Wenn man bei Wolfgang Müller nachschlägt, bekommt man eine hübsche Anzahl lohnender Veröffentlichungen angeboten. Martin Schmitz scheint überhaupt so manches für die Kulturszene gemacht zu haben, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden...

Doris ist nicht tot. Sie schickte mir damals einige schöne Schriften, und auch heute noch rieseln Elfen aus unsichtbaren Montgolfièren auf Friseursalons hernieder. Ich finde das gut und unbedingt unterstützenswert. Geht mal auf ihre Seite und ladet Euch Sachen herunter. Beginnt wie ich mit den "7 tödlichen Unfällen"...

Zu den anderen Dilletanten kann ich kaum noch was sagen. Was aus den Neubauten geworden sind, wißt Ihr selber, und man kann auch einiges in meinem Text über sie nachlesen. Alex H. hat gar die bezaubernde Meret Becker geheiratet, und ich beneide ihn  wie nichts Gutes! Wolfgangs Bruder Max ist ja seit langem fester Bestandteil der schönen Band Mutter, deren Frank Behnke auch offizieller Manager von Klaus Beyer ist, den ich auf meiner Linkseite fest eingehakt habe. Florian war gar Hauptdarsteller von Buttis SCHRAMM und hat seine Vorhaut festgenagelt. Was aus Matthias Motte geworden ist, wissen wir alle sehr gut. Frieder Butzmann hat eine ebenfalls auf der Linkpage festgenagelte schöne Webpage, und seine Platten sind auch bitte dringend zu beherzigen. ("Bunte Flügel" sollte sogar noch zu einem vernünftigen Preis zu haben sein, ich habe sie unlängst für 20 Märker erstanden!) Der Ziggy XY Jarick wohnt jetzt in der Weltstadt. Gudrun ist weiterhin gut und sehr aktiv. Leben und Arbeiten (Maxi auf Zickzack sowie diverse Tapebeiträge) haben sich zusammen mit Jochen Arbeit (von Die Haut) in Die Ich´s verwandelt und eine sehr peppige LP auf ZZ veröffentlicht. Padeluun schnüffelt Internetruhm. Und zu MDK´s Volker kann ich nur auf´s "Storch" verweisen, dessen Gastfreundschaft Ihr mal genießen solltet und das Ihr auch im Net findet...

Christian, der er einst war, ging über in den flüssigen Aggregatszustand und floß in die Weser, die zwar nicht direkt in die Ruhr mündet, aber mit heutigen Kommunikationstechniken sind ja so einige Sachen möglich, die noch vor kurzer Zeit als unmachbar verworfen worden wären. Macht die Augen auf und kuckt Euch um - die Welt ist ein Ball, und der hüpft überall! Ich gehe jetzt ins Bett. Nächtle.

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