KAFFEE HACKEdoardo Mulargia gehört nicht gerade zu den italienischen Regisseuren mit dem größten Bekanntheitsgrad. Das ist schade, denn seine Werke - obwohl selten in den oberen Regionen der Qualitätsskala torkelnd - sind sehr repräsentativ für das Kino, das ich so liebe. Kein Kino der verordneten Höhenflüge, aber ein Kino der Überraschungen und des selbstgeknüpften Charmes.
Der gebürtige Sarde begann seine Karriere als Assistent von großen Künstlern wie Pietro Germi und Luciano Emmer. Seine ersten kommerziell bedeutsamen Filme als Regisseur war eine Serie von B-Western, die er zusammen mit dem ehemaligen Fischer Vincenzo Musolino zusammen produzierte. Musolino war einst in seiner Heimat von Renato Castellani entdeckt worden und als Darsteller für einige neorealistisch beatmete sizilianische Landdramen verwendet worden. In seinen Produktionen spielte Musolino auch gerne den einen oder anderen Schurken und war bekannt dafür, daß er auch gerne mal mißliebige Elemente vom Set kickte - kein Sensibelchen, der Vince! Mit Mulargia machte er Filme wie JETZT SPRECHEN DIE PISTOLEN, VAYA CON DIOS GRINGO! und CJAMANGO. (Hihi...) Als er selber die Regie übernahm (DJANGO - DEN COLT AN DER KEHLE), bedeutete das auch fast schon seinen Untergang: Nur kurze Zeit später starb er, mit gerade 39 Jahren...
Mulargia hingegen lebte weiter, und als er sich Anfang der 70er an eine neue Westernserie machte, erinnerte er sich an den gebürtigen Brasilianer Antonio de Teffé (besser bekannt als Anthony Steffen), der schon die sprechenden Pistolen von 1965 geschwungen hatte... In SHANGO LA PISTOLA INFALLIBILE begleitete er Edoardo in den wildesten aller Westen, gefolgt von W DJANGO (EIN FRESSEN FÜR DJANGO), dem vielleicht besten Mulargia-Film. Ein Super-Western!
Nur kurze Zeit später machte sich Mulargia daran, einen veritablen Giallo zusammenzuknüpfen: Daß AL TROPICO DEL CANCRO (1973) bei uns als INFERNO UNTER HEISSER SONNE sogar veröffentlicht wurde, gehört zu den späten Überraschungen, die ich erleben durfte. (Eine silberne EuroVideo/Bavaria-Kassette - schmackofatz!) Der Film selber kann mit den hochgesteckten Erwartungen nicht so ganz mithalten, wenn auch die Wahl von Port-au-Prince in Haiti als Schauplatz zumindest ungewöhnlich anmutet. Ein genialer Wissenschaftler (Ko-Autor de Teffé) hat ein Wunderserum erfunden, das alle roten Blutkörperchen vernichten tut. Warum das so erstrebenswert sein soll, weiß ich selber nicht - die weißen nerven mich viel mehr! (Leukoplastzyten, oder wie die heißen...) Verschiedene Finstermänner sind hinter diesem Serum her, und so braucht Haiti kein Voodoo und keine Zombies, um schon bald nicht mehr hinterm Leichenberg zu halten... Die "Helden" sind Fred und Grace, ein Ehepaar, das ebenfalls vom Serum naschen will. Die beiden werden gespielt von den Genre-Lieblingen Gabriele Tinti und Anita Strindberg. Zu Tinti braucht man wahrlich nichts mehr zu sagen, schon gar nicht, daß er sich schließlich als böser Schlemihl herausstellt. Wo Anita herkommt, weiß ich nicht, aber ihre Brusthügel kommen aus Silikonien, das ist mal sicher! Aber ein tolles Gesicht hatte die Frau, und deshalb verwendeten sie italienische Regisseure zu jener Zeit besonder gern in Thrillern...
Die Synchro irritiert ein wenig, scheint sie doch eine zeitgenössische Kinosynchro zu sein, und der Film taucht in Nachschlagewerken ja gar nicht auf. Na, das Phänomen gab es ja schon des öfteren, daß ein Produkt mal nicht bundesweit zum Einsatz kam oder sogar nur in deutschsprachigen Nachbarländern... Gabriele wird auf jeden Fall von Tommi Piper (dem späteren "Alf"!) gesprochen und entzückt durch seine bodenlos geringschätzige Kommentierung der ihn umgebenden Schwarzen. "Er lebt wie ein Urwalddoktor bei den Niggern!" meint er etwa über Williams/Steffen - au Backe! Seine Angemahlte ist immerhin naturgeil und tauscht sofort mit dem ersten Schwatten (einem gutaussehenden Hünen namens Adonis) Äugelblicke aus. Jener badet aber auch gerne mit einer feisten Tucke namens Peacock, dem wohl so eine Art Amüsierbetrieb gehört - und recht so, wo kein Spaß ist, muß man ihn anbauen! Peacock hat auch einen Pfauen, aber noch lieber hätte er die Formel für das Serum. Deshalb macht er auch Geschäfte mit einem schoflen Amerikaner namens Garner (Stuntmann Stelio Candelli). Die dumme Sache ist nur: Nach und nach sterben die Leut, und das häufig unangekündigt und sehr überraschend. Das mit Abstand ekligste Ende trifft den lieben Candelli, denn er bekommt in einer Fleischfabrik (wo vorher bereits Ochsen on-camera geschlachtet worden waren) kochendheißen Dampf ins Gesicht geblasen und schaut aus wie eine belegte Pizza! Danach wird er von einem Förderband in einen leeren Silo befördert, wo ihm der Mörder mit einer Eisenstange auf die Pfoten kloppt, rotes Geschmatter verbreitend. Bäääh... Die Szene sticht doch gewaltig aus dem Rest des Films heraus und ist iiih-bah! Und auch der leicht homophil angehauchte Hotelmanager Umberto Raho (kann das bei ihm jemals anders sein?) ist schon bald auf der Liste jener, die nach unten kommen, ganz oben...
Ja, der Film hat einige gialloeske Höhepunkte, die ihn sicher für Fans ansehbar machen, und die Tatsache, daß er auf deutsch herausgekommen ist, macht ihn natürlich noch attraktiver. Aber so recht begeistern wird der Film wohl niemanden, denn auch er ist über weite Strecken ein ziemlicher Krauchfilm und zeigt nebensächliche Charaktere, wie sie durch finstere Korridore schleichen und Maulaffen feilhalten, die dann in der schwarzen Milch des Todes baden... (Thesaurus, bitte melden!) Das Drehbuch vermag auch nicht wirklich zu fesseln, und das einzige Plus, das ich hier ausmachen kann, ist eigentlich der Film-Noir-Grundton: Kein Mensch ist wirklich gut, alle strampeln nur nach der Melodie ihrer Triebe und ihrer Gier. Die sind alle satt asozial, die unlauteren Existenzen! Es gibt eine schöne Traumsequenz mit Anita, wo sie breit und halbnackt durch einen Korridor taumelt, begrabscht von den Händen nackter Schwarzer. (Nein, es darf nicht verschwiegen werden: Die Verwendung der schwarzen Darsteller ist beizeiten etwas dubios.) Trotzdem, die Anita wackelt nackt im Negligee, und damit wäre das Klassenziel schon erreicht!
Erwähnenswert ist noch die schöne Musik vom leider im Mai verstorbenen Easy-Listening-Papst Piero Umiliani, die auch Gebrauch macht von einem ominös schwurbelnden Synthie-Sound, der daran erinnert, daß 1972 der erste Synthiepop-Hit, "Popcorn", das Licht der Charts erblickte! Ansonsten setzt es die gewohnten Shakes und südamerikanischen Lebensfreuderhythmen - olé, Samba, makebale, oder wie der Schneider das nannte.
Als Ko-Regisseur wird ein gewisser Giampaolo Lomi angegeben, der aber nach Mulargias Bekunden nur jene Szenen gemacht hat, in denen die Hauptdarsteller durch Abwesenheit glänzten. Im Falle des gleichfalls als Ko-Regie angegebenen JETZT SPRECHEN DIE PISTOLEN glaube ich das unbesehen, aber bei TROPICO habe ich doch zumindest einige Behind-the-Scenes-Fotos im Net gefunden, auf denen Lomi herzlich mit Steffen und der Strindberg herumflachste... Später drehte Lomi auf jeden Fall noch I BARONI, der einer der ersten Filme meiner lieben Freundin Rena Niehaus war.
Mulargia spricht überhaupt nicht mehr über seine vier oder fünf Sexfilme. (Siehe auch das Interview auf der "Nocturno"-Page, das Ihr hier findet!) Seine letzten beiden Arbeiten für die große Leinwand waren zwei südamerikanische Frauengefängnisfilme (FOLTERCAMP DER LIEBESHEXEN und LIEBESHEXEN VOM RIO CANNIBALE), die nicht zuletzt durch Steffens und Candellis Teilnahme hochunterhaltsam sind. Die Tatsache, daß italienische TV-Sender Mulargia zum Pornogott abgestempelt haben, nachdem die Produzenten Hardcoreszenen einschmuggelten (noch so eine Sache, die ich nicht ganz glaube, da die Schauspieler definitiv dieselben sind!), kehrte Mulargia dem Filmgeschäft den verlängerten Rücken und arbeitet jetzt nur noch fürs Fernsehen oder für Kulturspalten. (Obwohl...in den Hexenfilmen waren auch ganz viele Kulturspalten... Na egal!) In jedem Fall ist TROPICO immerhin sehenswert für knusperfreudige Giallofans wie mich, denen schon ein Halleluja abgeht, wenn die schwarzbedreßten Mörder durch den finsteren Tann schreiten und ihr grimmig Tagewerk verrichten... Und dem Steffen sein Gesicht, also, das ist immer obersehenswert! Der Mann hat nur einen Gesichtsausdruck, aber den produziert er brillant. (Erika Blanc hat ihn im Interview damals genial nachgemacht - da sah sie aus wie der Steffen!) *lach*
Der Steffen spielte in diversen anderen Gialli mit, die teilweise bereits von meinen auch auf der Seite befindlichen Artikeln gestreift worden sind. Ein besonders hübscher vom Spanier Juan Bosch fehlt aber noch, doch den werde ich demnächst an dieser Stelle nachreichen. Vielleicht schreibe ich auch was über den anderen Bosch-Giallo, DIE HEISSE NACHT DER KILLER, in dem Pizzagesicht Stelio Candelli Vollgas gibt...
Was der Originaltitel soll ("Im Wendekreis des Krebses"), weiß ich übrigens nicht. Henry Miller hatte meines Wissens niemals Sex mit silikonbewehrten Damen...
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Die Strindberg und der Steffen - yeah!!!