ERIC HYSTERIC & DER DURSTIGE MANN

Als Ralf mir einige Sachen vom Durstigen Mann vorspielte, schaute ich nicht schlecht - so derbes vorsätzliches Geschrammel war selbst mir neu! Da ich aber spätestens seit dem letzten Rosenmontag Fan der Musik bin, möchte ich hier eine kleine Würdigung hinterlassen...

Wer oder was ist Eric Hysteric? Nun, für sich betrachtet ist er ein freundlicher Mensch aus Nordhessen (genauer: Löhnberg), der in den siebziger Jahren für Fanzines über Punkmusik schrieb und Platten importierte, mit denen er dann die Region um Frankfurt unsicher machte. Mit einigen Gleichgesinnten gründete er die Band Vomit Visions, deren erste Single auf dem berüchtigten Rock-O-Rama-Label herauskam.

Ein paar Worte zu Rock-O-Rama: ROR war ehemals ein durchaus verdienstvolles Unternehmen, in dem zahlreiche Punkgruppen eine Heimat fanden. So gab es neben diversen Durstigen Männereien auch Platten von den Hamburger Razors, den Alliierten (mit Caspar Brötzmann!) und anderen Gruppen, denen man nicht eben vorwerfen kann, faschomäßig orientiert gewesen zu sein. (Man denke an Brutal Verschimmelt mit "Nazischwein"..)  Geradezu berüchtigt sind ja die Platten von OHL, die sich nicht zuletzt aufgrund der Wehrmachts-Cover auf dem Index befinden, tatsächlich aber eher antiautoritären und im besten Sinne des Wortes führerlosen Punk hinbrezelten. Zur damaligen Zeit war Punkrock für viele eine Möglichkeit, gegen jede Form von Regierung zu rebellieren, wozu eben nicht nur diejenige des Heimatlandes gehörte, sondern auch die zunehmende Uniformierung im linken Lager, dessen Toleranzbereitschaft häufig nicht wesentlich über die seiner Gegner hinausging. Die Punks waren insofern schon deutlich ehrlicher als andere "Rebellen", als sie ihre Watschenlaune nicht mit politischen Ideen überhöhten, sondern ihren eigenen Spaß in den Vordergrund stellten. Dabei war der Griff zum Schockeffekt ein sehr beliebter, und in den 70ern, mit Springer und RAF als unversöhnlichem Hintergrund, konnte man halt am besten mit Nazi- oder Terroristeninsignien anecken. Eine politische Botschaft war damit nicht wirklich verbunden. In der heutigen Zeit, wo politische Inkorrektheit mehr zu einem Ventil für frustrierte Spießbürger geworden ist (siehe die Harald-Schmidt-Show, Raab und schnick, schnack & schnull), ist man wahrscheinlich dazu gezwungen, die richtig schmerzenden Regelverstöße entweder als zweckgerichtete Propaganda zu verteufeln oder mit einem intellektuellen Anspruch zu verbrämen, den die Sachen niemals besessen haben und auch nicht besitzen sollten. Das waren einfach ein paar junge Leute, deren höchstes Ziel darin bestand, auf die Kacke zu hauen und sich möglichst von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Insbesondere OHL sehe ich (trotz diverser massiver Geschmacklosigkeiten) keine Sekunde als Faschos an. Das taten wohl eh nur die Prüfer der zuständigen Behörden. Der Fall wurde dadurch nicht unkomplizierter, daß ROR nach einer zunächst höchstens unbedenklichen Auswahl später voll auf das braune Pferd setzte und sich einen Namen als einer der Hauptlieferanten deutschen Fascho-Punkrocks machte, der sogar einige der früheren Labelgäste dazu brachte, vom Erwerb ihrer eigenen Platten abzuraten! Auf eBay erzielen die ROR-Platten auf jeden Fall lächerlich hohe Preise, vermutlich, weil die Plattensammler hoffen, etwas richtig Böööses aufzutun... Einen sehr unterhaltsamen Text zum Label gibt es hier.

Vomit Visions brachten dort jedenfalls die Single "Punk Are The Old Farts Of Today" heraus, später dann (im Eigenvertrieb) "Shove It Up Your Ass", die zunächst ein Pornocover besaß, dann aber mit einem Nettie-Cover neu aufgelegt wurde. Die eindeutig bessere ist die zwote, deren Engineer übrigens Tom Doukopil war! (Ja, Löhnberg liegt bei Limburg...) Die A-Seite mißt schlanke 50 Sekunden, während auf Seite B immerhin zwei ähnlich kurze Stücke zu finden sind. Die Musik war aggressiver, schneller Schrammelpunk, über den der Sänger Rola Supersex undefinierbare Grundsätzlichkeiten ins Mikro quäkte. Später gab es noch eine Split-7´´, "Sell Out", auf deren B-Seite ein sehr hübsches Schubiduh-Stück von Eric Hysteric zu finden ist. Wer (speziell im Fall der ersten Platte) den tiefen Griff in die Geldbörse scheut, kann sich die ohrengefährdenden Kostbarkeiten im Internet herunterladen! :)

In der Zwischenzeit war Herr Hysteric nach England gegangen und machte dort die Bekanntschaft mit einigen australischen Punkmusikern (von der Gruppe Last Words), mit denen er sich zusammentat. Das Ergebnis war eine hervorragende LP, "Drive You Crazy", die musikalisch irgendwo zwischen recht harmonischem Britenpunk und den Ramones liegt und ungefilterte Freude verbreitet! Auch eine Singleauskopplung, "Tropical Vision", kam heraus, die ich zu meiner Überraschung als ein Stück identifizierte, das ich als Junior-Dreikäsehoch im Radio aufgenommen hatte und so aus dem FF kannte...

Das war 1981, und als Labelnamen verwendete Eric "Wasted Vinyl". In den Folgejahren erschienen dort die meisten Sachen aus seiner Produktion, obwohl det janze Unterfangen irgendwann in "Orgasm Records" umgetitelt wurde. So nennt sich das Label auch heute noch und hat Bands wie u.a. die Part Time Punks gefördert.

Wie heißt es so schön im Beiblatt zu den Esoterics? "Wenn Eric Hysteric eine Botschaft hätte, dann würde er sie mit der Post verschicken. Aber garantiert nicht an Euch." Vor diesem Hintergrund hat man wohl auch die Gründung von Der Durstige Mann zu verstehen, die den vorläufigen Höhepunkt (für Puristen wohl eher den Tiefpunkt!) der Verschwisterung des linken und rechten Punkspektrums darstellte: Auf einem Flohmarkt traf Eric den rechten Skin Markus Monoton - ein Sänger war gefunden! Die ersten beiden Singles und eine LP kamen erneut auf ROR heraus, und was die Singles angeht ("Prost!" und "This Is Frankfurt"), so scheiden sich hier wahrscheinlich die Geister, denn die Texte gehen in punkto Schockeffekt ziemlich in die Vollen. Das Bürgersöhnchen in mir hat einen Schluckauf bekommen. Auf der extrem hörenswerten Kompilation "Zurück in die Steinzeit" sind die dubioseren Sachen auch rausgenommen worden, mal abgesehen von dem Schlager "Wo gibt es den besten Apfelwein? In Sachsenhauuusen..." Na, das wird im Musikantenstadl niemals gespielt werden. Die LP "Bier 4 tot" ist sehr fein und wurde später auf Wasted wiederveröffentlicht. Darauf tummeln sich fröhliche Schunkellieder wie "Mein Bandwurm läuft Amok" und "Alkohol auf Krankenschein", aber auch deutliche Leihgaben aus der Schlagerbereich. Meine Lieblinge sind die Stücke "Oligophrenie" und "Rübezahl".

1984 kam die Maxi "Saufen ohne Ende", deren unbestrittener Kracher "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe" ist. Das launige Titellied habe ich beim ersten Hören als "Saufen ohne Hände" mißverstanden, was auch ein ganz schöner Titel gewesen wäre...

Meine Lieblings-LP vom Mann ist entweder "Saufen macht das Leben Spaß" (1986) oder "Himmel und Hölle" (1988). Erstere hat ein brillant gestaltetes Booklet - wenn man von jemandem die Platte ohne das Booklet verkauft bekommt, sollte der Prügel rausgeholt werden! An Schunkelhaftigkeit ist das Album nicht zu übertreffen. Als die Rosenmontagszüge marodierten, habe ich die Platte vorwärts und rückwärts gehört. Markus gröhlt sich hier durch Kleinodien wie "Wandertag in der DDR" und "Oi Oi Äppelwoi", wobei meine besondere Liebe dem Stück "Schrumpfkopf" gehört: "Ich schneid´ dir deine Rübe ab und steck´ sie in die Tonne/ Freu´ mich sehr, ich freu´ mich sehr, hab´ jetzt einen Schrumpfkopf mehr..." Auch sehr nett die "Wasserleiche". Zusätzlich setzt es noch Coverversionen der beliebten Schlager "Heimweh" und "Schneeglöckchen im Februar, Goldregen im Mai", die einfach nur als hübsch zu bezeichnen sind.

"Himmel und Hölle" ist nicht nur Erics Lieblingsalbum unter den Männereien, sondern auch das mit Abstand schrägste, das sie hervorgebracht haben. Die erste Seite enthält das Beatles-Cover "Little Child", sowie viele schöne kurze Songs à la "Faul, versoffen + fett", deren Soundqualität erneut anmutigen Ranzcharakter hat. (Wie Eric erzählte, haben sie den Sound noch ein paarmal von Band zu Band gespielt, damit es auch richtig schön rumst!) Seite 2 besteht fast zur Gänze aus zwei längeren Stücken. Für "Monotons Traum" wurde Markus 13 Minuten lang beim Schnarchen aufgenommen und das Resultat mit wilden Tonimpressionen unterlegt... ("Wir brauchten noch was, um die Platte vollzumachen!") Na, ist das Avantgarde? Die LP ist im übrigen in sehr schönem grellbuntem Vinyl.

In die übrigen Männereien habe ich mich noch nicht richtig reingehört. Die Single "Im Winter Whiskey, im Sommer Pernod" finde ich toll. Zu den späteren Sachen gehören die LPs "Hellblaun" und "Ball der einsamen Herzen". Die Maxi-CD enthält auch ein paar überaus kostbare Demo-Aufnahmen, darunter ein Nena-Schmankerl...

Unter Eric Hysterics Soloaktivitäten sticht die 1988 veröffentlichte "Für Dich" heraus, die schrägen Schlagerpunk der sehr genießbaren Art offeriert, komplett mit textmarkerfarbenem Cover und einem Superfoto des Künstlers vorne drauf! 1985 gab es bereits "The Crazy King", die deutlich verspielter und vertrackter ist, in die ich mich aber ebenfalls noch nicht genügend eingehört habe. Die Single "Fool Around" (= ein alter Esoterics-Song!) ist ebenfalls wunderbar.

Insgesamt machen die Veröffentlichungen von Eric und Konsorten eine Menge Spaß. Für Mann-Neulinge empfiehlt sich die Best-Of-CD "Zurück in die Steinzeit", auf der viele Klassiker aus den 80ern zusammengetragen worden sind. Toll auch das von Markus gemalte Cover - siehe unten! Wer sich etwas ordern möchte, kann das direkt beim Eric machen: Orgasm Records (Erich Knodt), Obertorstr.3, 35792 Löhnberg. Die Solo-Sachen sind noch komplett da, ebenso die Esoterics. Vom Durstigen Mann gibt es leider nur noch die neueren Werke, die Single "Leichen sind wie Du, nur tot" (auch schön!) und natürlich die CD. Über das sonstige Angebot informiert man sich am besten beim Eric selbst! Hoffen wir also, daß die Eintracht sich berappelt, und daß noch viele schöne Klänge aus dem Hessenland kommen... (P.S.: Habe mich bei einem sehr guten Text über E.H. bedient, den Ihr hier findet.)

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