Eine Band, die mir seit meiner Kinderzeit ans Herz gewachsen ist, sind die Dickies, die die konsequente Verweigerung von Geist und Geschmack in einer Zeit darstellen, in der immer mehr wert auf Feinsinnigkeit und Vergeistigung gelegt wird, WIE WIR JA ALLE WISSEN! Verkopft sind die Dickies nicht wirklich. Tatsächlich - wenn man den Menschen grob zerteilt, so in Herz, Hirn und Hoden, dann fällt die Wahl leicht. Das Hirn ist sicher nicht der Motor des Dickie´schen Seins. Der Hoden - nun, das weiß ich man nicht. Aber das Herz, oh ja, das schlägt, und zwar gewaltig laut!
Die Dickies bildeten sich so um
1977 in Kalifornien und fanden als Garagenband gleich einen Vertrag bei
einem dicken Label -
"A&M" -, die sie offensichtlich
im Zuge der aufkommenden Punkrockwelle als hinreichend kommerziell ansahen,
um sich einen flotten Reibach davon zu versprechen. Auf der ersten LP,
"The Incredible Shrinking Dickies",
präsentierte sich die Band um Leadsänger Leonard Phillips Graves
- er mit der Quäkestimme! - als eine Art Zeichentrickversion der Ramones.
Mit mehr Frechheit als Talent bombten sie sich durch ihre sehr kurzen Nummern,
angefangen mit dem rasanten "Give It Back", und machten auch vor einem
verbrecherischen, aber sehr lustigen Cover von Black Sabbaths "Paranoid"
nicht halt. Da ihnen ein Cover nicht reichte, nahmen sie sich auch noch
Barry McGuires "Eve of Destruction" vor und machten damit, was sie und
wir Fans wollten... (Die Sache mit Dickies-Covern ist ohnehin so eine Sache:
Auf dem halboffiziellen "We Are the World"
befindet sich u.a. eine unglaubliche Fassung von Simon&Garfunkels "Sounds
of Silence", durch das sich die begnadeten Musiker mit dem Respekt einer
Dampframme hindurchboxen. Angekündigt wurden die Sachen immer à
la "Paul Simon taught us this next tune...") Mein Favorit auf diesem Debütalbum
ist das treibende "You Drive Me Ape". Die Texte stammen von Rudi Mentär
und unterstreichen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt den festen Willen
der Dickies zur Verherrlichung des groben Unfugs. Auch "Curb Job" untersucht
nicht wirklich die unterliegende soziale Problematik des Phänomens
des Rinnsteinfressens, sondern haut einfach ohne Reue voll auf die Zwölf...
Auch die zweite LP bediente sich eines Filmtitels: "Dawn of the Dickies" (1980) zeigt auf dem Cover die Dickies in inniger Umarmung mit zahlreichen auf sie einstürmenden Zombies, und wer sich durch diese Scheibe durcharbeitet, wird feststellen, wie schnell 40 Minuten vorbeigehen können. Dickies hören ist wie mit Robert auf Schalke gehen: Einmal den ganzen intellektuellen Gobbledegook außen vor lassen, das Gehirn an der Eingangstür abgeben und sich auf die wahren Werte des Lebens besinnen! Das Savoir Vivre beginnt häufig an einer pappigen Brezel und Bier im Plastikbecher - das weiß man auch von Rockkonzerten. Ein gehaltvolles Gespräch - gut, fein, aber ich habe so viele Kopfproleten gesehen, die sich an der Reißleine ihrer eigenen klugen Anschauungen aufgeknüpft haben, daß man diesen Unsinn nicht auch noch verherrlichen sollte. Wie Nomeansno bereits gesagt haben: "Nonsense is better than no sense at all", und die Dickies praktizieren das mit einer Energie, die begreiflich macht, warum es diese Band auch nach fast 25 Jahren noch gibt. Die Leute nehmen sich nicht ernst, und auch nicht die Moody Blues, deren Klassiker "Nights in White Satin" sie mit dem Seim ihrer Musik gut abschmieren - DIE Alternative zum Karneval! Daß viele ihrer Inspirationen dem Fernsehkonsum entspringen, untermalen sie auch mit dem schönen "Attack of the Mole Men", obwohl das beste Stück doch wirklich "I´ve Got a Splitting Hedachi" ist. (Wer sich die tief philosophischen Texte übrigens mal näher betrachten will, der gehe auf die offizielle Dickies-Webpage, die ich unten einlinken werde.)
Die Dickies waren schon hier bekannt dafür, daß sie immer ihre Zeit brauchen, um neue Alben zu produzieren - Leonard hat das später mal in einem quasi-akademischen Text als "Dickie Time" bezeichnet. Nun, 1983 kam das letzte Album in alter Besetzung, "Stukas Over Disneyland", auf dem sie sich nicht nur mit Led Zeppelins "Communication Breakdown" anlegen, sondern auch mit Leonards Penis, der seinem Herrn und Kleister einige bohrende Fragen stellt in "If Stewart Could Talk". Neben der Single-Auskopplung "Out of Sight, Out of Mind" ist auch das hastig hingerotzte Punkstück "She´s a Hunchback" zu hören, in dem Leonard sich über seine bucklige Freundin ausläßt... Das Titelstück ist ohnehin ein Kracher. Auf manchen Exemplaren ist auch noch ihre SF-Comic-Homage "Gigantor" zu hören - auf CD isses drauf.
Danach begaben sich alle für mehrere Jahre auf einen Berggipfel in Tibet, um über den Sinn des Seins zu meditieren. Alle außer Leonard und Gitarrist Stan Lee stürzten dabei ab, und so fand sich im Jahre 1988 auf dem Opus "Second Coming" eine ganz neue Besetzung zusammen, die auf dem Cover als Heiligenbild posiert. Obwohl die Punk-Attitüde zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich geschwunden war und einer fröhlichen Popkleisterei Platz gemacht hatte, macht auch diese Platte reichlich Spaß. Die Cover sind diesmal das Titelstück des Musicals "Hair" (grusel!) und der Song aus dem alten Film "Town Without Pity", den Leonard anbetungswürdig schmachtet. Ansonsten erzählt er noch von seiner festen Absicht, schwul zu werden ("...I can´t relate, I am what I ate..."), von einer scheeläugigen Schönen namens "Cross-Eyed Tammy" und von dem Gewaltherrscher Caligula. (Wohl auch die Pornoszenen gesehen, wa?) Da die Dickies den unverhofften Auftrag bekamen, den Titelsong zu dem lustigen SF-Film "Killer Klowns from Outer Space" der Spezialeffektebrüder Chiodo zu schreiben, schufen sie noch eine schöne Zirkusmusik, die es als Maxi mit tollem Cover zu erwerben gilt.
Dann hielten die Dickies wieder für eine Weile den Rachen. Die "Dickie Time" war 1994 abgegolten, als Albert Einstein himself auf dem Cover von "Idjit Savant" zum Tanze lud. Ein Idiot Savant ist so etwas wie ein Fachidiot, und mit viel Schmackes nehmen die Dickies die losen Enden wieder auf, die sie Ende der 80er übriggelassen hatten. Die tolle Punksingle "Roadkill" (über rücksichtsloses Autofahren und plattgematschtes Tierleben) war ebenso ein Teil ihres bösen Spiels wie die Replik auf die Reagan-Drogenkampagne, "Just Say Yes", die bereits einige Zeit vorher zusammen mit einem geplanten Titelsong für den Horrorfilm "Dead Heat" als Maxi erschienen war. Neben einigen äußerst uncharmanten Ausfällen gegenüber Marlon Brando und Richard Pryor bürsten sich die volljährigen Rappelbuben durch Songmaterial, von dem mir besonders "Oh Boy" gut gefällt, das ein offensichtliches Ramones-Attentat ist und auch mit deren "We´re a Happy Family" endet...
Die glückliche Dickie-Familie bekam dann noch einen Nachschlag, als 1998 das gerade mal 19 Minuten lange "Dogs from the Hare that Bit Us" herauskam, eine reine Coverplatte, auf dem die Dickies endgültig ihre Verpflichtungen gegenüber der Musik der 60er und 70er abarbeiten. Das beste Stück ist - da gibt es, glaube ich, kein Vertun - "Nobody But Me" von den Human Beings. Ansonsten setzt es Stücke von den Beatles, Uriah Heep, den Hollies (wuäähh!), Iron Butterfly (su-per!), der Punkband The Weirdos, The Knack und schließlich sogar Donovan, der schon von Alice Donut und den Butthole Surfern beidseitig bearbeitet worden war... Trotz der geringen Laufzeit das absolut beste der neueren Dickies-Alben. Wer dann immer noch nicht genug hat, kann sich die mittlerweile zwei Livevideos zu Gemüte führen, die belegen, daß die Dickies ihre Pension nicht nur versoffen und verhurt haben, sondern auch Lohnenswertes mit ihrer Freizeit anzufangen wissen - ein Vorbild für uns alle!!!
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