"You are all worthy of LAUDATION!!!"
Die Musik der Cardiacs aus England beschreibt man am besten so: Ein grauer alter Mann (Punkrock) und ein grauer und grüngesichtiger alter Mann (70er-Progressivrock) treffen sich leicht angetrunken auf dem Nachhauseweg von einer geselligen Veranstaltung. Sie sind pleite, aber ihre Herzen sind leicht. Leider werden die beiden, bevor sie ein interessantes Gespräch aufbauen können, von einem Rosenmontagszug überfahren. Ihre zerschundenen Leiber bekommen lustige Papierhüte aufgesetzt. Mit anderen Worten: Die Cardiacs sind die beste Band, die Ihr niemals gehört habt!
Auch diese Band gründete sich im Jahre 1977 (dem 1945 der Musikszene!), sieben Leute rund um den Sänger Tim Smith. Ich hörte erst lange, lange danach etwas von ihnen, als sie mit "Is This the Life?" ihren ersten (und bislang eigentlich mehr oder weniger einzigen) Hit gelandet hatten. In der damals noch populären TV-Sendung "Off Beat" lief auch andauernd das Video. Pflichtschuldigst kaufte ich mir dreii LPs und eine Maxi, und dann war auch schon wieder Schluß, denn nichts kam mehr. Ich ging mal schwer davon aus, daß die Cardiacs kollektiv in die ewigen Jagdgründe eingangen waren. Eine der ersten Sachen jedoch, die ich letztes Jahr bei meinem Einstieg ins Internet feststellen durfte, war, daß die Cardiacs eine eigene Website haben und mitnichten Geschichte sind! Der Zirkus geht also weiter...
Ich gehe jetzt mal chronologisch vor (nicht kardiologisch!) und beginne mit der CD "Archives", die lauter alte Kostbarkeiten enthält, die niemals eine Vynil-Veröffentlichung erfahren haben. Die Tonqualität ist ranzig, aber det is egal, denn der unverwechselbare Cardiacs-Sound bestand offensichtlich bereits Ende der siebziger Jahre. Dem vorherrschenden Gesamteindruck (Leute vom Musikkonservatorium, die Punk machen) wird fleißig gegengesteuert vom wüsten Humor, der hier am Wirken ist. Während die Sänger sowohl in Bezug auf ihren Cockney-Dialekt als auch auf ihren bizarren Vortrag sehr im Einklang mit dem damals marodierenden New-Wave-Pop stehen, bricht sich die Musik Bahn mit endlosen pittoresken Schnörkeln und rhythmischen Breaks, die zwar an vergleichbare Klangmalereien von Gruppen wie Van der Graaf oder King Crimson erinnern, aber ohne den "künstlerischen" Ernst dieser Titanen absolviert werden - veritable Popmusik. Man gewinnt den Eindruck, als sei das alles den Cardiacs vollkommen normal vorgekommen damals. Und doch bricht sich jeder, der versucht, nach diesen Trällereien zu tanzen, beide Beine und ist damit noch gut bedient... "Archives" wird begleitet von den Liner Notes eines gewissen "The Consultant", der zu verkünden weiß: "Personally I find it irksome and distasteful, but play it if you must..." Neben diversen frühen Klassikern (die, dem Klang nach, alle von Audiotapes stammen) gibt es auch einige Instrumentals, die "Piffols", die doch sehr stark Richtung 70er schielen. Da vermißt man nur noch die charakteristischen Mellotron-Schwebeklänge, aber auch die haben sich die Musiker später angeeignet... Wie alle ihre Platten wird auch diese Kollektion von Frühwerken vom betriebseigenen "Alphabet Business Concern" präsentiert, der mit echt britischer Förmlichkeit und Krawattenzwang kokettiert.
Stil und Eleganz unter widrigen Umständen prägen auch das Album "The Seaside", das ursprünglich eigentlich nur auf Tape herauskam (1984) und die Aktivitäten der Cardiacs von 1980 - 1983 einfängt. Das anfänglich doch sehr experimentelle Gepfriemel hat hier schon verstärkten Mitstampfcharakter - Marschmusik für die "Keystone Kops", denen andauernd Bananenschalen in den Weg geworfen werden... Einige Sachen, die später auf dem Livealbum enthalten waren, sind hier zu finden, wie das endgültig poppige "Gina Lollobrigida" und das skrupellose "To Go Off and Things". Leider sind hier noch keine Lyrics beigelegt worden, da sie für gewöhnlich ähnlich ausgefallen sind wie die Klänge, die sie begleiten. Die Texte wimmeln vor Wortneubildungen, altertümlichen Begriffen und idiosynkratischen Silbentrennungen. (Ein Stück heißt etwa "Ice a Spot and a Dot on the Dog"!) Die Tonqualität entspricht noch nicht ganz den späteren Erzeugnissen des "Alphabet Business Concerns" - beim Aussprechen dieses Namens übrigens bitte immer die Nase rümpfen! (Ich kann mir nicht helfen, der britische Dialekt wirkt immer irgendwie arrogant, schwul oder beides, egal ob im Straßenmodus oder in der "Received Pronunciation" von Politikern und Radiosprechern: "The Queen is not amused" - ja, leckmichdoch, doh...) Die CD reproduziert die Liner Notes vom späteren Vinyl-Release: "The Alphabet Business Concern have deemed it appropriate at this time to produce the enclosed recordings in vinyl format." Hei-ti-tei...
Dann gibt es noch ein Album, das aus Sachen besteht, die noch VOR der ersten LP produziert worden sind, und das ist ein echter Kracher: "Songs for Ships and Irons" beginnt mit dem majestätischen "Big Ship", bei dem die Cardiacs erstmals ihre ironische Pomp-and-Circumstance-Attitüde so perfekt verwirklichen, daß einem die stürmische See förmlich um die Ohren braust! Zu diesem Zeitpunkt war der für die ursprüngliche Formation wohl nicht unwichtige Mark Cawthra schon aus der Band geschieden und Tim Smith bestimmte jetzt allein den Ton. Das Ergebnis sind gotische Miniaturen, die teilweise mit feierlichem Ernst, teilweise mit skurrilem Intellekt zelebriert werden. Punk für Anglistikstudenten - man hält es kaum für möglich... Manche Aufnahmen säuseln einem so zum Gottserbarmen niedlich in die Ohren, daß man auch Tante Käthe dabei zuhören lassen könnte, und dann kracht die Musik wieder los, daß das Dach davonfliegt! Die Aufnahmen zu der Platte stammen weitgehend von vormals entstandenen Maxis und sind durchgängig hochgradig delektabel. Allmächtiger Höhepunkt: Das erhabene "Loosefish Scapegrace".
Und endlich: 1988 kam das erste offizielle Cardiacs-Album heraus, "A Little Man and a House and the Whole World Window", und während das bereits erwähnte "Is This the Life?" ein noch eher langweiliges Stück ist, so war es doch diese großartige Leistung, die mich zum Fan auf Lebenszeit gemacht hat! Sind 10 Jahre doch eine sehr lange Zeit, um eine Platte zu machen, so lohnt das Werk die Mühe reichlich. Die Texte sind endlich auch mal abgedruckt, so daß auch die Studenten gut Knackens haben... Gute Menschen mögen diese LP! Die ironische Feierlichkeit ist so dick aufgelegt, daß man sich nur zu willig im Irrgarten des erzeugten Universums verläuft. Ja, hier war es so weit, daß man endgültig von einem eigenen Cardiacs-Universum sprechen konnte. Man hat das Gefühl, daß die Leute genau das produzieren, was ihnen vorschwebt, und das ist von beeindruckender Schönheit. Die Tendenz zur Erzeugung von Pracht um ihrer selbst willen hätte leicht zu einer Übung in sterilem Kunsthandwerk werden können, aber die Musiker sind einfach so gut, daß der Zaubertrick gelingt - all the fun of the fair... (Auf der CD sind noch ein paar Extras, die aber teilweise auch auf "Ships + Irons" zu finden sind.)
Ihr bislang bestes Produkt ist die 1989 herausgekommene "On Land and in the Sea", auf deren Cover die Cardiacs in üblicher Groteskpose promenieren - nur das Gesicht von Jim Smith ist ausgeixt: "The Alphabet Business Concern has found it necessary to make black a certain part of the front cover of this long-playing recording due to a blatant attempt at a cock sure expression by the increasingly self-indulgent Jim Smith, who incidentally has neither the poise nor the bearing required to carry this off successfully." Auch die von Hand gekritzelten Liner Notes sind großartig, auf denen die Cardiacs ihre Mitarbeiter beleidigen, z.B.: "...the stage crew, who if they had as much ability as they imagine would be quite capable. Graham Simmonds does the live sound. He´s also got a little dingy and he sits in it like a wanker. We call him Die Soon to hurt his feelings..." Und so fort. Aber das Bemerkenswerte sind natürlich nicht die Begleitnotizen, sondern die Musik, die so geschlossen und imposant aufspielt wie nie zuvor. Das ausgekoppelte "Baby Heart Dirt" wurde kein so großer Erfolg wie "Is This the Life?", ist dafür aber entschieden besser. Super-Video, auch. Beim Schlußstück "The Everso Closely Guarded Line" fließen einem Tränen der Ergriffenheit in die Mundwinkel, so anmutig zerrt das Mellotron an den Nervensträngen. Und die süße Saxophonistin Sarah Smith (die auf dem Backcover mit lächelndem und zusammengeschlagenem Gesicht zu sehen ist) singt so feengleich, daß man sie gleich heiraten möchte! "The mourning winding of the waves" - hach, schön...
Dann kam eine Maxi, "Day Is Gone", und der Schock: Keine Spur von dem darauf angekündigten neuen Cardiacs-Werk! Auch Sarah ist einmal nicht darauf zu finden, was ich als Hinweis darauf wertete, daß die Cardiacs den Weg allen Fleißes gegangen waren...
Nicht so! 1995 meldeten sie sich zurück - mit VIER Platten... Der fragile Glanz des sehr untypischen "The Sea Nymphs" (auf dem sich Tim und Sarah weitgehend allein betätigen) wird kontrastiert mit dem wuchtigen "Heaven Born and Ever Bright", auf dem gleich zu Anfang die Fanfare des A. B. Concerns ("Home of Fadeless Splendour") über die Wipfel weht. Die Platte ist nach meinem Empfinden sogar etwas überproduziert - auf den meisten der späteren Alben scheint es so, als hätten die Cardiacs (die mittlerweile auf vier Leute zusammengeschrumpft waren) alles draufpacken wollen, was sich in der Zwischenzeit angesammelt hatte... Die Textbeilagen sind hier absolut notwendig, um die bizarren Songs ganz erschließen zu können. Pompöses Gepränge steht auch hier im Mittelpunkt und wird vom quäkenden Tim Smith mit großer Inbrunst vollzogen. Bei "For Good and All" klingt es so, als würden die Kosakenhorden durch Merry Old England galoppieren und den Buckingham-Palast stürmen, was insgesamt keine schlechte Idee wäre...
Dann sind da noch die beiden "The Cardiacs Sing to God"-LPs (Pt. 1 + 2), von denen mir die erste entschieden besser gefällt und sicherlich die schönste spätere Errungenschaft der Gruppe darstellt. Vom sehr beatleesken "Manhoo" über das scheppernde Punklabyrinth "Eat It Up Worms Hero" bis zum poetischen Schlußgesang "Wireless" eine richtig runde Sache, mit genügend rhythmischen Extravaganzen, um einen ganzen Schwarm von meditationssüchtigen Windham-Hill-Freaks in den Wahnsinn zu treiben!
Das neueste Album, "Guns", habe ich mir noch nicht richtig angehört, aber ich habe den Eindruck, als solle man mit einem anderen beginnen...
Die Cardiacs besitzen die feierliche Grazie eines nicht ganz ernst gemeinten Treuegelöbnisses, irgendwo zwischen Ironie und wahrer Schönheit. Mir fallen nicht genügend Superlative ein, um die Gruppe angemessen zu besingen. Ob man sie als nervig und anstrengend empfindet oder mit ihnen klarkommt, ist sicherlich Geschmackssache, aber es gibt wirklich nichts mit ihnen Vergleichbares, und wer Humor und Spaß daran hat, sich bunt zu kostümieren, wird bei den Cardiacs sicherlich sein blaues Wunder erleben...
Mit vorzüglicher Hochachtung!!!
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