TANTE META UND IHRE ZOMBIES


BRAINSTORMING - Die Toten sterben nicht aus!

Die Herstellung von Filmen ist kostenintensiver, als man gemeinhin denkt. Zwar gibt es einige Idealisten, die der Ansicht sind, gutes Kino käme von Herzen, nicht aus dem Geldkoffer, doch die haben sich vermutlich noch niemals in der heiklen Situation befunden, einen Film zusammenhauen zu müssen, der sogar richtig funktioniert. Es zählen hier nicht die zahlreichen No-Budgeter, in denen Jugendliche durch den Bürgerpark laufen und zu ganz bestimmt nicht rechtemäßig abgesicherter Musik mit roter Farbe herumspritzen. Diese Art von Debil-Splatterparaden entzücken nur die wenigsten, die mehr als zwei davon durchstehen mußten. Sie sind am ehesten verwandt mit den frühen Übungen der Kinematographie oder dem Erwerb der ersten eigenen Videokamera. Wenn man z.B. seinen Dödel filmt oder seinen Augapfel und das dann auf einmal auf einem Fernsehbildschirm sehen kann, entsteht meistens ein großes Hallo. Andere, die an einem Dödel oder einem Augapfel vielleicht nicht so interessiert sind, können die Begeisterung nicht nachvollziehen. Es ist was sehr Persönliches. Um fremde Gemüter zu fesseln, muß man ihnen etwas bieten. Und wenn einem keine spektakuläre Hardware zur Verfügung steht, muß man sich halt etwas einfallen lassen.





In Hannover wurde jetzt ein kleiner Zombiefilm gedreht, der BRAINSTORMING heißt. Seine Erstaufführung fand im örtlichen Cinemaxx statt. Die Macher waren persönlich anwesend und präsentierten ihr Werk, zuerst mit schlotternden Beinen, später mit stolzgeschwellter Brust. Da ich einige der Leute persönlich kannte, sah ich der Veranstaltung mit gemischten Gefühlen entgegen, da ich so ungern lüge. Was würde mich erwarten? Eine weitere Kindergarten-Splatterei? Oh nein, bitte nicht. Da wäre ich dann auch recht freundlich gewesen und hätte gesagt, daß ich mich prima amüsiert habe, aber das wäre dann nicht einmal die halbe Wahrheit gewesen. Nicht einmal ein Viertel Wahrheit. Erfreut durfte ich zur Kenntnis nehmen, daß ich gar nicht zu flunkern brauchte!



Worum geht´s? Eine Gruppe junger Männer und Frauen will einen No-Budget-Horrorfilm drehen. Das ist dann ja schon mal denkbar direkt, „truth in packaging“, möchte man meinen. Eine Erzählerstimme macht den Zuschauer auf die diversen Risiken aufmerksam, denen man sich bei der Ausführung eines solchen Projektes ausgesetzt sieht. Da wären z.B. die Mimen oder anderen Teammitglieder, die abspringen. Unter beengten Bedingungen ergeben sich nämlich häufig Spannungen. Mimosentum und innere Fallstricke führen sehr häufig zum Auseinanderbrechen der Gruppe, und Film ist ja Ensemblearbeit. Kein Regisseur kommt damit durch, wenn er nur seinen eigenen Hintern filmt. Na ja, fast keiner. Nachdem man sich auf ein gemeinsames Thema geeignet hat – Überraschung: Zombies! –, sucht man eine geeignete Lokalität. Ein stillgelegter Bahnhof bietet sich förmlich an. Mit Geduld und Spucke macht man sich an die Arbeit. Doch dann laufen die Dreharbeiten aus dem Ruder: Menschen werden gebissen und beginnen zu sabbern...




Was BRAINSTORMING so überaus bekömmlich macht, ist sein Entschluß, als vermutlich erster Meta-Zombiefilm (genauer: ein Zombiefilm über die Herstellung von Zombiefilmen) in die Geschichte einzugehen. Tatsächlich handelt es sich auch eher um eine mit billigsten Mitteln hergestellte Reflexion über die Filmemacherei, in der die Probleme dieser speziellen Kunstform durchgehechelt werden, dann eben auch mit hechelnden Zombies. Das Langfilmdebüt des Werbefilmers Thomas Böhm wurde auf einem Budget hergestellt, das die belegten Brötchen für die Crew eingeschlossen haben mag oder auch nicht. Um einen Autorenfilm handelt es sich nicht wirklich, da Teamarbeit großgeschrieben und aktiv unterstützt wurde. Das sieht man dem fertigen Produkt auch an, und es war wirklich niedlich, den Darstellern beim Schlottern zuzusehen, denn sie wußten noch gar nicht, was sie bei der Premiere erwarten würde, ob sie sich eventuell vor einem großen Publikum (über 200 Leute!) zum Vollpfosten machen würden. Diese Befürchtung kann ich zerstreuen: Zum Vollpfosten gemacht hat sich bei diesem Produkt ausnahmslos niemand! Was Böhm und seine Kollegen aus dem abgedrehten Material zusammengebaut haben, funktioniert prima und weist jene Zutat auf, die vielen Multimillionendollarschmonzetten aus dem gegenwärtigen Hollywood abgeht – Charme! Es macht Spaß, den Darstellern bei ihrer Arbeit zuzusehen, die ja doch mehr eine Riesengaudi gewesen sein muß. In einer echten dramatischen Handlung wäre der Amateurstatus der meisten Beteiligten möglicherweise ein Nachteil gewesen, aber da es sich hier bei der gefilmten Situation um nicht viel mehr handelt als eine unwesentlich aufgepeppte Version der Wahrheit – mit Zombies halt!, – funktioniert das alles und machte mir ebensoviel Spaß wie dem Publikum, das ausgeprochen euphorisch reagierte.



Ich fände es schön, wenn es BRAINSTORMING demnächst mal auf DVD zu sehen gäbe. Zombies erfreuen sich im Moment einer inflationären Aufmerksamkeit (muß irgendwas mit Hartz IV zu tun haben...), aber es ist fast alles Mist, was da rauskommt. Thomas Böhms Übung in „Zombie Verité“ ist da eine sympathische Abwechslung, denn er verbindet die Stärken von Amateur-Filmemacherei (aus dem Moment geborene Kreativität, man kann fast alles machen etc.) mit einem sehr frischen Ansatz und einer Menge trockenen Humors. Vielleicht kann man Freund Tobi dann schon bald durch die Bude flitzen und ihn seinen gerade abgebissenen Finger halten sehen. Dabei jammert er: „Ich brauch´ mal´n Pflaster, ich brauch´ mal´n Pflaster!“ Der Film braucht kein Pflaster, sondern Zuschauer. Also, wenn der Film in einem Kino in Eurer Nähe oder einer Videothek Eurer Nähe auftrumpft, dann leiht ihm ein Auge (und dem Tobi ein Pflaster).



Nähere Infos gibt es unter http://www.brainstorming-film.de



BACK