SCHLOSS QUITTENBURG

Emilio P. Miraglia kam Anfang der 50er ins Filmgeschäft, zuerst als Schnittassistent, später in anderen Funktionen. Bizarrerweise wirkte er an besonders vielen Komödien mit, häufig unter der Regie von Luciano Salce. Dieses Vermächtnis konnte man nicht mehr spüren, als er schließlich seine eigenen Filme machte. Als sein Meisterwerk möchte ich den rabenschwarzen, in Amerika gedrehten Kriminalfilm QUELLA CAROGNA DELL´ISPETTORE STERLING (1968) ansehen, der einen blendend grimmigen Henry Silva in der Hauptrolle hat. Bekannter ist sein Horrorgiallo LA NOTTE CHE EVELYN USCI` DALLA TOMBA (DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN bzw. STUMME SCHREIE), der eine bezaubernde Erika Blanc aufzuweisen hat.

In dem etwa zur selben Zeit (1972) gedrehten LA DAMA ROSSA UCCIDE SETTE VOLTE (übersetzt: "Die rote Dame tötet siebenmal") folgt er ähnlichen Spuren, und seine Qualitäten als Schöpfer atmosphärischer Horrorszenen führt erneut zu erfreulichen Resultaten. Das Drehbuch, hingegen, ist ziemlich hanebüchen und erinnert etwas an "Europa"-Hörspielplatten, aber wer den Charme von solchen gutherzigen Narreteien nicht erfaßt, wird von der roten Dame ohnehin unbarmherzig allegemacht, und das zu Recht!

Da der Film eine deutsche Koproduktion war, zeigt gleich die erste Einstellung den beliebten Charakterdarsteller Rudolf Schündler, und jeder Film, der sich eines solchen Anfanges rühmen kann, hat eigentlich schon fast gewonnen. Schündler (der Besitzer von Schloß Quintenburg) wird allerdings sofort von der Liste gestrichen, denn ein rotbewamster Killer scheinbar weiblichen Geschlechts entledigt ihn seiner Sorgen. Nutznießer dieses Todesfalls sind seine beiden Töchter, Evelyn (again!) und Kitty, sowie die Nichte Franziska. Evelyn haust offiziell in Amerika, doch was nur Kitty und Zissy wissen: Die schöne Brünette ist nicht mehr, da sie bei einem Gerangel mit Kitty ums Leben gekommen ist!

Umso beunruhigender ist es da, daß die Totgeglaubte wieder von sich reden macht - wie es sich gehört, zuerst durch Morde, dann durch Telephonanrufe. Kitty ist verständlicherweise brüskiert bis ins Mark, und sie kann sich natürlich auch niemandem anvertrauen, am wenigsten ihrem Boß Martin, der mit ihr am liebsten Kittykat naschen würde. Seine eigene Frau ist nämlich Stargast in einer Psychiatrischen und hegt aggressive Gefühle im Busen. Bevor sie allerdings verdächtigt werden kann, wird sie auch schon Opfer eines extrem splatterigen Mordes - war es ihre rotgekleidete Besucherin, die ihr ein scharfes Messer versprach? Nicht nur Martin ist entsetzt...

Und alle Randcharaktere, die in Kittys und Martins Peripherie auftauchen (und sei es auch nur, um die Milch zu bringen), werden schonungslos abgeschnetzelt. Der Mörder übt wahrlich keine Zurückhaltung und schert alle über einen Kamm, welcher rote Zinken hat...

Was uns Miraglia (und sein Koautor, der fleißige Fabio Pittoru) hier als Auflösung präsentiert, ist ein ziemlicher Heuler, aber das ist wurscht, denn LA DAMA ROSSA ist einer jener Filme, die Giallo-Fans in Glückszustände versetzen, die moderne Filmware nicht mehr liefert! Begleitet von Bruno Nicolais sanftem Cembalo-Beat (noch nicht erschienen), mordet sich das rote Flintenweib quer durch die Besetzungsliste, und daß am Schluß überhaupt noch jemand den Kopf auf den Schultern behält, ist reiner Zufall.

Mein persönlicher Lieblingsmord ist eigentlich der an einem Partner von Werbechef Martin, der von einer sizilianischen Ausgabe des beliebten Komikers Ernst H. Hilbich gespielt wird. Er will eigentlich nur eine Hure abschleppen, aber der Mörder eilt herbei und reißt ihm das Toupet vom schwitzenden Schädel!

Die Besetzung ist ohnehin ein Zungenschnalzer: Die süße Kitty wird gespielt von Barbara Bouchet, und wer glaubt, in ihrer Präsenz unkeusche Gedanken vermeiden zu können, der irrt! Sybil Danning (alias Sybille Danninger) spielt die halbseidene Lulu Palm und zeigt uns auch, daß ihre Brüste damals noch nicht syllikonbeschwert waren - was waren das für Zeiten! Pia Giancaro ist auch dabei als Model Rosemarie, und ihre Augen verraten zwar keinen großen Geist, aber einen Hauch vom Paradies... Als Franziska ist auch Marina Malfatti dabei, die die Protagonistin aus EVELYN war und die einzige echte Schauspielerin ist. Eigentlich war Marina eher Theateraktrice, spielte aber doch willig in solchen Trivialkrachern mit. Der berühmte Autor Alberto Moravia schrieb ihr zu Ehren ein ganzes Buch, nämlich den sadomasochistisch angehauchten LA CINTURA ("Der Gürtel"), der von Giuliana Gamba später verfilmt wurde mit James Russo. Und oh nein, SM-Gedanken sind bei dieser Frau nicht fern, denn ihr Gesicht ist ebenso schön wie seltsam und hat eine Nase von hier bis nach Sizilien... (Daß ich auf lange Nasen stehe, sollte ja klar sein!)

Als männlicher Protagonist steht Ugo Pagliai zur Verfügung, der gleichfalls hauptsächlich Theatermime war und eigentlich nicht wirklich in diese Sorte Film paßt. (Seine Frisur ist ziemlich verheerend - ein Interview mit den Boys von "Nocturno" findet Ihr hier!) Aber auch Marino Masé taucht auf, mit einem gräßlichen Fall von Schnäuzer, und während er als italienischer Bulle vollauf plausibel wäre, macht er als deutscher Inspektor keine allzu glaubhafte Figur... (Seine Synchronstimme ist die von Fozzie-Bär, und selbst dieser wäre mit einem Schnäuzer als Italo-Bulle durchgegangen...)

Ja, der Film macht richtig Spaß! Bei uns kam er (mit einer Kinosynchro, obwohl er scheinbar niemals auf großen Leinwänden zu sehen war) bei dem Starlight-Unterlabel "American Video" heraus, mit dem dümmlichen Titel HORROR HOUSE. Außerdem existiert eine Parallelversion, DIE ROTE DAME, die angeblich länger sein soll. Sailor Ripley besitzt das Tape, und ich werde demnächst mal bei ihm einbrechen. Natürlich werde ich dazu Bruno-Nicolai-Musik im Hintergrund dudeln lassen, denn, das sollte klar sein, in diesem Genre bedeutet Stil alles und Substanz wenig. Das faßt den Film, denke ich, angemessen zusammen. Abrocken im HORROR HOUSE, dann kommt DIE ROTE DAME von ganz allein...



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