Das Mienenspiel
des Darstellers bleibt trotz dieser erneuten Niederlage in einem Riktus
des aufgesetzten Kampfmutes befangen - nicht ums Verderben will dieser
Mensch sich in sein Geschick fügen. Doch sein Starrsinn führt
nur zur Komödie. Dies wird akzentuiert von einem flamboyanten
Regieeinfall des Jungtalentes Thilo Gosejohann, der die Kamera
während des Aktes insgesamt zweieinhalbmal um den Tisch
herumführt. Einfälle wie diese wirken bei modernen
Regisseuren wie Brian de Palma oftmals manieriert und
"kunstgewerbelnd", doch hier wird das ganze Ausmaß der Knechtung
des Protagonisten erst deutlich durch diese ironische Verbeugung an
eben jene Eleganz, die der Hauptcharakter sich selbst vorgaukelt. Er
glaubt, Herr seines Geschickes zu sein, doch diese Hybris führt
ihn in die Irre. Aus Trotz schüttet er sich das halbgefüllte
Glas selbst ins Gesicht... Ein zweiter Versuch folgt, scheitert wie der
erste, doch hier erfolgt eine Variation: Der Protagonist leckt das
danebengegangene Wasser vom Tisch, sich auf archaische Essensriten
besinnend. Diese Verbeugung vor der vorzivilisatorischen Kultur trifft
bis ins Mark und entbehrt auch nicht einer sexuellen Komponente.
Plötzlich ertönt Geigenmusik! Ein Solist fiedelt ein
fröhliches, gleichsam wehmütiges Liedchen, dem der
Protagonist sofort hörig wird: Zu den Klängen der Geige
erhebt er sich vom Ort des trügerischen Abendmahls und hüpft
losgelöst über die Wiese. Dies wird vom Filmteam als wahre
Orgie der Entfesselung realisiert. Doch der scheinbare Sieg über
die Schwerkraft und die Gesetze der Natur ist nur ein scheinbarer,
findet er doch inmitten einer idyllischen Landschaft statt. Orgiastisch
hüpfend und austretend entfernt sich der Akteur und verliert sich
in den Weiten des Raumes.

Dieser Tanz des atavistischen Dämons wird kontrapunktiert vom
plötzlich auftauchenden farbigen Negativbild eines Mannes in einer
sterilisierenden Operationsmaske. Außerdem gibt es eine
Einstellung von den bedeckten Brüsten einer zum Torso reduzierten
Frau, die Assoziationen weckt an Bunuels DAS ANDALUSISCHE ZEITALTER.
Der Protagonist hüpft munter weiter, gefangen im Taumel seiner
neuentdeckten Naturkräfte. Wohin wird ihn diese Entdeckung
führen?
Die nächste Einstellung ist einer der größten Schocks
der Filmgeschichte: Umrahmt von Rohren sitzt der im Irrtum gefangene
Mensch in einem modrigen Keller, den Mund geöffnet, auf seinem
Kopf ein Plastiktopf, den er wie einen Hut trägt! Ein
Tropfgeräusch simuliert eine nicht mehr existente Natur, die den
apathischen Zustand des Menschen beklemmend unterstreicht. Der
geöffnete Mund - oberflächlich betrachtet ein Anzeichen von
Debilität - symbolisiert dabei die Einforderung der
Grundbedürfnisse: Nahrung, Sex, Ausdruck des Selbst. Er parodiert
trefflich die vormalige Entfesselung der Kreatur. Vielleicht kann man
auch einen Anklang an Edvard Munchs berühmtes Gemälde "Der
Schrei" ausmachen, das ja bereits latent in den vorangegangenen
brutalen Gefühlsäußerungen des Protagonisten
durchgeklungen ist. Hier ist der Schrei verstummt und wird eingefangen
von einer auf einmal körnigen, an den Stummfilm gemahnenden
Kamera, die das Gesicht wie das einer Leiche aus einem alten Kriegsfoto
aussehen läßt.

Unterbrochen von erneuten Einstellungen des schreienden Gesichtes
fängt der Film jetzt erbarmungslos die Wahrheit um das geknebelte
Subjekt ein: Offen gedemütigt und nur unzureichend bekleidet,
bietet der Protagonist ein Bild tiefsten Jammers. Nach einer Weile
führt er einen Keks an seinen Mund. Der scheint ihm offenkundig zu
schmecken, doch die Nahrungsaufnahme wird auch hier gebrochen von einem
spastischen Zucken, das es ihm fast unmöglich macht, den leckeren
Imbiß in seinen Mund zu führen.
Auf einmal ertönt wieder die Violine. Farbe bricht ein. Wir sind
wieder auf der Wiese. Mit quasimodesken Sprüngen nähert sich
der Geschundene dem Tisch und ergreift den Gartenstuhl, den er nun
seinerseits wie einen Hut aufsetzt. Unbemerkt hat es zu regnen begonnen
- eine Wiederaufnahme der Orgie der Säfte. Schließlich
bleibt er stehen und setzt sich im Hintergrund des Bildes auf den Stuhl.
Diese Farbeinstellungen alternieren nun mit dem Schwarzweiß des
Kellers. Die Kreatur schlägt sich den vormals als Kopfschutz
verwendeten Topf vor den Schädel. Dies ist die einzige wahrhaft
rätselhafte Stelle des Filmes: Tut er dies als Selbstkasteiung
oder aus Trotz gegen die Natur? Wahrscheinlich beides. Man sieht jetzt
den Hauptdarsteller, wie er auf dem Stuhl sitzt und sich eine
Operationsmaske vor das Gesicht hält. Diesen Schutz gegen den
Einfluß der Welt reißt er aber von sich. Das Resultat ist
ein völlig enthemmter, lang anhaltender Schrei.
Schließlich hält er sich wieder die Maske vor das Gesicht.
Der Schrei ist nun gebannt, die Natur besänftigt. Das Resultat ist
die selbstgewählte Lobotomie. Dumpf starrt das schwarzweiße
Wesen im Keller vor sich hin.
Hier erfolgt nun einer der großen ästhetischen Leckerbissen
des Filmes: Als Replay erfolgt der Akt des Schreiens, nur als Negativ
verfremdet. Der schwarzweiße Doppelgänger reagiert darauf,
indem er sich in den Plastiktopf erbricht. Die Kamera hält in
einer schier endlosen Einstellung auf dem Gesicht der Kreatur aus,
wobei der Kotzefaden deutlich betont wird.
Hier könnte der Film enden. Der wahre Genius von Regisseur
Gosejohann zeigt sich aber am Schluß des Filmes. Die unendlich
trostlose und verzweifelnmachende Einstellung des auf seine
menschlichen Grundkomponenten reduzierten Wesens kontrastiert er mit
dem farbigen Negativbild des Menschen mit OP-Maske, das wir zuvor schon
kurz erhaschen durften. Mit grünem Gesicht (eine Anspielung auf
das ihn umgebende Grün der Wiese?) reißt der maskierte
Bürger seinen Mundschutz ab. Durch raffinierte Bildstauchungen
erreicht Gosejohann einen Eindruck vom Schmerz der Transformation. Dann
wird das Bild normal. Nunmehr unmaskiert, blinzelt der Mensch neugierig
und ängstlich in die Zukunft, unwissend, was diese für ihn
bereithalten wird...
Man kann sich diesen Film immer und immer wieder ansehen. Seit ich ihn
das erste Mal auf einem Festival in der Nähe von Triest bemerkte,
zog er mich an wie die Motte das Licht. Ich muß ihn wohl
mindestens eintausendmal gesehen haben! Und immer wieder fallen mir
neue Nuancen auf - Beispiele für die Bildgewalt, die meisterhafte
Beherrschung des Mediums Film, die dieses zeitlose Werk auszeichnet!
Es ist müßig, die mannigfaltigen Inspirationen nicht nur aus
der Filmgeschichte, sondern auch aus der bildenden Kunst aufzuzeigen.
Von den nur oberflächlich heiteren Slapstick-Hanswurstiaden der
Stummfilmzeit bis zum modernen Undergroundfilm der New Yorker Schule
reichen die unübersehbaren Einflüsse. Der Film bildet ein
Kompendium der Filmgeschichte, das von den Anfängen des Mediums
über die experimentellen wie vorsichtig kommerziellen Exponenten
des Stummfilms durch nahezu alle Traditionen reicht. In der
Bildgestaltung findet sich der poetische Realismus der Franzosen, der
Neorealismus der Italiener, der Surrealismus eines Bunuel oder Cocteau,
der skandinavische Realismus eines Bergman (manchmal glaubt man fast,
Sven Nykvist habe Kamera geführt!), das "Free Cinema" der Briten,
das "New Cinema" der Amerikaner... Es ist unglaublich, was dieser
Teufelskerl Gosejohann alles in diesem epochalen Werk
zusammenführt!
Über die formalen Erhabenheiten hinaus kennzeichnet den nur
oberflächlich gebrochenen Film eine kühne Strenge, die sich
mit den philosophischen Paradoxien des Menschengeschlechtes
auseinandersetzt. Den Geist der Aufklärung - "Die Aufklärung
ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten
Unmündigkeit..." usw. - negiert dieser Film mit einer
Leichtigkeit, die ebenso verführerisch wie sinnstiftend ist. Denn
es ist gerade die Leichtigkeit, mit der die von Simon (in der
Wüste bzw. auf der Wiese) Gosejohann so brillant dargestellte
Hauptfigur ihre Fesseln abstreifen könnte, die ihren tragischen
Charakter ausmacht.
All die irregeleiteten Bestrebungen führen den Menschen nur in die
Irre, ins Nirvana der Emotionalität. Er bleibt immer ein Spielball
der Natur, ein Hampelmann der eigenen sensuellen Empfindungen. Die
gnostische Verknöcherung transzendentalen Ursprungs, die dabei
aufscheint, enttarnt Gosejohann ebenso als Geistesverwandten von Kafka
wie von Samuel Beckett, und daß er diese Entpuppung und
Wiederverpuppung nicht mit akademischer Trockenheit, sondern beseelt
vom Geist der Leidenschaft vorführt (und somit unmittelbar
nachvollziehbar gestaltet), kennzeichnet ihn als wahren Souverän
des Filmgewerbes. Der Mann weiß alles, kann alles, macht aber
kein großes Aufhebens davon, sondern filtert diese innewohnende
Weisheit durch das Prisma sinnlicher Erfahrungen. Das resultierende
existentielle Gemisch mag nicht jedem munden, aber es läßt
wohl keinen unberührt. Das Medium Film wurde wohl selten für
einen so gewagten wie bildgewaltigen Ausflug in die Tragikomödie
Mensch genutzt, der seine autoreflexiven Ambitionen nur unterschwellig,
niemals aufdringlich, einfließen läßt. Die
Dezentrierung des Subjekts wird bei ihm ohne spürbare Mühe
vollzogen, und was wie eine Tragödie klassischen Ausmaßes
anmutet, ist im Grunde keine solche, sondern lehrt vielmehr die
Fehlbarkeiten der eigenen menschlichen Natur nachzuvollziehen und zu
verstehen.
DAS ICH IM INNEREN DES MONDES gehört zu den großen (noch)
unbesungenen Meisterwerken der Filmgeschichte und wird seinen Platz im
Pantheon des Kulturolymps einst finden. Es stellt einen Parforce-Ritt
durch die Geschichte des Films, der Malerei, der Literatur und der
Philosophie dar. Möglicherweise - obwohl ich noch vor diesem
Superlativ zurückschrecken möchte - der perfekteste Film der
Weltgeschichte!
Das einzige, was ich
vermißt habe, sind Titten.