MEIN SCHWAGER IN BROOKLYN...

(Ode an einen Inspektor)


Der Inspektor


Fernsehserien haben in meiner Kindheit und frühen Jugend einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Man traf da wöchentlich oder zweiwöchentlich mit Gestalten zusammen, die einem mehr oder weniger sympathisch waren und - so die Serien gut gemacht waren - zu einer erweiterten Familie wurden. Mit der Crew der U.S.S. Enterprise das Weltall zu erforschen, mit John & Emma auf elegante Verbrecherjagd zu gehen oder mich von Starsky & Hutch schon früh zur Gewaltbereitschaft erziehen zu lassen - das war mein Höchstes! Ob mein Eindruck, die Qualität der Serien habe aufgrund des medial bedingten Überangebotes nachgelassen, wirklich zutrifft, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe dann irgendwann mein Interesse verloren. Trotzdem - wenn Detektiv Rockford seinen Anrufbeantworter bespricht oder Kojak sich einen neuen Lolly einsteckt, spiele ich auch heute noch ganz gerne Zaungast!

Liebenswürdigkeit war keine Grundvoraussetzung dafür, daß ein Fernsehprogramm bei mir punkten konnte, aber sie half. Ein Stammgast in meinem Herzen, seit ich kurze Hosen trug, ist der zerknitterte Inspektor Columbo. Seine Art, die Verbrecher allein durch seine schlurfige Erscheinung in Sicherheit zu wiegen, bis sie sich schließlich in den Untiefen seiner überragenden Beobachtung verfingen, fand ich einfach unwiderstehlich. Daß die Serie fast über die gesamte Laufzeit hinweg (die ja bis zum heutigen Tag andauert!) nach einem festen Schema verfuhr, war kein Nachteil, sondern sicherte ihr meine andächtige Teilnahme an den kriminalistischen Exkursionen des Italoamerikaners. Jede Folge beginnt mit dem Mord, und anders als im klassischen "Whodunit" bekommt man ganz genau mit, wer der Übeltäter ist. Dann tritt Columbo auf den Plan und stolpert in die zumeist mondäne Umgebung hinein, in der sich die Mörder ihre Nische eingerichtet haben. Meistens handelt es sich bei den zu Überführenden um zutiefst unsympathische und popanzige Charaktere, die niemand so recht mag und die niemanden so recht mögen. Feinde haben sie viele, die Miesniks, aber niemand kann ihnen am Zeug flicken. Wenn sie den Inspektor erspähen, ziehen sie die Nase kraus: Was will das Männlein da? Ist das ein Penner? Wer hat den hier reingelassen? Columbo ist in der Welt der Schönen & Reichen das Kind, mit dem niemand spielen will. Niemand glaubt, daß er ein Polizist ist. Polizisten sind Respektspersonen und haben großgewachsen, muskulös und scharfkantig zu sein. Wenn Columbo wieder einmal einen Studioscheinwerfer, einen Hutständer oder gleich die ganze Anrichte umsemmelt, zieht er sich den genervten Zorn der arroganten Übeltäter  zu, aber die Übeltäter müssen Gleichgültigkeit heucheln, denn er ist ja Polizeidetektiv und könnte ihnen auf die Schliche kommen...

Eine der grundlegenden Fragen des Columbo-Kosmos war für mich immer, inwieweit seine Schusseligkeit und Weitschweifigkeit gespielt sind. Ich denke, zu einem gewissen Grad entspricht die Schludrigkeit und Hudeligkeit seiner Natur. Er hat nur in langen Jahren aufreibenden Polizeidienstes gelernt, sie richtig einzusetzen. Sobald er Unrat wittert - und das tut er in der Regel, wenn er einem Verdächtigen zum ersten Mal die Hand schüttelt -, läuft sie an, die Columbo-Maschine! Da die ersten beiden Staffeln der Serie ja gerade in schönen Editionen auf DVD erschienen sind, habe ich diese (und den gesamten Rest der Serie) einer Revision unterzogen, und ich bin begeistert! Columbo fallen immer scheinbar belanglose Details am Tatort auf, und sobald er die Spur aufgenommen hat, können sich die Mörder gratulieren: Wahnsinn und transzendentale Obdachlosigkeit winken ihnen, wenn der Inspektor das volle Programm abspult. Das volle Programm besteht zum Beispiel in seiner geradezu genialen Art, die Nerven der schuldbewußten Partei zu strapazieren. Das bewerkstelligt er etwa, indem er ein Zimmer zu verlassen scheint (der Mörder dreht sich dann zum Zuschauer und offenbart uns seine Gefühle mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck), dann aber im Türrahmen stehenbleibt, die rechte Hand hebt und sich ganz langsam umdreht. "Da hätte ich das Wichtigste doch fast vergessen..." Manchmal verläßt er auch den Raum, den Mörder in Sicherheit wiegend, nur um dann doch noch mal hereinzuplatzen, um z.B. um ein Autogramm für Frau Columbo zu bitten. Nachgerade satanisch sind seine Anekdoten, die er den Bösewichtern aufdrängt. Da ist von Frau Columbo die Rede, vom Schwager aus Brooklyn, vom Neffen, der ja gerade Jura studiert. Für gewöhnlich platziert er diese banalen Bomben in Situationen, die dem Mörder ohnehin schon unerträglich lang scheinen. Da fummelt er auch gerne stundenlang in seinen Taschen herum, um Beweismittel, Notizblöcke o.ä. hervorzukramen. Manchmal stimmt er diese kleinen Sadismen auch auf den Beruf des jeweiligen Delinquenten ab. In der Episode, in der der großartige John Cassavetes einen Stardirigenten spielt, der seine Geliebte umgebracht hat, gibt es eine unbezahlbare Szene, in der Cassavetes zur Hollywood Bowl fährt, um einen Auftritt vorzubereiten. Als er ankommt, sitzt Columbo bereits auf der Freilichtbühne an Cassavetes´ Konzertflügel und spielt den Flohwalzer! Und das schlecht!!! Der Mann macht keine Gefangenen.

Wer ist Inspektor Columbo? Von seinem Privatleben bekommt man bizarrerweise kaum etwas mit, obwohl er fast ständig am Schnattern ist. Frau Columbo ist als unsichtbarer Gast in jeder Folge zugegen, aber ob es sie wirklich gibt, muß erst noch bewiesen werden. Es gilt als bestätigt, daß er italienischer Herkunft ist. (Peter Falk entstammt übrigens einer osteuropäischen jüdischen Familie, keiner italienischen.) In den ersten Folgen (1967 ff.) ist er noch kein Inspektor, so daß man Gelegenheit hat, seinem graduellen Aufstieg quasi in der ersten Reihe beizuwohnen. Auch der Umstand, daß der mittlerweile in Ehren ergraute Falk ab 1989 neue Staffeln der Serie produzierte, trägt zum Eindruck bei, den Inspektor auf seinem Lebensweg zu begleiten. Doch abgesehen davon, daß er gelegentlich einen liebenswerten Bassett mit Namen "Hund" mit sich führt, ist das Privatleben des Inspektors ins Dunkel getaucht. Autobiographische Einzelheiten, die im Laufe der Serie geliefert werden, sind nicht immer stimmig und widersprechen einander manchmal sogar, doch das weist allenfalls auf die funktionale Bedeutung der Anekdötchen hin oder auch einfach darauf, daß der Inspektor etwas zerstreut ist. In einer Folge wird der Mörder dadurch überführt, daß Columbo ihm die vermeintliche Adresse eines Belastungszeugen zukommen läßt. Natürlich saust der Bösewicht sofort zum Apartment, um dort belastendes Beweismaterial zu deponieren. Columbo eröffnet ihm dann, daß es sich in Wirklichkeit um seine eigene Wohnung handelt, was bedeutet: Mörder, ätschebätsch! Der aufmerksame und informationshungrige Betrachter lernt hier, daß der Inspektor sehr bescheiden und denkbar unprotzig lebt. Die sorgende Hand einer Frau läßt sich nicht ausmachen, was natürlich wieder den Spekulationen über eine mögliche Nichtexistenz der geheimnisvollen Mrs. Columbo Nahrung gibt, aber vielleicht haben die das auch nur präpariert, damit der Mörder keinen Verdacht schöpft...?

Einer der Trümpfe der Serie besteht für mich in der eisernen Beständigkeit, was ihr Format betrifft. Während ich die ersten paar Staffeln der Comedy-Show EiNE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE etwa hochgradig amüsant fand, eben weil sie geradezu mantraesk ein und dieselbe Konstellation durchackerte (während sich die Serie später in einen Haufen Mist verwandelte), blieb COLUMBO seinen Ursprüngen treu. Selbst die neuen Episoden sind drehbuchtechnisch von erstaunlich hoher Qualität und verfügen manchmal über sehr tolle Lösungen. (Man erinnere sich an die Episode, in der ein Komponist den Namen seiner Geliebten in Form von Musiknoten in einer Komposition verewigt hat, und der plagiierende Mörder so überführt wird!) Gleichbleibend ist auch die Qualität der Schauspieler, die die Bösewichte spielen dürfen. Unter den arroganten Fatzken brillierten so unterschiedliche Leute wie z.B. Leonard Nimoy (als Arzt), Roddy McDowall (als playboyesker Fabrikantensohn), Martin Landau (als Zwillinge!), Patrick O´Neal (als hochnäsiger Architekt) und natürlich Johnny Cash als mörderischer Countrysänger. Toll auch Nicol Williamson als Motivationstrainer, der gleichzeitig Hollywoodsammler ist und seine Dobermänner auf das Codewort "Rosebud" trainiert hat! Gelegentlich haftet den Mördern auch etwas durchaus Sympathisches an. In einer meiner Lieblingsfolgen tut es Columbo am Schluß fast leid, als er den Weinkenner Donald Pleasance verhaften muß und bringt ihm sogar noch einen leckeren Portwein mit! Auch die Kriminalschriftstellerin Ruth Gordon, die den Mord an ihrer Nichte gerächt hat, war nicht wirklich böse. Trotzdem - Ordnung muß sein, und nach diesem Prinzip verläuft Inspektor Columbos Leben. Auch Peter Falks Leben, denn wenn ihm Leute besonders gefallen haben, hat er sie auch schon mal häufiger eingesetzt. Das gilt z.B. für Jack Cassidy, einen in Deutschland nicht besonders bekannten Theaterstar. (Eher kennt man seine Söhne: Popsänger Shaun & David Cassidy!) Jack spielte begnadete Schnösel, nämlich Mickey Spillanes verbrecherischen Verleger, den abgelegten Teil eines Krimiautorengespanns und einen Zauberer mit Nazivergangenheit! Mit Patrick McGoohan (Star der legendären TV-Serie NUMMER 6) scheint sich Falk ebenfalls gut verstanden zu haben, denn er spielte in gleich vier Folgen die Mörder und inszenierte sogar fünf davon. (Die beste ist "Des Teufels Corporal", in der er eine preisverdächtige Darstellung gibt als überdisziplinierter Militäroffizier.) William Shatner mordete in zwei Folgen, Robert Vaughn ebenfalls - ein "family feeling" ist da unvermeidlich, auch wenn es mehr so etwas ist wie die Manson-Familie...

Die Folgen waren zudem hervorragend eingedeutscht, größtenteils mit Hamburger Sprechern, die man teilweise aus der "Sesamstraße" kennt. Columbo wurde meistens von dem ganz wunderbaren Klaus Schwarzkopf gesprochen, der auch noch an einigen der neueren Folgen arbeitete, wenngleich hier seine Stimme schon sehr angeknuspert klang. Leider verstarb er bald, weshalb man sich den alten Charmeur Claus Biederstaedt schnappte, der zwar für meinen Geschmack etwas zu markig wirkte (paßt eher zu Rockford!), aber fraglos sehr gute Arbeit leistete. Horst Sachtleben schließlich synchronisierte den Rest der Folgen, und seine Stimme entspricht vielleicht am ehesten der quäksigen Originalstimme von Mr. Falk. Sei´s drum - Schwarzkopf wird für mich immer der richtige Columbo bleiben! Auf den DVD-Veröffentlichungen hat man bei einigen Folgen zu den neuen Synchronisationen gegriffen (da die alten Folgen teilweise rabiat gekürzt waren), was aber auch kein Beinbruch ist. Gerade im Fernsehen sind die Eindeutschungen sehr häufig von lamentabler Lustlosigkeit, und daß gerade die Columbos vergleichsweise sorgfältig bearbeitet worden sind, freut mich daher enorm!

Kriminalisten jedweder Couleur täten gut daran, sich eine Scheibe von diesem vorbildlichen Vertreter ihrer Zunft abzuschneiden. Er ist nicht so schnell mit dem Schießeisen und hält nicht viel von Förmlichkeit, hat aber ein Auge wie ein Luchs und Menschenkenntnis und ein Herz im Leibe. Inspektor Columbo ist Familie, und ich harre gespannt der nächsten Veröffentlichungen...

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