DER PLAN
 
Eine meiner Leib-und-Magen-Gruppen der NDW-Zeit waren Der Plan, die ich damals als die deutsche Antwort auf die Residents empfand. Wie die Helden aus San Francisco bastelten die drei jungen Männer in Düsseldorf eine Menge Verspieltes auf synthetischen Instrumenten und versahen ihre Live-Auftritte mit grellen und aufwendigen Maskierungen. Ursprünglich sollte die Identität der Planer auch geheimgehalten werden, doch was bei den Amis klappte, versandete hierzulande im Wüstengrund der deutschen Musikjournaille. Auch wenn Der Plan sich offiziell 1992 aufgelöst haben, existiert ihr "Ata Tak"-Label nach wie vor - ich habe die Webpage unten eingelinkt!

Es war um 1976, als Frank Fenstermacher und der Maler Moritz Reichelt (später einfach Moritz R) eine WG in der Nähe von Düsseldorf bewohnten. Nachdem es mit den anderen Mitwohnern Kabbeleien gegeben hatte, begaben sich die beiden nach Wuppertal, wo sie in vollen Zügen das Punkleben genossen und ihren Plan in die Tat umsetzten, eine Kunstgalerie zu eröffnen: "Art Attack". Kurt Dahlke (später Pyrolator) war zu diesem Zeitpunkt Teilhaber eines Landgasthofes in Gevelsberg namens "Grün Inn", und da Moritz und Frank auch mit verschiedenen wagemutigen Livemusiksachen herumhantierten, steuerte er einen alten KORG-Synthesizer bei. Wie Moritz R. in seiner hübschen Biographie "Der Plan - Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle" schreibt: "In jenen Tagen konnte es einem passieren, daß man einen Fanclub hatte, wenn man bloß aus dem Haus trat und laut brüllte." Nach dem erneuten Umzug nach Dusseldoof (wo in punkto Musik ein deutlich interessanteres Umfeld existierte) benannte man sich um in "Der Plan" und produzierte im Keller von "Rondo"-Betreiber Franz Bielmeier einige Aufnahmen, die als Single 1979 das Licht der Welt erblickten. Bei den Aufnahmen waren auch Chrislo Haas und Robert Görl dabei, die später Deutsch-Amerikanische Freundschaft machen sollten. Wie auch die frühen D.A.F.-Sachen nicht wirklich dem entsprechen, womit man die Gruppe heute assoziiert, ist auch die erste Plan-Single (die gelegentlich als "Das Fleisch" bezeichnet wird) ein rundum überraschendes Elaborat, das keine traditionellen Songstrukturen aufweist. Der fröhliche Lärm verkaufte sich aber überraschend gut, und so entschlossen sich die Freunde, eine LP folgen zu lassen. Hierfür war hilfreich, daß Kurt Dahlke ein Label gegründet hatte, "Warning Records", dessen erste LP-Veröffentlichungen "Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft" (bei der er auch selbst mitspielt) und seine Solo-LP "Inland" waren. Letztere bietet anmutige Synthesizer-Instrumentals mit viel Improvisationsgeist, die zu meinen Lieblingen gehört.

Für das Plan-Debütalbum "Geri Reig" (1980) beschloß man, "weg vom reinen Lärm" zu gehen. Das Ergebnis ist eine der einflußreichsten NDW-Platten überhaupt, die sehr im Stil der Residents einfache, fast kindhafte Melodien mit tuberkulösen Synthie-Akzenten versieht und so hinter der skurrilen Maskerade der Band immer ein wenig abgründige Morbidität mit sich führt. Zu den bekanntesten Songs gehören "Gefährliche Clowns" (in das eine Menge Unfug hineingedeutet wurde), die Kriegsherrenhymne "Hans und Gabi" und das sehr unheimliche "Ich bin schizophren". "Der Weltaufstandsplan" wurde von Xao Seffcheque auf seiner lustigen NDW-Parodie "Sehr gut kommt sehr gut" angemessen verulkt. Die vielen kleinen Instrumentals, die als Bindeglied zwischen den Songs fungieren, sind aber ebenfalls exzellent, etwa das tolle "Persisches Cowboy-Golf" - mein Favorit! Zusätzlich wurde ein ausführliches Livekonzept erarbeitet. Der Plan gehörten auf einmal zu den Speerspitzen der neuen deutschen Musik und wurden enthusiastisch gefeiert.

Die zweite LP hieß "Normalette Surprise" (1981) und hat ein wunderschön gemaltes Cover von Moritz R. Die darauf enthaltenen Stücke sind etwas glatter und sauberer produziert, aber ganz so toll wie Nummer Eins war das Album meines Erachtens nicht. Trotzdem gibt es viele Juwelen darauf zu entdecken, etwa Lieder wie "Leb doch", "Wenn der Sonne ist verblüht" und "Generäle essen gerne Erdbeereis". Auch ein Lied aus einem Film von Rainer Kirberg ist enthalten, mit denen Der Plan den großartigen "Die letzte Rache" machten, der den Geist der Live-Performances filmisch umsetzt. (Der Soundtrack ist mittlerweile auch als CD wiederveröffentlicht worden.) "Normalette" hat eine 33er- und eine 45er-Seite. Bei der ersten Auflage wurden die beiden Coverseiten leider vertauscht, so daß viele Fans sich wunderten, warum man es hier mit einer so teuren Maxi zu tun hatte... Wer sich ganz was Gutes tun möchte, der kaufe sich die Combo-CD, auf der die beiden ersten LPs von Der Plan vollständig enthalten sind. Außerdem drauf ist die B-Seite der berühmten Single "Da vorne steht ´ne Ampel" - die A-Seite findet sich auf einer Kompilation mit dem bescheidenen Namen "Perlen"...

"Ata Tak" (wie das Label mittlerweile hieß) beschäftigte sich aber auch mit der Veröffentlichung der Werke anderer Künstler. So kamen auch Werke von Leuten wie The Wirtschaftswunder und Holger Hiller dort raus. Absoluter Kassenschlager war sicherlich Andreas Doraus "Fred vom Jupiter"-Single, dessen erste LP ebenfalls auf "Ata Tak" erschien. Die Soloarbeiten vom Pyrolator umschließen die eher songzentrierte LP "Ausland" (mit Gastauftritten von Frank F.) und das 90er-Album "Wunderland", sowie mindestens eine Promo-Single. Wer die Planensien komplett sammeln will, muß natürlich auch die Samplerbeiträge aufstöbern, von denen mir die Beilage-Single zu dem schönen internationalen "Ata Tak"-New-Wave-Sampler "Fix Planet!" und "Schnee-Christel unterm Baum" auf dem Düsseldorfer Weihnachtssampler "Denk daran" bekannt sind. ("Schnee-Christel" erschien in komprimierter Form auch als "Vier Stapfen im Schnee" auf der "Normalette".) Auf "Denk daran" sind ebenfalls Stücke vom Pyrolator (das berühmte "Der Weihnachtsmann geht in die Disco"), Xao Seffcheque, Die Lemminge (=Ralf "Krupps" Dörper), Vorsprung (=Engler und Malaka von Male und den Krupps), Adolf + Eva (=Bielmeier nebst damaliger Gattin), S.Y.P.H. und ZK enthalten. Ein frühes Stück vom Pyrolator, das ich einst im Radio gehört hatte und mir bis heute in den Ohren gellt, ist "Da hinten brennt ein Haus", das auf einem "Klar80"-Kassettensampler zu finden ist.

Wer mehr über die Geschichte der Band erfahren will, dem lege ich das oben genannte Buch von Moritz R. ans Herz, das einen sehr subjektiven Blick auf die damalige Szene anbietet und im Martin-Schmitz-Verlag erschienen ist. Da gibt es auch mehr Informationen zu den Plattenveröffentlichungen, die ich hier böswillig unterschlagen habe, und bei den Atatakkern kann man sich natürlich auch direkt umschauen - mit Vollgas direkt zur Quelle!

       Hier geht´s zu "Ata Tak"!

Bevor ich Ata Tak den vorübergehenden (nicht den verlängerten!) Rücken kehre, möchte ich noch auf eine Gruppe zu sprechen kommen, die auf dem Label veröffentlicht hat und  Erwähnung finden sollte. Die Rede ist von Minus Delta T, einer ziemlich internationalen Performancegruppe, deren Gründungsmitglieder Mike Hentz, Karel Dudesek und Chrislo Haas waren. Seit Mitte der siebziger Jahre betätigten sich die Minus-Männer auf aktionistischen Pfaden. So transportierten sie in den 70ern - während der Ölkrise - eine Tonne Rohöl in den Mittleren Osten. Ihre bekannteste Aktion war das "Bangkok-Projekt", bei dem sie einen 6 Tonnen schweren Stein von England im Lastwagen Richtung Himalaya transportierten! Eines ihrer Hauptanliegen mit diesem an sich sinnfreien Projekt war es, die Medien und die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, die immer mehr einer dem Vorhersehbaren verpflichteten Bewegungslosigkeit gehorchten. Die Aktion ist in einem Buch im Merve-Verlag festgehalten. Eine LP erschien auf dem Ata-Tak-Label. Ebenfalls dort herausgekommen ist die 3-LP-Sammlung "Opera Death", die ich gerade (inmitten eines dröhnenden Gewitterkonzerts!) auf CD banne... Eine unglaubliche Collage aus Stimmen, Beats und Geräuschen undefinierbarer Abkunft, mit einer langen Latte an Gastmusikern, darunter Fenstermacher, Dahlke und Tom Dokoupil - umwerfend! (Wurde auch an der Oper aufgeführt!) Wer die "Geräusche für die 80er"-LP besitzt und die dazu gehörige Flexi-Disc, hat auch einen frühen Live-Auftritt der Gruppe, der übrigens in einer handfesten Schlägerei gipfelte... Ab Mitte der 80er lenkten die Künstler ihre Aktivitäten in die Richtung eines interaktiven Fernsehens. Zu dem Zwecke gründeten sie die Mediengesellschaft "Ponton" und das "Van Gogh TV", das auch am "Hotel Pompino"-Interaktionsprojekt beteiligt war, von dem ich mal eine nette Postkarte erhielt - die Welt ist klein! Hentz ist mittlerweile ausgestiegen und lehrt in Hamburg an der Hochschule, während Dudesek wohl "Minus Delta T" weiterführt. Texte zu "MDT" gibt es im Internet zuhauf - leiht aber ruhig auch den Platten ein Ohr!

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