BIG BLACK

Wenn ich in einer Eisenfresserlaune bin, höre ich gerne mal wieder in alte Big-Black-Platten rein. Es gibt so viele böse Buben im Rockgeschäft, die ihre verkorkste Kindheit damit kompensieren, daß sie sich in enge Kasperklamotten klemmen und den wilden Johann raushängen lassen (Hotelzimmer verwüsten, Groupies an sich rumnuckeln lassen, stolz auf die damit verbundenen Krankheiten sind etc.). Da tut es wirklich gut, sich von minimalistischen No-Nonsense-Noisern den Kopf durchbürsten zu lassen.

Big Black aus Chicago gab es nicht sonderlich lange (von 1982-1988), und sie entwickelten sich auch nicht sonderlich. Lediglich der allererste Release ist noch etwas verhalten. Danach bretterten Albini - begleitet von dem einsamen Drumcomputer Roland - durch monotone Düstersongs, die bei aller Aggressivität extrem understated wirken. Die Texte, die von Albini gegröhlt werden, sind ebenfalls sehr reduziert, und was bei ihm hartgesotten und menschenfeindlich daherkommt, ist irgendwie zu verknusen, da es eine Rolle ist, die er offensichtlich mit Genuß einnimmt. ("No lovey-dovey shit!")

Die ersten beiden EPs der Gruppe, "Lungs" und "Bulldozer" (von 1982 bzw. 1983) kamen später als LP heraus, "The Hammer Party". Während "Lungs" noch praktisch ein Sologang von Albini war, der mit begrenzten Mitteln schon einmal den Parcours absteckt, war bei der zweiten schon Santiago Durango dabei. Sehr bald war das Setup komplett: eine schneidende Gitarre, eine dröhnende Gitarre, ein Bass und Roland. Auf der CD von "Hammer Party" befindet sich netterweise noch die dritte EP, "Racer X" von 1985, die sich musikalisch nun überhaupt nicht mehr von den späteren Sachen unterscheidet. Man hat auf der CD somit Gelegenheit, den gesamten Werdegang von Big Black nachzuvollziehen. Totale Unverfrorenheit: die Coverversion von James Browns "The Big Payback" - jau! Irgendwann um diese Zeit kam auch eine nette Single, "Il Duce".

Die beste Platte überhaupt von Big Black ist meines Erachtens "Atomizer" (1986), die mit dem haarsträubenden "Jordan, Minnesota" beginnt, einer Impression von Kindesmißbrauch in der amerikanischen Kleinstadt des Titels. "Kerosene" handelt von Sex und Pyromanie - gleichzeitig, versteht sich, denn in manchen Käffern - so Albini - gibt es einfach nichts anderes zu tun... (Sag´ ich ja immer, aber MIR glaubt das ja niemand!) "Big Money", die B-Seite von "Il Duce", findet sich auch hier und handelt von einem beinharten Streifenbullen. ("He´s been walking his beat, you little punk, when you were still swimming in your father´s balls.") In "Fists of Love" geht es - wie die wie üblich hervorragenden und auf den meisten CDs fehlenden Liner Notes von Albini vermelden - um "love taken to its physical end". (Oder so ähnlich. Habe die Platte gerade nicht in G´kirchen.) "Bazooka Joe" schließlich ist nach "Dead Billy" der zweite Veteranen-Song, und er ist nicht wesentlich fröhlicher als der erste. ("When Joe-Man´s back, Joe´s head will crack...") Die Musik der Gruppe ist hier endgültig knochentrockenes Furioso. Die Songs werden wie besessen heruntergehämmert, mit Rolands verläßlicher Stetigkeit als Rückgrat. Es klingt, als sei im VW-Werk ein grauenvolles Mißgeschick vorgefallen... Bei aller Emotionslosigkeit, die im Konzept von Big Black liegt, ist es beeindruckend, wie sehr man als Zuhörer mitgenommen wird. Ungerührt kann man eigentlich nicht bleiben. Auf der CD (dort "The Rich Man´s Eight Track Tape" betitelt, Backcovergrimmelei: "You pussies can all SUCK OUR COCKS!") gibt es dazu noch die ebenfalls erhabene EP "Headache" (1987), die zuerst mit einem unsäglich widerwärtigen Cover herauskam, das ein Autopsiefoto von einem Typen zeigte, dem der halbe Kopf weggeballert worden war. Allgemein erhältlich ist nur noch die gezeichnete Variante. Hervorragend das herbe "Ready Men", das von Leuten handelt, deren Broterwerb es ist, andere Leute verschwinden zu lassen. ("You ARE my job...") "My Disco" hat eine sehr elaborate Story, die in den Liner Notes ausgeführt wird. Ist auch nicht erfreulich, ehrlich. Ebenfalls enthalten - wie auch als Beilage der Maxi - ist die Single "Heartbeat".

Der letzte Streich im LP-Format von Big Black ist ihre begnadete "Songs About Fucking", der einzige mögliche Rivale von "Atomizer", die mit Sicherheit das beste Cover aller BB-Alben hat. Auf dem Backcover läßt Albini wieder die Fäuste sprechen: "The future belongs to the analog loyalists. Fuck digital." Das auf einer CD zu lesen, ist natürlich irgendwie drollig. Weniger drollig sind erneut die Scherben der amerikanischen Wirklichkeit, die hier zusammengekittet werden: Da ist von notgeilen Truckern die Rede, von der Parkinson-Krankheit ("L Dopa") und der "Colombian Necktie", einer besonders erniedrigenden Hinrichtungsart in Gangsterkreisen, die darin besteht, daß man dem Delinquenten die Kehle durchschneidet und seine Zunge wie ein Halstuch heraushängen läßt... Mmh, sehr nett, danke. Kuchen? Auch eine Bärbeißversion von Kraftwerks "The Model" wirkt kurioserweise nicht fehl am Platz. Die CD enthält als Bonusmaterial lediglich die Single "He´s a Whore", aber manchmal ist weniger ja wirklich mehr. Ich liebe kurze CDs. Ehrlich.

Dann verließ Herr Durango die Band, um Rechtsanwalt zu werden. Steve Albini wollte kein Rechtsanwalt werden und gründete stattdessen die Gruppe Rapeman. Nach einer Livemaxi ("Budd") kam nur noch eine LP namens "Two Nuns and a Pack Mule" (1988), die ich so mittel finde. Irgendwie klingt sie wie die Weiterführung von Big Black mit anderen Mitteln, ohne daß man einen wesentlich neuen Ansatzpunkt gefunden hätte.

Und das war ganz anders, als Albini nach einigen Jahren, in denen er vornehmlich als Produzent tätig war, seine neue Band Shellac vorzeigte, anno 1993. Die ersten beiden Singles dieser unglaublich guten Noisegruppe sind "The Rude Gesture: A Pictorial History" und "Uranus" - immer noch meine Lieblinge unter den Albinesken. Die erste LP, "Shellac at Action Park", kam nicht nur in einem schönen Tortoise-artigen Digipack, sondern verbindet höchst effektiv den alten Big-Black-Sound (mit Albinis Klirrgitarre) mit sehr viel komplexerem Songmaterial, das die seelenlose Maske von einst mit zahlreichen Gefühlen anreichert. Coolheit ist noch immer die Mutter der Porzellankiste, aber während man früher wirklich den Eindruck bekam, als würde die Musik einem entgegenschreien: "Vorsicht vor dieser Welt! Jede Berührung tödlich!", so wird hier das Leben, zumindest vorsichtig, akzeptiert. Auf das Narbengewebe ist Haut implantiert worden, und der Körper hat sie angenommen. Lieblingssong: "Dog and Pony Show". Komplett großartig, die Platte. Ich habe etwa um diese Zeit Shellac auch mal live gesehen (bei dem Gig wurde der fünfte der durchnumerierten Shellac-Releases als Bonus an die Gäste verteilt), und was die Musiker im Rahmen eines sehr reduzierten und unaufgemotzten Sets mit dem Publikum anstellten, grenzt an Teufelsbeschwörung!

Die zweite LP, "Terraforma" (1998), ist etwas, mit dem ich immer noch nicht ganz warm geworden bin. Vielleicht liegt das einfach nur an dem starken Eindruck, den das Debüt auf mich gemacht hatte, aber ich kann bis zum heutigen Tag nicht viel mit ihr anfangen. Einigen von Euch mag das anders gehen - die Musik ist nach wie vor exzellent und produktionstechnisch Perfektionismus pur.

Und das GING mir anders - ich wiederhole, das ging mir ANDERS! - mit der bislang neuesten Shellac, "1000 Hurts" (2000), die als CD in eine merkwürdige Pappschachtel eingelegt war, bei der man unweigerlich denkt, die CD sei vergessen worden: Obwohl riesig, ist das Ding leichter als ein gewöhnliches Jewelcase. Die Songs... Naja, wer bei dem "Prayer" nicht gleich zu Anfang total in Stücke geblasen wird, der hat mit dieser Musik eh keine Zukunft. Absoluter Wahnsinn! Auch die anderen Songs demonstrieren wieder maximale Effektivität in schlichtem Gewand. Eine Platte, die runtergeht wie eine Flasche Sonnenöl auf Ex. Glatt wie ein guter Schwenkeinlauf. Zauberwerk!

Zu der Produktionstätigkeit von Steve Albini möchte ich anmerken, daß er nicht nur kleinere Noisebands wie Oxbow unterstützt hat, sondern auch richtig große Projekte, darunter die erste Pixies, die zweite von P.J. Harvey und Nirvanas "In Utero". Alle Sachen von ihm wirken auf mysteriöse Weise härter und rauher als alles, was die Künstler vormals hervorgebracht haben. Das gilt sogar für B-52s-Sänger Fred Schneider, dessen von Albini produziertes Soloalbum sich fast wie Punk anhört! Albini understated auch hier wieder und sagt, er würde die Bands mitproduzieren lassen und sei dann halt da, wenn technische Probleme auftauchten. Ein Autor hat es mal ganz treffend formuliert: Albini produziere wie ein Fotograf, der seine Objekte in schwarzweiß ablichtet und alle für die Künstler charakteristischen Makel und Meriten zum Vorschein bringe.

Wer sich mehr über Big Black informieren möchte, der klicke bitte auf das Bild; wer einen hervorragenden Text von Albini über die heutige Musikszene lesen möchte, der klicke bitte hier.

BACK