Alice Donut

Es gibt nur wenige Bands, die es verstehen, über sogenannte "schwere" Themen (Kindesmißhandlung, Psychopatia Vulgaris, Rechtsradikalismus etc.) so anmutig zu referieren, daß man das geschilderte Elend nicht nur mit ihnen erträgt, sondern sogar dankbar mal um mal zurückkommt, um mehr vom selben zu bekommen. Alice Donut gehören nicht mehr dazu, denn sie haben sich leider vor wenigen Jahren aufgelöst. DOCH IHR VERMÄCHTNIS LEBT WEITER!!!

Für eine lange Zeit meine unangefochtene Lieblingsband, tauchten Alice Donut ihr Publikum in eine Welt des Entsetzens, die aber dennoch stets gut erkennbar blieb als die unsere. Daß sie diese Streifzüge durch sumpfiges Terrain mit einem gewissen Sinn für Jux + Dollerei durchführten, machte sie auch attraktiv für die amerikanischen Teenager, die begeistert die aufklärerischen Aktivitäten der New Yorker in sich aufsogen. Ja, für eine gewisse Zeit waren Alice Donut wirklich ein Teenie-Schwarm, und ihre Konzerte waren "hip" und "angesagt". Trotzdem wichen sie während ihres gesamten Bestehens nicht ein Jota von ihrer vorgegebenen Marschroute ab, und daß die irgendwann zur (totalen) Auflösung führen mußte, war klar: Zu groß war die selbstzerstörerische Kraft, die hier am Arbeiten war. Die Besessenheit mit dem Schmutz und dem Häßlichen - obschon nicht eben gesund für die Künstlerpsyche - führte aber zu einem bunten Blumenstrauß verkrusteter Schmuckstücke, die ich hier mal Revue passieren lassen möchte.

Musikalisch zeichnete sich die Band übrigens durch einen sehr flächigen Gitarrensound aus, der ein wenig mit dem ihrer New Yorker Kollegen von Sonic Youth vergleichbar ist. Allerdings wurde das stimmungsvolle Grundgerüst immer von einer spaßorientierten Rock´n´Roll-Attitüde der Musiker begleitet, die sich vielleicht nur so all die Jahre durch ihre Musik stampfen konnten. Bei den beiden Bremer Auftritten, die ich miterlebt habe, wirkten sie sehr nüchtern und ernsthaft, wie man sich New Yorker Existentialisten halt so vorstellt. Sänger Tomas Antona war in einen grauen Umhang gewandet, und auch der Rest der Band wirkte angenehm unspektakulär und unaufgemotzt. Beide Auftritte waren ziemliche Kraftakte, und es war scheinbar normal für sie, die Musiker der Vorgruppen während der Zugabe zum gemeinsamen Auftritt noch mal auf die Bühne zu holen...

Die Texte erzählen Geschichten aus dem wirklichen Leben, aber sie bedienen sich dabei einer sehr selektiven Wahrnehmung, die die beobachteten Abscheulichkeiten zu sehr grellen und faszinierenden Schauobjekten macht, so als ob man den Penner von der Straße auf ein Podest hieven würde, um ihn zum Superstar zu machen. Diese Zelebrierung des Profanen hat den eigenartigen Effekt, daß das Schreckliche durch diesen ironischen Glanz, der ihm verliehen wird, seine Schrecklichkeit einbüßt und zum Instrument der eigenen Inszenierung gemacht wird. Naja, wenn man schon an dieser Welt leidet, will man doch zumindest seinen Spaß haben! Nicht aber jammerndes Selbstmitleid ist das Ziel des Donut-Gesamtwerkes, sondern Musik als Waffe, um die Niedrigkeiten zu überwinden. Das gelingt mehr oder weniger gut, je nachdem, wie sehr man Distanz zu den Dingen aufbauen kann, die einen peinigen.

Die erste LP, "Donut Comes Alive", kam 1988 heraus und war bereits ein Füllhorn der Fröhlichkeit. Nach einer Reminiszenz an Linda Blair und den "Exorzisten" ("Get that cross right out of there, girl/ You don´t know where it´s been...") entfaltet sich ein modriger Liederkranz um die amerikanische Wirklichkeit, der vielleicht seinen Höhepunkt findet in dem diabolischen "American Fingers", in dem der Erzähler zu dem Schluß kommt: "All my kids eat drugs, got my cigarettes - don´t give a fuck!" Die Songs sind noch wesentlich punkorientierter, als das später der Fall sein sollte. In die von Antonas wunderbarer Quäkestimme vorgetragenen Vollgasjammereien um Kinder, die sich in Daddys Garage selbst vergasen, abgehalfterte Kinderstars und Frauen, die ihr Baby aus dem Fenster werfen, platzt aber auch eine Coverversion von Donovans berühmtem "Sunshine Superman", die ein wenig mit neu geschriebenen Zeilen angereichert wird. Und auch einen Schwofer gibt es - das lustvoll verkitschte "Joan of Arc" ("...keeps burning up!"), das auch einen schmachtend gesprochenen Mittelteil enthält, den man aber nicht für bare Münze nehmen sollte. ("You hot little Catholic bitch, uuuh...") Das letzte Stück ist schließlich eine launige Replik auf die Zensurbestrebungen Tipper Gores (fast die neue First Lady geworden!), mit der auch Jello Biafra so seine Probleme hatte. (Auf dessen "Alternative Tentacles"-Label sind fast alle Donut-Platten erschienen.) Die CD enthält noch zwei hübsche Live-Cuts mit extrem sleazigen Intros. Insgesamt ist dieser Erstling schon eine gute Wahl, enthält aber noch nicht die Wucht späterer Releases.

Next in line war eine LP mit dem sonnigen Titel "Bucketfulls of Sickness + Horror in an Otherwise Meaningless Life" (1989). Hier trauen sich die Musiker schon sehr viel mehr Kruditäten als in dem formal wesentlich konventionelleren Vorläufer. Neben den ewigen Hitsongs "Dorothy" und "Egg" gibt es auch das rhythmisch etwas kompliziertere "My Life Is a Mediocre Piece of Shit" und einen lang ausgedehnten Schlußsong, in dem von Südstaatenpredigern die Rede ist, die in billigen Motels "ihren Eimer ausleeren": "Maggots turn to butterflies in the Deep South..." Eine sehr bizarre Fassung von "Demonologist", das später in einer rockigen Version als Single herauskommen sollte, bildet den Ausklang. Die Platte klingt deutlich drogiger als "Alive" und verbindet die surrealen Bilder der Texte mit vielen Extratouren, die das Album vielleicht zum unkommerziellsten Donut-Werk machen. Auf der CD setzt es noch das größtenteils erzählte "Lisa´s Father", das es auch als hervorragendes Video gibt und von dem Vater einer desolaten Familie berichtet, der Tag für Tag seine Tochter mißbraucht, dann aber zum Christentum und zum Seelenfrieden findet... Das Antona-Jaulen aus "Egg" faßt die Platte eigentlich ganz sinnreich zusammen.

Die dritte LP, "Mule" (1990), schreit ganz laut: "Hallo, erster Höhepunkt!" Die Songs werden diesmal in regelmäßigen Abständen von einem tuberkulösen Schubiduh-Instrumental unterbrochen, das sich Durchführung um Durchführung weiterentwickelt, bis sich schließlich eine bluesige Slide-Gitarre hinzugesellt... Das erste Stück, "Mother of Christ", ist bereits ein unerhört explosiver Tritt in den Hintern ("I wanna lactate sin-free..."), gefolgt von "Mrs. Hayes", das die Geschichte einer Frau erzählt, die 30 Jahre lang an der Seite eines gleichgültigen und herrschsüchtigen Ehemannes als bessere Putzfrau tätig war und ihn schließlich in einem Blutrausch absticht. ("My small comfort when I go is that you´ll be rotting in a home, a breathing corpse...") Ja, die Gänseblümchen bleiben im Schrank! So was wie ein Hitparaden-Song ist das fetzige "Bottom of the Chain", das auch ein ziemlicher Erfolg war. Neben "Mrs. Hayes" wurde auch das sehr understatete "Big Ass" als Video herausgebracht. (Die Video-Sammlung ist bei "Alternative Tentacles" erhältlich.) Wie bei den beiden ersten Scheiben läßt Antona hier auch wieder für ein Lied den "netter" klingenden Ted Houghton ans Mikro, was hier in "Tiny Ugly World" resultiert. Ein totaler Kracher ist auch "J Train Downtown: A Nest of Murder", das die ernüchternde Alltagsreise eines Pendlers zu seinem Arbeitsplatz zum Thema hat. Die CD enthält obendrein die Cover-Single "My Boyfriend´s Back", deren B-Seite das bereits angesprochene "Demonologist" war.

So richtig populär wurden Alice Donut mit dem nächsten Werk, "Revenge Fantasies of the Impotent", auf dem Schlagzeuger Stephen Moses zum ersten Mal seine Posaune auspackte, für eine donnernde Intrumentalfassung von Black Sabbaths "War Pigs". Zu den Höhepunkten dieser Platte gehört das Sprechstück "Come Up With Your Hands Out", das analog zu "Mrs. Hayes" von einem braven Hausmütterlein erzählt, das irgendwann ausrastet, den Ehegatten abmetzelt, in die Klapse kommt und nach ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft als erstes eine Bank überfällt. Die Hits der Platte sind wohl die beiden ersten Tracks, "Rise to the Skin" und "My Best Friend´s Wife", in dem sich Sünde und rächendes Gewissen die Klinke in die Hand geben. "Sleep", schließlich, beschreibt einen Traum, der von Sex mit einem tumorbewucherten Phantasiewesen handelt - auch ein Thema, bei dem man sich gerne zurückzieht...

Die meines Erachtens beste LP kam 1992, mit "The Untidy Suicides of Your Degenerate Children", auf dessen Cover man einen der Musiker in Strapsen über ein erbauliches Eigenheim fliegen sieht. Auf der Platte befindet sich auch mein absoluter Lieblingssong, der einen langen Titel hat: "The Son of a Disgruntled X-Postal Worker Reflects on his Life While Getting Stoned in the Parking Lot of a Winn Dixie Listening to Metallica". Wovon der Song handelt, muß man wohl nicht extra erwähnen. Die Single-Auskopplung "Magdalene" (deren Maxi eine Coverversion von Billy Joels "Only the Good Die Young" enthält) handelt von einer minderjährigen Hure, in dem dicken Booklet der CD noch angereichert mit der Geschichte einer armen Sau, die ihr verfallen ist und schließlich sein nutzloses Leben aushaucht. ("I´m a stain!") In seiner Todesfantasie erscheinen alle Hürchen bei seinem Begräbnis und lassen Geldscheine auf sein Grab niederregnen... Huhuhuuuu! Want more? Ein weiterer Hit empfiehlt: "Hang the dog outside the window...", und "Wire Mother" erzählt von der Beziehung mit einer Malerin, auf deren Bildern sich folgendes befindet: "Images of oil derricks vomiting blood, infants with syringes nailed in their skulls, leprous preachers being sucked off by girlscouts, lynchings, burn victims, acned penises discharging red-yellow plasma, horses hanged and disembowelled, machine gun turrets littered with tongues, eyeballs and fingers..." Ja, da möchte man doch die Empfehlung aus einem früheren Song beherzigen: "Roll down your windows - heave!!!" Die Geschichten sind im übrigen diesmal in den Songs selbst mehr impliziert, während das Booklet deutlicher Aufschluß gibt.

Dann passierte eine ganze Zeit lang gar nichts, abgesehen von dem Live-Album "Dry-Humping the Cash Cow" (sinngemäßt übersetzt etwa: "Trockenfick mit dem Goldesel"!), das mit spaßig übertriebenem Archivapplaus angereichert war, der die Band wie die Beatles feiert... Ich erinnere mich noch an mein Glücksgefühl, als ENDLICH eine neue Maxi erschien, die dann auch 1995 von der LP "Pure Acid Park" gefolgt wurde. Tja, zu früh gefreut, es wurde die letzte! Auf ihr gab es musikalisch einen leichten Tempowechsel: Deutliche 70er-Jahre-Anleihen wurden wild psychedelisch in die Suppe gemixt und resultierten in einem Album, das die Gewöhnungsphase, die man vielleicht braucht, nachhaltig lohnt. Leider waren die Texte nicht enthalten, aber die kann man auf der Homepage von Michael Jung abrufen, die ich mit dem Bild unten verlinke... Die süße Bassistin Sissy Schulmeister darf hier wieder ein Liedchen singen (Roky Eriksons "I Walked with a Zombie"), und neben eher launigen Stücken wie "The Senator + the Cabin Boy" wallt immer wieder die alte Lust am Morbiden auf, wie im Schlußsong "Cain". Auf dem Cover sind die Köpfe der Gruppenmitglieder auf die Schultern von lendenbeschürzten Bananenträgern gesetzt, die durch New Yorks Straßen rennen...

Ein feiner Epilog war die lustige Split-Maxi, die sie zusammen mit Michael Gerald und seiner Gruppe Killdozer aufnahmen: "Michael Gerald´s Party Machine Presents". Killdozer gröhlen eine Coverversion von Procol Harums "Conquistador", Alice Donut nehmen sich "Every Christian Lion-Hearted Man Will Tell You" von den Bee Gees vor, und beide zusammen trällern dann das umwerfende "Aquarius/Let the Sun Shine In" aus "Hair", wo auch Moses´ Posaune wieder ertönt...

Ach ja, wehmütige Gefühle! Wie meinte die Mutter einer Freundin über die Musik? "Nicht gerade lebensbejahend!" Hier möchte ich ihr wiedersprechen, denn die zynische Weltsicht der Gruppe wird eben nur dadurch erträglich, daß sie aus den schrecklichen Dingen, die jeder in den Nachrichten und auf der Straße beobachten kann, aus allen kleinen und großen Unfällen der Menschheit, ein Kunstwerk geformt hat, das Häßlichkeit in Schönheit umwandelt. Es macht den "act of seeing through one´s own eyes" wesentlich leichter, wenn man diese Relativität begreift. Bands wie Alice Donut leisten Schützenhilfe. Und das finde ich sehr nett von ihnen.

Donut 1

Typisches Cover  + Website


    Die Band + Mr. Jungs Homepage

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