L´ARCANO INCANTATORE Pupi Avati hat im letzten Jahrzehnt eine ganze Reihe von Filmen gedreht, die ich leider nie zu Gesicht bekommen habe. Die größte Unterlassungssünde habe ich mir nun zu Gemüte geführt - den Semi-Horrorfilm L´ARCANO INCANTATORE (1996)... Die Story (situiert im 16. Jahrhundert) handelt von dem jungen Priesteranwärter Giacomo (Stefano Dionisio, aus NON HO SONNO), der aufgrund eines fleischlichen Fehltrittes bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen ist. Von einer geheimnisvollen alten Frau wird ihm angeboten, Unterschlupf bei einem exkommunizierten Priester zu finden. Dieser alte Mann hat sich zu ausgiebig mit "verbotener" Literatur befaßt und sich - im besten Faust´schen Sinne - der Magie ergeben... Der schwierige Zeitgenosse wurde von den Kirchenoberen in ein Haus außerhalb der Stadt verbannt, wo er ein einsames Dasein fristet, zumal ihm ein Schweigegelübde auferlegt wurde. Da der "Incantatore" (= Zauberer) an einer schweren Krankheit leidet, hat man ihm gestattet, eine Person als Sekretär und rechte Hand im Haus zu halten, mit der er sich auch unterhalten darf. Das erste nun, was Giacomo für den alten Mann erledigen darf, ist die Beseitigung des Leichnams des vorangegangenen Gehilfen, Nerio, dem man im nahegelegenen Dorf (=pikanterweise ein Hort für "gefallene" Nonnen!) einen sehr unsoliden Lebenswandel nachsagt - Nerio hat zahlreiche Frauen verführt, soll vom Geist des Bösen befallen worden und für das Verschwinden zweier Nonnen verantwortlich gewesen sein. In seinen Fußstapfen muß Giacomo sich nun dem alten (namenlos bleibenden) Mann annähern, dessen wissenschaftliche Studien sich mit Alchimie und dem Leben nach dem Tode befassen. Schon bald wird klar, daß der Incantatore Mittel und Wege gefunden hat, sich mit einem Genossen "von weit her" zu verständigen. Dies geschieht nicht nur durch die chiffrierten Briefe, die Giacomo auf die Reise schicken muß - auch merkwürdige Manifestationen finden statt. Jeder der rätselhaften Vorfälle schwächt den alten Mann massiv, da die unheiligen Kräfte ihn als Medium benutzen. Obowhl sein christlicher Glaube ihm es eigentlich verbietet, an solchen frevelhaften Experimenten teilzuhaben, ist Giacomo doch ein zu guter Mensch, um den alten Mann in dem Haus der Erscheinungen alleinzulassen, und es spielt auch ein wenig Neugier mit hinein: Sind es Wunder, die dort stattfinden, oder handelt es sich um die graduelle Erweckung finsterer Dämonen?
Nun, das findet Giacomo heraus, und für den Zuschauer gestaltet sich diese Forschungsreise in die düsteren Wahrheiten jenseits des Glaubens zu einer überaus spannenden Angelegenheit. Pupi Avati bedient sich einer ähnlich raffinierten Mystery-Struktur wie in seinem Horrorfilm LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO, die einen gänzlich unschuldigen Protagonisten immer tiefer in ein schuldiges Geflecht verstrickt. Wieder einmal geht es hier um christliche Überzeugung, und der Film erweckt eine Vergangenheit zum Leben, in der der konfessionelle Glaube an das Mysterium in einer Umgebung wohnt, die weitgehend vom stumpfen Aberglauben beherrscht wird. Die Wissenschaftler sind in dieser Welt die Abweichler, die Ketzer, die sich nicht mit dem festgefügten Weltbild zufriedengeben wollen. Der Incantatore will keine greuslichen Dämonen erwecken, um etwa die Weltherrschaft oder ähnlich zweifelhafte Reichtümer zu erlangen - es geht ihm vielmehr um die Wahrheit hinter den schönen Worten. Sein Körper hat diesen unstillbaren Wissensdurst schon zu Beginn des Filmes mit einer Ausgezehrtheit bezahlt, die ihn auf die Mithilfe anderer, nicht annähernd so außergewöhnlicher Menschen angewiesen sein läßt.
Das Leben nach dem Tode hat Avati bereits höchst anschaulich (und unheimlich!) in seinem 1982 erschienenen ZEDER beleuchtet, wo ein Toter an einem Ort begraben worden ist, an dem die Toten zu neuem Leben erwachen sollen. Eine Kamera dokumentiert diesen irrationalen Vorgang mit wissenschaftlicher Präzision. In der Zeit, in der L´ARCANO INCANTATORE spielt, standen solche technischen Erzeugnisse noch nicht zur Verfügung. Man tastet sich vorsichtig durch das Dunkel, und dort ist es manchmal sehr unheimlich... Es gibt verschiedene Szenen in dem ansonsten sehr ruhig und gemächlich erzählten Film, bei denen dem Zuschauer durchaus mulmig wird. Dabei erweist sich Avati als Meister eingestreuter verunsichernder Details, die den sehr naturalistisch (und nachfühlbar) gestalteten Rahmen immer wieder aufsprengen: So stößt Giacomo auf eine ganze Sammlung mechanischer Hände, die die Mutter des Incantatores hat anfertigen lassen, nachdem ihrem Sohn von einem Raubtier eine Hand abgerissen wurde. Auch wenn verschiedene unmißverständlich übernatürliche Erscheinungen gezeigt werden, sind die wirklich unangenehmen Momente jene, in denen ganz diesseitige Schrecken präsentiert werden, etwa der tote Nerio und diverse andere Leichen in verschiedenen Verfallsstadien... Das Ende wird dann auf einmal wieder schrecklich konkret und setzt den vorangegangenen vorsichtigen Versuchen, das Rätselgarn aufzuknibbeln, ein brutales Finale entgegen, daß mehr als nur ein wenig an die weißgekleideten Mütter aus LA CASA erinnert.
Warum dieser vorzüglich fotografierte und von Pino Donaggio mit einem prächtigen Score versehene Film weitgehend in der Versenkung verschwunden ist, ist mir das größte Mysterium von allen - das schlägt selbst das Leben nach dem Tode! Ich würde mir wünschen, daß auch dem Film eine Reanimierung auf DVD zugedacht sein wird; womöglich in einer ähnlich ansprechenden Form, wie das bei LA CASA vor kurzem erfolgt ist. Der direkt auf INCANTATORE folgende Avati - die Komödie DER TRAUZEUGE - lief jedenfalls bereits bei Premiere. Warum nicht auch dieser schöne, ruhige und unheimliche Film?