ZIRKUS PAROLINI IST IN DER STADT!

Eine kurze Reminiszenz rund um den 25. 09. 2009

Nur wenige Monate nach dem Besuch von Catriona MacColl gab sich der "Geheimnisvolle Filmclub Buio Omega" wieder einmal die Ehre und lud zur Sonderveranstaltung. Als Gäste erwarteten wir diesmal ein Trio, das in den sechziger Jahren für einige der schönsten Agentenfilme verantwortlich war, die jenseits von James Bond die dunklen Gewässer des internationalen Verbrechertums unsicher machten. Als "Kommissar X" verzauberte Tony Kendall (bürgerlich: Luciano Stella) die Frauenherzen und sorgte bei Gangstern und Ganoven für schweren Seegang. Ihm zur Seite stand der etwas knurrige, aber im Grunde seines Herzens gutmütige Captain Rowland, dem der amerikanische Bodybuilder und Schauspieler Brad Harris sein Gesicht und seine beeindruckende Physis lieh. Die meisten Filme der Reihe wurden vom Italiener Gianfranco Parolini inszeniert, der sich im Laufe seiner langen Karriere auf actionbetonte Stoffe konzentrierte und neben Sandalenfilmen, Western und Krimis auch so manche Komödie zusammenbastelte. Am bekanntesten von seinen Filmen sind in Deutschland neben den Kommissar Ixen sicherlich die Western der "Sabata"-Reihe, die mit Lee Van Cleef einen exzellenten Hauptdarsteller besaßen. Diese drei Leute sollten Gelsenkirchen heimsuchen. Insgesamt deutlich über 210 Jahre ziviler Ungehorsam in unserer Mitte. Wie würde Gelsenkirchen reagieren?

Die Jungs vom Komitee hatten bereits im Vorfeld reichhaltig Gelegenheit zu ersten Fühlungnahmen. Ich kannte nur Brad Harris, der bei uns bereits zwei Jahre zuvor vorbeigeschaut hatte. Beim damaligen Interview hatte mir der muskulöse Recke ein unvergeßliches Erlebnis beschert, da er die Tage zuvor nur englisch gesprochen hatte. Auf der Bühne brach ich mir dann einige Minuten lang einen ab mit meinen Englischkenntnissen, als der Schauspieler auf einmal anfing, erstklassiges Deutsch zu reden und mich breit angrinste. So sauber auflaufen lassen hatte mich noch niemand - die Schweißperlen, die mir damals von der Stirn liefen, habe ich mir in Bernstein gießen lassen! Daß Mr. Harris also über einen knochentrockenen Humor und einen Sinn für das Subversive verfügte, war mir somit bewußt. Daß er aber Bestandteil eines der großartigsten Comedy-Trios unserer Zeit sein könnte, war mir aber nicht in den Sinn bekommen. Leben und lernen, wie der Dichter sagt...

Am Donnerstag kamen die Herren auf dem Düsseldorfer Flughafen an. Ich stieß erst abends hinzu, als man im Bueraner "Dorfkrug" einkehrte und dort zünftige gutbürgerliche Küche genoß und so manches Pils. Einige der Clubkomiteeler sahen zu diesem Zeitpunkt bereits etwas zerzaust aus, um nicht zu sagen: zerrupft, worauf ich mir keinen Reim machen konnte. Signore Parolini war ein freundlicher älterer Herr, der mit weitausholenden Gesten Geschichten erzählte und manchmal spitzbübisch dreinschaute, etwa so wie der Opa, der seinen Enkelkindern mit Rizinusöl bestrichene Gummibärchen schenkt. Ich lernte sehr bald, daß man bei keinem der drei Männer nach dem ersten Augenschein gehen durfte. Den trockenen Humor teilten alle unserer Gäste miteinander. Was mich am meisten überraschte, war, daß diese Männer, die einander seit wasweißich wie vielen Jahren nicht mehr gesehen hatten, als Team funktionierten wie eine vorzüglich geölte Maschine. Tony fungierte dabei als der vollendete Playboy, der in seiner schicken Garderobe stets schmuck und adrett aussah, von vorzüglicher Haltung und Eleganz. Brad sah häufig steinern aus der Wäsche, hatte sozusagen den "deadpan"-Part des Trios, war aber tatsächlich von großer Herzlichkeit. Beim ersten Besuch hatte ich gar nicht Gelegenheit festzustellen, wie nett der Mann eigentlich ist! Seine granitene Ungerührtheit war besonders frappierend im Hinblick auf die Extrovertiertheit des Herrn Parolini, dem es einen Riesenspaß zu machen schien, Leute in merkwürdige Situationen zu bringen. Dazu gleich mehr. Das Abendessen verlief ohne größere Vorkommnisse. Der "Dorfkrug" stand noch, als wir schließlich unsere Zelte abbrachen.

Den Beginn des Freitags bekam ich nicht mit, da mir ein Hamster entlaufen war, den ich erst wieder einfangen mußte. Am Nachmittag trafen wir uns am hochherrschaftlichen Schloß Horst (das heißt wirklich so!), um die Eintragung unserer Gäste in das Buch der Stadt zu zelebrieren. Oberbürgermeister Baranowski hatte ich bereits zwei Mal zuvor getroffen. Beim Empfang unserer Gäste Franco Nero und Enzo G. Castellari schüttelte ich ihm die Hand und sagte nur: "Sie sehen aber jung aus!", was den Politiker etwas zu irritieren schien. Ich erwarte ja immer, daß es sich bei bekannten Politikern um von der Last ihrer wichtigen Aufgabe gebeugte Greise handelt. Einige Zeit darauf war ich auf dem Weg zum Rathaus, aß einen Döner "mit scharf", dessen Tsaziki mir auf die Schuhe troff. Ich erinnere mich, damals ungewaschen und unrasiert gewesen zu sein, also vermutlich den Eindruck eines Wermutbruders vermittelt zu haben. Ich ging mitten auf der Straße auf die Knie und rubbelte an meinem Schuh. Dabei blickte ich kurz nach oben und schaute direkt auf den Unterleib unseres Oberbürgermeisters, der pikiert zur Seite schaute! Es gibt zahllose Methoden, einen günstigeren Eindruck zu hinterlassen. Ob ich das nun im Hinblick auf mich oder den OB meine, weiß ich selber nicht. Sei´s drum, eine weitere peinliche Begegnung blieb uns beiden erspart. Stattdessen war es die Stellvertretende Oberbürgermeisterin und einige Dezernenten, Stadtschreiber oder was weiß ich, die uns empfingen. Ich bin ja nun schon 41 Jahre alt und habe viel von der Welt gesehen, aber einen Filmemacher, der vor einer Stellvertretenden Oberbürgermeisterin auf die Knie fällt und sich gen Fußboden verneigt, war noch nicht dabei. Und, was soll ich sagen - genau das passierte! Mir war schon vorher aufgefallen, daß Paro nur wenig Interesse an Etikette zu haben schien, zumal er im Beisein der Stadtoberen des öfteren Anwesenden auf den Po haute, an den Schritt griff oder ähnliche Kapriolen vollführte, aber das hier war wirklich das Sahnehäubchen und wird sich in meine Erinnerung unauslöschlich einbeizen... Was soll ich sagen - ein kostbarer Moment, und kostbare Momente gibt es ja viel zu wenige im Leben!

Zur abendlichen Veranstaltung erschienen ungefähr 180 Gäste, und auch denen wurde dann so manche Überraschung geboten. Das Bühneninterview wurde diesmal von Spezialagent Jo Steinbeck und Captain Klett geführt, und jeder der beiden nahm während der 2 Stunden ihres Wirkens geschätzte 20 Kilo ab. Nach höchstens einer Minute war klar, daß man jedes Interviewkonzept in die Tonne kloppen konnte - Tony, Brad und Paro gaben Gas bis zum Exodus! Signore Parolini erzählte von seinem neuen Projekt, einem Sandalenfilm à la GLADIATOR, der in China gedreht werden soll. Dabei holte er weit aus, und wann immer Tony und Brad moserten, holte er noch viiiel weiter aus, um sie zu ärgern. Tony bot sich dabei als Simultandolmetscher für das Publikum an und untermalte den Paro-Monolog gestisch. Irgendwann stand er auch mal auf, ging an die Bühnenseite und donnerte seinen Kopf gegen die Wand. Das Wort "China" wurde bei uns in den folgenden Tagen zu einem "running gag". Brad saß unbeweglich dabei, schaute manchmal stoisch ins Publikum und zog die Stirn kraus - "Wer sind diese Männer?" - und wurde auch des öfteren zum Ziel der Tätschel-Attacken des geschätzten Filmemachers, der übrigens mit weit rausgestreckter Zunge gefühlte zweihundert Mal am Mikro leckte! Die beiden Interviewer saßen dabei, ließen das mal so laufen und schafften es bewunderungswürdigerweise, auch einigen Informationsgehalt einzufügen. Zirkus Parolini hatte aber eindeutig das Ruder übernommen und begeisterte sein Publikum. Die Anzahl der "Ich kann nicht mehr´s" aus dem Zuschauersaal war auf jeden Fall sondernormen. Mein Gesicht tat irgendwann einfach nur noch weh vom Dauerlachen. Ich denke mal, daß keiner der Zuschauer jemals so etwas erlebt hat! Am Schluß bekamen Tony und Gianfranco noch ihren verdienten "Joe" präsentiert, die begehrte Auszeichnung des "Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega". Da niemand mehr als einen "Joe" bekommen darf - das steht in den eisernen Club-Statuten! -, aber auch Brad nicht leer ausgehen sollte, übergaben ihm die Komiteeler einen neu kreierten Preis: eine Mini-Ausgabe der Statue, den "Joey"... Am Schluß gab es stehende Ovationen, was unsere Gäste sichtlich rührte. Bei der darauffolgenden Autogrammorgie (nochmal 2 Stunden!) gaben sie sich deshalb auch besonders viel Mühe. Ich habe keine Ahnung, wie die Herren das überstanden haben, aber es klappte alles wie am Schnürchen, und zu vorgerückter Stunde gab es dann noch den tollen DIE DREI SUPERMÄNNER RÄUMEN AUF zu kucken, der das gerade Erlebte gut zusammenfaßte!

Am Samstag trafen wir uns zum Café im Wasserschloß Herten und genossen das schöne Wetter. Man erzählte mir, Brad sei mit seinem Kumpel Carlo morgens bereits zur Halde gefahren und habe dort eine Radtour unternommen. Mit dem Rad die Halde rauf ... Äh, der Mann ist über 70. Wenn ich versuchen würde, mit dem Rad die Halde hochzufahren, würde ich nach spätestens 5 Minuten japsend in den Pedalen hängen - wie macht der das? Vielleicht sollte ich meinen Lebensstil doch mal überdenken... Schloß Herten offerierte neben den dort erhältlichen schönen Ansichten die Gelegenheit, einem gefeierten Regisseur bei der Arbeit zuzuschauen, da beschlossen wurde, einen kleinen Film zu drehen. Brad stellte sich als Darsteller zur Verfügung, Bodyguard Alex als Kameramann - los ging´s! Wie durch ein Wunder gelangten wir am Abend noch nach Schloß Berge, wo wir ein ultrafeines Abendessen einnahmen. Ich weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich gegessen habe - pouchierte Lachshappen in Wacholder-Thymian-Farce oder so -, aber es war sehr, sehr lecker, und die anwesenden Fachkräfte erlaubten uns auch so manche Übertretung der Schloßgepflogenheiten. Es wurde dann noch sehr spät...

Das Event war toll! Es freute uns maßlos, drei alte Kumpels bei ihrer Wiedervereinigung zu betrachten, und ich denke, daß Paro, Brad und Tony jetzt viele neue Freunde hinzugewonnen haben. Ich werde das Gesicht der Stellvertretenden Oberbürgermeisterin in einer gewissen Situation niemals vergessen, und es war nur einer von unzähligen Eindrücken, die jetzt fester Bestandteil unseres Legendenpools geworden sind.


Danke, Tony! Danke, Brad! Danke, Gianfranco! Grazie, cari amici!

(Weitere Fotos gibt es vermutlich demnächst auf www.buio-omega.de zu besichtigen...)



Keine Szene aus der neuen Staffel von "Allein gegen die Mafia", sondern Paro und Tony bei ihrer Ankunft auf Schloß Horst.



Brad Harris und die Kunstinstallation "Herkules vor durchlöchertem Blau".



Don Tony macht zwei Komiteelern ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.



Brad, das "Goldene Buch" und ein mystischer Moment - der Mann im Hintergrund löste sich kurz danach in Luft auf!



Paro, Brad, die charmante Frau OB und Tony.



Brad im Kreise seiner unbarmherzigen Leibwächter.



Tony und Paro staunen über Brads überzählige Finger, die von einem Besuch in Tschernobyl herrühren.



Ein uncharakteristisch ruhiger Moment während des Interviews. Links Herr Klett, rechts Herr Steinbeck.



Das ist schon repräsentativer. Im Hintergrund haut Tony gerade seinen Kopf gegen die Wand.



Preisverleihung plus Moderne Kunst - das gibt es nur bei uns!



Der Maestro bei der Arbeit. Die Gesichter der Umstehenden habe ich unkenntlich gemacht.



Jetzt nur keinen Fehler machen!



Lagebesprechung. Alles muß gut geplant sein, damit keine Spiegelungen o.ä. passieren.



"Was!?!"



Die unbarmherzigen Bodyguards A. & M.



Das war´s erstmal!




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