DAS HERZ DER FINSTERNIS

Der Geheimnisvolle Filmclub Buio Omega

Es mag vor drei Jahren gewesen sein, als ein merkwürdig gekleideter Fremder an meine Türschwelle trat. Er wirkte nicht unsympathisch, aber seine Kleidung verriet einen Sinn für das Geckenhafte, der mich zur Vorsicht gemahnte. In seinem Gesicht prangte ein feuerroter Ziegenbart und ein Lächeln, von dem ich nicht sofort wußte, ob es mir im Spott oder in aufrichtig empfundener Herzensfreude entgegenleuchtete.

Der Unbekannte wollte mir seinen Namen nicht sagen, doch er unterbreitete mir ein Projekt, das meine Aufmerksamkeit fesselte: eine Versammlung von Filmfreunden, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, den Leinwandzauber vergangener Tage wiederaufleben zu lassen. Der Schwerpunkt dieser Unternehmung sollte dem italienischen Exploitationfilm gehören, und wer meine Texte kennt, weiß, daß ein nicht unwesentlicher Teil meines Herzens für diesen Sektor der Filmkunst pocht... Ich sollte als eine Art Conférencier durch das Programm leiten und mit lebensanschaulichen Schnurren in die gezeigten Filme einführen. "Seien Sie die Vaseline unserer Veranstaltungen!" grinste mir der Geck schief entgegen, und ich müßte lügen, wenn ich sagen würde, daß ich nicht schief mitgegrinst hätte...

Nun, ich hatte zu diesem Zeitpunkt meines Lebens nicht allzuviel zu verlieren: So befriedigend meine journalistische Tätigkeit auch war, sie war doch letztendlich brotlose Kunst, die mir nicht eben Koffer voller Golddublonen bescherte. Meine Gesundheit war durch eine lange und unschöne Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden, und die Liebe war aus der Tür. Was tun? So fern es mir lag, den Worten eines Gecken zu folgen - die Aussicht auf willkommene Abwechslung ließ mich im Frühjahr 1999 das erste Mal in Richtung Ruhrgebiet trampen. Der Geck war verschwunden (und ich sollte ihn niemals wiedersehen), doch an seiner statt begrüßten mich vier junge Männer, von denen ich einen sogar von früheren Unternehmungen her kannte. Nicht wenige meiner Artikel waren von seinen stark pottgefärbten Anregungen geprägt gewesen. Ich fühlte mich auf Anhieb recht wohl.

Die erste Vorstellung lief unter dem denkwürdigen Titel "Melonenwalzer". Der Club hatte sich nämlich vorgenommen, die Titel der gespielten Filme in einen Mantel des Schweigens zu hüllen und lediglich zarte Andeutungen fallenzulassen. Ganz zu Anfang wurde mir auch unter Androhung schwerster Repressalien (zerschmetterter Glieder o.ä.) untersagt, den deutschen Titel auf der Bühne zu nennen, und das, obwohl der fragliche Film nur wenige Momente danach über die Leinwand flackern sollte. Diese etwas redundante Maßnahme wurde nach einiger Zeit gelockert, und so wurden mir nur noch leichte Watschen verabreicht für ein verfrühtes Enthüllen der fraglichen Filme...

Ich erinnere mich an das erste Mal, als wäre es gestern gewesen. Als ich im Kino eintraf (einem wunderschönen alten Filmpalast aus den zwanziger Jahren), wußte ich nicht recht, was zu erwarten wäre. Ich hatte, offen eingestanden, etwas Angst davor, daß ich ein reines Gorebauernpublikum treffen würde, also Menschen, die in erster Linie wegen splatteriger Subkultur aus dem Horrorbereich kommen und bei den abweichenden Attraktionen meutern würde. Mit zitternden Knien betrat ich die Bühne. Als erste Großtat nach der Pause ließ ich, ermutigt von einigen kurz zuvor geführten Gesprächen mit Filmfans und einer gut gelaufenen ersten Ansprache, einen Insiderjoke fallen: Ich beschwor den Zeichentrickseemann der längst untergegangenen Videofirma "VTD Dr. Dreßler" herauf: "Na, Leute, war det´n Film?" Da stand ich nun und fühlte mich so einsam wie nie. Keiner lachte, keiner reagierte. Offensichtlich kannten die Leute den Seemann gar nicht und fragten sich: "Was macht der eigentlich da?" Ich entsann mich einiger Träume, in denen ich mit heruntergezogenen Hosen in bevölkerten Fußgängerzonen herumstromerte. Die Schande stirbt als letztes, sagte ich mir. Leben und lernen, sagte ich mir. Ich habe bis heute nicht gelernt! Aber was soll´s, der Irrsinn geht mit in die Grube, da gibt es kein Vertun. Ich überlebte den Spaß, und die Tatsache, daß der erste Film (ein 70er-Jahre-Sexkrimi mit der überdimensional beeuterten Aktrice Chesty Morgan) auf bodenloses Gejohle von seiten des Publikums stieß, ließ mich am darauffolgenden Monat erneut den Ruhrpott heimsuchen...

"Silva Surfer" war ein Doppelprogramm, das ganz im Schlagschatten des Schauspielers Henry Silva stand. Hier zeigten wir wagemutig einen englischsprachigen Mafiafilm, in dem der Mietkiller Silva eine Handvoll von Schurken aus dem Wege räumt, in eine Dampfwalze steigt und über sie drüberfährt! Ekstase machte sich breit, und ich meine, daß auch der zweite Film (ein weiterer Gangsterreißer, diesmal in deutsch) großen Anklang fand.

"Es fährt ein Zug nach nirgendwo" war dann eines meiner Lieblingsprogramme der Frühphase, in dem Christian Anders ebenso promenierte wie ein italienischer Thriller, der zu einem großen Teil in einem Personenzug spielte, der sich wie von Zauberhand leerte. Das Kino leerte sich nicht, und wir hatten eine Mordsgaudi. Beim Zurückfahren mit meinem alten Freund aus Jugendtagen (also gut, es ist Sailor Ripley!) bekam ich den Enthusiasmus mit, den das Kinoerlebnis in den Burschen auslöste. In jede Vorstellung, das muß man wissen, floß nämlich eine lange Vorbereitungsphase ein, in der die Kopien per Hand restauriert werden mußten, um auch ja den bestmöglichen Kinogenuß zu gewährleisten. Daß sich diese Sache niemals zu einem einträglichen Nebenerwerb mausern würde, war von Anfang an klar. Es war eine Liebesarbeit, die hier stattfand, und ich staunte nur und empfand die ganze Aktion auf einmal als eine willkommene Ergänzung zu meiner Schreibmaschinentätigkeit. Hier war das richtige Kino, nicht nur die Leute, die sich Zeilen aus den Fingern quälen! Zu jedem Film gehören nicht nur Künstler, die ihre Träume verwirklichen, sondern auch Praktiker, die diese Träume auferstehen und einer (manchmal im doppelten Sinne) breiten Öffentlichkeit zukommen lassen... Mit der Zeit gewann ich auch die anderen drei Zampanos des Clubkomitees lieb: Ingojira und Heinz Klett (mit Schurrbart) und Steinie (ohne).

Die "Winzerfestspiele" waren dann das bislang einzige Doppelprogramm, das ich versäumt habe. Meine Krankheit brach damals leider massiv durch und machte es mir unmöglich, dem Reigen beizuwohnen. Ich bedauere das bis zum heutigen Tage.

Doch das Jahr war noch nicht zu Ende: Zuerst einmal setzte es "Kolbenfresser", in dem einer der größten Triumphe der Clubgeschichte stattfand. "The Mad Foxes", eine schweizerisch-spanische Produktion mit einem ganz unglaublichen Hauptdarsteller riß die anwesenden kritischen Massen zu ausgelassenem Gejohle hin und machte einfach Spaß. Erwin C. Dietrich hat ja noch immer nicht verraten, wer der namhafte Schweizer TV-Regisseur ist, der dieses Ding verbraten hat, aber an Trash-Charme ist der Film schwer zu überbieten. Die Sitze bogen sich, und die angeleuchteten Statler-und-Waldorf-Pappmachégestalten auf der Loge wunderten sich einen Ast. Ein futuristischer Rockerfilm von Enzo G. Castellari rundete das Programm ab, und das war weiß Gott nicht der schlechteste Film zum Abrunden...

Dann kam die Radioshow: Ein Programm mit dem sensiblen Titel "Schleimscheißer" war es, das von einer Radioreporterin bezeugt wurde, die auch zu einer lieben Freundin des Clubs geriet. Wir zeigten einen der echten Lattenknaller des Italohorrors: "Alien 2" von Ciro Ippolito, in dem lauter Menschen stundenlang durch eine Tropfsteinhöhle krauchen und Mumpitz murmeln. In dieser Show war Steinie mein direkter Sitznachbar, und wir vollzogen die simple, aber hypnotische Musik der Oliver Onions während des ganzen Films gestisch nach. Nach dieser harten Packung folgte noch der amerikanische Wurmfilm "Squirm", in dem lauter Regenwürmer aus Gummi vor die Kamera geworfen wurden und Schreie von sich gaben, wie nur Würmer sie von sich geben können! Hand auf´s Herz - ich dachte, wir würden einen Mörderverriß ernten. Die Tatsache, daß ich im Interview nur hanebüchenen Zinnober von mir gab, half nicht wirklich. Doch die Journalistin verfuhr mit Liebe, und sie verfuhr gut - das Interview war charmant und werbewirksam, und es warb auch einige Zuschauer an, darunter die liebe A. aus W., die mittlerweile zu einer lieben Freundin geworden ist. Die Würmer hatten sich ins Herz der Reporterin genagt, und sie sich auch in unseres!

Das Doppel "Kreischsägen" hatte eigentlich herzlich wenig mit Sägen zu tun, aber sich rägen ist Sägen, man weiß das ja! Der einzige Film, in dem Vincent Price jemals vollkommen unterkühlt gespielt hat (und einer seiner besten!), war "The Witchfinder General", und er wurde ausnahmsweise einmal von meinem Freund Robert eingeführt, der nicht nur direkt auf meinem Kopf wohnt, sondern auch ein hervorragendes Buch über Price geschieben hat! ("Die Kontinuität des Bösen", bei www.amazon.de - kaufen, jetze!) Danach kamen die Zombies des Herrn Mattei, mit einem debil augenrollenden Franco Garofalo, der uns allen die Schweißperlen auf die Stirne zauberte. Sailor zauberte ganz was anderes Perlen auf die Stirn, nämlich die vielen Kopiepatzer, die ihn ein ums andere Mal aus dem Sessel trieben. Der Mann hatte den Arsch gestrichen voll, aber auch das gehört zum Alltag des Kino-Aktivisten...

Dann war Joe Spinell an der Reihe: Unter dem freundlichen Titel "Pockenfresse" liefen zwei Highlights aus seiner Karriere. Bei dem Film, in dem es u.a. heißt: "Yes Miss, no Miss, whatever you say Miss...", begleitete mich Steinie auf die Bühne und führte mit mir eine regelrechte Comedy-Duo-Routine auf. Bei dem darauffolgenden Programm "Mandelsplitter" war es Mr. West, der sein Wissen über das Wirken von Chang Cheh preisgab, denn es war ein Film dieses asiatischen Meisters, der zu sehen war. Hier passierte ein weiterer denkwürdiger Schnitzer: In der Kopie war ein Akt vertauscht, was zu einer ungewollten surrealen Einlage führte. Wie der liebe Franz (nur echt mit Horst - unsere unschlagbare Seniorentruppe!) mir immer wieder versichert: Man darf es nicht zu perfekt machen, denn dann ist es nicht echt... Der japanische Monsterschocker "Giganten der Vorzeit", der irgendwie eine FSK-Freigabe ab 12 bekommen hatte, kehrte dann die Scherben auf und ließ sie glitzern.

Und dann war es soweit: Unser erster Stargast kam vom Firmament. Herbert Fux, der unnachahmliche Schauspieler, war schon immer ein Traumgast für uns gewesen. Als er dann wirklich anwesend war, erwies er sich als kompletter Selbstläufer, denn auf der Bühne teilte er anstandslos den Schatz seiner Erfahrungen, und er erzählt wirklich bombig, der Mann! Das Ereignis ist auch in einem Video festgehalten und war auch Bestandteil eines kurzen WDR-TV-Specials, in dem ich total fett aussehe. Auch in einer anderen WDR-Sendung wurde der frohe Spuk erwähnt. Was weder im Fernsehen noch auf Video zu sehen war: Wir führten Herrn Fux in ein Schloßrestaurant aus. Dabei vergeigten wir zwar fast unser gesamtes Salär aus den Clubeinnahmen, hatten aber den Spaß unseres Lebens, denn Fux gab wirklich alles und trieb uns die Freudentränen in die Augen. Wir hatten auch den Eindruck, daß er sich wohlfühlte, und so rechnete sich auch der Ehren-"Joe", eine umfunktionierte Oscarstatue, die wir ihm zum Zeichen unserer Verehrung vermachten...

Dann war es Weihnachten. Wir brachten unser bislang kontroversestes Doppelprogramm, bestehend aus der sleazigen Pseudo-Doku "Idi Amin der Schlächter" und dem wesentlich kommentarintensiveren "Addio Onkel Tom", einem ziemlichen Meisterwerk. Hier erlebte ich ein weiteres Waterloo. Da ich Sailor Rip nur einmal im Monat sah, formte sich schon alsbald die Gewohnheit heraus, am Vorabend nicht nur zu quatschen und Filme zu glotzen, sondern auch den einen oder anderen leckeren Wein zu lüften. Bei dieser Gelegenheit hatte ich es eindeutig übertrieben: Um 7 Uhr erwachte ich, war stockbetrunken und tanzte ca. 1 Stunde in Sailors Wohnzimmer zu den Klängen von Le Hammond Inferno. Ich entsagte der Versuchung, in meinen Wagen zu steigen, und ließ mich lieber zum Kino chauffieren. Hier wollte und wollte ich nicht wieder nüchtern werden! Den Idi-Amin-Dadaquatsch absolvierte ich noch mit einer gewissen Würde, aber alle klugen Sachen, die ich eigentlich zu Jacopetti und Prosperi äußern wollte, zerbliesen wie Staub an meiner vergifteten Gehirnrinde. Ich sagte dann: "Bevor ich noch mehr Quatsch rede, wünsche ich euch jetzt einfach - VIEL VERGNÜGEN!" und zuckelte von dannen. Dann kam ja auch Weihnachten, und alles wurde gut! :)

Das Jahr 2000 begann mit dem Doppel "Obacht 2000", und wir zeigten "Metropolis 2000" von Enzo G. Castellari, den vermutlich besten Film, der jemals in einem Steinbruch gedreht worden ist! Der spanische "Tödliche Befehle aus dem All" ließ dann das Blut in den Adern der Zuschauer erfrieren. Wir machten es zu so etwas wie einer Tradition, immer einen Trasher mit einem gehaltvolleren Film zusammenzupacken, damit auch möglichst viele der Zuschauer etwas vom Segen hatten.

Im Februar stieg dann die große Geburtstagsgala, bei der wir zwei Evergreens aus den Kameraobjektiven von Signore Fulci und Club-Namensgeber Signore d´Amato zum besten gaben. Es sollte nicht der letzte Geburtstag sein...

Dann ging wieder die Dada-Post ab! "Am-Popo-Phagus Rein" war ein Titel, der bei einer Exkursion zu unseren Hamburger Freunden entstand und sich auf Joe d´Amatos "Antropophagus" bezieht... Es war geplant, eine dreiteilige Reihe aus dieser Schnapsidee zu formen, und bisher sind zwei Teile zu sehen gewesen. Hier kam der amerikanische Sexploiter "Flesh Gordon" zu seinem Recht und ließ Penisaurier über den Planeten Porno walken. Obwohl der Sexbestandteil der früheren Vorführungen und die damit verbundenen Reaktionen aus weiblichen Publikumskreisen dazu geführt haben, daß wir uns hier etwas die Penisschrauben angesetzt haben, war dieser Film ein ziemlicher Erfolg bei Jung (ab 18!) und Alt. Der nachfolgende frühe (und noch nicht ganz so eklige) Kannibalenfilm von Umberto Lenzi führte zu erregten Diskussionen, die ich total super fand, da ich (und das Komitee) die Tierschlachtereien in solchen Filmen ziemlich widerlich finde. Hier fand echte Streitkultur statt, und das ist bei simplen Verboten nicht der Fall... (Wobei dies noch einer der harmloseren seiner Abart war!)

Es wurde April: Die "Osterglocken" läuteten, und brachten uns nicht nur einen weiteren (im Kino nicht verbotenen) Fulci, sondern auch ein weiteres Kleinod mit der reizenden Chesty Morgan, "Teuflische Brüste" - ein Agentenfilm ohne Wenn und Aber, der auch das weibliche Publikum uneingeschränkt hinriß. Der Herrgott war auferstanden, und wir hatten Mut für´s neue Jahr - so soll es sein.

Gemeßnerten Schrittes ging es im Mai zu "Reinholds Freunde", wo ein wenig zuschauerziehendes, meines Erachtens aber wunderschönes Programm losbrach: "Yeti der Schneemensch" kam ins Kino, und zu den Klängen einer leicht umkomponierten "Carmina Burana" brach er sich einen Weg durch das Eis in den Herzen auch der splatterheischendsten Kundschaft. Der zweite Film war Joe Dantes wunderbarer "The Howling" und brachte uns Werwölfe, wie sie uns die Großstädte leider nur selten offerieren...

Bei "War-Steiner" kam nicht das begehrte Bier zum Einsatz, sondern zwei Filme der beliebten Exploitationhelden David WARbeck und John STEINER. Bei meiner Ansprache traten unabgesprochen Steinie und Ingojira neben mich, bewehrt mit mannsgroßen Konterfeis von John und dem leider Gottes kürzlich verstorbenen David, den ich noch in seinem pittoresken Anwesen (ein umgebautes Kloster!) besuchen durfte. Ich war verdutzt von der Überrumpelung, aber es sind gerade diese Überraschungen, die nicht nur das wirkliche Leben so reizvoll machen...

Dann kam ein kleiner Klassiker: "Pulverfässer" offerierte den italienischen Polizeifilm "Eiskalte Typen auf heißen Öfen" (rasender Erfolg) und den schönen Rolf-Olsen-Kracher "Blutiger Freitag". Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits eine kleine (und kurzlebige) Tradition eingesetzt: die Tradition der "Bühnenshow". Bei irgendeiner vorangegangenen Aufführung hatte ich einmal tolpatschig das Mikro umgestoßen und sagte: "Oh, Bühnenshow!" Daraufhin nagte an mir der Ehrgeiz, immer ein Bühnenshowelement mit einzubringen, aber es erwies sich, daß sich einfach nicht jedes Programm für ein solches eignete. Hier war der Einfall (von Ingojira und Heinz Klett) ein kongenialer, nämlich - entsprechend dem Harmstorf´schen "Seewolf"-Konzept - eine weichgekochte Riesenkartoffel mit bloßen Händen zu zerquetschen! Das verdammte Scheißteil flog quer über die Bühne, und ich verbrachte mehrere mühselige Minuten damit, den Bühnenboden zu reinigen, aber dem Vernehmen nach hat´s ganz toften ausgesehen... :)

In meinem Geburtsmonat setzte es die "Schwarze Messe", und hier verschwisterte das Komitee brillanterweise das Nunsploitation-Genre (mit dem hervorragenden, aber untrashigen "Flavia la monaca musulmana") mit dem Blaxloitation-Genre (dem brownen "Slaughter"). Zu diesem Behufe dreßte ich mich in eine Art mutierter Afro-Perücke. Heinz K. wollte mich unbedingt fotografieren, meinte aber, daß unbedingt Frauen aufs Bild gehören... Da ich mich sowas nie trauen würde, Heinzie aber ein nie ermüdender Quell unmoralischer Inspiration ist, fragte er einfach zwei minderjährige Mädchen der nachfolgenden Kindervorstellung (die immer streng getrennt werden von den Club-Vorstellungen, keine Sorge!), und so schossen wir ein herrliches John-Slaughter-Foto mit Damenbegleitung und gleißenden Zahnklammerimpressionen... Damit kann man mich auch heute noch erpressen!

Weiter ging es mit dem "Sommernachtstraum": Es gab einen Jess-Franco-Film, der das Urlaubmachen in Spanien gänzlich unattraktiv erscheinen läßt, und einen hervorragenden italienischen Sleazeklassiker mit Franco Nero und David Hess, bei dem Ennio Morricone das Banjo anschlägt, und hier fliegt endgültig das Waschbrett durch die Küche...

Zwischendurch gab es eine Sonderveranstaltung, bei der neben dem damals gerade auf deutsch veröffentlichten neuseeländischen Splatterspaß "Bad Taste" eine Vielzahl von devianten Trailern gezeigt wurden, die meines Erachtens mit "Die gröbsten Entgleisungen der Filmgeschichte" nur unzureichend betitelt waren...

Dann gab es nicht nur sich langsam verfärbendes Espenlaub, sondern auch die "Leder-Wurst", in der Tobe Hoopers einziger wirklich guter Film gezeigt wurde.  Leatherface hatte hier seinen freien Auslauf, und der subversive Kommentar auf das Familienbild der USA war an unser Publikum nicht verschwendet. Ich schwang zu diesem Anlaß eine echte Syker Knüppelwurst (aus meiner Heimat!) Ihr hättet mal erleben sollen, wie ich die Wurst gekauft habe. Ich bin mit der netten Wurstmamsell in ein kurzes Gespräch eingetreten, das spätestens dann eine abenteuerliche Färbung erfuhr, als ich ihr sagte, daß ich die Wurst für eine Bühnenvorführung brauche... Man trifft manchmal Menschen, die trifft man kein zweites Mal in seinem Leben, und da kann man sich so etwas erlauben! Der zweite Teil des Programmes wurde bestritten von dem Italo-Klassiker "Der Tod trägt schwarzes Leder", in dem nicht nur Mario Adorf versucht, einem Kinderhändlerring auf die Spur zu kommen - hallo, Meisterwerk.

Dann kamen die Ratten! Und oh ja, die Ratten kamen... Bei "Hameln" fiedelte ich einige dissonante Töne mit meiner Blockflöte in den Publikumssaal, und das war gut so, denn in Bruno Matteis "The Riffs 3" kommen die Krabbler zuhauf und bringen einen Haufen extrem schlechter Charakterdarsteller in Schwulitäten. Heinzie bezeichnete die Szene, in der die Rattenmassen von einer Drehrolle mit Plastikmäuserichen drauf gestellt werden, als "die Rattenwelle". Horst (oder Franz) meinte hierzu: "Ich sehe gerne hart!" Und das ist gut so, denn "The Riffs 3" ist ein veritabler Krauch-Film, bei dem die Charaktere ständig durch Korridore irren und Sachen äußern wie: "Das darf doch nicht wahr sein!", "Hier lang, schnell!" und "Ich will hier raus, oh Gott!" Der zweite Film war ein 50er-Spektakel namens "Die Nacht der unheimlichen Bestien", in dem die unheimlichen Bestien (=mutierte Riesenratten!) von Dackeln mit Fell über gestellt werden... Ingojira vermachte mir hierfür eine dicke Plastikratte, die einst von einem Kioskbesitzer, der sie gesehen hat, mit den gänzlich unpassenden Worten "Die kann gut blasen, ja?" bedacht worden war. Die Ratte ziert noch heute unseren Tresen, und sie ist wirklich ein Goldschatz!

Dann kam die große Disco-Veranstaltung des Clubs: "Wer hat, der hat...und wir haben doppelt!" Na, Chesty Morgan hat garantiert doppelt, denn ihr "Superheißes Ding", Sensationserfolg der ersten Vorstellung, wurde hier in Bochum wiederbelebt zum allgemeinen Gaudium. Anschließend gab es eine schöne Disco mit schmissiger Easy-Sleazy-Listening-Musik aus den siebziger Jahren, und ich will verdammt sein, wenn wir nicht einige der berühmtesten Cocktailmixer der Welt bei uns hatten...

Erneut weihnachtete es sehr: "Nagelprobe" war eine ebensolche, denn sie verband den Boney-M.-Film "Disco-Fieber" mit den Devianzen von "Die Teuflischen von Mykonos". Ich deklamierte eingangs, um die Zuschauerschaft weihnachtlich zu stimmen, diverse Weihnachtsgedichte, doch was dann kam, entgeisterte und entsetzte so manchen Zuschauer. Ich finde bis heute, wir hätten ein pietätsvolleres Doppelprogramm finden können, aber Spaß hatte ich leider trotzdem, und das, obwohl ich erstmals in der Nacht zuvor keine einzige Minute geschlafen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten mir Robert und Bettina bereits erzählt, daß die 120-Quadratmeter-Wohnung unter ihnen bereits seits 6 Monaten freisteht. Das hatten sie nicht umsonst getan, harrharr... Ich verbrachte "Die Teuflischen von Mykonos" in ihrer Wohnung und versuchte verzweifelt, zu schlafen, während ihre beiden Katzen chassidische Freudentänze auf meinem Gesicht ausführten. (Ihr Gästezimmer hat keine Tür - das nur als Warnung!) Ich bin trotzdem in die Wohnung eingezogen... Jener Tag aber war die Hölle!

Der kryptische Titel "Sauerlandlinie" verzierte das Januar-Programm auf anmutige Weise. Wer sich ob des fantasievoll gestalteten Fliers auf einen Film freute, in dem Mario Adorf mit einem Werwolf ringt, kam umsonst, denn das diabolische Gehirn des Poster-Gestalters Sailor Rip würfelte bedingungslos beide Filme zusammen: Zuerst trieb sich "Little Joe" Michael Landon in dem 1957er "Der Tod trägt schwarze Krallen" in der Pampa Westkaliforniens herum; dann marodierte "Der Mafiaboß" in einem italienischen Gangstertrasher gleichen Namens.

Und da war sie schon: Buio Omegas zweite Geburtsgala bahnte sich ihren Weg! Der erste Film war der Wunschfilm unserer Gäste, und sie bewiesen einen erlesenen Geschmack, denn die "Mad Foxes" bahnten sich erneut einen Weg durch die Geschmacksknospen der Zuschauerschaft! (Schlimmer als der Film ist aber das Schlußlied von "Krokus"...) Der zweite Film verfolgte den untoten Werdegang einiger lumpichter Kollegen, den ich mit Schnurren über den Zauberiren Donal O´Brien anreicherte, den ich auf dieser Seite auch noch gesondert ehren werde.

Der zweite Teil der Reihe "Am-Popo-Phagus Rein" (Titel: Raupe Nimmersatt!) begann mit dem relativ unbarmherzig empfangenen Softcoreschnalzer "The Sex Thief" mit David Warbeck (erneut: Leben und Lernen!) und donnerte sich dann durch die Eingeweide von "Emanuelle" Laura Gemsers Erlebnissen im Pseudo-Amazonas von dem nahe Rom gelegenen Zauberwald Croce Verde. Kein besonders gelungenes Doppelprogramm, wie ich finde, aber hinterher ist man immer schlauer...

Ein neuerlicher Popularitäts-Höhepunkt bahnte sich mit dem Aprilscherz "Horrorhaare" an, der aus dem lustigen Italo-Barbaren-Trasher "Einer gegen das Imperium" und einem unangefochtenen Klassiker des Spaghettiwesterngenres bestand, Sergio Sollimas "Von Angesicht zu Angesicht". (Tomas Milians Frisur ist hier wirklich sehr bizarr!) Anwesend war nämlich das Fernsehen, in Gestalt von diversen Journalisten von "Viva 2", die die gesehenen Absonderlichkeiten zu einem Special zusammenschnitten, das erst lange danach den Äther bereisen sollte. Ich trug zu diesem Anlaß eine Perücke Marke "Paradoxe Vogelkunde", bei der nicht nur Helge Schneider das Lachen im Halse steckengeblieben wäre... Wir hatten Spaß und teilten ihn mit Simon und Thilo. (Später hatte ich auch noch das Vergnügen, Charlotte und Eric kennenzulernen - hallo allen Vieren auf allen Vieren von hier aus!)

Alles neu macht der Mai! Denn hier war endlich unser neuer Stargast anwesend: Doris Wishman, die Sexploitationregisseurin aus Florida! Ihre Chesty-Morgan-Kracher hatten wir bereits gezeigt, weswegen wir nur noch zwei Filme aus den 60ern zeigen konnten. Aber Doris riß alles heraus. Die Frau, die einem alles verzeiht, außer, wenn man sie "süß" oder "nett" schimpft, war eine Offenbarung und lohnte den immensen Aufwand, der manche Clubkomiteeler rund um die Uhr in Aktion sein ließ. Bei der mittlerweile ja traditionellen Einkehr im Schloßrestaurant improvisierte sie sogar einen Film, in dem wir alle mitspielen - Arbeitstitel: "The Undesirables"! Trotzdem hatte sie einen Bärenspaß mit uns und ihrem Publikum. Sie ist eine von diesen Personen, die immer knickert und durch die Blume aufscheinen läßt, wie wichtig ihr die Sache ist. Glaubt mir, sie hatte den Spaß ihres Lebens und liebt alle! (...auch wenn sie mich dafür haßt, hihi...) Eine Bombenfrau - ein Bombenprogramm!

Einer meiner Lieblingsprogrammtitel war "Nördlich der Wirbelsäule". Hier begann man mit dem 50er-Science-Fiction-Film "The Brain from Planet Arous", einem Megakracher, in dem die freischwebenden Riesenhirne Gor und Vol für schweren Seegang mit Shirley Temples Ex- Ehemann sorgen. Danach kam Lamberto Bavas Debüt "Macabro", ein morbides Psychodrama, in dem an dem Gehirn noch so einiges dranhängt...

Dann schlug das Komitee unerbittlich zu und servierte einen der abwegigsten Titel: "Wahl-Maat". Hier ergab sich der erste Film aus einem Trailerreigen, aus dem das Publikum stockdemokratisch einen Film wählen durfte. Es wählte nicht schlecht - es wählte die hochunterhaltsame Dokumentation "Das ist Amerika 2", in der nicht nur der für das Bürgermeisteramt von San Francisco kandidierende Punkrocksänger Jello Biafra zu Wort kam, sondern zahllose andere merk- und denkwürdige Persönlichkeiten. Mit dem japanischen Science-Fiction-Trasher "UX Bluthund" aus den 60ern mußte das Publikum leben, und es lebte dem Vernehmen nach gut!

Erneut kontrovers wurde es im Wonnemonat August, als "Schwert und Scheide" einen eindeutigen Scheideweg einläutete. Hier marodierten die reitenden Leichen vom jüngst verstorbenen Amando de Ossorio, und sie taten dies mit viel Anmut und Würde. (Kein Wunder - ist mit Abstand der beste Film der Serie!) Nebenbei erstaunte noch ein philippinischer Gefängnisfilm mit Pam Grier, an dem Roger Corman auch irgendwie beteiligt war. Ebenso waren die deutschen Verleiher tätig, die mich mit unerwarteten Beigaben (=neugedrehten, völlig grotesken Sexszenen) erstaunten.

Der bislang letzte Treff wurde im September des Kubrick-Jahres absolviert, und es war nicht unkompliziert: Nach den grauenhaften Terroranschlägen in den USA war das Doppelprogramm "Rohr frei" kaum noch tragbar. Wir diskutierten eingehend, doch in letzter Instanz entschlossen wir uns dazu, die Sache durchzuziehen. Wir waren der Überzeugung, daß es sinnvoller ist, eine schwierige Sache respektvoll abzuwickeln, als sich ihr einfach zu verweigern. Unterm Strich bin ich verdammt froh, daß wir das getan haben. In den zahlreichen Gesprächen, die stattgefunden haben (und natürlich war es diese Katastrophe, über die vornehmlich diskutiert wurde), habe ich rausgefunden, daß die Fans unserer Sorte von Filmen weiß Gott nicht die abgefuckten und teilnahmslosen Sonderlinge sind, als die sie von unseren Gegnern immer präsentiert werden. Ich habe die ganze letzte Woche entsetzt vor dem Fernseher gehangen, und ich habe gemerkt, daß ich damit nicht allein war. Mir ist die Ansprache (wir haben auf jeden Jokus verzichtet) nie so schwer gefallen wie heute. Man erfaßt erst dann die Dimension solches fürchterlichen Weltgeschehens, wenn man sich darüber ausgetauscht hat. Und nein, die Horrorfans sind weiß Gott nicht teilnahmslos. Diese Mischung aus unserem Filmprogramm und den davon entfachten Diskussionen ist etwas, für das ich weit dankbarer bin als für noch so viele Lichterketten. Es hat mir wirklich etwas gebracht, und ich hoffe, auch unseren Zuschauern, und sei es auch die Einsicht, daß die Sache immer irgendwie weiterrollt, und das nicht nur in den Dimensionen von erbärmlichen, angstfördernden "Bild"-Schlagzeilen à la "Neues Terrorkommando?" Nein, es ist kein neues Terrorkommando unterwegs - der Terror wird passieren, und wenn er das nicht tut, so wird das eine Gnade sein. Ich hoffe drum.

Kurzum, ich bin froh, ein Teil dieses Clubs zu sein. Wir zeigen viele Filme, die vielleicht kontrovers sind. Aber ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich mich mit den Besuchern identifizieren kann. Es sind keine teilnahmslosen Gorebauern, sondern Menschen, die ihre eigene Anschauung haben, die nicht nur aus Gutmenscherei besteht, aber eben mitfühlt und nicht zynische Windelweichheit präsentiert wie das Fernsehen. Ich bin in die "Buio", in die Finsternis, eingetaucht, und man sieht dort beizeiten wirklich klarer als im Schein des geleckten, quotengebürsteten Einerleis. Ich finde es gut, daß das so ist. Ich fühle mich hier wohl, und ich hoffe, daß es vielen guten Leuten allüberall genauso geht.
 

Wohlsein.
 

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