ÄPFEL OHNE SCHALE, NICHT ENTKERNT

Den Carl Andersen kenne ich nun schon seit etwa einem Jahr. Tatsächlich war es kurz nach seinem Debütwerk I WAS A TEENAGE ZABBADOING, daß mir einer seiner österreichischen Mitarbeiter antrug, eine Rolle in dem Folgewerk zu übernehmen! Ich hatte allerdings ZABBADOING bereits gesehen und wußte somit, daß eine öffentliche Entblößung im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. Meine Scham und meine Liebe zur Menschheit hießen mich Nein sagen.

Später entdeckte ich das Internet. Ich machte die Bekanntschaft des in Stockholm geborenen Kalle, der mittlerweile von Wien nach Berlin gewechselt war und im direkten Dunstkreis des ehrenwerten Lothar Lambert tätig. Er war älter als ich; schon das fand ich sehr sympathisch! Auch befleißigte er sich einer außergewöhnlichen Schreibsprache, die sich irgendwo zwischen Hipster und Mickymaus befindet - da schlich so manches erfreute Schmunzeln über mein Gesicht... Was seiner Liebesfilmwerkstatt entsprungen war, war mir zu jenem Zeitpunkt noch nicht bekannt, aber er war so nett, mir seinen neuesten Film zukommen zu lassen, LICK AN APPLE LIKE A PUSSY!

Undergroundkino war immer eine Bewährungsprobe für mich gewesen, da sich sehr viel von dem, was die Alternativkinos erreichte, nicht nur von ästhetischer Ungeschlachtheit, sondern auch von ideologischer Voreingenommenheit geprägt war. Nicht selten verließ ich kopfschüttelnd ein Filmtheater und dachte mir: "Naja, dafür hätte ich nun die Uni wirklich nicht verlassen müssen!" bzw. "Mann, da waren ja mal wieder ein paar Wichtigmänner, denen mal wirklich einer geblasen werden müßte..." Kopflastigkeit ist ja häufig ein Hemmschuh im menschlichen Miteinander, und je mehr man sich dem Wirken des grauen Wonnebatzens im Schädel überantwortet, umso mehr stößt man an die Grenzen der eigenen Natur. Nicht umsonst habe ich seit jeher versucht, das Pferd von der anderen Seite des Spießes aufzurollen - Triviales mit den Augen des alltäglichen Erlebens eines wahrhaften Christianmenschen betrachten. Ein Glas Bier im rechten Moment erspart häufig den Gang zum Psychotherapeuten, und wenn man einen Menschen richtig mag, so kann der beim ersten Treffen den gröbsten Zinnober quatschen - man mag ihn trotzdem!

LICK AN APPLE - auf High-Definition-Video gedreht - ist eine Übung in handgehaltenem Sinema-Verité, eine Art BLAIR WITCH PROJECT des angehenden Erotikfilmers. Eine Handvoll Schauspieler, die sich aufgrund einer Anzeige zu einem Filmprojekt gemeldet haben, treffen in einer Waldhütte ein und begegnen ihrer Regisseurin, Marga. Diese offenbart ihnen, daß sie im Rahmen des sexuellen Dramas, daß sie auf Video bannen will, richtigen Sex auszuüben hätten. Den jungen Schauspielern geht daraufhin die Muffe. Es wird viel diskutiert, vieles wird vorgeschoben: Könnte die Mitwirkung an solch einem "extremen" Film nicht ihre Schauspielkarriere im Keim ersticken? Wären sie nicht auf ewig auf Schmuddelfilme festgelegt? Was, wenn die Eltern und Freunde der Fleischesfreuden ansichtig würden etc. ...

Es wird überdeutlich, daß in Wirklichkeit die von der Gesellschaft eingeimpften Schamgefühle das Zepter schwingen und den jungen Chargen Angst vor der eigenen Courage einflößen. Sex hat ja jeder gerne, und je mehr, desto gut. Aber "on screen"? Das macht man doch nicht! Will man ein Ferkel sein, daß sich im Bottich der eigenen Libido suhlt? Doch wohl nicht! Man möchte anerkannt sein als Mensch, danach dann als Künstler, und wer einen aufgrund der äußerlichen Vorzüge anhimmelt, liegt eh falsch, und dergleichen hirnverbrannter Blödsinn. Die Schauspieler versuchen nach besten Kräften, sich dem Diktat der Regisseuse zu beugen, aber es klappt dann immer nicht. In hinreißend komischen Szenen verlangen die Schauspieler nach einer Motivation für ihre Aktivitäten, wobei doch klar ist, daß Malga nur möchte, daß ihre Schäfchen ihre eigene Libido entblößen, nicht nur ihren Körper. Die Motivation ist halt Sex! Geilheit, Sinnesfron, Liebesdienste - das Menschlich-Allzumenschliche. Den Schauspielern ist diese Forderung zuviel - sie verlieren nach und nach die Contenance, und während sie sich eine Zeit lang noch befreit vor der Kamera räkeln (häufig unter Zuhilfenahme heftiger Dosen Alkohols), erfolgt letztendlich doch die Rebellion des Geistes über das Fleisch. So haben wir nicht gewettet, Marga hätte gefälligst mit offenen Karten in der Anzeige spielen sollen, so viel von der eigenen Persönlichkeit wollte man doch nicht preisgeben. Die Schaupieler streichen die Segel, und die Regisseurin ist auf sich selbst zurückgeworfen und findet sich mit ihrer Überzeugung alleingelassen, als Ferkel verfemt, mißverstanden, persönlich beleidigt.

Daß die letztendliche Verletzung der Regisseurin der Schlußpunkt einer Verletzung der Gefühle ihrer Darsteller ist, wird nicht schöngeredet. Wohl aber macht man sich nachhaltig darüber Gedanken, was ein jeder Schauspieler von seiner eigenen Persönlichkeit in seine Arbeit einzubringen gezwungen ist, und wie schmerzhaft, intim und persönlich dieser Akt häufig ist. Wie absurd ist es doch bei all dem Seelen-Striptease, den man auf der Bühne und vor der Kamera absolvieren muß, daß gerade das Entblößen des eigenen Leibes und der damit verbundenen Freuden eine Region im Herzen anrührt, die für viele sakrosankt, die unantastbar ist. Es erzählt uns eine Menge über die Macht der Sexualität, und die Vehemenz, mit der die Schauspieler reagieren, trägt dem Ausmaß der Verletzung Rechnung. Wenn die Darsteller verletzt werden, sich von der Regie mißbraucht fühlen, zögern sie nicht, diesen Mißbrauch ungefiltert (und häufig gemein, freilich unter Wahrung der gesellschaftlichen Etikette) an die Regisseurin weiterzugeben. Am Schluß hat die Regisseurin Malga so viel von dem Seelenqualm der anderen aufnehmen müssen (zusätzlich zu ihrem eigenen), daß sich die Wut in Gewalt entlädt. Wer die Geister rief...

Der Kalle hat mich vor kurzem mal gefragt, ob ich Lust hätte, in einem seiner Filme mitzuspielen. Ich bin ja nun ein überaus aufgeschlossener Mensch, habe Sexualität immer als etwas Natürliches und Angenehmes empfunden und finde auch durchaus, daß man diesem Segen auch in filmischer Hinsicht huldigen darf und sollte. Ich dachte aber bei mir: Was, wenn das meine Eltern und Freunde sehen? Wenn mich die FAZ irgendwann mal möchte, wird mir das nicht wie ein Mühlstein im Wege liegen? Könnte das meiner Schauspielkarriere nicht hinderlich sein? (Na gut, das denn doch nicht...) Zu jenem Zeitpunkt war ich gerade empfindlich, angreifbar und weich, und es hätte mir Schmerzen bereitet, mich zu entblößen. Gerade deswegen sagte mir der Film eine ganze Menge. Auch war durchaus hilfreich, daß ich just ein Buch über Pornofilme geschrieben hatte und mir die Interviews einen Einblick in die (häufig sehr peinsamen) Motive der Darsteller offeriert haben. Ein normaler Mensch würde solche Preisgaben in die eigene Verletzlichkeit tunlichst vermeiden - die Sexploitationdarsteller taten dies nicht. Das hat mir einen heiligen Respekt vor ihnen eingeflößt. Einen Respekt, den viele "moralische" Gemüter ihnen bis zum jüngsten Tag verwehren werden.

Wer schwellende Glieder und feuchte Möpse erwartet, wird bei Carls jüngstem Epos enttäuscht werden. Der Regisseur hat auch Hardcoriges bereits in früheren Werken (z.B. MONDO WEIRDO - Grüße an Jessica!) durchgenudelt. Hier herrscht betuliche Dezenz, und eine wahre Sexploitation-Atmo - der Lümmel tanzt! - stellt sich nicht ein. Aber das ist dem Thema auch angemessen, denn der Film bewegt sich in die Seelen der Figuren hinein, kratzt die Abgründe, die da wohnen, an und macht seine Aussage zwar ohne viel Federn, aber auch ohne viel Federlesens. Die Schamlosigkeit liegt eher in der innerlichen Explizitheit, die hier offenbart wird, und es sieht fast so aus, als ob die Darsteller in vielen Situationen freie Hand zum Improvisieren bekommen hätten. Dabei floß mit Sicherheit auch viel Echtes aus ihrer eigenen Rumpelkammer ein, was dem Film sehr gut ansteht. Ich habe die Akteure bislang noch nicht gesehen, aber ihre Leistungen sind sehr achtbar und zehren auch von der verité-haften Herangehensweise der Regie Carls, der viele authentische Töne erfaßt und das Ganze teilweise wie einen geschlechtlichen Workshop erscheinen läßt, in dem Wachsen angestrebt, aber meistenteils das Zusammenschrumpeln erzielt wird...

Wie schon erwähnt: Ich erwarte beim Undergroundkino akademische Kopfgeburten, die ihrem Ursprung im menschlichen Erleben ungerecht werden. Elitärer, abgehobener Schnöselkram, wie so häufig bezeugt. Carl gibt uns hier das genaue Gegenteil, einen intimen Abstieg in die verletzlichen Zonen des Menschen, der optisch denkbar unspektakulär ist, aber die Gefühlsschwingungen der Figuren so intensiv einfängt, wie Vinterbergs DAS FEST die Realität des Kindesmißbrauchs unentrinnbar und schmerzhaft einfängt. Die Grenze zwischen Kunst und Realität wird von einer unbestechlichen Kamera dokumentiert - die Seelen schreien, die Leiber bäumen sich, aber was am Schluß übrigbleibt, ist halt die Wahrheit.

Die Mails von Carl sind sehr unterhaltsam und originell. Aber durch LICK AN APPLE ist mein Respekt vor ihm noch deutlich gestiegen. Wer Sexploitation und lustige Dödel erwartet, dem sei von dem Film abgeraten, wie dies der katholische "Film-Dienst" zweifellos tun würde, in geheimer Erwartung eben derselben. Wer aber einen denkbar unverkrampften Wanderpfad in den Krampf besichtigen möchte, der sich auftut, wenn man die Pussies vulvieren und die Pimmel pochen sehen möchte, der hat hier eine lohnende Gelegenheit.

Anmerkung: Das Crossover zwischen gespieltem und echtem Sex wird derzeit anmutig erprobt. In Italien hat es diverse Experimente gegeben, in Frankreich gab es jüngst den respektablen ROMANCE, des großartigen Patrice Chereaus DEPENDENCY und den widerwärtigen BAISEZ-MOI - die Amerikaner trauen sich noch nicht so recht. Nach LICK AN APPLE bin ich überzeugt, daß das, was Carl hervorbringt, keine dumme Pornographie sein kann, ob soft-  oder hardcore. Ich träume immer noch von Erotikfilmen, die die Grenzen mehr als nur ein wenig verschwimmen lassen. Durch Gespräche mit Freundinnen habe ich im Laufe der Jahre erfahren, daß weibliche Sexfantasien eher expliziter sind als die von Männern und durchaus nicht auf kitschige rieselnde Rosenblätter beschränkt, aber sie sind meist sinnvoller, sinnlicher und kreativer. Bei Männern ist es ja häufig so, daß, wenn der Lümmel steht, jedes Mittel recht ist zur Triebabfuhr. Bei Frauen obsiegt das Spiel mit der Lust, der Geruch, der Geschmack, der Reiz der Situation. Das ist viel interessanter. Doch, so etwas in einem Film einzufangen, mit all den unkeuschen Komplikationen, die sich da ergeben, ist häufig viel unanständiger als prall geäderte Schwänze in feuchter Aktion, wie von der Regenmantelträgerfraktion geheißen.

Wer a bissele was über Sex mitkriegen will, der beiße sich fest an Kalles neuem Film! Wer den Film finden will, der begebe sich doch einfach auf Kalles Seite, die da heißt: www.cinema-veritable.de. Da findet man die Liebesfilmwerkstatt - keine Pornographie, aber Filme über Sex mit Schneidezähnen, die den Mittelfinger sanft malträtieren, ohne in die Hand zu beißen, die einen nährt...

Das Leben wäre leichter ohne Sex. Aber es wäre auch ärmer ohne Sex. Demnächst in Ihrem Theater!

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